„Fernweh Deutschland“ von Julia Schattauer

Der Titel verbindet zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Begriffe. Fernweh und Deutschland, wie passt das zusammen? Wie die eine oder der andere bereits mitbekommen hat, packt mich das Fernweh relativ oft. Für mich ist es dabei unerheblich, ob mich meine nächste Reise nach Bali oder Baltrum führt – mir gefallen beide Inseln: Es gibt fern der Heimat überall auf dieser Welt vieles zu entdecken. Dafür ist aber nicht unbedingt eine große Anreise notwendig. Es gibt wahrscheinlich selten einen passenderen Zeitpunkt als aktuell, während der Pandemie, ein wunderschönes, inspirierendes Werk über Deutschland zu veröffentlichen.

Das Cover macht schon Lust auf die vielen Naturparadiese die auf über 200 Seiten wunderbar präsentiert werden.

Der Untertitel „Naturparadiese direkt vor der Haustür erleben“ gibt einen Fingerzeig, welchen Schwerpunkt die Autorin setzt. Fernab der großen Metropolen stellt sie uns bekannte und unbekannte Flecken von der Küste bis zu den Alpen und vom Saarland bis zum Odertal vor. Diese befinden sich in mehr oder weniger unberührter Natur und laden geradezu zur Entschleunigung ein.

Inhaltich ist das Buch oder der Bildband, ich denke, da kann sich das Werk selbst nicht so richtig entscheiden, in Nord, Mitte und Süd aufgeteilt. In einer schön gestalteten Karte lässt sich die geographische Lage jedes Naturparadieses entdecken. Selbstverständlich habe ich im Nordwesten nach meinen beiden Inseln, die ich selbst schon bereist habe, Baltrum und Spiekeroog, gesucht. Diese haben es nicht ins Buch geschafft. Stattdessen lese ich über eine Insel, die aufgrund ihrer Lage besonders für Menschen geeignet ist, die unter Asthma oder Allergien leiden. Für jedes Naturparadies gibt Schattauer auch einen interessanten Tipp, der oft mit einem Verweis auf eine Homepage endet. Da ich versuche, Nachhaltigkeit in meinen Alltag möglichst oft einzubauen, finde ich den Tipp „Gut gehandelt“ in Bezug auf eine der Ostfriesischen Inseln besonders lohnenswert. Womöglich werde ich nächstes Jahr meinen Insel-Urlaub dort verbringen.

„Support your local“ heißt es aktuell besonders in den sozialen Netzwerken und Julia Schattauer ist gebürtige Rheinland-Pfälzerin. Im mittleren Teil ihres Erstlingswerks stellt sie viele Naturparadiese westlich von Mainz vor. Wer von Mainz aus nur wenige Kilometer reisen, aber gleichzeitig in eine ganz andere Welt abtauchen möchte, für den hält Schattauer einen besonderen Auszeit-Tipp bereit: Wir müssen dafür noch nicht einmal unser Bundesland verlassen – lediglich dem Vater Rhein ein wenig stromabwärts folgen. Selbst für Tagesausflügler kann Schattauers Werk eine Inspiration sein, da sie auch Naturparadiese vorstellt, die direkt an Rheinhessen grenzen.

Wer mir schon etwas länger folgt, weiß, dass ich gerne Auswärtsspiele meines Herzensverein Mainz 05 mit verlängerten Aufenthalten vor Ort verbinde. Daher ist Schattauers Werk auch für jene Fans eine wunderbare Möglichkeit, die die nächsten mehrtägigen Auswärtsfahrten vorbereiten, wenn irgendwann einmal wieder die Möglichkeit besteht, ein Fußballspiel im Stadion zu verfolgen. Gerade im Süden um Freiburg, Stuttgart, Nürnberg, Regensburg und München finden sich viele Ziele, die man mit einem Stadionbesuch im Rahmen eines Kurztrips kombinieren kann. Gerade die Isar scheint es der Autorin besonders angetan zu haben – wird diese doch auf vielen Abschnitten beschrieben. Da darf der passende kulinarische Tipp für Fluss-, Burger-, Sommerrollen- und Sushi-Fans nicht fehlen.

Schattauers Werk aus dem Bruckmann-Verlag lädt zum Träumen ein – auch dank der wunderschönen Bilder, die professionelle Fotografinnen und Fotografen beigesteuert haben. Ich bin der Meinung, dass wir Träume realisieren sollen – und die Träume, die beim Lesen und Betrachten dieses Werks im Kopf entstehen, lassen sich auch gerade in dieser schwierigen Zeit der Pandemie relativ einfach realisieren: Der Nähe zu diesen Naturparadiesen in Deutschland sei Dank.

Über das Buch:

  • Fernweh Deutschland: Naturparadiese direkt vor der Haustür erleben
  • Autorin: Julia Schattauer (http://bezirzt.de/)
  • Verlag: Bruckmann
  • Gebundenes Buch: 25,99 €
  • 288 Seiten
  • ISBN: 978-3-7343-1837-5

Bestellbar überall wo es Bücher gibt und online zum Beispiel bei „buch7“, dem sozialen Buchhandel. Durch den Kauf bei „buch7″ spendet das Unternehmen zwischen 0,91 € und 1,69 € – abhängig von der aktuellen Geschäftsentwicklung an soziale Projekte.

Transparenz:

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar gratis vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen.

„Gehen, um zu bleiben“ von Anika Landsteiner

Es gibt Bücher, die öffne ich und lese ein paar Abschnitte, zum Beispiel vor dem Schlafen gehen, weil uns ja ins Smartphone gucken vom Schlaf angeblich abhält, Dann fallen mir tatsächlich irgendwann die Augen zu. Ich schließe das Werk und schlafe mehr oder weniger schnell ein. Dabei handelt es sich bei mir, wen wundert es, recht häufig um Reiseliteratur. Weil der Autor aber oftmals sehr distanziert seine Umgebung beschreibt, oder sich selbst permanent für Sachen abfeiert, sprechen mich die meisten Reisebücher nicht wirklich an. Aber dann liest Du plötzlich „Gehen, um zu bleiben“ von Anika Landsteiner.

Erst der Sonnenuntergang, dann das Vergnügen, das Buch weiterzulesen
Erst der Sonnenuntergang, dann das Vergnügen, das Buch weiterzulesen

Ein wenig hatte ich es ja schon geahnt, dass Anikas Buch anders sein könnte, da sie den wunderbaren Blog „Ani denkt“ betreibt und man quasi so einen Prolog vor dem eigentlichen Prolog ihres Buches lesen kann. In Anis Buch selbst lohnt es sich, den Prolog ruhig von Zeit zu Zeit nochmals zu lesen, führt er statt zu Müdigkeit schlicht dazu, sich mal mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wir haben alle nur 24 Stunden, um den Tag zu gestalten. Den einen ist mehr von diesen Tagen gegönnt, den anderen leider weniger. Aber wir werden alle in dieselbe Welt hineingeboren, mal mit etwas mehr Neugierde, mal mit etwas mehr Lethargie, aber wir alle bewegen uns jeden Tag über unseren Planeten, die eine mehr, der andere weniger. Sprich, wir alle sind permanent am Reisen. Und unser Leben ist eine permanente Reise, bis sie irgendwann früher oder später für jede(n) von uns zu Ende geht.

Ihr, die Ihr diese Zeilen lest, und nicht schon längst weggeklickt habt, interessiert Euch wahrscheinlich entweder für Fußball oder für Reisen – oder für beides, denn ein Fußballspiel ohne Reisen geht gar nicht, da eines von beiden Teams und dessen Fans immer anreisen müssen. Und Reisen ohne Fußball? Geht meist auch nicht, denn Fußball ist der Sport, der unsere Erde quasi eint. Dementsprechend trefft Ihr in Anis Buch natürlich auch auf ein Fußballspiel…in Benin…gegen Mali im Herzen Afrikas, wo Länderspiele ganz anders ablaufen als beispielsweise bei den auf Kommerz getrimmten, durchgestylten Auftritten von „La Mannschaft“.

Dabei fängt das Buch ganz harmlos an, mit einem Roadtrip durch Kalifornien. Schon auf den ersten Seiten fiel mir etwas auf, was sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht. Die Ehrlichkeit, mit der Ani ihre jeweilige Situation beschreibt. Dadurch kann man sich, auch wenn man noch nicht so viel auf Achse war, glaube ich sehr gut, in ihre Situation hineinversetzen. Ani hat die unterschiedlichsten Reisen in ihr Buch gepackt, so dass ich jedes Mal gespannt war, was als nächstes kommt. Das ging so weit, dass ich ihr Buch wie einen Leckerbissen behandelte. Auf jeden Fall nicht alles auf einmal verschlingen. Ihr Buch in einer Nacht durchlesen? Reinste Verschwendung! Genießt das Buch, wie ein frisch Gezpapftes, wie einen vollmundigen Rotwein, wie einen herrlichen Sauergespritzten, wie einen duftenden Kaffee oder einen leckeren französischen Käse – wohl dosiert. Schließlich ist jedes ihrer Kapitel die reinste Wundertüte. Habt Ihr beispielsweise schon mal was über Kolumbien oder Malawi gelesen?

Geht es auf ihren Reisen in Europa meist um ihre persönliche Situation, etwa auf dem Jakobsweg um sich und ihre Mitstreiter, in Paris, der Stadt der Liebe, natürlich um eben jene, in Griechenland um den Umgang mit einer bizarren Situation der spontanen Verpflichtung, Urlaub zu machen und in Italien ums Alleinreisen, bestechen die Fernreise-Kapitel durch viele verschiedene Aspekte, die Ani anspricht. Sie setzt sich mit dem Pro (sehr viel) und Contra (sehr wenig) einer Indienreise auseinander, hält in Peru ein Plädoyer zurück in die Natur zu gehen – wo wir ja irgendwie alle herkommen, Schließlich haben unsere Vorfahren noch in der Höhle gelebt, in ebendiese virtuelle Höhle ziehen sich leider viele unserer Artgenossen allzu häufig längst wieder zurück. Oder sie stellt so wunderbare Projekte wie das mit der 1 Dollar-Brille vor. Und sie kommt komplett ohne moralischen Zeigefinger aus.

Auf Mauritius hält sie eine Ode an das Tauchen, was mich als Tauchverweiger (fast) überzeugt, auch mal in den Neoprenanzug zu schlüpfen. Und das ist genau das Herrliche an diesem Buch. Es handelt sich hier um keine Anpreisung von Verzicht, unterlasse dies, vermeide jenes, das ist böse, jenes macht man nicht etc.. Das Belehrende fehlt komplett in ihrem Werk. Der Hinweis etwa „Die Welt ist zu klein, um sich gegenseitig auszugrenzen“, ist für mich keine Belehrung, sondern eine Feststellung, die leider heutzutage wieder öfters mitgeteilt werden muss. Schwarz-weiß-Malerei sucht man in ihrem Werk „vergebens“ – sie schreibt sich lieber durch die wunderbare Welt der herrlich leuchtenden Grautöne.

Und auch das Schmunzeln oder lauthals Lachen kommt in diesem Buch nicht zu kurz – im Indien-Kapitel sowieso. Aber Ani ergreift auch Partei für Taxifahrer, eine Spezies, die Reisende mit einer gewissen Fußballaffinität gerne mal als „Gegner“ identifizieren, wenn es um die Findungskommission „Akzeptabler Fahrpreis“ geht. Und bei vielen Anekdoten, die man als Reisender selbst schon erlebt hat, kommt man aus dem Grinsen nicht mehr raus. Neben der Ehrlichkeit, strahlt die Autorin eine ansteckende Neugierde aus, die Dinge mit den eigenen Augen zu sehen. Und da geht es ihr sicherlich wie den Fußballfans unter uns. Wer möchte schon ein Spiel im Fernsehen anschauen, wenn er die Möglichkeit hat, live vor Ort im Stadion dabei zu sein. Anis Stadien sind neben dem in Benin, das sie letztlich nicht richtig von innen sah, die vielen Orte, von denen sie so wunderbar berichtet – auch mal in 10.000 Meter Höhe, wenn es gerade mal über dem Oman nicht richtig rund läuft, was den Flug von Abu Dhabi nach Kochi angeht.

Das Buch bietet uns für den Preis einer ermäßigten Stehplatzkarte für ein Ligaspiel die Möglichkeit, ein paar Mosaiksteinchen unseres Planeten durch Anis Beschreibungen zu entdecken. Was aber dieses Buch noch so viel wertvoller macht, ist die Tatsache, dass Ani uns Denkanstöße gibt, das eigene Leben zu hinterfragen. Reisen ist nicht das Allheilmittel für jedes Problem – keine Frage. Aber die Haustür zuzuschließen und sich auf eine Reise zu begeben, wie Ani schreibt „sei es ein Wochenende in Genf oder drei Wochen Backpacking durch Indien. Vollkommen egal, es wartet immer etwas“, erweitert unseren Horizont auf jeden Fall. Und die Möglichkeit, dieses auszukosten, ist ein Privileg, das viele Leute in anderen Weltregionen sicherlich nicht haben. Lasst es uns nutzen…dieses Buch lesen und die Welt da draußen entdecken.

„111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“

Mit diesem Buch ist es so ähnlich wie mit einem guten Wein. Je länger man es (wieder) ungelesen liegen lässt, desto besser wird es. Wobei man dieses druckfrische Buch 2013 genauso wie Federweißer natürlich auch nicht verschmähen hätte sollen. Und irgendwann bevor es korkt bzw. vergilbt sollte es man dann doch mal konsumieren – vielleicht gerade jetzt.

Natürlich ist der Buchtitel total austauschbar. Den hat sich das Autorenpaar allerings gar nicht selbst ausgesucht. Es kommt ja schließlich auch nicht auf das Etikett sondern auf den Inhalt an. Und dieser dreht sich zwar regelmäßig bis sehr häufig um den Fußballsportverein aber auch Leute, die unsere goldene Stadt oder unsere goldische Fassenacht lieben, werden die eine oder andere Anekdote, die unser Mainz ausmacht, lesen und lieben.

Wer aber auch nur ein wenig Interesse an unserem Verein hat, für den bietet dieses Werk gerade aktuell ziemlich häufig einen guten Grund zum Schmunzeln und Lächeln. 4 Jahre ist das Buch nun alt und im schnelllebigen Fußballgeschäft ist das natürlich eine Ewigkeit. “Wortpiratin” Mara und “Prophet” Christian, nein nicht der Don, haben damals natürlich im Jahr 2013 auch den Status Quo des Vereins betrachtet und dieser liest sich heute so ganz und gar wie aus einer anderen Zeit:

Grund 29: “Weil der Sven die Haare schön hat”. Diese hat er natürlich vier Jahre später immer noch so schön, wie anno dazumal, aber dass diese nun den Aufsichtsrat von Mainz 05 verschönern, hätte wohl selbst der Prophet nicht geglaubt, dem ein eigener Grund 30 von Mara gewidmet wird. Dass sich dieser auch mal irren kann beweist Grund 42 “Weil Harald Strutz nicht nur aus Gewohnheit wiedergewählt wird” – mehr ist dazu nicht zu sagen, ganz ohne Häme oder sonst etwas an dieser Stelle unpassendem.

Bei so manchen Gründen, sollte man eventuell zumindest an Ergänzungen in Fußnotenform denken, etwa zwei Punkte weiter bei Grund 44 “Weil Christian Heidel der einzig wahre Don ist”, wenn man mal auf die vergangenen Transfers von Rouven Schröder guckt.

Dass Prophet (und Wortpiratin) aber mit vielen Dingen so richtig richtig liegen, zeigt Grund 84: “Weil wir Hintertüren für unsere Leute aufhalten, aber nicht wahllos” – gemeint ist da u.a. ein damals 16-jähriger, der “vom VfB Ginsheim ans andere Rheinufer kam”. Das Grund 84 endet mit dem prophetischen Ausspruch “Behalten wir ihn im Auge, unseren Sandro.” – Check!

Und auch Grund 95 wurde jüngst wieder mehr als tagesaktuell, getreu dem Motto aus Grund 3 “Weil wir keine Tradition haben, davon aber jede Menge”, denn bei Grund 95 handelt es sich quasi um die 05-DNA der 90er, die in der Version 2.0 nochmals durchgespielt wurde “Weil ein wilder Abstiegskampf für uns das Schönste ist”.

Das Schönste ist sicherlich das Kapitel 8, das aus gleich sieben Gründen besteht: “Es gibt nur einen Nikolce Noveski”. Und am 2. September besteht nun endlich die Möglichkeit dem Bub mal richtig danke zu sagen! Auch wenn man dafür die sieben Gründe nicht wirklich braucht, so bieten diese nochmals einen schönen Abriss der Geschichte des großen Schweigers aus Bitola von seinem Wirken im Trikot Nummer 4!

In zahlreichen Gründen finden sich auch als Randnotizen die lieben Nachbarn als Gründelieferant. Grund 103 “Weil Elkin Soto Freistöße zum Genießen verwandelt” könnte man ruhig mal um den 33. Spieltag der abgelaufenen Saison erweitern.

Aber vielleicht sollte man ab dem kommenden Samstag einen 112. Grund angeben “weil an der Ära Schmidt so alles anders war”, angefangen mit seiner Vita, dann dem perfekten Einstieg nach Fassenacht (siehe Grund 103), der direkten UEL-Quali bei der dann Grund 102 “Weil wir sieben Wörter Armenisch können und drei Isländisch” durch unser Kenntnisse in Aserbaidschanisch ergänzt wurde über den perfekten Ausstieg letzte Saison (siehe Grund 103) bis zu dieser Verabschiedung am Samstag für einen Trainer, der ja für die überregionalen Medien als “gefeuert” hingestellt wird – und dann aber doch in der Sommerpause gebührend verabschiedet wird – das gibt es halt nur beim Fußballsportverein perfekt in Grund 111 ausdrückt “Weil jeder Moment mit diesem Verein irgendwie magisch ist”!