Ein besonderer Serienmarathon

Von besonderent Serien weiß Alex Schulz zu berichten und hofft auf den Start einer Siegesserie. 

Der vergangene Spieltag wird mir wie vielen 05ERN in besonderer Erinnerung bleiben.

Für mich riss dank einer ausgewachsenen Influenza eine Serie und ich musste das 6. verpasste Pflichtspiel in der 29. Saison hinnehmen. Viele werden hier denken, dass das doch zu verkraften sei, aber lasst euch gesagt sein, es fühlte sich wie ein kräftiger Tiefschlag an, als der Anpfiff aus dem heimischen TV ertönte.

Hat vermutlich was mit tiefer Verbundenheit, Vereinstreue und absoluter Hingabe zu tun, wenn man so verrückt ist. Attribute, die auf jeden Fall auf jemanden zutreffen, der in Leipzig im Gegensatz zu mir seine Serie ausbauen durfte. Stefan Bell absolvierte sein 300. Spiel in der ersten Bundesliga. Und alle für genau einen Verein! Mainz 05. Jetzt könnte ich schwärmen, wie bodenständig unser Bello ist. Wie loyal, selbst als er die Chance hatte, in womöglich andere Sphären zu wechseln. Aber ich bin mir sicher, jeder 05ER weiß das alles. Stefan Bell hat mehr Tradition als…ne…ist mir zu billig!

DANKE BELLO!

Was dabei noch auffällt: 300 Spiele mit Verletzungen und Formkrisen sind mindestens 10 Saisons in der höchsten Spielklasse. Und Stefan Bell ist ja noch ein junger Hüpfer. Die erstklassige Geschichte von Mainz 05 geht schon ein paar Jahre länger als seine Karriere. Wer will uns da noch erzählen, wir gehörten nicht in die Bundesliga?

Wenn man sieht, welche Namen und Qualität Teams wie unser Gegner von der Bank bringen, sollte man das einfach viel mehr wertschätzen. Vielleicht erinnert so ein Jubiläum manch einen mal daran. Jedes Jahr Bundesliga ist harte Arbeit und erfordert das perfekte Ineinandergreifen vieler kleiner Zahnräder.

Gerissen ist kurz nach Anpfiff leider nicht irgendeine Serie,sondern die Achillessehne bei Benedict Hollerbach. Der Junge hat es echt nicht leicht bei uns. Von Beginn an lastet ein riesen Druck dank einer Rekordablöse auf ihm und gerade als sich da was entwickelt, ist die Saison vermutlich für ihn gelaufen. Komm schnell wieder auf die Beine und zeig dann deinen Kritikern, was du für ein Kämpfer sein kannst!

Am Ende hat eine wichtige Serie gehalten: in Leipzig nicht verloren! Und besser noch, es wurden nicht unverdiente 3 Punkte mitgenommen, die uns vom direkten Abstiegsplatz verschwinden ließen. Soooo wichtig!

Dazu beendeten wir eine lange Serie an nicht gewonnenen Auswärtsspielen. Auch das wurde Zeit!

Mein Fanherz hat am Samstag ordentlich geblutet, dass ich genau zu so einem Spiel die Reise nach Leipzig nicht antreten konnte. Was aber bleibt ist die Hoffnung, dass es uns im Mai doch nochmal mit unserem Verein dorthin verschlägt. Denn wir haben ja noch einen weiteren Wettbewerb und da gibt es noch ne Serie ins Ziel zu bringen.

Bis dahin schauen wir gemeinsam, dass Bello noch vieleGelegenheiten bekommt, seine Bundesligaserie auszubauen, denn gewonnen ist leider noch nichts.

Was dabei hilft? Eine Serie an Siegen! Und die holen wir immer nur gemeinsam. Am besten live und laut im Stadion oder ausnahmsweise auch mal krank vorm TV oder Radio.

Am Sonntagnachmittag machten sich 858 Menschen auf den Weg zum Bruchwegstadion, um sowohl das 2. Ligaspiel der 05erinnen aber auch möglicherweise den Beginn einer neuen Tradition mitzuerleben. Der AG Identifikation der Fanabteilung hatte die grandiose Idee ein Fastnachtssingen zu veranstalten. Damit wurde etwas geschaffen, was in Deutschland seines Gleichen sucht.

Angeleitet wurden die Leute auf der Tribüne von den Mainzer Hofsängern auf dem Rasen. So wurde fröhlich gesungen und geschunkelt zu absoluten Klassikern sowohl aus der Mainzer Fastnacht wie auch aus dem Mainzer Stadion. Ob das Singen oder die umkämpfte Partie zuvor gegen Viktoria Berlin anstrengender war, wird das Geheimnis der 05erinnen bleiben. Trotz der Enttäuschung, nur mit einem, statt drei Punkte aus der Partie gekommen zu sein, war die Freude beim Fastnachtssingen ungetrübt. Lediglich der Verein gab eine traurige Figur ab und stattete die Spielerinnen nicht mit Fastnachtstrikots aus.

Es bleibt zu hoffen, dass abseits des Singens, das nicht zu einer Tradition wird.

Schon während des Spiels wurden Fastnachtslieder angestimmt – einmal mehr ohne Trommel oder Megafon, denn die sind dem Anhang verboten. Und so ist guter Support teuer, Anwohner fühlen sich in ihrer Sonntagsruhe gestört und reichen Lärmbeschwerden ein. Eine Thematik, die nicht nur für Fans, sondern auch für viele Sporttreibende, ein bekanntes Ärgernis ist.

Wenigstens aber bei einem Fastnachtssingen, einem gesellschaftlichen Kulturereignis in einer Fastnachtshochburg wie Mainz, sollte auf die Pauke gehauen werden dürfen.

Die Möglichkeit eine Sondergenehmigung bei der Stadt zu beantragen, kam der Verein nicht nach. Bisher priorisiert der Verein lieber gegnerische Fans als die eigenen. Bei Heimspielen der U23 in der Regionalliga Südwest wird diese Möglichkeit für Gästefans genutzt. Gastfreundschaft ist zwar auch eine Mainzer Tugend, aber an dem Punkt geht sie dann doch zu weit.

Und so bleibt am Ende lediglich der besondere Dank an die Initiatoren des Fastnachtssingen, die den 05erinnen eine zusätzliche Bühne geschaffen zu haben. Sichtbarkeit und Hörbarkeit sind von Nöten, wollen wir, dass an Wochenenden noch mehr Fans regelmäßig an den Bruchweg tingeln, um die 05erinnen zu unterstützen. Vielleicht also war der Fastnachtsspieltag nur ein Auftakt, um mehr Aufmerksamkeit für die Fanbelange rund um die 05erinnen zu schaffen.

Geschichten von unterwegs: Impfung

„Impfung“  – um dieses Wort drehen sich am Jahresanfang 2021 Mitten in der Pandemie viele Diskussionen. Insbesondere für Reisende sind Impfungen seit jeher Routine – so wie es zum Beispiel für Asienbegeisterte Masken schon immer waren oder für die meisten Fernreisenden eine gründliche Handhygiene, zumindest wenn man Durchfallerkrankungen vermeiden wollte. Mit diesen Themen hatte ich mich am Anfang der Pandemie in den beiden Artikeln zu Masken und Händewaschen beschäftigt. Da sich aktuell so viel um das Thema „Impfung“ dreht, möchte ich dieses anhand von fünf Geschichten beleuchten, die ich auf Reisen durch Südamerika, Afrika und Asien erlebt habe.

Impfungen werden außerhalb Europas meist sehr dankbar entgegengenommen.
  • Impfpflicht in einem EU-Territorium

Verpflichtende Impfungen, wie sie aktuell debattiert werden, gibt es schon seit sehr langer Zeit – zumindest seitdem ich 1992 angefangen habe, außerhalb Europas ohne meine Eltern zu reisen. Ich denke da gar nicht an die bei uns im März 2020 eingeführte Masern-Impfpflicht, die ja nur für Menschen in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen gilt. Bereits seit Jahrzehnten existiert eine Gelbfieber-Impfpflicht für ein EU-Territorium und niemand hat sich bisher darüber aufgeregt. Ohne den entsprechenden Nachweis im gelben Impfausweis, ist eine Einreise nach Französisch-Guayana nicht möglich. Dieses französische Überseedepartement liegt in Südamerika, gehört aber zur „Grande Nation“ und zur EU. Die Flugzeit auf diesem innerfranzösischen Flug ab Paris beträgt mehr als acht Stunden und bei meinem Besuch 2002 wurde tatsächlich geprüft, ob ich die Gelbfieber-Impfung mindestens 10 Tage zuvor habe machen lassen. Ohne Impfung keine Reise in die Hauptstadt Cayenne – so einfach war das, da dieses Territorium nördlich von Brasilien zum Gelbfieber-Infektionsgebiet gehört. Fakt ist auch, dass viele Länder Reisende, die sich unmittelbar vor der Reise in einem Gelbfieber-Infektionsgebiet aufgehalten haben, nur mit entsprechender Impfung ins Land lassen. Ebenfalls Fakt ist, dass es (bisher) nicht die Airlines sind, die solche Impfpflichten aufstellen, sondern die Länder, in die die Airlines die Menschen befördern. Daher ist es natürlich gut, dass das vor dem Abflug geprüft wird.

Tropisches Frankreich: Französisch Guayana, 2002 bereist und ein EU-Territorium mit Gelbfieber-Impfpflicht
  • Wer kann sich schon das Geld für eine Spritze leisten?

Es gibt auch Länder, die führen aufgrund besonderer Ereignisse eine zeitweilige Impfpflicht ein: so geschehen beispielsweise 1998 in Burkina Faso. Dort fand der Afrika-Fußball-Cup statt. Das Land rechnete mit erhöhtem Reiseverkehr aus allen Staaten des Kontinents und führte daher eine Impfpflicht gegen Meningokokken ein. Darüber wusste ich gar nicht Bescheid, bekam die Impfung allerdings vor meiner Abreise nach eingehender Beratung im Impfzentrum Mainz verabreicht. Anders erging es meiner Mitreisenden, die eine Abneigung gegen Spritzen hatte. Sie hatte eine Art Phobie und sich daher vor der Abreise in Deutschland nicht impfen lassen. An der Grenze zwischen Mali und Burkina Faso angekommen, wurde sie vor die Wahl gestellt, wieder nach Mali zurückzukehren oder sich impfen zu lassen. Die Impffläschchen wurden in einer Kühltasche gelagert und die Kühlakkus sollten für die notwendige Kälte sorgen. Geimpft wurde im Lichtschein einer Öllampe, da wir erst abends die Grenze erreichten. Das waren weitaus unangenehmere Voraussetzungen als der Besuch im Impfzentrum in der Mainzer Uniklinik. Der Impfstoff an der Grenze war gratis. Jedoch musste für die Spritze bezahlt werden. Diese 0,20 Euro konnten sich viele Einreisende nicht leisten – so wurden sie vor Meningokokken geschützt, haben sich aber durch die Mehrfachnutzung der Spritze womöglich mit HIV oder anderen Krankheiten angesteckt – vor denen sogar auf großen Werbetafeln direkt an der Grenze gewarnt wurde. Eine wahrlich schlimme Szene, die so beispielhaft für so viele Dramen auf unserer Erde steht, von denen wir aber in der heimeligen Wohnung nichts mitbekommen, weil sie zu unbedeutend für die täglichen Nachrichten sind.  

Gästefans aus Kamerun in Burkina Faso 1998 – Grund eine temporäre Impfpflicht gegen Meningokokken einzuführen.
  • Impfgeschirr als Mittel zur Korruptionsbekämpfung

Eine Impfpflicht lädt korrupte Beamte auch immer zu einem Nebenerwerb ein. So eine Gestalt ist meinen beiden Mainzer Freunden und mir 1995 auf dem Weg von Mainz nach Kapstadt bei der Einreise in ein Land ebenfalls begegnet. Damals war die Cholera-Impfung in vielen Ländern noch Pflicht. Beim Studieren meines Impfausweises sagte der Beamte, die Impfung sei ungültig, da der Stempel meines Mainzer Arztes größer als das davor vorgesehene Stempelfeld sei. Wir müssten die Impfung an Ort und Stelle wiederholen, es gäbe aber nur eine Spritze für alle. Bei der Vorbereitung auf diese Reise wurde uns empfohlen, Spritzen mitzunehmen, da diese in manchen Ländern Mangelware sind. So entgegneten wir dem Beamten, wir hätten überhaupt kein Problem damit, uns nochmals impfen zu lassen, da wir Spritzen dabei hätten. Völlig verdutzt entgegnete er uns nur noch „Go away“ und schon waren wir in das Land eingereist.

  • Gratis-Impfung auf Polizeibefehl

Ganz anders erging es mir mit Beamten in Malaysia 20003 auf meiner einjährigen Weltreise von Mainz Hauptbahnhof nach Mainz Süd. Ich hatte mich im Dschungel für drei Tage verlaufen und mich mit Hilfe meines Kompasses aus dieser Bredouille selbst befreien können. Da ich im Dickicht bereits am ersten Tag auf einen Österreicher traf, dessen Familie im Dorf auf ihn vergeblich wartete, verständigte diese die Polizei. Die 16 Beamten fanden uns zwar nicht, aber als wir wieder im Dorf ankamen, mussten wir zum Polizeichef. Dieser sah die Schrammen auf unseren Armen und Beinen und meine völlig zerrissene Wanderhose. Schließlich ging es zuvor durch sehr viel dornige Büsche raus aus der Natur zurück in die Zivilisation. Er schickte uns ins Dorfkrankenhaus. Dort erhielten wir eine Auffrischung der Tetanus-Impfung, da aufgrund der vielen Schrammen nicht auszuschließen war, dass der eigentlich noch wirksame Impfschutz eventuell nicht mehr gegeben sei. Die Impfung war für uns kostenlos, da in Malaysia das Gesetz besagt, dass Patienten, die von der Polizei eingewiesen werden, gratis zu behandeln sind. 

Im Dschungel hinter den Teeplantagen lag der Grund, warum ich in Malaysia eine Tetanus-Impfung gratis bekam
  • Tollwut – (k)eine Impfung vorhanden

Eine ganz andere Problematik erlebten wir bereits zweimal mit der Tollwut-Impfung. Es gibt Regionen auf der Welt, die tollwutfrei sind, zum Beispiel Singapur. Daher konnten wir dort 2012 keine Tollwut-Impfung auftreiben. Tags zuvor waren wir von einer Katze auf Bali kurz vor Abflug nach Singapur gekratzt worden. Die indonesische Insel gehört zum Verbreitungsgebiet von Tollwut.  Bei Tollwut wird immer lieber einmal zu viel als einmal zu wenig geimpft, da diese Krankheit nahezu immer tödlich verläuft, wenn die Krankheit einmal ausgebrochen ist – es gibt kein Medikament dagegen. Daher flogen wir relativ schnell zurück nach Deutschland und holten dort die Auffrischung im Impfzentrum Mainz nach, da auch hier der behandelnde Arzt auf Nummer sicher gehen wollte. Sieben Jahre später eine ähnliche Situation im Oman 2019. Eine kratzende Katze und die Frage, wo wir die Impfung herbekommen sollten, da auch im Oman Tollwut noch grassiert. Im Krankenhaus der nächst größeren Stadt wurde uns ein Impfplan erstellt, da beim Wirkstoff, der im Oman verwendet wird, eine 3-fach Impfung notwendig ist, bei der alle 3-4 Tage geimpft werden soll. So lernten wir die Krankenhäuser des Landes ganz gut kennen – und das alles wieder gratis, da es ein Initiative der omanischen Gesundheitsbehörden gibt, um den Erreger der Tollwut zu bekämpfen. Bei dieser Initiative wird nicht nach Pass oder Herkunft entschieden, ob sie Anwendung findet. Sie gilt für alle Menschen, egal ob Touri oder Omani – schließlich macht auch der Tollwut-Erreger da keine Unterschiede. Übrigens hätte unsere Auslandskrankenversicherung die Impfungen alle übernommen, im Oman genauso wie in Malaysia oder Burkina Faso. Viele gesetzliche Krankenversicherungen übernehmen mittlerweile auch die Kosten für die Impfungen, die man vorab für eine Reise bekommt – inklusive der Kosten für die Impfberatung.

Auch Bali gilt als Tollwut-Risikogebiet, in dem nach einem Kratzer oder Biss durch eine Katze eine Impfung ratsam ist.

All diese Beispiele zeigen, um welche wichtigen Fragen es beim Impfen tatsächlich geht, sprich oft um Leben oder Tod. Das trifft auf die Tollwut-Impfung auf jeden Fall zu. Es geht auch um gesetzlich vorgeschriebene Solidarität bei der Gelbfieber-Impfung, denn natürlich gibt es Menschen, die diese Impfung tatsächlich nicht vertragen. Diese Menschen sollen durch geimpfte Menschen geschützt werden, um das Virus im Zaum zu halten. Es geht auch immer um die Menge der Viren/Bakterien, die man abbekommt, wie das Beispiel Tetanus in Malaysia zeigt. Es dreht sich auch immer um das Thema Angst, mit dem zum Beispiel der korrupte Beamte Geld erpressen wollte, denn es war schon klar, dass ein überdimensionierter Stempel den Impfschutz nicht beeinflusst und viele Menschen haben tatsächlich eine Phobie vor Spritzen. Und es geht um das Thema Geld, wie das dramatische Beispiel der 0,20 Euro für die Spritzen in Burkina Faso zeigt.

All diese Beispiele verdeutlichen auch, worum es nicht geht: Um das Anzweifeln von wissenschaftlichen Ergebnissen. Diese Ergebnisse sind Voraussetzungen dafür, dass Impfungen überhaupt zugelassen werden. Nein, niemand muss gutgläubig alles „schlucken“ (oder sich eine Spritze setzen lassen), aber Vertrauen in Experten sind Basis für ein Gemeinwohl. Das Internet bietet für jede Meinung einen Beleg. Wichtig sind aber die Fakten, die anhand von seriösen Quellen nachvollzogen werden können. Die meisten Menschen außerhalb Mitteleuropas haben gar nicht die Zeit, sich stundenlang mit irgendwelchen Theorien auseinanderzusetzen, da sie sich im Alltag mit dem Überleben „beschäftigen“ müssen. Und manche dieser Menschen haben sogar an Studien teilgenommen, die Voraussetzung dafür sind, dass Impfungen von Biontech, Moderna und Co. so schnell nach Ausbruch der Pandemie verfügbar waren. Und warum das alles so schnell ging, kann man auf der Seite „Zusammen gegen Corona“ des Bundesministeriums für Gesundheit nachlesen.

Bis den meisten von uns ein Impfangebot gegen Corona unterbreitet wird, haben wir also genügend Zeit, seriöse Quellen zu studieren und uns wieder anmal daran zu erinnern, welche Privilegien wir hier in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern genießen, wenn es um das Thema Impfen geht.

Bildnachweis: Christoph Kessel, Pixabay

Virales Reisen in Indien – Teil 2

Hier geht es zum Teil 1

Irgendwann klappte es schließlich mit dem WLAN und wir checkten zunächst die Informationen des Auswärtigen Amts. Dort stand lediglich, dass die Flugverbindungen zwischen Europa und Indien massiv reduziert worden sind. Deutsche und ein paar andere Europäer durften ja seit dem 11. März nicht mehr einreisen, daher war das ein erwartbarer Schritt. Von innerindischen Reisebeschränkungen lasen wir nichts. Dafür aber auf Facebook, dass das Heavy Metal Festival wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben worden sei. Verschoben war für uns natürlich total doof, denn wir können ja nicht einfach mal für zwei drei Tage von Mainz nach Bangalore düsen, um Stage Diving zu betreiben. Daher fragten wir nach einer Rückzahlung des ausgelegten Betrags an. Dieser betrug mehr als 120 Euro, da wir ein Paket mit Hotelübernachtung gebucht hatten – wären es ein paar Euro gewesen, hätten wir das als Support für die Organisatoren gerne verbuchen lassen.

Corona dominierte plötzlich auch die indischen Medien

Bereits Wochen im Voraus mussten wir für das Festival-Hotel unsere persönlichen Daten übermitteln. Daher hatten wir bereits eine E-Mail-Adresse parat und baten Salman, den Gründer des Bangalore Open Air (BOA), um eine Erstattung. Er hatte für unsere Situation Verständnis und fragte, ob wir vor der Rückreise nach Deutschland nochmal in Bangalore vorbeischauen wollten. Trotz der Absage des BOA war eine Rückkehr geplant und so verständigten wir uns auf eine Geldübergabe in einem Club der Stadt, in dem am 20. März das „Wacken Metal Battle“ stattfinden sollte – ein Wettbewerb für indische Heavy Metal Bands, bei dem es um einen Auftritt beim Wacken Open Air 2020 ging. Metal Battle in einem Club mit leckerem India Pale Ale statt dem ersten Open Air in 2020 war zwar nicht ganz so schön, dennoch natürlich eine nette Alternative.

Am Abend des 13. März wurden wir im Hotel plötzlich vom Personal angesprochen. Wann wir am nächsten Tag abreisen wollten, war die Frage. Wir entgegneten um 5.45 Uhr, um den Zug nach Goa um 6.20 Uhr in Hospet zu erreichen. Der Hotelmanager sagte, wir müssten wegen des Virus einen Test machen, den nun jede*r zu machen hätte. Es handelte sich allerdings nicht um einen Corona-Test, sondern ums Fiebermessen – eine vollkommen sinnbefreite Maßnahme. Corona ließ sich auch ohne Symptome übertragen – anders als zum Beispiel SARS 2003. Dieser vollkommen nutzlose Test wäre um 10 Uhr am Samstag möglich und wir könnten ja einfach den Nachmittagszug nehmen. Die Zugfahrt nach Goa dauert 9 Stunden und wir hatten eine Reservierung für den Zug am Morgen. Ohne Reservierung nachmittags die Reise anzutreten, hätte sicherlich in einem überfüllten „Sleeper“ geendet – „Physical Distancing“ wäre somit obsolet gewesen. Wir waren auch gar nicht sicher, ob überhaupt nachmittags eine Direktverbindung bestünde oder wir nicht in Hubli auf halber Strecke hätten umsteigen müssen. Wir entgegneten daher, dass wir um diese Zeit ja schon im Zug säßen – was nicht so wirklich auf Verständnis stoß. Ich fürchtete bereits, dass wir im Hotel festgehalten werden würden und uns die frühmorgendliche Abreise womöglich verwehrt werden würde. Wir boten daher an, diesen Test jetzt am Freitagabend um 18 Uhr zu absolvieren. Corona hin oder her – am Freitagabend hat die indische Bürokratie Feierabend. So einigten wir uns darauf, dass wir mitteilten in welchem Hotel wir in Goa übernachten würden, damit dieser Test dann dort am Samstagabend nachgeholt werden würde. Angeblich wurde unser Hotel in Goa verständigt und alle wahrten ihr Gesicht. Tatsächlich konnten wir am frühen Samstagmorgen das Hotel verlassen, den Zug nehmen und danach hoffen, dass wir bis Goa durchkämen.

Blick auf den Strand von Arambol – Goa

In der indischen Bahn lief alles seinen gewohnten Gang. Nichts ließ erahnen, dass womöglich der Zug an der Grenze zu Goa gestoppt werden würde. Wir kamen fast pünktlich am Bahnhof in Vasco da Gama am Indischen Ozean an und ließen erstmal die Massen an Fahrgästen sich dicht gedrängt über den Bahnsteig und die Brücke über diesen ergießen. Hier funktionierte „Physical Distancing“, wie im reservierten „2 Tier“ Abteil wieder gut  – allerdings waren wir die einzigen, die dieses betrieben. Trotz Corona hatten wir es geschafft, die Zielregion unserer Reise zu erreichen. Im Hotel angekommen, sagten wir nichts zu dem angekündigten Test. Schließlich machte uns eine News aus Deutschland schon genug Sorgen. Angeblich sollten Deutsche, die nach dem 15. Februar 2020 in Indien eingereist waren, für 14 Tage in Quarantäne. Wir waren am 7. März eingereist und heute war der 14. März 2020. Sprich hätte diese Meldung gestimmt und wären wir von den Behörden aufgegriffen worden, wären wir womöglich noch für mindestens 7 Tage irgendwo in Quarantäne gelandet. Quarantäne in Indien kann vieles bedeuten. Es gab allerdings noch kein Nobelhotel, das unter Quarantäne stand, so dass die Chance hoch gewesen wäre, in irgendeinem Rattenloch mehr oder weniger eingesperrt zu werden. Rein theoretisch wäre es für die Behören ein Leichtes gewesen uns zu orten, da in jedem Hotel unsere Personalien inklusive Passkopie und Kopie des Visums plus Einreisestempel erhoben worden waren. Niemand sprach uns am Abend auf den angeblich so wichtigen Test an und wir konnten eine erste geruhsame Nacht in Goa verbringen.

Am nächsten Morgen stand plötzlich die Polizei im Hotel. Sie sperrten aber nur den Pool und das Fitnessstudio wegen Corona ab. Auf den Seiten des Auswärtigen Amts zu Indien fanden wir die angesprochene Quarantäne-Verpflichtung nicht. Da wir uns vor der Abreise in Mainz in die Krisenvorsorgeliste „Elefand“ eingetragen hatten, erhielten wir die aktuellen Änderungen der Sicherheitshinweise für Indien auch per E-Mail mit der netten Begrüßung „Liebe Landsleute“ zugeschickt. Es wurde auf die Reduzierung des Flugverkehrs zwischen Indien und Deutschland hingewiesen, da die größte deutsche Airline ihre Flüge mittlerweile tatsächlich eingestellt hatte. In unserem ersten Domizil in Goa blieben wir wie vorgesehen nur eine Nacht und fuhren nach dem Frühstück ein paar Kilometer weiter nach Norden an den Hippiestrand nach Arambol. Im dortigen Hotel war der Pool offen und Gewichte hätten wir dort auch weiterhin stemmen können. Die kommenden fünf Nächte bis Freitag, 21. März 2020 hatten wir bereits vorab bezahlt, da in Goa die Saison bis Mitte März geht und die besten Hotels oft Wochen vorher ausgebucht sind.

Soziale Kontakte hielten wir hauptsächlich zu Hunden und Katzen

Auf Facebook erhielten wir dann die nächste Stornierung: das Wacken Metal Battle in Bangalore wurde gestrichen, da es in der Stadt den ersten offiziellen Corona-Fall gab und als Reaktion alle Pubs und Clubs bis auf weiteres geschlossen wurden. Wir kontaktieren Salman und fragten, wie wir das nun mit dem Geld machen sollten. Paypal hatte er nicht, eine Gutschrift des Betrags auf unser Kreditkartenkonto ging angeblich auch nicht. Doch wozu hat man Freunde? Salman versprach, einen Freund in Goa zu finden, dem er über eine lokale mobile Bezahlvariante das Geld schicken würde und der Freund uns dann das Geld in bar in die Hand drücken könnne.

Wir genossen die Tage am Strand von Arambol sehr. Trotz Corona konnten wir uns den Hintern jeden Tag mit Klopapier abwischen, uns die Hände desinfizieren, denn beides Klopapier und Desinfektionsmittel gab es hier wie Sand am Meer – und Nudeln gab es auch nicht zum Essen. Aber im Ernst, einsame Strandspaziergänge, das Füttern von Hunden und Katzen und das Genießen von leckerem indischen Essen vereinnahmte uns komplett. Corona war zwar anwesend, aber nicht dauerpräsent, da wir vereinbarten, nur im Hotel auf dem Zimmer den WLAN zu nutzen und beim Essen und unterwegs darauf zu verzichten.

„Physical Distancing“ funktionierte im Restaurant am Strand meist gut.

So langsam mussten wir aber auch an unsere Rückreise denken, schließlich sollte ich am 24. März wieder arbeiten. Der ursprüngliche Plan, am 23. März von Bangalore direkt nach Frankfurt zurückzufliegen, ging nicht mehr auf, da fast alle europäischen Airlines ihre Flüge ab Bangalore bereits gestrichen hatten. Auch von Mumbai konnte man leicht erkennen, dass es von dort kaum noch Flüge nach Europa gab. Mit Hilfe von Metasearchern wie skyscanner.com ist es aber ein Leichtes, nach Flügen zu schauen, die noch buchbar sind.

Gleichzeitig hatten wir in den Medien gelesen, dass das Auswärtige Amt bereits Rückholaktionen startete, um gestrandete Urlauber bspw. aus Ägypten herauszuholen. Dennoch war es natürlich unser Ziel, selbstständig unsere Rückreise zu planen und durchzuführen. Die Botschaft in Delhi mahnte am 18. März wieder alle Reisenden an, unverzüglich Flüge vorzuverlegen und zu versuchen, die Rückreise selbst organisiert anzutreten. Zu diesem Zeitpunkt waren sogar Flüge von Goa via Doha oder Muscat nach Frankfurt für ca. 500 € zu haben. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden hatte, was da gerade passiert, dem kann man nicht wirklich helfen, zumal das Auswärtige Amt zum ersten Mal überhaut eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen hatte. „Reiswarnung, Sicherheitshinweis, etc. – was bedeutet das“ – hierzu habe ich vor 11 Monaten nach den Terroranschlägen in Sir Lanka einen eigenen Blogartikel verfasst. Wir hatten zwei Tage vorher unseren innerindischen Flug vom Freitag, den 20. März auf den nächsten Tag verlegt, da ja das „Wacken Metal Battle“ ausfiel und wir nun vorhatten, am 22. März von Bangalore via London nach Frankfurt zu fliegen – die einzig mögliche Variante nonstop nach Europa von dort zu gelangen. So wären wir am Samstagabend am Flughafen in Bangalore angekommen, hätten kein Problem mit den indischen Behörden bekommen, da wir dann tatsächlich 14 Tage in „Quarantäne“ verbracht hätten (in Indien halt), bevor wir wieder auf Beamte an einem Flughafen gestoßen wären. Wir hatten einen Plan A und dachten über Plan B nach.

Einsame Küstenspaziergänge waren sehr erholsam – Corona plötzlich ganz weit weg.

Schließlich stellte sich für uns die Frage, was passiert, wenn der UK-Guru von Hampi doch noch Recht behalten sollte, und es zu Beeinträchtigungen im Reiseverkehr Indiens kommen sollte – entweder, dass es ein Flugverbot ab/nach Indien oder ein innerindisches Reiseverbot gäbe. Daher war unser Plan B, nach Ablauf der „Quarantäne“ am Samstag gegebenenfalls in die Hauptstadt Delhi zu gelangen. Dort gab es Hotels direkt am Flughafen, die deutsche Botschaft und noch viele Flüge in die weite Welt. Außerdem wäre sicherlich der erste Flug im Rahmen des Rückholprogramms durch das Auswärtige Amt aus Delhi gestartet – es ist die Hauptstadt des Landes und das Verwaltungszentrum. Es war einfach die logische Wahl für uns gewesen. Hier in Goa gab es zwei internationale Flüge, die nicht mal täglich nach Doha und Muscat verkehrten, eine zweistündige Taxifahrt zum Flughafen und ein Honorarkonsulat, das uns nicht wirklich weiterhelfen konnte (dafür aber das Generalkonsulat in Mumbai, das allerdings 500 km entfernt war). Im Falle einer Ausgangssperre wären wir hier ziemlich blockiert gewesen. So schön Arambol und der Bundesstaat Goa waren, so isoliert wären wir im Falle einer Ausgangssperre gewesen.

Salman meldete sich am 18. März auch noch. Wir könnten am nächsten Tag ins 10 km entfernte Siloim fahren und seine Freundin Bonnie treffen. Er würde ihr das Geld virtuell schicken, wir sie mit dem Taxi abholen, zum Geldautomat fahren und die Kohle bar erhalten. Dies klappte am 19. März tatsächlich – WhatsApp-Kommunikation sei Dank. Incredible India! Am gleichen Tag wurde der Pool im Hotel geschlossen. Es dauerte „nur“ 6 Tage von Sonntag bis Donnerstag bis die Verordnung 18 km Luftlinie nach Norden vorgedrungen war…

Am Morgen des Freitags, 21. März 2020 erhielt ich eine E-Mail, dass unser innerindischer Flug am Samstagabend von Goa nach Bangalore gestrichen sei. Das versetzte mich in eine sehr positive Grundstimmung. Schließlich hing dieser Flug wie Ballast an unseren Beinen. Viele Airlines sprachen zwar von kulanten Maßnahmen was Umbuchungen anging – allerdings nur auf der gleichen Strecke. Wir hätten eigentlich längst Plan B aktiviert, sprich nach Delhi umgebucht, aber eine Gratis-Änderung des Routings ließ die Airline nicht zu. Es gab auch keine Möglichkeit, den Wert des Flugs in einen Gutschein umzutauschen. Und so einfach zweimal 85 Euro sausen lassen, war natürlich nicht wirklich grandios – zumal wir ja eigentlich am Sonntag von Bangalore nach London problemlos hätten fliegen können. Ferner wurden wir direkt auf den nächsten Goa-Bangalore-Flug umgebucht. Daher ging die Tendenz dahin, eine Nacht von Freitag auf Samstag in Goa zu verlängern und den umgebuchten Flug zu akzeptieren.

E-Mail Benachrichtigung durch das Konsulat in Mumbai, das für Goa zuständig ist.

Ich sprach den Hotel-Manager an und der sagte, das mit der Verlängerung sei natürlich kein Problem. Ich erzählte ihm vom gestrichenen innerindischen Flug und er entgegnete mir lapidar, dass es ab Sonntag sowieso keine internationalen Flüge mehr geben würde. Das hätte die indische Regierung so verfügt. Von dieser Nachricht überwältigt, mussten wir erstmal diese Aussage versuchen zu verifizieren, denn wir dachten gleich an den UK-Guru und sein Gerücht, dass die Bundesstaaten ihre Grenzen innerhalb des Landes dicht gemacht hätten. Tatsächlich fand ich einen Zeitungsartikel, der gerade mal ein paar Minuten alt war, der diese für Sonntag angekündigte Sperrung bestätigte. Nun musste alles ganz schnell gehen. Wir suchten den nächsten passenden Flug von Goa nach Delhi über skyscanner.com raus. Allzu knapp durften wir nicht kalkulieren. Wir waren zwar nur 42 Kilometer vom Flughafen entfernt – dafür mussten wir aber zwei Stunden Taxifahrt einrechnen. Außerdem war es angebracht, das zu erwartende Chaos am Flughafen einzuplanen – zwei Stunden sollten dafür passen. Außerdem gibt es in Indien sehr gute und „gute“ Airlines. Wir hatten keine Lust, auf „gute“ Airlines. Es war 9.15 Uhr – der nächste erreichbare Flug mit einer sehr guten Airline sollte um 14.30 Uhr gehen. Das war zu schaffen. Packen in ein paar Minuten, den Flug buchen und auch schon den Flug Delhi – Paris, der abends gehen sollte und für uns noch verfügbar war.

Tatsächlich sind wir um 10.30 Uhr losgefahren. Der Fahrer fing auf einmal an zu Husten. „Physical Distancing“ im Taxi war nicht möglich. In Indien rannten jeden Tag mehr Menschen mit Mundschutz durch die Gegend. Gefühlt aber nur diejnigen, die nicht husteten. Fast zwei Stunden die Luft anzuhalten geht natürlich nicht wirklich. Augen zu (statt Mund zu) und durch. Am Flughafen angekommen, hatte ich mir in der Hektik nur eines von beiden Tickets als PDF aufs Handy gespeichert. Also kam nur einer von uns in den Flughafen hinein. Indien ist eines der Länder, das auch in normalen Zeiten seine Flughäfen absperrt, damit Unbefugte (Terroisten) erst gar nicht ins Terminal gelangen, um Schaden anzurichten. Zum Glück hatte ich mit unserem indischen Telefon bereits im Taxi online eingecheckt. So konnte ich schnell im Flughafen beide Bordkarten am Automaten ausdrucken und wieder raus rennen, um zu beweisen, dass wir beide ein Ticket nach Delhi hatten. Wir durften sofort in den Flughafen hinein.

Dann standen wir vor einer ewigen Schlange schwitzender Menschen. Ich pirschte mich an der Schlange vorbei und checkte, wohin diese überhaupt führte…zu einer „guten“ Airline. Weiter hinten im Terminal befanden sich die Check-in-Schalter unserer sehr guten Airline…keine Schlange. Wir konnten sofort unser Gepäck abgeben. „Physical Distancing“ hat diesmal funktioniert. Weiter zur Sicherheitskontrolle…

Auf „rueckholprogramm.de“ können sich gestrandete Deutsche registrieren, um ggf. ausgeflogen zu werden.

Hier wurde zwischen Weiblein und Männlein getrennt. Die Männerschlange war ziemlich lang und es war dort Usus, erstmal sein Handgepäck aufs Band zu legen und sich dann in die Schlange zu stellen. Zum ersten Mal hatte ich etwas Sorge um den Dienstlaptop, den ich mitschleppte – schließlich war ich bereits vor unserer Abreise auf die Idee gekommen, dass womöglich der Flugverkehr eingestellt werden würde und ich dann aus dem Hotel, wo auch immer, hätte arbeiten können.

Zwei Meter Abstand in der Schlange war natürlich wieder mal ein Träumchen – zwei Zentimeter waren die Realität. Aber wenigstens habe ich hinter der Kontrolle meinen Laptop wieder bekommen. Noch eine Stunde bis zum Abflug. Wir nahmen auf einem der vielen leeren Sitze in der Abflughalle des Flughafens in Goa Platz. Ein paar Sekunden später setzte sich sofort ein Herr neben uns. Arrg…. „Physical Distancing“ funktioniert so nicht wirklich. Also „Reise nach Jerusalem“ gespielt und umgezogen – diesmal auf einen Platz am Ende einer Sitzreihe – so hatte wenigstens einer von uns „Physical Distancing“ durchziehen können. Beim Blick aufs Handy ist mir dieses fast aus der Hand gefallen. Der Flug Paris – Delhi wurde inzwischen gestrichen. Plan A nach Bangalore hatten wir aufgeben, da Plan B nach Delhi zu reisen, besser erschien. Jetzt war die Maschine, die uns von Delhi nach Paris bringen sollte, ab Paris gestrichen worden…

Am Freitagmorgen hatte das Auswärtige Amt seine Sicherheitshinweise bezüglich eines Flugstopps für den kommenden Sonntag nicht aktualisiert. Wir hatten also immer noch daran geglaubt, dass es sich vielleicht um Fake News gehandelt hatte. Doch so „fake“ war das wohl alles nicht. Denn plötzlich hatte uns das Auswärtige Amt per E-Mail eingeladen, uns auf ihrer eigens neu kreierten Rückholprogramm-Seite „Rueckholprogramm.de“ zu registrieren. Die Registrierung nahmen wir noch im Taxi auf der Fahrt zum Flughafen vor und jetzt wo der Flug von Paris nach Delhi gestrichen war…

Auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen, Goa!

Während des zweistündigen Flugs nach Delhi spielten wir alle Varianten durch, die es noch gab. Das Problem: Flüge von Delhi nach Deutschland auf einer Umsteigeverbindung mit zwei unterschiedlichen Airlines bargen die Gefahr, am Transitflughafen zu stranden. Die Emirate hatten bis Freitag noch gar keine Einreisebeschränkungen erlassen – es war aber nur eine Frage von Stunden, bis diese kommen sollte. Wir waren da sehr misstrauisch. In Dubai zu stranden wäre wesentlich kostspieliger gewesen, als in Delhi zu verharren. Gleichzeitig waren tatsächlich am Freitag die Preise für Flüge via Dubai nach Deutschland dermaßen teuer geworden, dass das den finanziellen Spielraum von fast jedem Reisenden überstieg. Es gab noch eine Variante via Kiew in der Ukraine, doch die Ukraine ließ keine Deutschen mehr ins Land. Dadurch dass der Flug von Kiew nach Frankfurt mit einer anderen Airline als der Flug von Delhi nach Kiew stattfand, war die Gefahr groß, dass unser Gepäck in Kiew landen und wir damit in der Falle sitzen würden.

Der Vorteil von Uniformen ist der, dass man von ihr auf den Arbeitgeber schließen kann. Ich sah in der Ankunftshalle eine Dame mit blauer Uniform und sprach sie an, ob sie für die Airline arbeiten würde, mit der wir heute eigentlich nach Paris fliegen wollten. Sie bejahte es und auf meine Frage, ob denn der Flug von Delhi nach Paris heute Nacht tatsächlich gestrichen sei, war sie vollkommen überrascht und sagte, nein, der Flug würde planmäßig starten. Ich hatte einfach den Fehler gemacht und angenommen, wenn der Flug von Paris nach Delhi gestrichen sei, dass auch der Rückflug nicht durchgeführt werden würde. Da Indien allerdings schon vor dem 22. März möglichst keine Menschen mehr ins Land lassen wollte, wurde der Flug nach Delhi tatsächlich für Passagiere gestrichen und die Maschine als „Evakuierungsflug“ leer hierher geschickt. Gleiches wäre übrigens auch beim Flug ab Bangalore der Fall gewesen – nur wäre dieser Flug erst am Sonntag Morgen geflogen, womöglich zu spät, da ja ab dem 22. März keine internationalen Flüge durchgeführt werden durften.

„Physical Distancing“-Schilder in Paris-CDG

Es fiel uns ein riesen Stein vom Herzen und tatsächlich schafften wir es nach Paris – und auch noch pünktlich. Der Flughafen Charles de Gaulle war morgens um 6 Uhr wie ausgestorben, obwohl zu dieser Zeit normalerweise Flugzeuge aus der ganzen Welt ankommen. Um 7.25 Uhr ging unser Flug nach Frankfurt. Nach der Landung auf dem Rhein-Main-Flughafen, musste unser Flugzeug auf einer Außenposition parken, obwohl so viele Flüge gestrichen waren. Die 50 Passagiere wurden in zwei Busse gestopft. Wer jetzt noch über das vermeintlich nicht mögliche „Physical Distancing“ in Indien lächelt oder sich beschwert, solle sich das hier mal auf der Zunge vergehen lassen. Am hessischen Tor zur Welt bekommt es der Flughafen nicht hin, mehr Busse einzusetzen, damit die Passagiere nicht dicht gedrängt wie in der Legebatterie zum Terminal gefahren werden müssen – obwohl wir aus einem Coronoa-Hochrisikogebiet wie Frankreich kommen. Gleichzeitig wurden Flugzeuge von Deutschlands größter Fluggesellschaft am Terminal 2 geparkt – obwohl diese normalerweise in Terminal 1 beheimatet ist. Die Fahrt zurück nach Mainz hingegen war angenehm. Die S-Bahn pünktlich und leer und „Physical Distancing“ problemlos möglich.

Zurück in Mainz wollten wir uns vom Rückholprogramm des Auswärtigen Ams abmelden. Doch das ging leider nicht. Stattdessen werde ich nun täglich von Delhi aus angerufen. Bisher habe ich jeden Anruf leider verpasst. Es ist aber ein verdammt gutes Gefühl zu wissen, dass Dich die deutsche Botschaft nicht im Stich lässt und Dich versucht nach Hause zu holen, Dir Hotellinks schickt und Dich virtuell wunderbar betreut. An dieser Stelle auch nochmals ein großes Dankeschön an das Auswärtige Amt und seine diplomatischen Vertretungen. Seit vergangenen Mittwoch erklärt der Deutsche Botschafter in Indien per täglicher Videobotschaft genau, was wir Landsleute machen sollen, was gerade in Indien passiert und wann der erste Flieger gehen soll. Er ist für Mittwoch Abend den 25. März geplant…ab Delhi mit 500 Leuten an Bord eines Airbus A380! Plan B hätte auch als Plan B2 funktioniert. Glück gehabt!

Leere S-Bahn auf dem Weg vom Frankfurter Flughafen zum Mainzer Hbf.

Nachtrag: Der internationale Luftverkehr ab/nach Indien wurde tatsächlich am 22. März eingestellt. Es wurde für den 22. März eine freiwillige Ausgangssperre landesweit verhängt. Seit dem 23. März ist es praktisch unmöglich, zwischen zwei Bundesstaaten per Zug oder Taxi zu reisen – der UK-Guru hatte mit etwas Zeitverzögerung doch noch Recht behalten. Der innerindische Luftverkehr wurde am Ende des 24. März gestoppt. Die Deutsche Botschaft hat ihren Landsleuten ein „Laisser Passer“ Dokument (Passierscheine) ausgestellt, das rein theoretisch die Möglichkeit bietet, noch nach Delhi zu gelangen. Ob dies tatsächlich noch funktioniert, darf bezweifelt werden.

Fazit: Das Reisen ist mit Hilfe des Internet tatsächlich leichter geworden – vielleicht zu leicht. Es bleibt wichtig, jede Reise, aber insbesondere Reisen außerhalb Europas gut zu planen. Das fängt bei der Gesundheitsvorsorge an (Impfungen, Reiseapotheke), geht über das Lesen von Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts hin bis zur Information über das Tagesgeschehen in den lokalen Medien und auf den Seiten der Behörden vor Ort und durch Kontakt mit den Einheimischen. Oftmals sprechen viele Backpacker ja davon, dass sie Reisende und keine Touristen seien. Wenn man auf der einen Seite Touristen mit Pauschaltouristen gleichsetzt, die durch einen Tour Guide alles organisiert bekommen, und man selbst andererseits als Individualtourist sich als Reisender sieht, dann sollte man auch in solchen Krisenzeiten, möglichst alles selbst organisieren und sich nicht per WhatsApp beim Stern beschweren, dass niemand einem direkt unter die Arme greift oder sich darauf verlassen, dass einem die Deutsche Botschaft am Ende den Hintern rettet. Denn ansonsten wirkt dieses sich von Touristen unterscheiden wollen leider nur selbstverliebt und vollkommen abgehoben.