Am Ende bleibt unfassbarer Stolz

Für den Moment – und allein auf die sportlich schwache Leistung in Straßburg blickend – überwog zunächst das Kopfschütteln. Mit etwas Abstand aber dominiert der pure Stolz, so lange in einem europäischen Wettbewerb vertreten gewesen zu sein, findet Sebastian Schneider.

Mit dem Abpfiff der Partie in Straßburg war im Gästeblock deutlich zu spüren, wie unterschiedlich die Emotionen ausgeprägt waren. Dem kurzfristigen Frust über die vergebene Chance auf das Halbfinale wich schnell der Stolz über das Erreichte. Einen Meilenstein, ja ein echtes Stück Geschichte, haben wir 05er in den vergangenen Monaten gemeinsam geschrieben. Nichtsdestotrotz darf auch Verständnis für jene aufgebracht werden, die nach dem 2:0-Heimsieg voller Enttäuschung waren – hätten die Chancen auf ein Weiterkommen doch kaum besser stehen können.

Die sehr gute Ausgangslage für das Rückspiel in Straßburg war im Vorhinein jedoch kein Grund, überheblich an die Sache heranzugehen. Auch in Fankreisen war selten zu hören, dass jemand von einem „Selbstläufer“ sprach. Der nötige Respekt war allgegenwärtig. Mit Blick auf den Kader des Gegners musste allen klar sein, dass eine maximal schwere Aufgabe auf unsere Mannschaft wartete. Das Farmteam des Chelsea FC ist mit hoch ambitionierten Kickern gespickt. Der beeindruckende Kaderwert von 361,75 Millionen Euro spricht für sich. Man darf gespannt sein, wie diese Mannschaft den Wettbewerb beendet. Betrachtet man das Verhalten einzelner Straßburger Spieler, lässt sich jedoch durchaus noch Entwicklungspotenzial in Sachen Charakter attestieren. Die Provokationen nach dem Hinspiel wurden durch den Jubel an der Eckfahne vor dem Gästeblock noch einmal getoppt. Umso stärker, dass unsere Mannschaft hier energisch einschritt.

Rückblickend bleibt festzuhalten, dass der Ausflug in die Conference League für alle Mainz-05-Fans einem Traum gleichkommt – ein Abenteuer, das die absolute Ausnahme darstellt. Europäische Abende am Europakreisel sind etwas Besonderes, und wir Fans haben sie einmal mehr zelebriert. Diese Spiele sind historisch und werden noch lange in Erinnerung bleiben. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Feuer noch lange brennt und über Generationen hinweg weitergetragen wird.

Unsere gemeinsamen Reisen in europäische Städte bleiben die Höhepunkte dieser internationalen Reise. Während die meisten Schlachtenbummler nahezu jedes Stadion in Deutschland bereits mehrfach besucht haben, übt die Ferne einen ganz eigenen Reiz aus. Das zeigte auch die ungebrochen hohe Nachfrage nach Tickets für die Auswärtsspiele. Die teils skurril komplizierten Anreisewege, die gemeinsame Zeit in den Städten, die Fanmärsche, aber auch die Auftritte in den Stadien – all das war phänomenal. Deshalb ist der Frust über das Ausscheiden schnell einem riesigen Stolz gewichen: auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Ein Viertelfinale in einem europäischen Wettbewerb ist und bleibt für Mainz 05 etwas ganz Besonderes – und dafür gebührt große Dankbarkeit, das miterlebt haben zu dürfen.

Dabei sein ist alles!…

Über die Herausforderungen im Ticketing bei steigender Nachfrage und kleinen Kontingenten berichtet Alex Schulz in der aktuellen Ausgabe der Fankolumne.

…Nur nicht so einfach!

Wenn in dieser Saison viele 05er ein Thema neben dem Geschehen auf dem Rasen interessiert, dann ist es wahrscheinlich der Vorverkauf und die Vergabe der Eintrittskarten.

Ein steigendes Interesse in den letzten Jahren führte bereits dazu, dass sich Vereins- und Fanvertretungen intensiv ausgetauscht hatten und Regelungen entwickelten, die Treue und regelmäßige Beteiligung bei Auswärtsspielen wertschätzen. So hat es jeder selbst in der Hand, sich im Ranking hochzuarbeiten.

Für viele Stadien mussten diese Spielregeln im Vorverkauf nicht angewandt werden, da das Angebot die Nachfrage deutlich übertraf.

Lediglich das Saisonende in der Bundesliga mit der verbleibenden Spannung im Abstiegskampf führt dazu, dass einige 05er leer ausgehen werden. Mit Sankt Pauli und Heidenheim geht es in zwei der kleinsten Stadien der Liga.

In der Conference League sieht es dann anders aus. Kleine Stadien mit 5 statt 10 Prozent verbindlichem Gästekontingent treffen in jeder weiteren Runde auf eine steigende Nachfrage. Während sich einige Hartgesottene davon nicht abhalten lassen, auch über Umwege in Heimblöcken dabei zu sein, schimpfen andere lieber frustriert darüber, dass sie leer ausgingen. Sollten wir am Donnerstag die Leistung aus dem Hinspiel bestätigen, dürfte es in der nächsten Runde für sehr viele 05er erneut sehr frustrierend werden, da der Gästeblock in Madrid nur wenige Plätze bietet.

Alle dürfen dann aber gerne am Sonntag mit nach Mönchengladbach fahren, denn da gibt es noch reichlich Tickets.

Aber auch für Heimspiele gibt es Verkaufsphasen und das aus gutem Grund. Mit dem begrenzten Vorverkauf soll sichergestellt werden, dass erst einmal 05-Fans das Stadion voll machen. Mitglieder haben früher Zugriff und so einen Bonus für die Mitgliedschaft. Bei nun 30000 Mitgliedern könnte jedes Heimspiel schnell ausverkauft sein.

Doch hat der vergangene Sonntag gegen Freiburg gezeigt, dass zwischen Theorie und Wirklichkeit Welten liegen. Am Mitgliederspieltag zeigte die heimische Arena doch einige leere Plätze.

Anders ist es dann gegen den großen FC Bayern. Da war nach wenigen Minuten die Hütte restlos ausverkauft. Ob es vielen dann um 05 geht, ist zumindest fraglich.

Dass wir bei ausgewählten  Spielen Probleme mit Gästefans im Heimbereich haben, liegt auch am Missbrauch des Vorkaufsrechts. Eine Mitgliedschaft alleine zeigt offenbar leider nicht ausreichend die Treue zum und den Respekt vor dem eigenen Verein.

Bei Spielen in der Ferne, in denen dank großem Gästekontingent auch mit weniger Beschränkungen Karten verfügbar sind, wird das Vorkaufsrecht gerne missbraucht. Heimfans oder Stadionhopper im rot-weißen Gästeblock sind gerade in München oder Dortmund immer ein leidiges Thema.

Und zuletzt gibt es leider auch immer wieder begehrte Tickets zu überteuerten Preisen auf Drittanbieterseiten. Viele Bundesligisten haben diesen den Kampf angesagt. Wer hier kauft, kommt womöglich nicht ins Stadion und verliert so viel Geld. Für Verkäufer kann es auch teuer werden, da diese Verstöße anwaltlich verfolgt werden.

Mainz 05 kommt irgendwann an den Punkt, an dem es notwendig wird, die bestehenden Regeln zu überarbeiten. Dann diskutiert man womöglich über zunehmende Personalisierung und Sanktionierung bei Missbrauch.

Bis dahin fährt man mit dem Fokus auf die Treue und Beteiligung sehr gut, wenn die derzeitigen Regeln sicher auch Schwachstellen aufweisen.

Letztlich sind es alles Luxusprobleme, die erfreulicherweise zeigen, dass immer mehr Menschen Bock auf Fußball und Mainz 05 haben.

Die leisen Töne werden lauter

Still und heimlich hat sich der 1. FSV Mainz 05 in der oberen Tabellenhälfte zurückgemeldet. In ihrer Fan-Kolumne blickt Felicitas Budde auf die Erfolgsfaktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben.

Der Auswärtssieg von Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim hatte seine Geschichten, die sich fast von selbst erzählen: die frühe Führung, ein wiedererstarkter Stürmer mit Doppelpack und Kinderkunst im Stutzen, die Rückkehr in die obere Tabellenhälfte. Mainz 05 back im Rampenlicht.

Und doch zeichnete sich dieses Spiel vor allem durch das aus, was nicht passiert ist: kein Einbruch unter Gegnerdruck, kein Kontrollverlust. Stattdessen gewinnt der 1. FSV Mainz 05 in Hoffenheim ein Spiel, das vor einigen Wochen wohl noch gekippt wäre – so wie gegen Union oder Köln.

Und genau das ist neu, denn Urs Fischer dreht die leisen Töne lauter. Waren unter Henriksen die Regler am Mischpult der Emotionen, des Ausdrucks und des unbändigen Willens auf Anschlag, so verleiht Fischer den ruhigen und leisen Zwischentönen Raum.

War Paul Nebel in den vergangen Spielen Lead-Gitarrist und Frontmann, so verrichtete er gegen Hoffenheim wieder die harte Arbeit im Maschinenraum, wo er Kaishu Sano Gesellschaft leistete, der wöchentlich die Fleißarbeit im Mittelfeld verrichtet. Nicht die große Geste, dafür großer Einsatz; nicht der Jubellauf nach Torerfolg, dafür Jubelstürme nach Zweikampf. Nicht wild und laut, sondern klar und zielstrebig. Auch Philipp Mwene steht dafür: nicht Tempo, sondern Timing. Wie bei seinen Flanken, die zum Torerfolg führten: Nicht blind geschlagen, sondern wohl überlegt gesetzt. Wenn Nadiem Amiri zurückkommt, wird sich der geniale Solist in ein funktionierendes Orchester eingliedern müssen. Weniger als erste Geige, sondern mehr als Metronom, als Taktgeber.

Henriksen hat die Stadt wachgeküsst, aber Urs Fischer ist kein Mann für Herzrasen – sondern Ruhepuls. Er ist der Mann mit dem WD14 und er hat die Stellen gefunden, an denen es gequietscht hat. Jetzt läuft alles wie geschmiert, gut geölt – wie ein Schweizer Uhrwerk: präzise, klar und ruhig.

Diese Mannschaft ist bereit für Europa. Nicht wegen spektakulärer Momentaufnahmen, sondern wegen ihrer Klarheit. Wegen dieser Ruhe, die ihr lange gefehlt hat. Die entscheidende Frage am Donnerstag ist, wem jetzt die Stunde schlägt.