Spätlese St. Pauli Saison 2025/2026

Auswärts fahren bietet in unserem komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine Spätlese eben!

Blick aus dem Auswärtsblock in den Himmel auf St. Pauli

01 Hin und weg:

Statt einer wilden Tour durch Süd-West-Europa von Mainz auf Schienen via Madrid nach Hamburg, stand nun also nur ein Tagesritt in die Hansestadt auf dem Programm. Eigentlich recht entspannt, sollte man meinen. Aber im Morgengrauen sorgte erstmal die Bahn für ein wenig zu viel Adrenalinschub. Denn der Zug zum Hauptbahnhof verspätete sich alle 5 Minuten wegen „technischer Störung“ am Zug, um weitere 5 Minuten.

Da ich allerdings mehr als genug Zeit zum Umsteigen hatte, entschied ich mich, aufs Mietrad zu der Mainzer Verkehrsbetriebe zu steigen. Um es noch etwas entspannter zu machen, nahm ich das einzig verbliebene Pedelec an der Ausleihstation. Leider schlummerte der Akku am frühen Sonntagmorgen noch komplett. So muss ich mich nicht nur abstrampeln, sondern durfte dank des Akkus auch noch mehr Gewicht durch die Gegend bewegen. Am Ende war alles aber halb so schlimm. Es ging pünktlich mit dem RE nach Frankfurt und von dort ebenfalls pünktlich mit dem ICE nach Norden. Wegen einer langfristigen Baustelle zwischen Hannover und Hamburg wurde der Zug umgeleitet. Die verlängerte Fahrtzeit war aber bereits im Fahrplan berücksichtigt, so dass wir mit 12 Minuten Verfrühung in Hamburg Harburg ankamen.

Wenig später erreichten wir den Hamburger Hauptbahnhof. Von dort ging es im August letztes Jahr von Dresden kommend auf die drei Nachtfahrten Hamburg – Stockholm, Stockholm – Trondheim und Trondheim – Göteborg ging. Somit schloss sich hier der Kreis, dieser außerordentlichen Saison mit den grandiosen Erlebnissen mit dem internationalen Fußballsportverein außerhalb Deutschlands. Was waren das für Momente, die zumindest ich nicht mehr vergessen werde.  

Die Deutsche Bahn mit elender Verfrühung 😉

02 (N)immer nuff:

Ganz unspektakulär ging es mit dem Mietrad vom Hauptbahnhof in die Nähe des Stadions. Dank des Tipps eines Lesers (danke Jakob) wurde ich im Nachhinein auf eine tolle Kooperation aufmerksam. StadtRAD Hamburg und der FC St. Pauli bieten an Spieltagen die Möglichkeit kostenlos, mit dem Mietrad eine Fahrt zurückzulegen. Hamburg hat mittlerweile ganze Straßenzüge in der Verkehrsnutzung umgewidmet. Am Jungfernstieg zum Beispiel geht es jetzt fast autofrei in Richtung Millerntor-Stadion – mitten in der Stadt.

Man muss sich das mal vorstellen, die Stadt Mainz würde die Rheinallee für den individuellen Autoverkehr sperren. Sie würde ihn nur noch für Busse, Taxen, Radfahrende und E-Scooter-Fahrende freigeben. Dann könnte sie ihre Untätigkeit am Rheinufer einfach weiterhin zelebrieren. Radfahrende, die nicht ständig zwischen Fußgänger*innen herumkurven möchten, würden einfach schnell von A nach B über die nicht mehr von Abgasen verpestete Rheinallee radeln. Natürlich ist so ein Szenario unrealistisch. Aber die Stadt Mainz bekommt es ja noch nicht mal mehr hin, eine Umleitung einzurichten, wenn der Rheinfrühling am Rheinufer stattfindet. Normalerweise finden solche Volksfeste auf Flächen statt, wo sie keine zentrale Verkehrsachse behindern. In Hamburg zum Beispiel laden hinter dem Millerntor-Stadion ein paar Mal im Jahr Riesenrad und Co. zum Jahrmarkt ein – und niemand wird in seiner Mobilität gestört.

In Mainz hingegen müssen Radfahrende, Fußgänger*innen und Volksfestbesucher*innen sich den knappen versiegelten Platz am Rheinufer teilen. Es wird einfach an die alten Tugenden wie Rücksicht appelliert. Tragfähige Lösungen zu finden (wie zum Beispiel einen Umzug des Rheinfrühlings aufs Messegelände) werden lieber nicht gesucht. Dass durch die versiegelte Fläche sich die Stadt weiter aufheizt, stört anscheinend auch niemand bei der Stadt.

StadtRAD Hamburg kooperiert mit dem FC St. Pauli – daraus resultiert ein Vorteil für alle Fans, die Rad fahren.

03 Kon-Trolle

Der FC St. Pauli zelebrierte lange seine anti-kapitalistische Einstellung und lebt sie tatsächlich auch im Auswärtsblock aus. Eine Gepäckabgabe, die kostenlos ist, gibt es fast nirgendwo mehr. In Hamburg kostet es bis zu 8 Euro für vier Stunden, wenn man die Schließfächer am Hauptbahnhof nutzt. In der Halbzeitpause wurde es dann nicht anti-faschistisch, nicht-antikapitalistisch sondern anti-populistisch. Es gab einen gemeinsamen Protest vom Heim-Verein, von Fans des FCSP und von Mainz 05 gegen die IMK (Innenministerkonferenz). Der Protest leitet sich aus dem populistischen Gehabe mancher Innenpolitker*innen ab. Sie meinen auf dem Rücken von Fußballfans Zustimmung aus der Bevölkerung zu erhaschen, wenn Fußballfans mal wieder Verbrecher*innen gleichgestellt werden.

Natürlich sind so dämliche Auftritte wie bei Dynamo gegen Hertha Wasser auf die Mühlen der Populist*innen unter den Politker*innen. Viele wissen aber nicht, wie schnell man auch als unschuldiger Fan in die Mühlen der Justiz geraten kann. Vielleicht kommt es irgendwann, aufgrund eines Beschlusses der IMK, zu automatischen Stadionverboten,  wenn gegen Fans ein Verdacht einer Straftat im Raum steht. Dann ist es der Rechtsstaat, der als erstes Stadionverbot erhält.

St. Pauli stabil wie eh und je.

04 Kampf um den Mampf

Bei der Preisgestaltung des Caterings ist St. Pauli vorbildlich. In keinem anderen Stadion der Liga gibt es Bio-Würste – sowohl vegan wie aus Fleisch und das zu einem fairen Preis. Bio ist auf keinen Pflanzendünger, der aus Erdöl besteht, angewiesen. Umwelt, Boden und Wasser werden geschont. Wer auf Fleisch nicht verzichten möchte, sorgt bei Bio dafür, dass die Tiere, bevor sie zu Wurst verarbeitet werden, mehr Platz, mehr Tageslicht und Auslauf haben. Bei Demeter-Bio-Produkten wird auch auf die Enthornung von Kühen und Kälbern verzichtet. Schließlich sind Hörner für die Tiergesundheit, Sozialordnung und Verdauung essenziell sind.

Die pflanzliche Bio-Wurst-Variante ist einen Tick günstiger, genauso wie alkoholfreies Bier im Vergleich zu Bier mit Alkohol. Es sind so kleine Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein könnten – aber in der Liga alles andere als selbstverständlich sind. Es wäre wirklich schade, wenn dieser Club den Gang in die zweite Liga antreten müsste.  

Biowürste aus Fleisch und Pflanzen – einzigartig in der Bundesliga

05 Käfighaltung

Seit meinem letzten Besuch mit Mainz 05 im Millerntorstadion im Dezember 2010 ist die Schüssel zwar mächtig gewachsen, aber der Gästeblock ist immer noch super gelegen. Nirgends kommt man dem Spielgeschehen so nah, wie hier. Man steht nicht irgendwo im zweiten oder sogar dritten Stock, wie in München. Man steht nicht irgendwo am Rande der Eckfahne, sondern der Block nimmt tatsächlich die Hälfte der einen Hintertortribüne ein. Das ist so ähnlich wie bei uns in Mainz. Natürlich darf man sein Essen und Trinken auch in den Block nehmen. Selbst das ist ja mittlerweile nicht mehr unbedingt selbstverständlich.

Und dann fällt kurz nach Anpfiff schon das Führungstor für den Fußballsportverein. Damit wurde der Klassenerhalt immer wahrscheinlicher und die Stimmung im Block immer euphorischer…spätestens nach dem zweiten Tor. Natürlich musste es noch ein Gegentor geben. Alles andere wäre nicht Mainz 05 gewesen. Aber zu mehr war St. Pauli an diesem Nachmittag nicht imstande. Ich dachte in der letzten Zeit immer mal wieder an den Auftritt in Freiburg im November zurück. Damals bekamen wir eine 0:4 Klatsche serviert und der Block sang davon, dass wir alle einen an der Waffel ham. Direkt nach Abpfiff war damals der Block geleert und nur noch Frust vorhanden. Und jetzt fünf Monate später der Klassenerhalt – was für ein wilder Ritt war das gewesen. Es war eine Saison, die wir alle sicherlich nicht so schnell vergessen werden.

Fazit:

Der Jahrgang 2025/2026 zeigt, dass auch Mainz 05 in diesem Jahr Klassenerhalt kann.

Rot-weiße Grüße,

Christoph – Meenzer on Tour