Das Ende einer grandiosen Saison

Mit dem Auswärtssieg in Heidenheim geht eine letztendlich überaus erfolgreiche Saison zu Ende. Fan-Kolumnist Sebastian Schneider meint, diese emotional geprägte Reise werde in die Geschichtsbücher eingehen – der Anspruch müsse aber stets der Verbleib in Liga 1 sein.

Wer hätte gedacht, dass unsere 05er am letzten Spieltag im Abstiegskampf mitmischen – ohne dabei selbst bangen zu müssen? Der vorzeitige Klassenerhalt verleiht dieser besonderen Spielzeit ein ganz eigenes Prädikat. Ein recht souveräner Auftritt bescherte den Fans vor Ort in Heidenheim sowie den Anhängern zu Hause ein versöhnliches Saisonende, gerade weil das letzte Heimspiel durchaus Anlass zur Skepsis gegeben hatte. Letztendlich hatte das Ergebnis immerhin keine maßgeblichen Auswirkungen auf die Platzierungen im Tabellenkeller.

Alle 05-Fans dürfen sich auf eine weitere Saison in der 1. Bundesliga freuen. Spannend bleiben die offenen Fragen der Kaderplanung, die uns sicher den gesamten Sommer über beschäftigen werden. Zu hoffen bleibt, dass mit entsprechenden Verstärkungen diesmal nicht wieder bis zum Winter gewartet wird.

Aus Fansicht wird es auch weiterhin abseits des Sportlichen spannend bleiben. Die Innenminister der Länder scheinen noch immer große Angst um die Sicherheit in den Stadien der Republik zu haben. Man könnte meinen, es gäbe keine weitaus wichtigeren Betätigungsfelder für die vom Sicherheitswahn getriebenen Volksvertreter. Leider haben bislang nur wenige Vereine – insbesondere kaum Bundesligaklubs – den Mut, sich diesem abstrusen Populismus entgegenzustellen.

In besonderem Maße werden die Auswirkungen erneut diejenigen zu spüren bekommen, die Woche für Woche mit größter Leidenschaft ihre Vereine in den Kurven unterstützen. Mit den geplanten Änderungen der Richtlinien zur Vergabe von Stadionverboten vertieft sich der Graben zwischen Fans und Verbänden (DFB, DFL) weiter – zumal auch Fanorganisationen, Fanvertreter und Fanprojekte diese Anpassungen äußerst kritisch sehen.

Ähnlich kontrovers dürften auch die Meinungen über das große Fußballturnier in Nord- und Mittelamerika ausfallen. Eine politische Inszenierung, die den Sport nach ihrem Willen verbiegt und ihn dadurch immer weiter von den Menschen entfernt, die ihn lieben und leben. Auch hier hat die FIFA den Bogen längst meilenweit überspannt.

Umso schöner ist es, dass der noch durchaus bodenständige und ehrliche Fußball unserer Frauen mit dem Aufstieg in die Frauen-Bundesliga belohnt wurde. Die Spiele am Bruchweg mit ihrem leicht nostalgischen Anstrich waren für viele eine wunderbare Ergänzung zum Ligaalltag der Herrenmannschaft. An dieser Stelle: herzlichen Glückwunsch!

Der Rückblick auf die vergangene Saison bereitet weiterhin außerordentliche Freude. Die internationalen Reisen waren Emotion pur, und die Zukunft rund um unseren Herzensverein verspricht weiterhin große Spannung. Damit verabschieden sich die vier Fan-Kolumnist:innen in die Sommerpause, sagen Danke für euer zahlreiches Feedback und wünschen eine erholsame Sommerpause.

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende!“

Eine Saison mit mutigen Entscheidungen in anderen Vereinen lässt Alex Schulz hoffen, dass auch bei Mainz 05 mutig nach Glück gestrebt wird.

Der Philosoph Demokrit wusste schon lange vor Mainz 05, wie man Großes erreichen kann und verknüpfte Mut mit Glück. In der ablaufenden Saison zeigten wir mal wieder keine Angst vor dem Abstieg, sondern stellten uns ihm tapfer entgegen. Wenige Spieltage vor Schluss konnten wir gemeinsam in Hamburg den Klassenerhalt feiern.

Das Frauenteam der 05ER hat den Aufstieg vor Augen und braucht im Endspiel allen Mut, um dem Druck standzuhalten.

Die U19 kann erneut Meister werden und sich so ein weiteres Mal auf tolle Spiele in der Youth League freuen. Auch hier gilt es mutig die Saison zu beenden.

Soweit – so einfach kann es sein. Doch am Ende muss an anderen Stellen ausreichend Mut bewiesen werden, um die Weichen auch nach der Pause in Richtung Glück zu stellen.

Die Junioren werden sicher mutig aufspielen und können in den großen Spielen am Bruchweg auf lautstarke Unterstützung setzen.

Ein Aufstieg der Frauen ist greifbar. Sollte dieser gelingen, wäre „Wir wollen erstklassig bleiben!“ ein mutiges Saisonziel und echte Verstärkungen im Sommer ein deutliches Bekenntnis zu dieser noch jungen Vereinsabteilung.

Anders ist es bei den Herren! Auch wenn der Klassenerhalt sicher jedes Jahr die Basis bilden muss, darf oder sollte die Zielsetzung gerne mal mutiger sein. Die Erlebnisse in Europa waren einzigartig und alle sollten gemerkt haben, was dies für einen kleinen Verein bedeutet. Die öffentliche Wahrnehmung über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus, die Einnahmensteigerung und natürlich ganz vorne die Euphorie im eigenen Fanlager.

Das Team hat in der Rückrunde bewiesen, dass es eigentlich mehr kann als Abstiegskampf. Ein paar clevere und ruhig auch mutige Entscheidungen auf dem Transfermarkt und das Saisonziel 26/27 darf ruhig „Europa“ heißen.

Wir müssen Spieler nicht unter Wert ziehen lassen und das, was dieser kleine Verein immer wieder erreicht, sollte für sich sprechen. Ein Nadiem Amiri in Mainz war vor wenigen Jahren Utopie. Heute würde er sicher bestätigen, dass der mutige Schritt nach Mainz richtig war, ist und hoffentlich auch bleiben wird.

Aber auch darüber hinaus darf es gerne mutiger werden. Die Saison 25/26 hat vielerorts gezeigt, dass Vereine den Mut haben, besondere Wege zu gehen.

Am Sonntag stand erstmals eine Frau bei einem Bundesligateam in der MEWA ARENA als Cheftrainerin an der Seitenlinie. Und entführte 3 Punkte aus Mainz.

In der Halbzeit unseres Spiels bei Sankt Pauli positionierten sich Verein und Fans gemeinsam gegen die Pläne und den Druck der Innenminister und erklärten, dass die Stadien sichere Orte sind.

Und unser nächster Gegner Heidenheim hat auch in der ausweglosesten Situation mutig am Trainer festgehalten und sich die Chance auf die Relegation erhalten.

Natürlich kann jede mutige Entscheidung auch schiefgehen. Aber wie Demokrit schon wusste, bietet mutiges Handeln die Aussicht auf Glück.

Lasst uns als Verein also mutiger sein!

Was Echtes

Er kam als Neuzugang und wurde zur Schlüsselfigur für Mainz 05. Doch Stürmer Phillip Tietz überzeugt nicht nur sportlich, sondern vor allem mit seiner authentischen und ehrlichen Art, meint Jan Budde in seiner Fan-Kolumne.

Sie gelten als ausgestorben: Typen. Der Gattung Viri genuini, also der echten Typen. Aber besonders tot war die Art im Fußball, wo Heranwachsende in verzweifelten Fällen für Aufmerksamkeit sogar zur Eckfahne greifen müssen oder alternde Männchen, die aus dem Relevanzrahmen gefallen sind, den medialen Brunftruf praktizieren.

In dieser Saison wurde die Art jedoch erstmals wieder mehrfach gesichtet. Zuletzt in Hamburg, auf dem Kiez am Millerntor. So mancher Jungspund bezeichnet sich gerne als Macher, was Phillip Tietz allerdings am Wochenende gemacht hat, verdient sich das Prädikat der Tat auch tatsächlich. Der Mann der Tat hat malocht – für Mainz 05 im Abstiegskampf.

Tietz hat eine Saison gedreht – nicht nur für Mainz 05, sondern auch für sich selbst. Er kam aus einer schwierigen Phase beim FC Augsburg, Fragen nach der Bundesligatauglichkeit standen im Raum und auch in Mainz waren mit seiner Verpflichtung die Fragezeichen groß. Kolportierte vier Millionen für einen Ersatzspieler, das klang viel. Woher also das Selbstbewusstsein kam, dass er nach Mainz mitbrachte, ist sein Geheimnis – aber es muss der Schnorro sein.

Tietzis Freude und Freundlichkeit, sein Auftreten, sein Äußeres – bei Mainz 05 mag man Charaktere, die ausdrucksstark, ehrlich und demütig sind. Nach dem eigenen Klassenerhalt St. Pauli nur das Beste zu wünschen, dem Kiez-Club Mut zuzureden und die Bedeutung der Hamburger in der Bundesliga zu betonen, zeugt von Reflexion und Wahrnehmung, die über die Seitenlinie hinaus reicht.

Phillip Tietz war nicht der Unterschiedsspieler, er war der Unterschiedsmensch. Er ist der Beweis, dass Kultur Menschen bewegt. Eine Kultur der kleinen Dinge, wie ein kindliches Kichern in einem Interview, ehrliche Tränen auf dem Platz nach Stuttgart – die die Verantwortung bei sich selbst suchen – und ein Wettrennen mit der eigenen Tochter in der Stadt. In Zeiten, in denen sich Fußballer als Marken und modisch perfekte Social Media Stars mit englischen Postings inszenieren, gibt Phillipp Tietz mir was Echtes. Danke für die Wahrhaftigkeit, Tietzi. Das nächste Bier geht auf mich und dein Name wird auf meinem nächsten Trikot stehen.