Am Beispiel von Racing Strasbourg kritisiert Kolumnist Christoph Kessel die negativen Folgen von Investoreneinfluss und Multi-Club-Ownership, die Fanszene und Vereinsidentität bedrohen und als warnendes Gegenbild für Mainz 05 dienen.

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“ dichtete Matthias Claudius schon 130 Jahre vor der Gründung von Mainz 05. Dieses Zitat hat auch 2026 noch Bestand, wenn wir bedenken, welch spannende Eindrücke wir in dieser Saison in der Ferne gewonnen haben. So wird zum Beispiel der freie Personenverkehr bei der Einreise aus Deutschland nach Polen, Tschechien und Frankreich noch gelebt, nach Deutschland aktuell nicht mehr. Auch auffällig, dass in Straßburg der öffentliche Raum zwischen Autos, Radfahrenden und Fußgänger*innen fair aufgeteilt wurde – in Mainz ist das bis dato undenkbar.
Blicken wir auf den Männer-Profifußball, lässt sich feststellen, dass es auch Dinge gibt, die bei uns besser laufen als im europäischen Ausland. Es gibt das Zehn-Prozent-Kontingent für Auswärtsfahrende, Spiele werden vom DFB oder der DFL nicht verlegt, um nationale Interessen unfair voranzutreiben. Schließlich wäre da noch die „50+1“-Regelung, die den Einfluss externer Investoren begrenzt, Vereine vor Übernahmen schützt und die Mitbestimmung der Mitglieder sichert. Am Beispiel von Racing Straßburg sehen wir, wie es auch laufen kann: Es wird starr am Fünf-Prozent-Kontingent festgehalten, obwohl Racing Probleme hatte, das Stadion voll zu bekommen. Das Ligaspiel zwischen den beiden Viertelfinalen gegen Mainz 05 wurde auf Bitte von Racing vom französischen Verband verlegt. Racing gehört mittlerweile dem Konsortium BlueCo. Diese Investorengruppe kontrolliert auch den FC Chelsea. Durch diese Multi-Club-Ownership-Struktur, lassen sich Spieler und der gerade gefeuerte Chelsea- und Ex-Racing-Trainer wie Schachfiguren hin- und herschieben. In ähnlicher Form findet dieses Prinzip auch in Leipzig statt, mit dem Unterschied, dass bei Racing ein großer Spalt durch die Fanszene geht. Aktive Fans schweigen 15 Minuten, protestieren mit Banner gegen „Multipropriété“ (Multi-Club-Ownership). Anderen Fans ist das egal – Hauptsache der Erfolg kommt ins Elsass. Hoffen wir, dass wir als Fans von Mainz 05 nie vor so einer Zerreißprobe stehen werden, wie sie die Fans von Racing Strasbourg durchmachen: bei der Vereinsidentität gegen sportlichen Erfolg eingetauscht wird und der eigene Verein nur noch als Filiale auf dem Papier existiert.

