Die leisen Töne werden lauter

Still und heimlich hat sich der 1. FSV Mainz 05 in der oberen Tabellenhälfte zurückgemeldet. In ihrer Fan-Kolumne blickt Felicitas Budde auf die Erfolgsfaktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben.

Der Auswärtssieg von Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim hatte seine Geschichten, die sich fast von selbst erzählen: die frühe Führung, ein wiedererstarkter Stürmer mit Doppelpack und Kinderkunst im Stutzen, die Rückkehr in die obere Tabellenhälfte. Mainz 05 back im Rampenlicht.

Und doch zeichnete sich dieses Spiel vor allem durch das aus, was nicht passiert ist: kein Einbruch unter Gegnerdruck, kein Kontrollverlust. Stattdessen gewinnt der 1. FSV Mainz 05 in Hoffenheim ein Spiel, das vor einigen Wochen wohl noch gekippt wäre – so wie gegen Union oder Köln.

Und genau das ist neu, denn Urs Fischer dreht die leisen Töne lauter. Waren unter Henriksen die Regler am Mischpult der Emotionen, des Ausdrucks und des unbändigen Willens auf Anschlag, so verleiht Fischer den ruhigen und leisen Zwischentönen Raum.

War Paul Nebel in den vergangen Spielen Lead-Gitarrist und Frontmann, so verrichtete er gegen Hoffenheim wieder die harte Arbeit im Maschinenraum, wo er Kaishu Sano Gesellschaft leistete, der wöchentlich die Fleißarbeit im Mittelfeld verrichtet. Nicht die große Geste, dafür großer Einsatz; nicht der Jubellauf nach Torerfolg, dafür Jubelstürme nach Zweikampf. Nicht wild und laut, sondern klar und zielstrebig. Auch Philipp Mwene steht dafür: nicht Tempo, sondern Timing. Wie bei seinen Flanken, die zum Torerfolg führten: Nicht blind geschlagen, sondern wohl überlegt gesetzt. Wenn Nadiem Amiri zurückkommt, wird sich der geniale Solist in ein funktionierendes Orchester eingliedern müssen. Weniger als erste Geige, sondern mehr als Metronom, als Taktgeber.

Henriksen hat die Stadt wachgeküsst, aber Urs Fischer ist kein Mann für Herzrasen – sondern Ruhepuls. Er ist der Mann mit dem WD14 und er hat die Stellen gefunden, an denen es gequietscht hat. Jetzt läuft alles wie geschmiert, gut geölt – wie ein Schweizer Uhrwerk: präzise, klar und ruhig.

Diese Mannschaft ist bereit für Europa. Nicht wegen spektakulärer Momentaufnahmen, sondern wegen ihrer Klarheit. Wegen dieser Ruhe, die ihr lange gefehlt hat. Die entscheidende Frage am Donnerstag ist, wem jetzt die Stunde schlägt.

Respekt an die 12. Mainzerin!

Als 12. Mainzerin, die entscheidend Einfluss auf das Spielgeschehen in Bremen nahm,  hat sich die Taube den Status als Mainz-05-Maskottchen redlich verdient, meint Kolumnist Christoph Kessel.

Wenn wir im Sommer auf die Bundesliga-Saison der Männer zurückblicken, werden wir uns sicher wieder an die 12. Mainzerin in Bremen erinnern. Beim Spiel im Weserstadion ging es darum, sich für den Endspurt im Abstiegskampf bei Werder in eine möglichst gute Ausgangslage zu bringen. Dabei half eine Taube auf dem Spielfeld entscheidend mit, lenkte sie doch mit ihrem Auftritt im entscheidenden Moment ihre „Gegenspieler“ ab, so dass Philipp Mwene eine Traumflanke für Paul Nebels Flugkopfballtor schlagen konnte.

Auch nach dem Tor lief die Taube weiter über den Platz. Dabei bestand permanent die Gefahr, dass sie durch einen Ball getroffen werden würde. Nach einem beherzten Marsch in Richtung Mittelkreis flog sie irgendwann über das Dach aus dem Stadion raus. Glücklicherweise begegneten alle Spieler der Taube mit Respekt. Keiner versuchte, sie mit dem Ball abzuschießen oder sie in die Enge zu treiben.

Mit diesem Respekt Tauben gegenüber schließt sich für Mainz 05 ein Kreis. Denn schon 2019 setzte sich der damalige 05-Kapitän Danny Latza für Tauben ein. Zusammen mit Mainz 05 und vielen Spielern des Profi-Kaders hatte der Tierschutzverein Mainz und Umgebung e.V. damals einen Kalender aufgelegt, in dem die 05er mit Tieren abgelichtet wurden. Auf einem Kalenderblatt hält Danny Latza eine verletzte Taube in den Händen. An seinem Arm hängt das Armband „Taubenfreund“. Dies ist eine Initiative des Tierschutzbunds, der mit der Aktion #RespektTaube in uns mehr Verständnis für diese Tiere ohne Lobby wecken möchte.

Es wäre eine schöne Möglichkeit für Mainz 05, die Taube in den Stand eines Maskottchens zu heben. Anders als bei Steinadler Attila in Frankfurt oder Ziege Hennes IX. in Köln muss dafür auch kein unnötiges Tierleid produziert werden, indem Tiere ins Stadion gekarrt werden. Vielmehr wäre jetzt die passende Gelegenheit, das Leben der Tauben, die zum Mainzer Stadtbild dazugehören, über die Stadttaubenhilfe Mainz e.V. nachhaltig zu verbessern. Zum Beispiel könnte die Errichtung betreuter Taubenschläge, gerne auch in rot-weiß-gold, finanziert werden. So würde die 12. Mainzerin und ihr „Team Taube“ unseren Verein dauerhaft in der Stadt genauso präsentieren, wie andere 05er*innen beim Marktfrühstück oder Glühweinausschank auf dem Weihnachtsmarkt.

Eine historische Woche für Mainz 05

Drei Spiele, drei Siege, eine Woche voller Euphorie und neuer Stoff für die Vereinshistorie, jedoch sollte der Blick auf die Tabelle nicht vergessen werden. Der Abstiegskampf könnte schneller als gewünscht zurückkehren, meint Sebastian Schneider.

Die Krönung einer enorm erfolgreichen Saisonphase erfolgte am Sonntag: Ein knapper, aber verdienter Sieg gegen die Eintracht vom Main – getreu dem Motto „Taube schlägt Adler“. Damit setzt sich eine besondere Serie fort. In der Bundesliga wurde erst ein Heimspiel gegen die Konkurrenz aus der Nachbarschaft verloren. Eine beachtliche Bilanz.

Urs Fischer hat es geschafft, der Mannschaft neue Stabilität zu geben, insbesondere auch in Phasen, in denen der Gegner mehr Spielanteile hat und Druck macht. Das mannschaftliche Konstrukt steht wieder auf festem Untergrund. Dies ist maßgeblich die Grundlage für die sportlichen Erfolge der letzten Wochen.

Diese Leistungen sorgen nun dafür, dass die Konkurrenz im Abstiegsstrudel im Moment auf sicherem Abstand gehalten wird. Es scheint aktuell auch keine andere Mannschaft einen ähnlichen Lauf zu haben, sodass die Grundstimmung auf jeden Fall positiv sein darf. Sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz bieten ein gutes Polster, sind aber bei noch sieben verbleibenden Spielen kein Grund, entspannt auf das Saisonfinale zu blicken. Ob das letzte Spiel gegen Heidenheim als Joker gesehen werden kann, bleibt abzuwarten.

Während Siege gegen die Nachbarn aus Frankfurt stets besondere Freude bereiten, darf der Einzug ins Viertelfinale der UEFA Conference League als historisch bezeichnet werden. Abgesehen davon, dass dies noch keine andere deutsche Mannschaft geschafft hat, ist es für uns Mainzer noch um ein Vielfaches besonderer. Mitunter der größte Erfolg der Vereinsgeschichte, den wir alle zurzeit miterleben dürfen. Bedauerlich bleibt dabei die Kartenpolitik der gegnerischen Vereine, bei der trotz nicht ausverkauftem Stadion keine weiteren Tickets nach Mainz gegeben wurden. Die UEFA darf sich gerne ein Beispiel am deutschen Fußball nehmen. Hier erhalten die Gastvereine immerhin zehn Prozent der verfügbaren Tickets. Diese Praxis ist auch bei unseren europäischen Nachbarn seltener der Fall.

Rückblickend auf das Heimspiel gegen Ölmütz am vergangenen Donnerstag wird uns allen garantiert wieder eine einzigartige Atmosphäre in Erinnerung bleiben, die durch eine riesige Choreografie auf der Rheinhessentribüne eingeleitet wurde. „Lasst uns alle Zweifel vertreiben, wir werden heut Geschichte schreiben!“ war zu lesen – und genau dies ist geschehen.

Den für die Organisation verantwortlichen Fangruppen gebührt Hochachtung und großer Dank. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Arbeitsstunden, aber auch finanzielle Mittel hier aufgebracht werden – alles komplett im Ehrenamt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal der Appell: Sofern es möglich ist, werft gerne ein paar Münzen in die Spendeneimer oder lasst eure Pfandbecher in einer der roten Tonnen hinter der Kurve. Die Becherspenden aus den Tonnen hinter der Kurve fließen direkt wieder in Aktionen der Fans zurück. So wird gewährleistet, solche Bilder zu erzeugen, die ewig bleiben.