Indien 2008

Guten Tag aus Shimla,  

nachdem ja schon einige von Euch beunruhigt waren, da sie keine Mails mehr von mir aus fremden Ländern bekommen, melde ich mich heute mal wieder aus dem sonnigen Shimla, im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Wie der Name Himachal vielleicht schon vermuten lässt, ist die Verbindung zum Wort Himalaja nicht allzu weit und exakt in diesem Gebirge halten wir, Valentina und ich, uns gerade auf. Eigentlich ist die Distanz Delhi – Shimla nicht gerade weit aber in den vergangenen Reisetagen schien auch die geringste Distanz eigentlich schon unüberwindbar. Doch dazu später mehr…

Angefangen hatte die Reise schon mit einem Schock: Dem exzellenten indischen Mobilfunknetz sei Dank, dass ich nach der Landung in Delhi bereits eine SMS von meiner Schwester erhielt, die mir mitteilte, dass sich ca. 4 Stunden vor unserer Ankunft fünf Bombenanschläge im Zentrum Delhis ereignet hatten. War bei meiner letzten Landung in Indien vor 5 Jahren der Kulturschock von Burma nach Indien gewaltig, war es nun natürlich der Schock, gerade einem Anschlag vielleicht entgangen zu sein – alles in allem ein etwas bedrückender Empfang in unserem Gastland. Gingen mir beim letzten Mal in Indien die Leute sofort auf den Keks, da sie für alles Bakshish wollten, so kann ich bis heute noch von den Indern schwärmen. So viel Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit uns gegenüber macht diese Reise wirklich zu einem Vergnügen und die Terroranschläge waren bereits am nächsten Tag von den positiven Eindrücken durch die Menschen hier in den Hintergrund gerückt. Aber natürlich verbrachten wir eine eher unruhige Nacht außerhalb der Innenstadt Delhis in einem Viertel von Exil-Tibetern. Dort kamen wir weit nach Mitternacht an, und es war eigentlich alles dunkel und geschlossen, so dass wir dem einzigen Lichtschein nachgingen, und in einem Wohnhaus landeten. Aber ein freundlicher Tibeter kam gerade die Treppe hinunter und fand für uns sofort ein Hotel in einem dunklen, ruhigen Gassengewirr.

Schnellste Verbindung in der Stadt: die Auto-Rikscha
Schnellste Verbindung in der Stadt: die Auto-Rikscha

Natürlich wollten wir am nächsten Tag so schnell wie möglich die Hauptstadt verlassen. Mit einer Auto-Rikscha, einem thailändischen Tuktuk ähnlich nur wesentlich kleiner, ging es mit zwei riesigen Rucksäcken voll gepackt dem Busbahnhof entgegen. Den Busbahnhof von Delhi stellte ich mir eigentlich chaotisch vor, doch alles hatte seine Ordnung. Getrennt nach Orten gab es Abfahrtpiers und da Valentina Hindi lesen kann, fanden wir bald den richtigen Bus und brausten sogleich aus der Stadt davon und bei uns stellte sich endgültig wieder ein gewisses Sicherheitsgefühl ein, da wir nicht damit rechneten, dass es in Kleinstädten oder im Himalaja solche Art von Anschlägen, von Moslemextremisten verübt, geben wird. Und dass der Bus nach einem Fahrplan abfuhr, nicht voll war, verwunderte mich ein weiteres Mal über das ‚Incredible India‘. Die kleine Pilgerstadt Kurukshetra war unser erstes Ziel und es stellte sich als ein sehr erholsamer Ort heraus. Wahrscheinlich verirren sich recht selten Touristen in diese Stadt, die grob gesagt zwischen Delhi und den Ausläufern des Himalajas liegt. Wir wurden von vielen Leuten neugierig angeguckt aber nicht angegafft, nicht angequatscht und das in Touristenzielen übliche „you need Hotel“ Angelaber blieb auch aus. Es gab ein relativ teures Hotel, das uns nicht so lag, und plötzlich stoppte die Polizei neben uns. Nach einem Hotel gefragt, schlugen sie nach diesem teuren Hotel ein Pilgerhotel neben einem Hindutempel vor, da wir nur eine Nacht bleiben wollten. Diese Hotels sind sehr preiswert und eigentlich für Pilger reserviert, aber die Polizei erteilte uns sozusagen ihren Segen, dieses zu nutzen. Aber Indien wäre ja nicht Indien, wenn jetzt alles klappen würde. Wir warteten im Innenhof etwa eine Stunde auf den Rezeptionist, der aber irgendwie abhanden gekommen war. Auch andere Pilger warteten vergeblich und so gingen wir wieder auf die Strasse um sogleich dann doch angesprochen zu werden. Normalerweise sind Hotelschlepper lästig, da sie vom Hoteleigentümer eine Kommission erhalten, doch hier war die Welt noch in Ordnung. Die beiden fuhren uns mit ihrer Auto-Rikscha zu einem anderen netten Pilgerhotel und wollten keine einzige Rupie für ihren Service! Incredible India!

Für Liebhaber der indischen Küche: Snack-Stände in Shimla
Für Liebhaber der indischen Küche: Snack-Stände in Shimla

Danach ging es zum Futtern in die Stadt. Inder sind Snack-Liebhaber und so nahmen wir zum Aperitif Panipuri ein. Das sind dünne frittierte hohle Bällchen, in die Kichererbsen und Chiliwasser reinkommen. Man erhält einen Teller und dann gibt es Panipuri um Panipuri bis man voll ist. Bei uns war nach einem Dutzend Schluss und hier wurden wir dann doch ein wenig abgezockt. Dies bekam ein Passant mit. Wir lachten eher über den Vorfall, dass wir um ca. 20 Euro-Cent „beschissen“ wurden, doch nun tuckerten wieder unsere Polizisten vorbei, die eigentlich fragen wollten, ob wir gut im Hotel angekommen sind. Der Passant petzte nun bei den Cops und diese nahmen sich den Panipuri-Verkäufer vor und wir erhielten sofort unser Geld zurück, das wir gar nicht wollten. Doch alles Beschwichtigen half nichts… wir bekamen die 20 Cent wieder, basta! Incredible India!

Kühe sind in Indien omipräsent: Kurukshetra, Haryana
Kühe sind in Indien omipräsent: Kurukshetra, Haryana

Es war herrlich in dieser Stadt an den künstlich angelegten Seen zu spazieren. Nur die Hitze machte uns ein wenig zu schaffen, zumal es in der Nacht gefühlte 100 Stromausfälle gab, in der der Ventilator natürlich seinen Geist aufgab und die Luft genauso zu stehen schien, wie die Blätter des Ventilators. Am nächsten Tag ging es dann in die Berge. Zunächst mussten wir die Busstation im Gassengewirr finden. Dazu eignet sich immer ein Rikscha- Fahrer der uns bereitwillig mit all unserem Gepäck zum gewünschten Ziel fuhr. Über Chandigarh ging es dann mit dem Bus von ca. 300 m auf 2.200 m nach Shimla. Dass Indien ein Verkehrs- und vor allem ein Abgasproblem hat, konnten wir am Beginn der Fahrt feststellen, da sich alles den Berg hinauf drängte. Hupende Busse, hupende Auto-Rikschas, hupende LKW, die mit ihrem Schneckentempo alles verstopften. Nach ca. 4 Stunden (!) hatten wir die ca. 100 km bergauf zurückgelegt und kamen in der wunderbaren Sommerfrische Shimla an. Die Stadt gewann durch die Engländer Bedeutung, die das unbedeutende Dorf im 19. Jhdt. zur Sommerhauptstadt von Indien machten, da es hier kühl und angenehm war, während die damalige Hauptstadt Calcutta in der Sommerschwüle, den Engländern naturgemäß überhaupt nicht behagte.

Shimla, Himachal Pradesh
Shimla, Himachal Pradesh

Nach einem Erholungstag in Shimla, das sogar eine Verkehrsberuhigte Innenstadt besitzt, in der es sich vom Chaos des Tieflands wunderbar erholen lässt, ging es am nächsten Tag wieder mit dem Bus weiter in Richtung Himalaja. Dementsprechend wurde die Busfahrt einerseits zu einer Panaromatour auf Serpentinenstrassen, andererseits zu einem Schneckenrennen mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von ca. 15 km/h. Nach einem anstrengenden Fahrtag hatten wir ca. 160 km zurückgelegt, aber auch ca. 1.400 Höhenmeter nach oben und 1.700 nach unten, um im Pilgerdorf Sarahan hoch über einem Flusstal anzukommen. Es war bereits dunkel und das einzige was wir erkennen konnten, waren zwei riesige Holztürme, innen beleuchtet, die zum Tempelkomplex des ansonsten unbeleuchteten Dorfes gehörten. In ohrenbetäubender Lautstärke wurde für ca. eine halbe Stunde das gesamte Tal mit Mantra-Musik beschallt. Ich fühlte mich wirklich in eine andere Welt versetzt und musste mal wieder feststellen: Incredible India!

Sarahan, Himachal Pradesh
Sarahan, Himachal Pradesh

Morgens sahen wir dann den Tempel im Tageslicht, das leider durch die Wolkenteppiche ein wenig diffus wirkte aber irgendwie den Tempel in einer mystischen Atmosphäre tauchte. Ganz profan ging es auf dem daneben liegenden Bolzplatz ab, da dort eine Art Bundesjugendspiele vom gesamten Distrikt stattfanden. Statt Fußball waren hier Mannschaftssportarten angesagt, die ich überhaupt nicht kannte. Die Kids hatten beim Spielen ihren Spaß genauso wie beim Photographieren mit meiner Digitalkamera. Nachmittags konnten wir dann natürlich die Tea Time wunderbar mit einer Aussicht auf die in den Wolken sich befindende Gebirgskette beschließen. Und es fang zu regnen an! Am nächsten Tag wollten wir eigentlich dem indisch-tibetanischen Grenzverlauf folgen. Die gesamte Reise faszinierten uns bereits die Menschen, die teilweise bereits dem tibetanischen Volk angehörten, was sich auch kulinarisch zeigte, da es bereits Momos (eine Art Maultaschen) und Tupka (deftige Suppe) gab. Und nun sollte es eigentlich in der Region Kinnaur und Spiti so richtig tibetanisch, buddhistisch werden.

Sarahan, Himachal Pradesh
Sarahan, Himachal Pradesh

Doch in Indien sollte man lieber keine Pläne machen. Dieses Mal war es allerdings Mutter Natur, die unsere Reise beeinflusste. Es regnete bereits fast 24 Stunden am Stück recht heftig, so dass wir uns entschlossen wieder in Richtung Shimla zurückzukehren. Schließlich war es einfach auch saukalt, feucht und die Klamotten bereits sehr klamm. Dass diese Entscheidung richtig war erfuhren wir erst heute in Shimla, da wir hier erst wieder in die Medien schauen konnten. Die anstrengende Rückfahrt im Dauerregen unterbrachen wir im 2.700 m hoch gelegenen Narkanda, wo man als indischer Jet-Setter im Winter sogar Ski fährt! So gab es hier leckeres Essen, ein snobbiges Hotel, das auch billige Fensterlose Zimmer für klamme Backpacker aus Deutschland hat und eine unfreiwillige verlängerte Pause…denn es regnete einfach die ganze Nacht weiter! Morgens wollten wir eigentlich weiter nach Shimla, doch es hieß nur noch Road Closed. In der Nacht entwurzelte der Regen viele Bäume, Felsbrocken blockierten die Strasse und Erdrutsche taten ihr übriges, dass wir zwischenzeitlich h von der Außenwelt abgeschnitten waren. Also blieb uns nix anderes übrig als das leckere Essen zu genießen und zu warten. Einen Tee, einen Kaffee, ein Frühstück und ein ausgiebiges Mittagessen weiter, hatten wir mal wieder Glück. Ein Jeep hielt an und fragte, wohin wir wollten, da wir zwischen dem Essen immer die autofreie Strasse im Regen entlang spazierten. Für viele Rupien schlug sich dieser Jeep nach rund 8 Stunden Warten nun seinen Weg über die 2 Tage zuvor noch einigermaßen gute Strasse nach Shimla durch. Mit Handsägen räumten die Inder die Bäume aus dem Weg, Felsbrocken waren zum Glück auch schon weg, so dass wir nun wieder in Shimla hocken und den blauen Himmel und den Sonntagnachmittag in dieser Sommerfrische genießen.

Laos 2006 letzter Teil

Sabaidi,

es blieb die Frage offen, ob eine laotische Pedale an ein deutsches Fahrrad dranzuschrauben ist. Die Antwort lautet: Ja! So radelte ich dieletzten 42 km mit dieser klappernden 1,75-Euro-Plastik-Pedale nach Luang Prabang, der alten Hauptstadt des Lao Königreichs mit dem gleichen Namen.

Die Stadt machte sofort einen sehr angenehmen Eindruck auf mich. Übersetzt heißt die 25.000 Einwohner Metropole „Großes Prabang“ oder „Königliches Prabang“. Prabang ist eine Buddha-Statue, die angeblich im 1. Jh. n. Chr. in Sri Lanka geschaffen wurde und 1512 vom damaligen Lao-König als Geschenk des Khmer-Königs (heutiges Kambodscha) angenommen wurde. Der Prabang wurde 2-mal von den Thais geklaut und jedes Mal wieder zurückgegeben und ist so etwas wie ein nationales Heiligtum für die Laoten. Heute kann man ihn im königlichen Palastmuseum bewundern. Dass der Palast nicht mehr seinem eigentlichen Zweck dient, sondern ein Museum ist, liegt an den heutigen kommunistischen Machthabern in Laos, die die Königsfamilie zwei Jahre nachdem Laos 1975 unter Hammer und Sichel gefallen war, in eine Höhle in Nordost-Laos sperrten, wo diese, nach und nach bis 1981 aufgrund mangelhafter Ernährung und medizinischer Versorgung, starben.

Der einstöckige Palast wurde 1904 von den Franzosen in relativ schlichtem Kolonialstil erbaut, nachdem der König von Luang Prabang einem französischem Protektorat zustimmte, um nicht von den Thais kolonialisiert zu werden. Interessantestes Zimmer war sicherlich das Empfangszimmer des Sekretärs, in dem sich Geschenke der befreundeten Staaten befinden. Die Amis schenkten bspw. ein Modell von Apollo 11, die die laotische Fahne mit auf den Mond nahm. Nun liegen im Museum neben dieser Fahne auch Steinchen vom Mond in einer Vitrine.

Grundsätzlich gibt es in Luang Prabangs Altstadt nur zwei Gebäudetypen: Kolonialhäuser, von 1900 bis 1940 erbaut, und Wats (Tempel), die bis zu 500 Jahre alt sind. Zwischen den Gebäuden stehen riesige, schattenspendende, knorrige Bäume, hunderte Blumentöpfe aus denen kunterbunte Blüten raus schauen, und die Stadt, auf einer Halbinsel angelegt, ist zu drei Seiten von den Flüssen Mekong und Nam Khan umgeben. In der Stadt dominieren die Farben gold, orange und weiß. Die Außenfassaden der Wats sind fast alle mit Blattgold verziert und leuchten in der Sonne einzigartig schön. Die vielen Mönche – in einem kommunistischen Land – sind mit ihren orange farbenen Umhängen omni präsent. Die weißen Kolonialgebäude leuchten so wie am ersten Tag und laden mit ihren Terrassen und Balkons zum Verschnaufen und zum Genießen eines Café au lait mit Croissants ein.

Schließlich finden auch nach Luang Prabang viele Touristen, um diese Stadt kennen zu lernen. Allerdings dominieren Fremde anders als in Vang Vieng nicht das Stadtbild. Jedes zweite Kolonialhaus ist zwar ein Gasthaus, Restaurant oder ein Andenkenladen – aber auch Laoten gehen in die Restaurants und es gibt noch genügend gewöhnliche Geschäfte. TV-Bars finde ich glücklicherweise hingegen überhaupt nicht. Die Stadt wird von allen Arten des Typs Homo Sapiens Touristicus geliebt, denn die Trolley- und High Heels-Generation ist genauso vertreten wie die Backpack- und Badelatschen-Fraktion. Für alle gibt es Frozen Cappuccino und Zimt Bagel mit Sauercreme allerdings auch Wasserkressensalat und Laarp (Hackfleischsalat) andere laotische Spezialitäten.

Die Stadt ist sehr ursprünglich geblieben. D. h. sie ist sehr ruhig und die Menschen leben gelassen ihren Alltag, obwohl sie seit 1995 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Andere Plätze wie Macchu Picchu, das Taj Mahal oder Angkor Wat nahmen diese Ernennung zum Anlass gerade die Eintrittspreise in etwa die gleiche Höhe zu treiben, in die es die laotische Fahne aus dem königlichen Palastmuseum mit Apolle 11 geschafft hat. Der Eintrittspreis für ein Wat liegt bei maximal 20.000 Kip also ca.1,75 Euro und viele Wats sind gratis zugänglich. Beim Geschäftemachen zeigt sich sowieso ein sehr angenehmer Wesenszug der Laoten: Sie sind nie auf den ultimativen Business aus. In nahezu allen anderen Ländern unserer Erde werden wir doch als Touristen tagein tagaus von Geschäftemachern angequatscht: Buy Postcard, take Rickshaw, come to my shop, just looking, very cheap etc. etc. Laoten lassen uns grundsätzlich in Ruhe. Selbst beim Bezahlen des Eintrittspreises muss ich oft suchen, um den Ticketverkäufer überhaupt zu finden, da dieser im Schatten unter einem Baum ruht.

Auch bei allen anderen Dienstleistungen ist dies so. Stehe ich vor einem Hotel, rennt niemand raus und schreit „Have rooms – very good – cheap price“. Ich stelle in aller Ruhe mein Rad ab, ziehe die Schuhe vor der Türschwelle aus, trete ein und frage, ob ein Zimmer frei ist. Genauso hängt praktisch niemand vor den Restaurants herum und hält den vorbeiziehenden Passanten, die Speisekarte direkt unter die Nase. Manches Mal hängt die Speisekarte draußen und man kann in aller Ruhe einen Blick darauf werfen und gegebenenfalls weiter gehen und es rennt niemand hinterher. Auch sonst muss ich erstmal fragen und mir wird mein „Wunsch“ nicht von den Augen abgelesen und ich bekomme kein Zeug angeboten, das ich gar nicht möchte. Selbst die Fahrer der dreirädrigen Tuk-Tuks, die als Taxi fungieren und noch zerbrechlicher als Thai-Tuk-Tuks aussehen, da sie tatsächlich aus einer Yamaha oder Honda zum Dreirad umgebaut wurden, selbst diese Gattung Mensch spricht mich praktisch nie an und wenn nur einmal und nicht im Kehrvers. Diesen praktisch nationalen Charakterzug finde ich sehr sehr sympathisch und macht meinen Aufenthalt noch angenehmer als er ohnehin bereits ist.

Dem gelassenen Lebensstil entsprechend, spielen viele Laoten auch am liebsten Pétanque (Boule oder Boccia). Das kann man in aller Ruhe genießen und man hat keinen Stress. Denn Stress bringt Laoten aus dem inneren Gleichgewicht. Fußball hingegen ist längst nicht so populär. Da spielen sie lieber Kataw, bei dem es sich um Volleyball mit Füßen und Kopf gespielt, handelt.

Auch der schönste Aufenthalt geht einmal zu Ende und so nahm ich eines morgens Abschied von dieser schönen Stadt, um den Mekong in zwei Tagesetappen flussaufwärts in Richtung thailändischer Grenze zu schippern. Das Rad wurde auf das Dach des Langboots gelegt und verzurrt. Das Boot, ca. 30 Meter lang und nahezu komplett aus Holz zusammengebaut, war relativ schmal. Autositze mit Kopfstützen waren in 4er-Reihen hintereinander auf dem Boden festgeschraubt und sorgten für einigermaßen angenehmen Sitzkomfort. Rund Zweidrittel der 30 Passagiere waren Touristen. Neben mir saß eine Laotin, die später in einem Strohhüttendorf mitten im Dschungel ausstieg. Auf der Fahrt machte sie mit ihrem Handy ständig Photos, die sie per MMS an Gott und die Welt verschickte. Irgendwie war das schon komisch, dass die Einheimischen mit den modernsten Kommunikationsmitteln ausgestattet sind und in so ursprünglichen Behausungen wie Strohhütten in Dörfern, die fernab von der nächsten Stadt liegen, leben.

Eigentlich sollte es um 8.30 Uhr auf die große Reise gehen, aber wie auch in vielen anderen Ländern üblich, war die Fahrzeit nur sinnloses Beiwerk, welches auf den Fahrschein gekritzelt wurde. Warum wir eine halbe Stunde noch am Ufer lagen und nicht losfuhren, obwohl niemand mehr zustieg, wurde mir erst am Ende des Tages bewusst. Der Fluss wechselte sein Gesicht relativ häufig zwischen weitem Strom und engem reißenden Bach, bei dem der Kapitän seine Navigationskünste zwischen den messerscharf emporragenden Felsen beweisen musste. Manchmal kam mir die Fahrt wie Rafting flussaufwärts vor – und das mit diesem langen, großem und nicht sehr wendigen Boot. Ab und zu wurde die relativ beschauliche Fahrt durch einen Mega-Lärmpegel gestört. Wie Raketen schossen die Schnellboote, mit bis zu 6 Passagieren beladen, an uns vorbei. Beim Anblick der Fahrgäste, die mit Sturzhelm und Schwimmweste, in die Boote reingequetscht waren, wollte ich trotz des schnellerem Fortkommens nicht tauschen. Während der 9-Stunden-Fahrt änderte sich die Landschaft kaum. Das Ufer bestand aus Sanddünen und ca. 3 bis 5 Meter oberhalb fanden sich in Dorfnähe kleine Äcker. Ansonsten nahm dominierte bis zum Horizont die üppige, dichte Vegetation aus Schlingpflanzen und Bäumen. Wir fuhren den ganzen Tag durch den Dschungel und kamen auf den ca. 150 Kilometern insgesamt an drei Dörfern vorbei. Mit dem letzten Licht erreichten wir das Tagesziel Pak Beng – das ätzendeste Dorf Südostasiens.

Meines Erachtens ist das ganze Dorf eine große Mafiafamilie. Die Boote in Luang Prabang legen extra so spät ab, um ja beim Eintreten der Dunkelheit erst an der „Anlegestelle“ anzukommen. Diese besteht aus einer sehr steilen Sanddüne. Natürlich gibt es keinen Weg, geschweige denn ein Treppe zum Dorf hinauf und beleuchtet ist die Stelle auch nicht. Dafür warten schon Dutzende von Trägern am Ufer auf die Touristen. Die Rucksäcke, die einer nach dem anderen wahllos in die Hände der Wartenden Touristen und Einheimischen gegeben werden, finden oft nur nach längerem Gezerre den Weg zum Eigentümer. Nun hat der Otto-Normal-Backpacker einen Rucksack, auf den er aufpassen muss. Ich hingegen hatte drei Taschen und ein Rad. Leider verschwand ein Touri nach dem anderen mit seinem Hab und Gut im Dünenhang und nachdem ich den anderen Fremden geholfen habe, ihre Rucksäcke zu erhalten, blieb ich alleine mit der frustrierten Trägermeute übrig. In diesem Moment habe ich mich leider immer noch in Südostasien und nicht in einem mafiösen Hafenkaff gefühlt. Ich nahm meine Gepäckstücke entgegen und schließlich kam auch noch das Rad vom Dach. Auf das Angebot, das Rad auf dem Dach die Nacht über zu lassen bin ich glücklicherweise nicht eingegangen. Ich schnallte zwei Taschen auf das Rad. Die dritte Tasche hätte zwar noch draufgepasst, wie sonst auch, aber ich hätte das Rad unmöglich die Düne hochschleppen können. So ließ ich meine Radtransporttasche am Boot und schleppte den Drahtesel die Düne empor.

Natürlich rutsche ich mit jedem Schritt wieder dreiviertel des gerade zurückgelegten Weges runter. Irgendwann habe ich eine flache Stelle gefunden, wo ich das Rad habe hinlegen können, um den Transportsack zu holen. Eigentlich sah es so aus, als ob die Meute abgezogen wäre. Ich kam unten am Boot an und der Sack war weg. Wie sinnlos ist es eigentlich, so einen Transportsack zu klauen? Ich kletterte sofort zum Rad wieder hinauf, wo inzwischen auch der erste Packsack fehlte. Klasse, was können die Träger oder wer auch immer mit so etwas anfangen? Im geklauten Sack waren Erste-Hilfe-Sachen, alles belichteten Dia-Filme, Fahrradwerkzeug für ca. 100 EUR, ein Kulturbeutel, eine Hose und ein Shirt, sowie der Thailand-Reiseführer und das Aufladegerät für das Handy.

Nur noch leicht bepackt fand ich dann mit allerletzter Mühe noch eine Spelunke zum Übernachten, da natürlich alle Gasthäuser mittlerweile von den Anderen in Beschlag genommen wurden. Im Laden nebenan kaufte ich mir dann erstmal eine Zahnbürste, laotische Zahnpasta und Duschgel. Außer Gepäck zu klauen, bieten einem die Dorfbewohner auch zahlreiche illegale Kräuter zum Konsum an. Da fuhr ich nicht sonderlich drauf ab, aber ich bot den Leuten an, nach meiner Tasche zu „suchen“ und dafür 2.000 Baht (ca. 40 EUR) zu erhalten. 2.000 Baht ist für die Leute bei einem Monatslohn von höchstens 30 US-Dollar natürlich viel Geld und daher tat das halbe Dorf so, als suchte es meine Sachen. Mit 40 EUR „Lösegeld“ wäre ich auch prima aus dem Schneider gewesen – aber leider hat keiner einen Draht zu dem Klauenden gehabt, so dass ich am nächsten Tag dann doch ohne die beiden Gepäckstücke meine Reise fortsetzen musste.

Das Boot hatte dieselben Maße, wie am Vortag, doch die Bestuhlung war etwas rustikaler. Die Bänke sahen aus, als ob sie in einem Grundschul-Werkunterricht von nicht eben mit besonderer Gabe fürs Handwerk ausgestatteten Kindern gezimmert worden sind. Der mitteleuropäische Durchschnittshintern passte zu ca. 40 Prozent drauf und die Lehne wurde im 90-Grad-Winkel zum Sitz angebracht, so dass ich kerzengrade auf dieser knirschenden Bank ca. 1 Minute dieser 9-Stunden-Fahrt aushielt. Wie angenehm ist da eigentlich ein Fahrradsattel! Später zog ich entweder den Boden vor oder versuchte längs auf dieser Bank es irgendwie auszuhalten – denn es herrschte im Gegensatz zum Vortag gähnende Leere auf dem Kahn.

Beim Anblick der „neuen“ Kabinenausstattung ist etwa die Hälfte der Touris sofort wieder ausgestiegen und hat sich ein Schnellboot gemietet, um möglichst schnell die nächsten 150 km flussaufwärts zu kommen.

Kurz vor Sonnenuntergang – oh Wunder – erreichten wir Huay Xai nach einer relativ eintönigen Fahrt, die sich jeder Laos-Reisende ruhig sparen kann. In Huay Xai war anders als in Pak Beng keine Mafia am Werk, allerdings gab es auch eine betonierte Auffahrt zum Kaff und folglich auch keine Trägermeute, so dass kein Anlass bestand, im Dunkeln anzukommen. Da ich ja nur noch eine Radtasche hatte und somit genug Platz auf dem Gepäckträger, konnte ich nun wenigstens das gute Lao-Bier als Souvenir in ausreichender Zahl im Laden kaufen und als zweite Packtasche am Gepäckträger befestigen.

Eine buddhistische Weisheit sagt: Alles was schlecht scheint ist nicht total schlecht und alles was gut scheint ist nicht total gut! In diesemSinne sage ich also Prost 🙂

Am nächsten Morgen schipperte ich mit einer Nussschale und meinem Rad auf die andere Mekong-Seite, um wieder nach Thailand zurückzukehren. Die letzten Kilometer des Vortags konnte man gut den Unterschied zwischen Laos und Thailand erkennen, da das Westufer thailändisches das Ostufer laotisches Hoheitsgebiet war. Im Westen standen ultramoderne japanische Pick-ups – dem Thai sein Lieblingsspielzeug, da er in das Auto die ganze Familie hinten rein bekommt, seinen Kühlschrank ausfahren, Möbel bequem transportieren, ideal umziehen, das kaputte Motorrad zur Werkstatt und der Abt die Mönche eines ganzen Wats damit durch die Gegend kutschieren kann.

Im Osten gibt es oft noch gar keine Autos und wenn dann eher vom Typ TÜV-Plaketten-untauglich. Die Straßen waren im Westen durchweg asphaltiert – im Osten wurde gerade in Huay Xai die Straße erst asphaltiert und die Nationalstraße ist noch eine Staubpiste. Am Westufer entstehen Ressorts – am Ostufer existieren heruntergekommene Spelunken als Übernachtungsmöglichkeit.

Aber auch in Thailand musste ich beim Straßenverkehr immer konzentriert bei der Sache sein. Ein Mofafahrer überholte mich mit seinem Anhänger und auf einmal tat es einen Schlag, das rechte Rad des Anhängers suchte sich seine Freiheit und die Funken des metallenen Anhängers sprühten durch die Gegend, ehe der Fahrer anhielt, das Rad wie im schlechten Film ihn überholte und in die Büsche rollte. Die Straße war in gutem Zustand, aber leider für die PS-starken Motoren der Thais ausgelegt. Führten die Trassen in Laos auch immer bergauf bergab, waren Steigungen von 10 Prozent oder mehr wahrscheinlich aufgrund der schwachen Motorleistung der Vehikel eher selten zu meistern. In Thailand zogen die Bauingenieure ihre Routen durch die Hügel einfach direkt steil rauf und wieder runter, wie in einem Zeichentrickfilm. Das machte mir anfangs die letzte Etappe zur Qual, und ich bereute natürlich rasch, die Palette Lao Bier tags zuvor gekauft zu haben.

Polizei sah ich in Laos praktisch keine. Dafür zeigt diese in Thailand sogar in vielen Käffern Präsenz. Straßensperren sind an der Tagesordnung und auch ich als Rad fahrender Farang (Westler) musste anhalten. Der Kommissar fragte mich „Which country?“- „Germany“. „Which city?“ – „Mainz“ – „Häh?“ Daraufhin zeigt ich ihm mein Armbändchen auf dem „1. FSV Mainz 05“ stand und ich deutete auf das Wort „Mainz“. „Ah – Bundesliga!“ war daraufhin die Antwort des Kommissars und er setzte gleich die Frage „Good?“ hinterher. Ich, verblüfft von den Kenntnissen des Kommissars, der mitten in der Pampa im goldenen Dreieck saß, war relativ sprachlos – nicht nur wegen der aktuellen fußballerischen Taten der 05er und konnte nur „Well, äh, hm?!“ antworten. Dies schien aber als Antwort auszureichen und ich durfte weiterfahren.

Das goldene Dreieck bezeichnet das Drei-Länder-Eck Thailand-Myanmar-Laos und ist als Opiumanbaugebiet weltweit bekannt. Daher gibt es auch die vielen Polizeikontrollen auf thailändischer Seite, da hier keine Mohnfelder mehr existieren und kein Opium mehr hergestellt wird. Das wird mittlerweile hauptsächlich von Myanmar und z. T. von Laos übernommen. Nach den Taliban-Opium-Bauern in Afghanistan ist diese Region immer noch weltweit zweit wichtigster Exporteur dieses Rohstoffs aus dem Heroin hergestellt werden kann. Da ich nur Bier an Bord hatte, passierte ich alle Kontrollen problemlos und fuhr aufgrund des starken Verkehrs auf den Thaiways lieber auf guten Hinterlandstraßen meinem Ziel Chiang Rai entgegen.

Im Touristenbüro erhielt ich eine Karte, auf der sogar ein Fahrradladen eingezeichnet war. Während in Laos niemand mehr freiwillig sich auf das Velo schwingt, sind die Thais schon eine „Evolutionsstufe“ weiter und betreiben zumindest alibi-mäßig Radsport als Fitnessprogramm, damit man das „Farang Food“ (westliches Essen) wie Pizza verträgt. Schließlich ähneln manche Thai-Kids oft schon relativ dicken Buddhas mit kugelrunden Bäuchen.

Den Kids tut das Radeln sicherlich besser Fernsehen zu gucken – manchmal die Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 in diesem Land. Im Radladen angekommen, traute ich meinen Augen nicht, dass ich hier dieselben hochwertigen Werkzeuge wie in Deutschland bekam. So habe ich meinen Drahtesel mittlerweile für den Lufttransport entsprechend präpariert und hoffe, dass das Rad auch ohne Schutztasche heil in Frankfurt ankommen wird. Nach 818 Radelkilometern und 300 km Flussschifffahrt geht heute meine Tour zu Ende. Ich danke Euch fürs Lesen und für die netten Feedbacks, die Ihr mir gegeben habt. Gleichzeitig wünsche ich Euch noch ein paar hoffentlich stressfreie Adventstage.

Laos 2006 2. Teil

Sabaidi,

aus einer Hauptstadt hinaus zu radeln ist normalerweise recht einfach, da Verkehrsschilder in den meisten Ländern zu Straßen dazugehören, wie Glühweinstände zum Weihnachtsmarkt. Da hier aber Schilder so oft anzutreffen sind, wie Weihnachtsmärkte, also gar nicht, war das Radeln aus Vientiane hinaus wieder ein Vabanquespiel sondergleichen. Selbst am Straßennamen konnte ich mich nicht orientieren, da der große Boulevard namenlos war. Nach 13 km des Radelns auf gut Glück, tauchte endlich ein monströses Schild auf, und die Straße gabelte sich: nach Norden Richtung chinesischer Grenze (ca. 700 km) und nach Süden Richtung Kambodscha (ca. 1.100 km). Also grob kann man sich doch orientieren. Auf der Nationalstraße 10 gab es nun plötzlich sogar Kilometersteine in rot-weiß, wie auf den Fernstraßen Frankreichs – nur dass die Steine nach ca. 10 km ausgingen. Dafür hat jedes Kaff ein Dorfschild und jedes Bächlein einen Namen, auf den hingewiesen wird. An Kreuzungen hingegen gibt es erneut keinerlei Beschilderung, so dass ich mich mal wieder am Stand der Sonne ausrichten musste, um in die richtige Richtung voran zu kommen.

Dummerweise war es dieses Mal wolkenlos und die Temperatur im Schatten kletterte weit über die 30 Grad Marke. Nur radelte ich die ersten 80 km nie im Schatten und wurde folglich so richtig von der Sonne durchgebraten. Nach 35 km hatte ich endlich die endlosen Straßensiedlungen um Vientiane hinter mich gebracht, und ich war in der freien Natur angekommen. Diese bestand aus einer Ebene mit abgeernteten Reisfeldern in denen Wasserbüffel in den letzten verbliebenen Wasserlöchern der Hitze trotzten und gelbe Schmetterlinge den Weg kreuzten.

Reagierten innerhalb des Großraums Vientiane die Dorfbewohner auf meine Präsenz gar nicht, bekam ich nun das Gegenteil zu spüren. Überall rief es „Sabaidiiiiiiii!“ und oft wusste ich gar nicht woher die Stimme kam. Ein beliebtes Spiel der Kinder war das sich in Reih und Glied an den Fahrbandrand mit ausgestreckter Hand stellen und mich beim Vorbeifahren abzuklatschen. Einige Tage später beim steilen berghoch Fahren, musste ich manches Mal gute Miene zum anstrengenden Spiel machen, da es einhändig eindeutig anstrengender war, die steile Straße entlang zu radeln. Aber ich will ja kein Spielverderber sein.

Das schöne am Flachland in Indochina ist die Tatsache, dass ich weder Getränke noch Essen mitschleppen muss, da es im Durchschnitt alle 500 Meter einen Laden oder eine Kneipe gibt. Dem vietnamesischen Einfluss sei Dank, ist auch wieder Foe (vietn. Pho) erhältlich, die Nudelsuppe als absoluter Energiespender. In einem riesigen Suppenteller waren Reisnudeln, Bambussprossen, Frühlingszwiebeln und Rindfleisch bereits in der Basis-Version vorhanden. Dazu wurde ein riesiger Berg an Kräutern, rohen Bohnen und Salatblättern zur Selbstbedienung gereicht. Leider bestand das Fleisch zum Teil auch aus Innereien, aber glücklicherweise legte sich manches Mal ein Hund zu meinen Füßen und da ist mir doch das eine oder andere Mal „zufälligerweise“ das Stückchen Niere durch die Stäbchen auf den Boden gefallen. Das ist nicht weiter aufgefallen, da der vierbeinige Staubsauger sofort alles aufschleckte.

Während die Alten bereits mittags ihr Lao Beer mit Eiswürfeln im Glas kippten, nippte ich dann doch lieber an einer Limo. Bei diesen Backofen-Temperaturen um diese Uhrzeit Bier zu trinken ist mir dann doch des guten zuviel. Am Ende des Tages suchte sich die Straße durch das Hügelland natürlich immer die steilsten Stellen aus, und ich gab auf den Rechtsverkehr nichts mehr – ich orientierte mich lieber am Schatten, der mal links mal rechts auf der Straße zu finden war, um keinen Sonnestich zu bekommen. Da der Verkehr auf dieser Nationalstraße dem einer Kreisstraße im Taunus um Mitternacht entsprach, war diese Fahrweise auch nicht sonderlich gefährlich. Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich ein nettes Restaurant, in dem mir Fisch serviert wurde. Während ich auf das Essen wartete, überprüfte ich mit dem Ehemann der Wirtin seine Englisch-Hausaufgaben, denn gleich ging es in die Abendschule zum Fremdsprachenunterricht. Glücklicherweise sind wie in allen kommunistischen Ländern die große der Mehrheit der Bewohner des Lesens und Schreibens mächtig und somit konnte ich im Essensteil meines Sprachführers immer auf die wichtigen laotischen Wörter wie Nudelsuppe, Eier, Reis, Gemüse und so deuten, denn fließend Englisch spricht hier noch kaum jemand, vor allem natürlich nicht auf dem Land.

Den ganzen Tag war ich keinem Touristen begegnet und abends machte ich in einem Fischerdorf an einem Stausee Halt. Hier gab es eigentlich nichts touristisches außer der schönen Lage. Kein Internet, kein Telefonamt, keine Post und folglich auch keine Fremden. Am Dorfanfang war ein Ressort mit Bungalows erbaut, von deren Terrasse man direkt auf die kleinen Inselchen blicken konnte. Für wen dieses erbaut wurde, weiß ich nicht, denn ich war der einzige Gast des Ressorts. Während der Vollmond sich im See spiegelte war außer Grillengezirpe und dem Ventilator in meinem Zimmer nichts zu hören.

Was für ein Unterschied zu Vang Vieng, das ich am folgenden Tag erreichte, nachdem ich zahlreichen Kühen und ihrem Dung auf der Straße ausgewichen war. Die Stadt liegt idyllisch an einem Bach und auf der anderen Seite des Gewässers ragt ein Felsmassiv mehrere hundert Meter in die Höhe. Das eigentlich so ruhige Laos erinnerte mich nun eher an die Khao San Road in Bangkok (Touri-Hauptquartier in Bangkok), denn 80 Prozent der Leute, die auf der Straße sind, kommen aus allen Regionen dieser Erde nur nicht aus Laos. Nun weiß ich nicht, wie ich das ganze bewerten soll. Die Einheimischen profitieren natürlich von dem Geld, was in Vang Vieng gelassen wird und den Bach mit LKW-Schläuchen hinabzudüsen, Kajak zu fahren und sehr viel Lao Beer zu konsumieren, steht sicherlich nicht im Konflikt zu lokalen Gewohnheiten. Aber wenn wir Touristen alles in dieser Stadt dominieren, weiß ich nicht, ob das so prima ist – dies ist eine zweischneidige Sache wie ich finde. Schließlich gab es auch die ersten Kids die „Ha Pen?“ (engl. have pen?) riefen und manche Guides an den unzähligen Höhlen bettelten offen um mehr als die zuvor vereinbarte Gage.

Zahlreiche natürliche Pools laden in Vang Viengs Umgebung zum Baden oder Verweilen ein. Auf der Wiese finden sich riesige mannshohe Boxen aus denen Rockmusik dröhnt und wenige Meter nebenan blickt ein goldfarbener Buddha gütig und gelassen auf die abstruse Szenerie hinab. Also gegen Rumhängen und Rockmusik habe ich nichts einzuwenden – aber das ganze in Laos … ich weiß nicht. Ob das alles die Einheimischen stört oder nicht, wage ich nicht zu beurteilen. Aber irgendwie kam mir Vang Vieng wie eine Art Vergnügungspark für abhängende Rucksackreisende vor. Es ist zwar alles ganz nett aber bis auf die großartige Natur, könnte man das ganze auch einfach irgendwohin nach Australien, Europa oder Amerika transferieren.

In Vang Vieng gab es allerdings auch die Öko-Connection und deren Farm, die diese betreibt, verzichtet auf den Einsatz von Pestiziden. Vielmehr werden die Frauen der umliegenden Dörfern beim ökologischen Landbau unterstützt und die Produkte wie Maulbeer-Shake oder Hibiskus-Eistee schmeckten köstlich. Der Erlös, den die Farm erwirtschaftet, geht für den angeschafften Schulbus drauf, der 60 Kids in die Schule bringt. Wenn man dann auf der Farm sitzt und hinter der Mauer wieder LKW-Schläuche zum Bach hinunter zuckeln sieht, dann wird die Szenerie schon wieder ganz bizarr und komisch. Aber natürlich nehme ich auch die Annehmlichkeiten eines Touri-Hauptquartiers gerne in Anspruch, wie bspw. mal wieder Schokomuffins oder Kartoffeln zu essen, statt ständig Klebreis. Daher empfinde ich wirklich eine Hassliebe diesem Platz gegenüber.

Nachdem mich die TV-Bars genug genervt haben, da in diesen natürlich keine Bundesliga und schon gar kein Gladbach gegen Mainz, sondern das Derby Manchester United vs. Manchester City (3:1) mit dem Schönling Cristiano Ronaldo und dem Proll Wayne Rooney gezeigt wurde, setzte ich meine Fahrt gen Norden fort. Die nächsten 230 km wurden von einer Frage geprägt: Wo gibt es das nächste gut gelegene Gasthaus. Da die Strecke fortan durch das laotische Bergland führte, die Dörfer rarer wurden, nahm auch die Zahl der Übernachtungs- möglichkeiten rapide ab. Ich hatte keine Lust die Strecke in drei Etappen aufzuteilen, also entschied ich mich, am ersten Tag rund 1.500 Höhenmeter und ca. 100 Kilometer zurückzulegen. Eigentlich ist so eine Distanz in Deutschland kein Problem, in Südostasien hängt der Plan, so eine Strecke zu bewältigen, hauptsächlich vom Straßenzustand ab. Und Straßen haben in Laos so manches zu bieten:

Im Großen und Ganzen ist die Nationalstraße 13, auf der ich mich mittlerweile fortbewegte in gutem Zustand. Damit es mir aber nicht langweilig wurde, gestaltet sie sich mitunter auch als welliges Unterfangen, als raue Piste, die eher an einen Streuselkuchen erinnert, als löchriger schweizer Käsebelag und manches Mal war sie einfach weg, d. h. der Belag war verschwunden und dies meist in Kurven, natürlich dann wenn ich auf einer Abfahrt plötzlich schnellstmöglich in die Bremsen greifen musste, um nicht meine Felgen und Speichen zu ruinieren. In engen Serpentinen war auch schon mal Treppenfahren angesagt, da der Asphalte irgendwie stufenförmig aufgetragen wurde. Teile der Straße sackten von Zeit zu Zeit auch mal einen halben Meter ab. Schlaglöcher gab es selten aber wenn sie auftauchten, nahmen sie manchmal die Ausmaße der halben Straße in Beschlag. Die verschiedenen Zustände waren natürlich wie ein Supersparmenüs frei kombinierbar, sodass ich mich über Langeweile nicht beschweren kann. Am „schönsten“ war die Kombination wellig bis stufenförmig, rau und mit Schlagloch versetzt. Auch die Mutter Natur tat ihr übriges, damit sich der Straßenzustand öfter mal änderte. Es gab durch die massive Sonneneinstrahlung auch noch „flüssig“ im Angebot, sodass mir einmal beim Wiegetritt der Hinterreifen im zähen Teer durchdrehte. Schließlich durfte auch das Dressing „plattgefahrene Schlange“ im Angebot nicht fehlen.

Die besagte Bergetappe hatte ich durch den frühen Start um 7 Uhr morgens in Vang Vieng noch zeitig vor Sonnenuntergang hinter mich gebracht. Denn es war weniger eine Frage, ob ich die Distanz schaffe, als in wie viel Stunden. Da hier die Sonne um 17.30 Uhr hinter den Bergspitzen verschwindet, sehr schnell die stockfinstere Nacht hereinbricht und unbeleuchtete Bergstraßen des nachts in Laos entlang zu radeln nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, war ich über das Erreichen des Straßenkaffs Phu Khoun sehr erfreut. Den ganzen Tag sind mir sehr wenige Fahrzeuge begegnet und ich hatte die Natur und Stille fast für mich alleine. Leider wurde diese Ruhe durch ein zunehmendes Knirschen in der rechten Pedale gestört. Ich befürchtete mit der Zeit, dass die Kurbel sich eventuell vom Rahmen trennen möchte und war halbwegs erleichtert, als ich bemerkte, dass der Konus der Pedale lediglich freies Spiel gab. Ich konnte dieses Problem zwar nicht beheben, aber dass die Pedale kaputt geht wäre schlimm, fällt allerdings die Kurbel ab, würde dies womöglich das Tourende bedeuten.

Phu Khoun existiert lediglich aufgrund der Tatsache, dass sich hier zwei Nationalstraßen treffen. Das ehemalige Fort der Franzosen untermauert diese strategische Stellung auf 1.400 Metern Höhe irgendwo in der Einöde auf einem Bergkamm. Aber in Laos fahren gerade auf dem Land noch viele Menschen Fahrrad und so konnte ich mir vorsichtshalber in einem Laden für 20.000 Kip (1,75 Euro) ein Paar laotische Pedalen kaufen und danach in aller Ruhe zu Abend essen. Das Gasthaus war ein Déja-vu-Erlebnis, gab es doch keine Dusche sondern einen Mandi, den ich von Indonesien her noch bestens in Erinnerung hatte. Der Mandi ist ein riesiges Wasserbecken, in dem eine Schöpfkelle schwimmt. Mit dieser übergießt man sich, seift sich ein und übergießt sich ein zweites Mal und fertig ist das Duschen. Im heißen Indonesien war dies eine herrliche Abkühlung; im Bergland ein Erlebnis, auf das ich gerne verzichtet hätte, ich Warmduscher. Die Wände zwischen den Zimmern waren reine Placebos, denn man hörte die Stimmen der Nachbarn so als würden sie direkt neben meinem Bett plappern. Da half es nur noch, den Ventilator einzuschalten und ihn in eine Ecke blasen zu lassen, denn es war bereits sehr kalt. Aber das monotone Motorengeräusch übertönte das laotische Gute-Nacht-Gespräch im Nebenzimmer.

Am nächsten Morgen um sechs war noch alles dunkel, obwohl eigentlich der Sonnenaufgang auf meinem touristischen Programm stand. Nebel durchkreuzte diesen Plan. Ich kam mir ruckzuck ins spätherbstliche Deutschland versetzt, vielleicht sogar auf die Schwarzwald-Hochstraße. Denn die Nationalstraße 13 verläuft über rund 100 km auf rund 1.400 Metern allerdings nie flach sondern immer schön ein paar Kilometer kurvenreich steil bergab, und dann hinter einem zu überwindendem Gewässer sofort wieder in Schlangenlinien steil bergauf. Oftmals führte sie unmittelbar unter den Gipfeln wie die badische Touristenstraße entlang. Da die Gipfel aber mit weit über 2.000 Metern doch höher als der Schwarzwald waren, kam bei mir auch die Erinnerung an die peruanischen Anden bei Ayacucho auf. Die liegen allerdings auf 6.000 Metern.

Gebaut wurde die Straße Anfang des 20. Jahrhunderts von den Franzosen, um die alte laotische Hauptstadt Luang Prabang mit der neuen Hauptstadt Vientiane im Süden zu verbinden. In der geteerten Version ist sie erst seit 10 Jahren zu erleben und als sicher gilt sie erst seit ein, zwei Jahren. Denn wer sorgte in Laos wie in so vielen Ländern unserer Erde mal wieder für Ärger? Richtig, die Jungs aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Vietnamesen, diese allerdings als Nachbarn schon ein paar Jahrhunderte länger. Während bis 1975 in Vietnam ein offener Krieg stattfand, war Laos seit seiner Unabhängigkeit 1953 von Frankreich ein Spielball verschiedener Nationen. Auf der einen Seite die Amis mit den Thais, auf der anderen Seite die Vietnamesen und die Chinesen mischten auch noch mit.

Da Laos seit 1975 ein Einparteienstaat ist, der kommunistisch geprägt ist, dies aber nirgends offiziell geschrieben steht, und die Amis damals auf Kommunisten so allergisch reagierten wie zurzeit auf Taliban und Konsorten, unterstützten die Vereinigten Staaten Rebellen der Hochland-Minderheit vom Volk der Hmong, die vor hunderten von Jahren von China aus hierher zogen. Außer die Straße unsicher zu machen, bekamen die Rebellen nach 1975 nicht viel auf die Reihe, da sie mittels Napalm und Agent Orange (Giftgas) von der laotischen Regierung im Zaum gehalten wurden. Aber zumindest zwei Touristen sind bei solchen Gefechten auf dieser Straße noch 2004 ums Lebens gekommen. Wie tragisch ist das eigentlich, dass die USA einstmals Rebellen unterstützen, die später gegebenenfalls US-Touristen auf der Nationalstraße abknallen? Die Geister die sie riefen, werden sie nicht mehr los. Das erinnert ein wenig an Afghanistan und den Irak, leider.

Die Rebellen haben mittlerweile aufgegeben, die Regierung einen Hmong als Gouverneur der Region eingesetzt und die Straße gilt nun als sicher. All dies wird Laos sicherlich helfen, aus dem Geschäft mit den Touristen noch ein wenig mehr Profit zu schlagen, was auch den Privatleuten zu Gute kommt, denn seit 1990 ist auch hier die Wirtschaft peu à peu liberalisiert worden.

Nachdem sich der Nebel gelichtet hatte, bekam ich eine wunderbare Aussicht auf die Bergkulisse um mich herum. Das einzige was mich ein wenig weiterhin beunruhigte, war das Geknirsche an der Pedale. Alle paar Kilometer kam ich durch ein Dorf, das sich an die Straße praktisch drangeklebt hat. Es gibt keinerlei Quer- und Seitenstraßen. Die Häuser bestehen zumeist aus Stroh, haben alle Strom und oftmals eine Satellitenschüssel auf dem Dach, mit der man sogar BBC und manchmal Deutsche Welle TV empfangen kann. Wats (Tempel) suchte ich vergebens, da die Bewohner meist Animisten sind. Am Dorfbrunnen wird sich gebadet und gerade die Franzosen sind hier bei der Verbesserung der sanitären Zustände sehr aktiv. Im Dorfladen gab es immer Lao Bier, Erdnüsse und Bananenchips. Eier, Reis, Nudelsuppe aus der Tüte und guter Lao Kaffee war auch meist erhältlich. In einem Kaff gab es plötzlich auch Pringles und Lay Chips. Warum, wurde relativ schnell ersichtlich, da hier alle Busse zwischen Vientiane und Luang Prabang einen Stopp von 15 Minuten einlegen. Als Radfahrer errege ich ja schon bei den Einheimischen Verwunderung. Was müssen diese allerdings erst von den Hippies, geboren eine halbe Generation nach 1968 denken, die auf dem Dorfplatz auf einmal mit kleinen Fähnchen anfangen ihre Jonglierübungen für eine Viertelstunde zu veranstalten, bevor sie wieder in den Bus gepackt werden und in einer Staubwolke vom Dorfplatz verschwinden?

Kurz vor dem letzten Anstieg, 45 km vor Luang Prabang, hörte das Geknirsche auf und mir war klar, dass dies sicherlich keine Verbesserung der Lage mit sich bringen würde. Die nächsten drei Kilometer war es sehr still um mich. Natürlich beschwichtigte mich irgendwann mein Gefühl, und ich glaubte mal wieder, naiv wie ich eben bin, an ein technisches Wunder. Kurz nachdem dieser Glaube bei mir Einzug gehalten hatte, knirschte es ein letztes Mal und die Pedale klebte unter meinem Schuh aber nicht mehr am Konus der diese normalerweise mit der Kurbel verbindet. Weitertreten konnte ich nun nicht mehr und der Versuch, die Pedale auf den Konus wieder aufzusetzen scheiterte kläglich. Jetzt galt alle Theorie nicht mehr, die da sagt, dass Pedalen weltweit genormt sind. Wird die laotische Pedale passen? Wie die Geschichte weiter geht und was ich sonst noch so erlebe, erzähle ich Euch, wenn alles klappt, das nächste Mal.