DFB-Diktat: Wenn ‚Soll‘ zum ‚Ist‘ wird

Zum Thema „Warum steigt die Repression?“ lud die USM im Rahmen ihres Soli-Cups 2026 zu einer hochkarätig besetzten Runde an Diskutant:innen ein: Politikwissenschaftlerin Lara Schauland, Fananwalt René Lau, USM-Mitglied Kevin und Journalist Felix Tamsut stellten sich den Fragen der Wortpiratin.

Das Stadion am Europakreisel in der Sommerpause

Da zu erwarten war, dass es wenig Konflikte zwischen den Diskutant:innen geben würde, konnte sehr tief in die Thematik eingestiegen werden. Auf die Eingangsfrage, wem diese Steigerung der Repression nützt, obwohl laut ZIS-Jahresbericht eigentlich rückläufige Verletzten- und Gewaltzahlen im deutschen Profifußball zu verzeichnen sind, wurde auf unter anderem auf die Innenminster:innen verwiesen, die unter dem Druck, Wahlkämpfe zu bestreiten, Handlungsfähigkeit und „Law and Order“ zu demonstrieren, populistische, medienwirksame Forderungen nach härteren Strafen politisch oft attraktiver finden als das Verweisen auf sinkende Zahlen.

Journalist Tamsut ließ wenig gutes Haar an seiner Zunft. Es gäbe eine Spezialisierung der Sportjournalist:innen – allerdings nur im Bereich spieltaktischer Maßnahmen – für Fans, Fanszenen, Fankultur, Fanvereinigungen und Fanprojekte fehlt diese Spezialisierung fast flächendeckend. Obwohl die Polizei oft mitten im Geschehen ist, werden seitens der Presse viel zu oft Pressemitteilungen der Polizei eins zu eins übernommen. Das widerspricht jeglichem journalistischen Grundsatz, der eigentlich vorsieht, auch eben jene Fanvereinigungen zu Wort kommen zu lassen, bevor ein Artikel publiziert wird.

Oftmals wird von Presse und Politik bemerkt, dass Stadien keine rechtsfreien Räume sind. Anwalt René Lau drehte den Spieß um, und bemerkte, dass auch vor den Stadiontoren Freiheitsrechte für Fans gelten sollten, etwa bei der Anreise. Diese Rechte werden oft unterbunden, wenn Fans das Recht auf freie Bewegung durch vorgeschriebene Anreisewege versagt wird.

Lau zeigte auch die Konsequenzen auf, die die Konkretisierung der DFB-Stadionverbotsrichtlinie mit sich führt. Es kommt zu einer Entmachtung der Stadionverbotskommissionen vor Ort. Fanprojekte, die hervorragende Präventionsarbeit machen, verlieren an Einfluss. Wiedersetzen sich Vereine den DFB-Vorgaben drohen empfindliche Strafen bis zum Punktabzug.

Während einige Clubs sich mit den Fans solidarisierten, von Verlust von Vertrauen und Prävention sowie von Einmischung von oben sprechen und besonders die Maxime von „soll“ zu „ist“ in Bezug auf Stadionverbote anprangern, kritisiert der Q-Block insgesamt das Wegducken von Mainz 05.

Zum Ende der Diskussion blickte Lara Schauland jedoch positiv nach vorne. Trotz ihrer Marginalisierung haben Fußballfans einige Stärken. Sie halten zum Beispiel clubübergreifend zusammen, was viele erfolgreiche Proteste gezeigt haben. Der Ausspruch „Getrennt in den Farben, vereint in der Sache“ ist keine hohle Phrase und sollte Fans auch in Zukunft animieren, gemeinsam für ihre Rechte einzustehen.  

Eine historische Woche für Mainz 05

Drei Spiele, drei Siege, eine Woche voller Euphorie und neuer Stoff für die Vereinshistorie, jedoch sollte der Blick auf die Tabelle nicht vergessen werden. Der Abstiegskampf könnte schneller als gewünscht zurückkehren, meint Sebastian Schneider.

Die Krönung einer enorm erfolgreichen Saisonphase erfolgte am Sonntag: Ein knapper, aber verdienter Sieg gegen die Eintracht vom Main – getreu dem Motto „Taube schlägt Adler“. Damit setzt sich eine besondere Serie fort. In der Bundesliga wurde erst ein Heimspiel gegen die Konkurrenz aus der Nachbarschaft verloren. Eine beachtliche Bilanz.

Urs Fischer hat es geschafft, der Mannschaft neue Stabilität zu geben, insbesondere auch in Phasen, in denen der Gegner mehr Spielanteile hat und Druck macht. Das mannschaftliche Konstrukt steht wieder auf festem Untergrund. Dies ist maßgeblich die Grundlage für die sportlichen Erfolge der letzten Wochen.

Diese Leistungen sorgen nun dafür, dass die Konkurrenz im Abstiegsstrudel im Moment auf sicherem Abstand gehalten wird. Es scheint aktuell auch keine andere Mannschaft einen ähnlichen Lauf zu haben, sodass die Grundstimmung auf jeden Fall positiv sein darf. Sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz bieten ein gutes Polster, sind aber bei noch sieben verbleibenden Spielen kein Grund, entspannt auf das Saisonfinale zu blicken. Ob das letzte Spiel gegen Heidenheim als Joker gesehen werden kann, bleibt abzuwarten.

Während Siege gegen die Nachbarn aus Frankfurt stets besondere Freude bereiten, darf der Einzug ins Viertelfinale der UEFA Conference League als historisch bezeichnet werden. Abgesehen davon, dass dies noch keine andere deutsche Mannschaft geschafft hat, ist es für uns Mainzer noch um ein Vielfaches besonderer. Mitunter der größte Erfolg der Vereinsgeschichte, den wir alle zurzeit miterleben dürfen. Bedauerlich bleibt dabei die Kartenpolitik der gegnerischen Vereine, bei der trotz nicht ausverkauftem Stadion keine weiteren Tickets nach Mainz gegeben wurden. Die UEFA darf sich gerne ein Beispiel am deutschen Fußball nehmen. Hier erhalten die Gastvereine immerhin zehn Prozent der verfügbaren Tickets. Diese Praxis ist auch bei unseren europäischen Nachbarn seltener der Fall.

Rückblickend auf das Heimspiel gegen Ölmütz am vergangenen Donnerstag wird uns allen garantiert wieder eine einzigartige Atmosphäre in Erinnerung bleiben, die durch eine riesige Choreografie auf der Rheinhessentribüne eingeleitet wurde. „Lasst uns alle Zweifel vertreiben, wir werden heut Geschichte schreiben!“ war zu lesen – und genau dies ist geschehen.

Den für die Organisation verantwortlichen Fangruppen gebührt Hochachtung und großer Dank. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Arbeitsstunden, aber auch finanzielle Mittel hier aufgebracht werden – alles komplett im Ehrenamt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal der Appell: Sofern es möglich ist, werft gerne ein paar Münzen in die Spendeneimer oder lasst eure Pfandbecher in einer der roten Tonnen hinter der Kurve. Die Becherspenden aus den Tonnen hinter der Kurve fließen direkt wieder in Aktionen der Fans zurück. So wird gewährleistet, solche Bilder zu erzeugen, die ewig bleiben.

Fairtrade-Club in der Fairtrade-Stadt?

Faires Handeln ist Mainz 05 wichtig. Gleichzeitig trägt Mainz den Titel „Fairtrade-Stadt“. Zeit, dass sich die fairen Kräfte bündeln, meint Kolumnist Christoph Kessel.

Im Februar hat der Verein Fairtrade Deutschland e.V. mit seiner „Fairbruary“-Kampagne wieder dazu aufgerufen, einen Monat lang besonders fair zu konsumieren. Dadurch sollen der faire Handel weiter vorangebracht und ein Zeichen für Fairness gesetzt werden. Gleichzeitig wird in den Fußball-Bundesligen Fairplay hochgehalten. Ein Blick in seinen Nachhaltigkeitsbericht zeigt, dass sich auch Mainz 05 dem fairen Miteinander verschrieben hat: Beim Merchandising wird verstärkt Wert auf faire Produktionsbedingungen geachtet. Fairness und Respekt allen Menschen gegenüber werden großgeschrieben. Der Verein achtet auf faire Arbeitsbedingungen und garantiert eine faire Vergütung. Er ist davon überzeugt, dass ein fairer Umgang mit allen Menschen eine grundlegende Voraussetzung für eine ethisch verantwortungsvolle Unternehmensführung ist. In der Fußballschule wird Wert auf Fairplay im Spiel und als „Klimaverteidiger“ in Bezug auf die Umwelt gelegt.

Auch beim Catering wird es fairer. Sowohl Kaffee- als auch Tee-Anbieter bekennen sich zu fairen Produktionsbedingungen. Der Preis für alkoholfreies Bier wurde in dieser Saison um 20 Prozent gesenkt. Der Ausbau des pflanzenbasierten Angebots wird forciert. Natürlich gibt es Punkte, bei denen es noch hapert. Dem Team der Amputierten-Fußballer nur T-Shirts zur Meisterschaft zu schenken, ist mindestens unglücklich. Fehlende Chancengerechtigkeit zwischen Frauen- und Männerfußball ist der Historie geschuldet. Sie sollte aber möglichst schnell hergestellt werden. Unterm Strich aber bewegt sich Mainz 05 in eine sehr faire Richtung.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Verein hier nicht den Schulterschluss mit der Stadt sucht. Schließlich trägt Mainz seit Jahren den Titel „Fairtrade-Stadt“, da es die „Fairtrade-Town“-Kriterien erfüllt. Ein Kriterium schreibt eine Liste „Faire Einkaufsmöglichkeiten“ vor. Auf ihr fehlt bisher Mainz 05, obwohl viele Fairtrade-Fanartikel angeboten werden. Das ist eine verpasste Chance sowohl für die Fairtrade-Stadt als auch den Fairtrade-Club. Und wer Fairness in diesen Zeiten belächelt, in denen scheinbar nur Macht und Ego gewinnen, der sollte an die erste Europapokal-Saison denken. Mainz 05 hatte sich 2005 nicht sportlich, sondern über die Fairplay-Tabelle fürs internationale Geschäft qualifiziert. Ohne faires Verhalten aller 05er*innen hätte es die Reisen nach Armenien, Island und Spanien nicht gegeben.