Umparken im Kopf

Könnt Ihr Euch noch an diesen Claim erinnern? Dieser stammt von dem Rüsselsheimer Autobauer, dessen Name am Stadion am Europakreisel prankt. Wieso kam es zu diesem Werbespruch? Das Unternehmen galt als bieder, muffig und unkreativ – und wollte weg von diesem Image. Visuell sollte Kloppo mithelfen, dass dieses Umdenken bei den Autokäufern tatsächlich stattfindet.

Die berühmte Klatschpappe fand ihren Einsatz...
Die berühmte Klatschpappe fand ihren Einsatz…

Ich weiß nicht, ob diese Werbekampagne tatsächlich von Erfolg gekrönt war, wenn ich heute in der einzig verbliebenen Mainzer Tageszeitung lese, dass die Verträge mit allen Vertragshändlern gekündigt und neu verhandelt werden. Doch die Idee, mal gewohnte Klischees zu überdenken, halte ich für sehr gut. Und da ist der eine oder andere Journalist herzlich eingeladen mitzumachen.

Man kann ja für Montagsspiele sein. Schließlich sind die Vereine Mainz 05 und SC Freiburg auch bei der entsprechenden Abstimmung dafür gewesen. Man kann den Protest gegen Montagsspiele schlecht finden. Schließlich gibt es einen entsprechenden Fernsehvertrag, der bis 2021 die aktuelle Regelung von fünf Spielen am Montag pro Saison vorsieht und daran wird sicher nicht gerüttelt. Man kann es kontraproduktiv finden, die eigene Mannschaft in so einem wichtigen Spiel nicht in der gewohnten Art und Weise verbal zu unterstützen. Schließlich unterstützten die Fans der restlichen 16 Vereine an diesem Spieltag von Freitag bis Sonntag ihre Teams trotzdem. Man kann das Pfeifen über 90 Minuten unerträglich, die Klatschpappen für unsäglich und das Werfen von Klorollen für kindisch halten. Gründe habe ich ja oben genannt.

Allerdings sollte man sich als Journalist auf jeden Fall und auch gerne als Kommentator-Troll in den sozialen Netzwerken noch ein paar weitere Gedanken machen, bevor man mit den Fingern auf der Maus ausrutscht oder seine Meinung per Videobotschaft in die Welt sendet.

Die Kritik für den Protest ziehen spätestes seit Dienstag Nachmittag einzig und alleine die Ultras (wahlweise nur aus Mainz oder aus Mainz und Freiburg) auf sich. Wenn man nun schaut, dass beim Einlaufen der Mannschaften fast 26.000 Zuschauer die schwarzen Klatschpappen „GEGEN MONTAGSSPIELE“ hochhielten, dann wird das Ultra-Bashing unglaubwürdig. Oder glauben die Kritiker wirklich, dass es Ultras gibt, die auf der Haupttribüne sitzen (!) und darüber wachen, dass die Pappen ja hochgehalten werden? 

genauso wie Klorollen...
genauso wie Klorollen…

Auf den Pappen stand übrigens auch nicht drauf, wer diese entworfen hat. Woher haben die Kritiker eigentlich die Information, dass das die Ultras waren? Die verhalten sich doch angeblich so konspirativ, dass da nichts nach außen dringt. Das übliche „aus gut unterrichteten Kreisen“ habe ich nirgends gelesen und dass Ultras nicht gerne mit Journalisten sprechen, ist mittlerweile selbsterklärend. Neben den Supporters gibt es seit ein paar Monaten die Fanabteilung bei Mainz 05, zwei Organe, die die Faninteressen der Ultras, aber auch aller anderen Fangruppen vertreten. 26.000 Klatschpappen, hunderte Klorollen, sehr viele Trillerpfeifen bringt eine Gruppe nicht einfach so ins Stadion. Das lässt den Schluss zu, dass diese Aktionen von offizieller Seite vorbereitet worden sind. Und die Pappen wurden von nahezu jedem Zuschauer zum Protest verwendet.

Und da sind wir dann beim Umparken im Kopf angekommen: Mittlerweile gibt es in Mainz eine aktive Fanszene, die sich aus weit mehr Köpfen speist, als aus der Ultraszene Mainz. Es gibt noch nicht einmal einen Dauerkonsens innerhalb der Szene. Einzelne Fangruppen positionieren sich regelmäßig zu aktuellen Themen teilweise auch mit kontroversen Ansichten. In der Fanszene gibt es kein Meinungsmonopol. Anders als in der Mainzer Medienlandschaft, wo mittlerweile im Print-Bereich ein Monopol existiert, und dieses auch genutzt wird, um Stimmung zu erzeugen – wohlgemerkt nach einem Sieg der Nullfünfer in einem „Sechs-Punkte-Spiel“. Aber das war ja letztes Jahr bei der Vorstandswahl schon die gleiche Leier. Aber zurück zum Spiel: Man kann bald zu dem Schluss kommen, dass hier klammheimlich einige auf eine Niederlage gehofft haben, garniert nach Möglichkeit mit viel Pyro – da hätte sich der im Kopf perfekt eingeparkte Text noch schneller abfassen lassen.

und Vuvuzelas
und Vuvuzelas

Aber bereits im gestrigen Zeitungsbericht besagter Tageszeitung, der nicht als Kommentar gekennzeichnet war, wurden die ersten verbalen Giftpfeile abgeschossen: Die Fehler im Spielaufbau wurde aber noch allgemein den „Fans“ angelastet. Wäre dieser Bericht als Kommentar abgefasst worden, in dem natürlich ein Journalist seine Meinung sagen kann, wäre die Chose nicht ganz so krass gewesen. Aber in einem Spielbericht, der doch eher ausgewogen sein sollte, so (ab)wertend über die Fans herzuziehen war bereits grenzwertig. Dass da zwei Mannschaften mit den gleichen Begleitumständen zu kämpfen hatten, wurde völlig ausgeblendet. Dass der Freiburger Torhüter womöglich wegen der Begleitumstände den Ball Levin in die Beine spielte…hat der Verfasser entweder nicht mitbekommen (weil er noch die Klorollen aufwickelte) oder bewusst weggelassen. Wohlgemerkt benutze ich das Wort „womöglich“, denn niemand kann den Grund kennen, warum Schwolow so ein Blackout hatte.

In dem Spielbericht wird der Protest als Störfeuer abqualifiziert. Dass solch ein Text genau ebendies im Verein erreichen kann, ist dem Autor anscheinend egal oder den Klickzahlen geschuldet und damit sogar gewünscht. Statt verbal abzurüsten, wurde am Dienstag Nachmittag die allgemeine Kritik an den Fans nun auf die Ultras fokussiert – Mittels Videobotschaft und einem Begleittext, der von Selbstinszenierung der Ultras spricht. Das verspricht wieder garantiert tolle Klickzahlen, denn mit so ein paar Stichworten wie „Ultra“, „Pyro“ etc. werden die Kommentartrolle wieder zum virtuellen Leben erweckt. Die Kritik an den Aktionen fällt unter die Meinungsfreiheit, aber aus fehlendem Willen zum Umparken im Kopf oder aus purer Lust am Klickzahlen nach oben treiben, eine Menschengruppe so an den medialen Pranger zu stellen geht gar nicht. Aber das ist halt auch unsere Scheinheiligkeit im Fußballgeschäft. Die Sportmedien leben vom an den Pranger stellen. Spieler werden nach jedem Spiel benotet – ein Unding sondergleichen. Sollte das nach dem Tod von Robert Enke nicht alles besser werden? Die Nullfünf Mixed Zone hat auch Spieler bewertet, aber bewusst auf Noten verzichtet. Viele Sportmedien lechzen aber nur danach, dem einen Spieler am einen Spieltag in den Himmel zu loben und am nächsten Spieltag eine „5“ oder „6“ zu attestieren. Und so wurde den „Ultras“ einfach mal eine „6“ mitgegeben und diese praktisch zum medialen Abschuss freigegeben.

A propos Spieler. Es wurden ausschließlich Spielerkommentare abgedruckt, die die Atmosphäre im Stadion beklagten. Ein Blick auf den Instagram Account von Leon zeigt nachkicks folgende Bildunterschrift: „Amazing support from the fans“. Der Spieler fand die Unterstützung phantastisch und gedruckt wird schön ausschließlich das Gegenteil. Mag ja sein, dass es viele Spieler nicht gut fanden, aber diesen Satz hätte Leon sicher nicht geschrieben, wenn er nicht auch dahinter stehen würde. Oder diktieren jetzt auch die Ultras, was Leon zu schreiben hat? Dass ein Spieler lieber mehrmals montags als in der zweiten Liga (wo er auch montags spielt) spielt, ist nachvollziehbar. Aber hier interviewt ein Profi-Journalist einen Fußballprofi. Beide hängen am Tropf der Bundesliga. Und vielleicht ist es dem einen oder anderen Journalisten sogar ganz Recht, montags statt samstags oder sonntags zu arbeiten. Nur für die, die der Profi-Fußball mal gemacht wurde, die Fans, die sind leider noch keine Profi-Fans, die mal schön das Wochenende vorglühen können, um dann am Montag Abend im Block steil zu gehen und den von manchem Journalisten geforderten Support abzuliefern, wie der Zeitungsbote morgens das frisch gedruckte Printmedium. Proteste sind ein Bestandteil unserer Demokratie wie die Presse- und Meinungsfreiheit. Nur sollte man mit diesen immer verantwortungsvoll umgehen. Die Proteste richteten sich nicht gegen eine spezielle Gruppe von Menschen, sondern gegen Organe wie DFB oder DFL – die Kritik gegenüber den Protestierenden allerdings schon.

Den verursachten verbalen Scherbenhaufen durfte dann Wortpiratin Mara heute in ihrem Blogbeitrag zusammenkehren. Als gelernte Journalistin sollte sie vielleicht mal eine Schulung bei manchen Kollegen in Sachen Fankultur und Demokratieverständnis durchführen – so quasi als Frühjahrsinspektion, damit das Umparken im Kopf vielleicht doch noch gelingt.

Egal, was andere erzählen

Wann hattet Ihr gestern Euren emotionalen Tiefpunkt? Nach 5 Minuten, als das Glück der Diva vom Main mal wieder hold war? Nach dem zweiten oder dritten Treffer oder dem Führungstor in Hamburg? Bei mir war es irgendwo da in der genannten Phase. Ja, Abstiegskampf ist unangenehm, macht wenig Spaß und dann ist da jetzt auch noch die Fastenzeit, in der ich persönlich versuche, wenn ich nicht auf Reisen bin, auf Gerstensaft zu verzichten. Das Leben ist schön – nur aktuell nicht so wirklich, wenn man sich ausschließlich auf die gegenwärtige Lage unseres Vereins fokussiert.

05 bleibt mein Verein
05 bleibt mein Verein

Aber nach jedem Tiefpunkt geht es bekanntlich wieder aufwärts. Bei mir persönlich zunächst, als ich mich köstlich über das hochwertig hergestellte Plakat auf der Gegenseite amüsieren durfte. „05er sind die größten Flaschen!“ – you made my day, liebe Diva vom Main. Die Meenzer Metzger haben nüchtern auf Twitter festgestellt „1-Liter-Flaschen sind größer“. Und wenn die schwarz-weiße Kreativität nicht weiter entwickelt ist, dann ist „bunter Scheiß“ halt doch vielleicht der geilere „Scheiß“? Wenn man sich auf’s rein Sportliche beschränkt (hüstel), dann wurde der Tiefpunkt spätestens durchschritten, als weitere zwei Tore in Hamburg fielen und im Waldstadion nix mehr passierte. Dass dann die Truppe vom Don noch durch ein Eigentor gewinnt – nein es ist nicht alles schlecht gelaufen gestern. Und dass man sich für die Hertha und S04 freut – so what, das ist Abstiegskampf…und der ist unangenehm, macht wenig Spaß und Jever Fun bleibt Jever Fun.

„Egal was andere erzählen, 05 nur Du bist mein Verein“ wurde im Block sehr gut passend auf das Flaschenplakat intoniert. Und so lautete auch mein Post nachkicks in den sozialen Netzwerken. Denn da ging es mir tatsächlich irgendwie schon wieder besser. Die letzten Gegentore waren bereits mehr als eine Stunde her und wir haben, Stand Sonntag Morgen, nur in der Tordifferenz zwei Tore gegenüber Hamburg (und Wolfsburg) verloren. Dass die Saison hart wird, war doch irgendwie klar. Es gab kein Paderborn, Fürth, Darmstadt oder Tasmania Berlin in der Liga. Wer soll denn da in einer solchen Liga bitteschön eher in den Abstiegskampf gezogen werden? Freiburg – bewirbt sich gerade. Augsburg – geht erst jetzt die Luft aus. Dass es Köln (Europapokal), Wolfsburg (Deutscher Meister 2009) und der HSV (unabsteigbar) wurden, zeigt doch schon, wie die Liga aktuell besetzt ist. 

Da ich vom rein sportlichen Geschehen keine Ahnung habe, wundere ich mich immer wieder, wie in den sozialen Netzwerken so viele Leute, den handelnden Personen Unfähigkeit vorwerfen können. Bin ich wirklich der einzige, der keine Ahnung hat (außer Rouven und Sandro natürlich)? Den Trainer rauszuschmeißen hat in Hamburg ja nicht wirklich was gebracht. Und in Köln auch noch nicht komplett. Und auch in Wolfsburg hat die Demission von Martin bei denen noch nichts bewirkt. Und was haben Sandro und Kloppo gemein? Richtig, sind beide schon mal als Trainer mit 05 abgestiegen. Dass Sandro mit einer neu formierten Jugendmannschaft in einer so stark besetzen Profi-Liga mit Vereinen wie Jahn Regensburg und Holstein Kiel abgestiegen ist? Hat wohl noch keiner mitbekommen. Und dass einer dieser beiden Vereine jetzt womöglich eine Relegation zum Aufstieg in die Bundesliga (!) spielt? Zeigt hoffentlich allen virtuellen Rausschmeißern, in welcher Liga Sandros Team da letztes Jahr fast nicht abgestiegen wäre. 

Was wohl seit dem Pokalspiel in Frankfurt gewirkt hat, und das finde ich wirklich gut, ist die Reaktion von Rouven. Bereits beim Schalke Heimspiel hat er sich gezeigt und entsprechende Zeichen Richtung Tribüne gegeben. Und auch gestern war seine Reaktion in Ordnung. Er musste sicher auch erstmal lernen, dass Sportdirektor mehr ist, als das Wirken im Hintergrund. Und sein Zitat in Richtung Per Mertesacker gilt auch für alle Protagonsten bei 05. Es sind hier immer noch Menschen am Werk. Und die haben Schwächen und  machenFehler. Auch das sollten wir alle bitte nicht vergessen.

Auch in Ordnung war  gestern die Tatsache, dass der Großteil der Leute im Block blieb, trotz angekündigter Blocksperre bis 18 Uhr durch die Ordnungshüter. Das ist die richtige Richtung: Den Verein unterstüzten, auch wenn man dazu eigentlich keine Lust mehr hat, einem das Zweikampfverhalten auf den Sack geht, die Spieler zu wenig laufen, der Torhüter einen Ball durchlässt. Oder will man nach dem Ende der Saison einfach nur Recht haben und sagen, „das habe ich doch schon am zweiten Spieltag gesagt“, „war eh klar“, „sag‘ ich doch“ etc. Wenn einem die Genugtuung tatsächlich wichtiger ist als der Verein, dann „habe ich fertig“ – ein Zitat, das auch noch nach 20 Jahren gilt. 

Aber wer jetzt immer noch weiterliest, bei dem ist wohl die 05-Liebe noch vorhanden. In diesem Sinne finde ich für uns alle den Termin am Mittwoch eine sehr gute Sache. Ich möchte mich bei denen bedanken, die dieses Treffen möglich gemacht haben – die immer noch die Energie haben, den Bock, zumindest außerhalb des Platzes, umzustoßen. Hoffentlich werden da die Themen angesprochen, die beide Seiten bewegen, und Lösungsansätze gefunden, damit wir danach emotional gestärkt in die entscheidenden Wochen gehen und wir alle sagen können „Egal, was andere erzählen, 05 nur Du bist mein Verein, mein Verein!“

Früher war alles…anders

„Vielleicht ist es nicht die schlechteste Idee, nach Fastnacht mal auf eine Insel zu fahren, den Kopf frei zu bekommen und aus der Ferne den Status Quo rund um unseren geliebten Fußballsportverein zu analysieren. Allerdings wird dies kein weiterer „Meilenstein“, der sich mit der sportlichen Situation im Fußball in Liga 1 auseinander setzt. Schließlich weiß ich ganz genau, wovon ich keine Ahnung habe. Und es gibt da Menschen im Verein, die das sicher besser beurteilen können.

Niki Zimling nach dem Spiel in Regensburg
Niki Zimling nach dem Spiel in Regensburg

Was ich hoffe, beurteilen zu können, ist die Situation neben dem Platz, in der wir uns aktuell befinden: Wir, das bedeutet für mich Vereinsverantwortliche, Spieler, Fans. Interessanterweise wird von Sandro oft die gute alte Zeit beschworen, in der bei Mainz 05 alle zusammenhielten. Doch damals gab es noch kein Internet aber bereits Leute, die alles besser wussten als Trainer und Manager. Diese Leute gibt’s wohl, seitdem Fußball als so attraktiv erscheint, dass dem Spiel passiv beigewohnt wird. Matthias Sammer hat natürlich Recht, wenn er behauptet, Fußball gab es vor den Fans. Allerdings sollte er überlegen, warum er soviel Kohle in seiner Karriere gescheffelt hat. Fußball um des Fußball willens funktioniert…in der Kreisliga. Ohne Zuschauer gibt’s letztlich kein Geld zu verdienen. Er sollte vielleicht mal bei den OlympionikInnen nachfragen, wie die sich zwischen den Spielen vier Jahre lang finanziell durchschlagen und nun wieder bis Beijing 2022 medial in der Versenkung verschwinden.
Aber zurück zur angeblich guten alten Zeit bei unserem Verein. Für Motzer und Meckerer war früher nur Platz am Stammtisch und für diese Leute ist das WWW wahrlich ein Geschenk des Himmels, wurde doch schließlich die ganz persönliche Meinung durch einen Mausklick nun für die gesamte Netzgemeinde weltweit lesbar – was vorher höchstens noch der Nachbartisch mitbekommen hat.
Auch heute glaube ich, dass wir wie anno dazumal alle ein Ziel haben: Den maximalen Erfolg unseres Vereins. Ich glaube nicht, dass es eine Gruppe im Umfeld des Vereins gibt, die bewusst quertreiben möchte. Das ist für mich schon ein starkes Pfund im Abstiegskampf. Hier trifft niemand kühne Entscheidungen im Alleingang. Auch muss einem Kind kein Spielzeug weggenommen werden. Aber es gibt seit den Tagen als die alten Helden Jürgen und Don das Schiff Mainz 05 verlassen haben einfach ein Vakuum, das bisher nicht gefüllt wurde. Es handelt sich dabei genau um das, was Sandro mit „früher“ bezeichnet. Früher wurde sich zusammengesetzt, disputiert und eine Lösung gefunden. Das funktionierte oft am Zaun von Lübeck, Kiel und Medias, gefühlt hundert Mal in Fürth und vielleicht auch in Velbert aber sicher hinter den Kulissen, weil sich die Protagonisten auch lange genug kannten, um tiefer liegende Ursachen für Missstimmungen anzugehen. Dieses Vakuum müsste halt jemand füllen, der auf der Trainerbank während der Spiele Platz nimmt und direkt „eingreifen“ kann, also Kuhni, Sandro oder Rouven. Das funktioniert aber natürlich nicht von jetzt auf gleich und wenn man sich dazu nicht in der Lage fühlt oder sieht, dann klappt das halt nicht so wie früher. Wäre zwar kacke, ist dann aber halt so. Aber das ist meiner Meinung nach die sooft beschworene 05-Identität.
Seit geraumer Zeit habe ich aber ohnehin schon ein ganz klein wenig das Gefühl, dass man als aktiver 05-Fan oft nur lästiges Beiwerk beim Geschäft Profifußball ist. Es kommt jetzt allerdings keine DFB-Schelte, denn die großen Probleme sind ohnehin bekannt.Es sind die kleinen Mainz-bezogenen Dinge, die mich da nachdenklich stimmen. Dass z.B. die Mannschaft in Hoffenheim nicht zum Zaun kam, ist für mich ein Déjà vu, fuhr ich doch in Liga 3 häufig auch mal auswärts – zuletzt im April 2017 nach Regensburg, dienstags abends zur U23. Insgesamt hatten sich rund 10 05er aufgemacht, die Jungs im Abstiegskampf zu unterstützen. Wir waren als Gästefans eindeutig erkennbar und die Jungs machten sich auch vor uns warm. Nach dem verlorenen Spiel kam genau eine Person zum Block: Niki Zimling – der Rest der jungen 05er machte sich frustriert mitsamt dem Trainer-Team ab in die Kabine. Nein, man muss nicht zu den Gästefans gehen, da hat Philipp Köster von „11 Freunde“ Recht (allerdings hat er von unserer Situation leider wenig Ahnung).
Aber es ist halt schon ein Statement, das man abgibt: Uns sind die mitgereisten Fans egal. Oder wird man als Fan erst wahrgenommen, wenn man in der großen Masse auftritt? Denn hier zählt das Argument des Schmähgesangs nicht. Natürlich kann man mit 10 Leuten keinen Mega-Support leisten, aber angeblich bekommen das die Spieler ja eh während des Spiels nicht mit. Also frage ich mich schon, warum die höchste Ausbildungsmannschaft der 05er einfach nach dem Spiel abhaut. Den Jungs wird doch neben dem Fußball so viel vermittelt. Das wäre für mich ein Ansatzpunkt für die 05-Identität: Geht nicht nur zusammen in der Halbzeitpause vom Platz, sondern nachkicks im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fans zu – egal ob es 5, 50, 500 oder 5.000 sind. Wollen die euch nur beleidigen, dreht einfach ab – das habe ich im Stadion am Europakreisel in sportlich besseren Zeiten öfters beim Gästeteam beobachtet – denn Beleidigungen braucht wirklich niemand und sie motivieren Spieler bestimmt nicht. Aber partout keinen Schritt in Richtung eigener Fans zu machen, ist und bleibt eine nicht hilfreiche Aktion, wenn es eh an allen Ecken und Enden brennt. Das wirkt dann wie ein Brandbeschleuniger.
Zurück zu Niki Zimling. Der alte Leader wusste was sich in Regensburg gehört, dabei war er es, der schon vor weit mehr als 10 Fans auswärts gespielt hat – anders als seine jungen Mitspieler. Und da sind wir beim nächsten Punkt, den Spielern selbst. Früher bei Sandro war die Verweildauer der Spieler bei Mainz 05 wesentlich länger als heute. Junge, talentierte Spieler zu holen, aufzubauen und teuer zu verkaufen, ist für unseren Verein eine gute Idee für das Haifischbecken Bundesliga mit dem Kollateralschaden, dass diese Jungs keine Bindung zum Verein und keinen Bezug zur Stadt aufbauen. Auch hier ist der Verein gefordert, die Jungs in die lokale Kultur einzuführen. Selbst die großen Bayern zwängen Weltstars zum Oktoberfest in die Lederhose. Da sollte es doch möglich sein, den Spielern etwas über die politisch, literarische Fastnacht beizubringen, die eine gewisse Selbstironie mit einschließt. Dann hätten die verantwortlichen 05er in Hoffenheim vielleicht verstanden, dass der Block, der halt einen an der Waffel hat, das nicht bierernst gemeint hat. Oder definiert man im Verein Fastnacht nur mit einem verkleideten Bajazz?
Und wir Fans? Was haben wir verbockt? In Hoffenheim sicherlich nach dem zweiten Tor von Emil nicht nochmal richtig Gas zu geben. Aber Fans sind halt auch nur Menschen, die nicht auf Knopfdruck supporten. Und jeder hat das Recht, zu supporten oder es sein zu lassen oder auch so zu supporten, wie es einem gefällt, so lange es keine Beschimpfungen sind. Ich habe natürlich leicht reden, hocke ich ja gerade fernab auf einer Insel, aber dennoch hoffe ich für Samstag auf eine große Unterstützung der Mannschaft in Hamburg und hoffe ferner, dass diejenigen, die sich seit geraumer Zeit missverstanden oder nicht ernst genommen fühlen, differenzieren zwischen der aktuellen sportlichen Lage unseres Vereins und der von ihnen so wahrgenommenen Situation, die es mittelfristig mit den Vereinsvertretern zu lösen gilt.
Denn wir alle sind gerade in der glücklichen Lage, einen neuen, unverbrauchten Präsidenten, einen allseits anerkannten, gewählten Fanvertreter im Aufsichtsrat, eine handlungsfähige Fanabteilung, einen kompletten Vorstand und rührige Supporters zu haben, die sich hoffentlich alle auf Augenhöhe begegnen und die Gräben zuschütten, die mit der Zeit entstanden sind.