Nullfünf-Sucht süß-sauer

 „Ich bin verrückt nach dir, ich bin verliebt in dich, ich lass dich nie im Stich…“ so sangen wir seit Jahren im Block und drückten damit auch eine gewisse Sucht nach unserem Verein aus. Das mit dem Singen im Block stammt aus einer längst vergangenen Zeit. Damals drehten sich noch viele Diskussionen um das Thema Pyro. In der neuen Normalität des Jahres 2020 hat das Thema Geisterspiele das Thema Pyro als Dauerbrenner (hust) definitiv abgelöst. Keine Sorge – dieser Text beschäftigt sich nicht mit Geisterspielen, Stehplatzverboten, Verboten von Gästefans und Alkoholverbot im Stadion – da ja Mainz 05 an all diesen Punkten nach eigener Aussage nichts ändern kann. Und Beiträge von Fanseite zu diesen Themen sollten meiner Meinung nach tatsächlich lieber von Fanorganisationen wie „Unsere Kurve“ oder „Unser Fußball“ kommen, als über unzählige Blogposts, die ohnehin nichts an der Situation ändern werden.

In diesem Text soll es vielmehr um die Dinge gehen, auf die unser Verein Einfluss nehmen kann. An dieser Stelle soll es auch nicht um den neuen Ausrüster gehen, den sich der Verein doch hoffentlich noch selbst ausgesucht hat – oder wurde dieser womöglich auch einfach so vom Zentralkomitee der DFL aus der Stadt am Nebenfluss zugeteilt?

„Nur für das Trikot“ bzw. den Aufdruck am Ärmel hat ein chinesisches Unternehmen einen 7-stelligen Betrag an Mainz 05 bezahlt…

Es soll auch nicht darum gehen, zu hinterfragen, wer die neuen Trikots hergestellt hat, denn fair gehandelte Trikots gibt es im Profisport bisher eigentlich gar nicht. Und dass unser Verein da mal einen USP hätte heraushauen können, also einen „Unique Selling Point“, der aus Marketing-Sicht so wichtig wäre, ist wahrscheinlich „nicht darstellbar“ – wie es immer so schön heißt. Dass die schön anzusehenden Trikots in China produziert wurden – ebenfalls geschenkt, schließlich wird meine Tastatur, auf der ich diesen Text schreibe, ebenfalls dort produziert und das Unternehmen „vaude“ beweist, dass „Made in China“ nicht gleichbedeutend ist mit menschenunwürdiger Arbeit. Es erstellt vielmehr einen Nachhaltigkeitsbericht, in dem man tatsächlich nachlesen kann, wie die Menschen behandelt werden, die vaude-Produkte herstellen. Mainz 05 könnte seine Popularität nutzen, um den Ausrüster dazu zu bringen, wie vaude einen Nachhaltigkeitsbericht zu publizieren – zumal Kappa mit der Partnerschaft direkt auf der Startseite wirbt und sogar eine eigene Rubrik „Mainz 05“ auf seiner Webseite eingeführt hat. Ist aber sicherlich nicht darstellbar…

Kappa ist in Deutschland ein Tochterunternehmen der Schmidt Group GmbH aus Norderstedt bei Hamburg. Diese schreibt auf ihrer Seite „Die unternehmerische Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt nimmt bei SCHMIDT GROUP GmbH einen hohen Stellenwert ein. Mit unserem nachhaltigen Handeln in der Wertschöpfungskette verbessern wir langfristig die sozialen und ökologischen Kriterien. Unser Bestreben die Umwelt anhaltend zu schützen, treibt uns an, mit unseren Geschäftspartnern Programme zu entwickeln, die dazu führen zukünftig noch mehr Wasser und Energie einzusparen und den ökologischen Standard immer wieder in höchstem Maße erfüllen zu können.“ Von daher habe ich da große Hoffnung, dass sich da in der nächsten Zeit tatsächlich etwas tun wird. Ist vielleicht dann doch darstellbar?

Auf jenen angesprochenen Trikots prangt seit Kurzem das Logo eines neuen Anbieters „fb88.com“. Es geht in diesem Text auch nicht um die Zahlenkombination „88“. Die Bedeutung hat Jan Lehmann, Kaufmännischer Vorstand von Mainz 05, in der Allgemeinen Zeitung Mainz erklärt: Das Unternehmen hat seinen Sitz in China und dort gilt diese Zahlenkombi als Glückssymbol. In eben jenem Artikel wird auch erklärt, dass dieses Unternehmen einen siebenstelligen Betrag an Mainz 05 zahlt, um auf dem Trikot präsent zu sein. Der Verein hätte Lehmann zufolge gerne einem regionalen Anbieter den Vorzug gegeben. Es fand sich jedoch kein Unternehmen, das es sich leisten konnte, so viel Kohle dafür abzudrücken.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Offenheit mittlerweile so etwas kommuniziert wird. Spätestens mit Corona hat der knallharte Kapitalismus auch bei Nullfünf Einzug gehalten: Derjenige der am meisten bietet, bekommt den Platz auf dem Trikot. Vorbei die Zeiten, in denen man bei Mainz 05 noch mit einem Piccolo die lokale Unternehmer-Prominenz für ein Engagement bei Nullfünf „ködern“ musste. Dass in diesem Fall der Meistbietende ein Unternehmen ist, das Wetten anbietet, ist dem Verein anscheinend egal.

„Allein unter den Spielsüchtigen, die sich in den Beratungsstellen in Bayern melden, sei der Anteil der Sportwetten-Teilnehmer schon auf knapp über 13 Prozent gestiegen, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht.“ in einem Bericht des Bayerischen Rundfunks. Schließlich kann man sich gerade in Corona-Zeiten seine Partner wohl nicht aussuchen. Oder sind chinesische Spielsüchtige egal?

Manche von uns waren vor Corona sicherlich schon mal in Asien unterwegs. Dort ist das Zocken „Volkssport“, so dass einige Länder das Glücksspiel gänzlich verboten haben, wie z.B. Thailand. Da radelte ich 2005 herum und über die Grenze nach Kambodscha. Im Niemandsland war ein riesiges Kasino errichtet worden, in denen die Thais ihre Baht, die thailändische Landeswährung, in aller Ruhe verlieren konnten. Ein paar Tage später konnte ich samstags abends in Siem Reap tatsächlich Bundesliga in einer Open Air Kneipe gucken. Auf dem einen Fernseher lief HSV vs. Hertha – ohne Ton. Schließlich standen da noch ein paar andere Fernseher herum, auf denen Premier League-Spiele übertragen wurden. Ich hatte den Eindruck, ich sei der Einzige, der sich tatsächlich für das Spielgeschehen im Volksparkstadion interessierte. Die Kambodschaner um mich herum, Frauen waren nicht anwesend, wetteten was das Zeug hielt und versenkten ihre hart verdienten Kip, die kambodschanische Landeswährung, mit dem größten Vergnügen. Da der Ton eh abgeschaltet war, würden Geisterspiele der Vermarktung der Bundesliga in Asien garantiert nicht schaden – und eine gefakte Tonspur wäre erst gar nicht nötig. Welch herrliche Verhältnisse aus der Perspektive der Vermarkter.

Laut Lehmann und dem AZ-Artikel „hoffen die Mainzer darauf, im attraktiven asiatischen Markt weiter Fuß zu fassen.“ Und das mit Hilfe eines Wettanbieters, dessen Kunden sich sicherlich bald das rote, das weiße und das goldene Nullfünf-Trikot wegen des farblich herrlich passenden grünen „fb88.com“-Logos darauf kaufen werden.

In eben jenem Bericht des Bayerischen Rundfunks wird auch von einer Suchtberatungsstelle berichtet. Diese wird von der Caritas geführt. Gut möglich, dass im Rahmen von „Mainz 05 hilft e.V.“ auch Gelder an die Caritas fließen. Diese stammen dann auch indirekt vom chinesischen Wettanbieter. Das ist dann eine etwas andere Kreislaufwirtschaft, eine wirklich runde Sache und definitiv darstellbar!

Quellen:

VAUDE CSR-Report – Unsere Produzenten:

https://nachhaltigkeitsbericht.vaude.com/gri/menschen/unsere-produzenten.php

Über uns – Schmidt Group: Eco Facts:

https://www.eco-facts.eu/ueber-uns-schmidt-group

Was steckt hinter dem „FB88“-Deal von Mainz 05?

https://www.allgemeine-zeitung.de/sport/fussball/mainz-05/was-steckt-hinter-dem-fb88-deal-von-mainz-05_22118911

Suchtgefahr bei Sportwetten: Experten schlagen Alarm | BR24

https://www.br.de/nachrichten/bayern/suchtgefahr-bei-sportwetten-experten-schlagen-alarm,ReKMCOz

Kambodscha 2011

Sua s’dei…

… ist Khmer und heißt so viel wie „Hallo“.

Nach dem wir um Weihnachten herum vom Weihnachtsmann mit allzu viel Schnee bedacht worden sind, machten wir es den Mainz 05 Spielern gleich und flogen in den Süden – allerdings in die andere Richtung. Statt Barcelona hieß unser Ziel Bangkok und statt am Camp Nou zu trainieren, gingen wir in Kambodscha auf Tour.

Um ein Haar wäre unsere Reise allerdings so geendet, wie die der unzähligen Gestrandeten an Europas Flughäfen, nämlich direkt vor der eigenen Haustür. Wozu Wetterprognosen existieren, wissen sicherlich nur die Betreiber der Webseite des Deutschen Wetterdienstes im drittklassigen Offenbach. War für den 2. Weihnachtsfeiertag eigentlich trocken-kaltes Winterwetter vorhergesagt, schneite es sich kurz vor dem Start unserer Maschine in Frankfurt so richtig wieder ein. Enteisung war daher angesagt – und das kann in Frankfurt zur Geduldsprobe werden. Zunächst rollte die vereiste Maschine ein wenig Richtung Startbahn West umrundete ein paar Vorfeldgebäude und sammelte wie im Flug unzählige Minuten Verspätung – um schließlich auf einer Vorfeldposition von einem „Elefanten“ doch noch von Schnee und Eis befreit zu werden. Allerdings blieb der Schnee, der mittlerweile heftig von oben kam, auf dem gefrorenen Boden liegen und von einer Fahrbahnmarkierung war im Weiß schon lange nichts mehr zu sehen. Was bringt eigentlich ein enteistes Flugzeug, wenn die Startbahn mit Schnee bedeckt ist? Vielleicht war es einfach Glück, auf jeden Fall sind wir mit knapp einer Stunde Verspätung dann doch noch dem deutschen Winter entflogen und in Thailands Hauptstadt Bangkok gelandet.

Ziel unserer Reise: Kambodscha
Ziel unserer Reise: Kambodscha

Asiatische Städte ändern ihr Aussehen etwa so schnell wie die Trainergesichter des VfB Stuttgart – wobei Stuttgart ein gutes Stichwort in Bezug auf Bangkok ist. Dort wird einfach mal ruckzuck ein Bahnprojekt durchgezogen – allerdings wurde die Schnellbahn, die die Stadt mit dem relativ neuen Flughafen verbindet auch oben gebaut und nicht in die Erde verlegt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, vor gerade mal ein paar Jahren in Bangkok mit dem Rumpelbummelzug vom alten Flughafen in die Stadt zu tuckern – jetzt gleitet der Zug wie von Geisterhand auf Stelzen, dem Transrapid ähnlich, in die Stadt der Engel, in dies es uns nur zog, um möglichst schnell gen Osten aus ihr wieder heraus zu kommen. Schließlich wollten wir in den nächsten Tagen mit dem Rad die alten Khmer-Tempel von Angkor Wat erkunden.

Also ging es in eine von mehreren riesigen Busstationen, die um Bangkok herum verteilt sind. Innerhalb der Stadt geht auch ohne Fernbusse oftmals gar nichts. Dauerstau ist in Thailands Hauptstadt Programm und selbst das Hinauskommen mit dem Bus vom Stadtrand der Metropole aufs flache Land dauerte fast eine Stunde, denn auch im Großraum Bangkok besitzen mittlerweile viel zu viele Menschen viel zu viele Autos. Fuhren in den asiatischen Nachbarländern Thailands vor zehn Jahren die meisten Menschen noch mit dem Rad ist das Moped mittlerweile bereits in Vietnam und Kambodscha der fahrbare Untersatz der Mittel- und Unterschicht. Wenn dann vielleicht bereits in wenigen Jahren auch dort die Einwohner auf das vierrädrige Gefährt umsteigen, befinden sich auch dort ganze Ballungszentren im Dauerstau. An Umwelt- und Gesundheitsschäden möchte ich und wahrscheinlich auch der jeweils betroffene Staat lieber nicht denken. Schließlich verspricht „Entwicklung“ Fortschritt und natürlich wäre es vermessen, wenn wir Europäer den Asiaten das Recht auf diese „Entwicklung“ absprechen würden…nur ist damit der Umwelt leider nicht geholfen – und den Lungen der Asiaten auch nicht. 

Einer der Pluspunkte in Asien: leckeres Essen
Einer der Pluspunkte in Asien: leckeres Essen

Die Fahrt in die thailändische Grenzstadt Aranya Prathet war sehr unspektakulär. Das lag allerdings vielleicht auch daran, dass wir bereits seit fast 24 Stunden auf Reisen war und die  Außenwelt nur noch schemenhaft wahrgenommen wurde! In der Stadt angekommen checkten wir in einem Motel ein. Motels kannte ich bisher nur aus den USA oder Australien, aber tatsächlich hätten wir mit unserem Auto bis knapp ans Doppelbett fahren können – nur ja keinen Schritt zu viel machen müssen, scheint auch in Thailand mittlerweile die Devise zu sein, erkennbar an überdurchschnittlich vielen Übergewichtigen Einwohnern, vor allem im Vergleich mit dem „rückständigen“ Kambodscha und seiner dünnen Khmer-Bevölkerung.

Aber natürlich gibt es auch Dinge, die in Thailand sich nicht verändern, das gute Essen beispielsweise, dass es an den Futterständen in der Straße für sehr wenige Euro-Cent praktisch rund um die Uhr gibt. Gut gestärkt begann dann für uns der Spießrutenlauf, um die drei Punkte auf unserer To-do-Liste abzuarbeiten: Ausreise aus Thailand, Visa-Beschaffung für Kambodscha und Einreise nach Kambodscha. Um diese Liste schnell und günstig abzuarbeiten, half uns der Lonely Planet. Man kann ja auf dieses Buch schimpfen wie man möchte – viele erfahrene Reisende tun dies mit einer gewissen Arroganz unerfahrenen Globetrottern gegenüber oft recht gerne – aber in diesem Fall fasste der Reiseführer alle Unwägbarkeiten beim Grenzübertritt nach „Scambodia“ perfekt zusammen. Dies fing mit unserer Tuk-Tuk-Fahrt im dreirädrigen Motorradtaxi an. Dieses fuhr nicht nonstop zum Grenzposten, sondern legte einen Zwischenstopp an einem angeblichen kambodschanischen Konsulat ein, bei dem es das Visum für Kambodscha geben sollte. Warum allerdings wenige hundert Meter vor der Grenze ein Konsulat existiert, wenn man das Visum auch an der Grenze bekommt, bleibt demjenigen, der das weiß, schleierhaft. Natürlich wiesen wir bei der Ankunft am Konsulat darauf hin, im Hinterkopf wussten wir bereits, dass uns geantwortet werden würde, dass es das Visum nur noch hier im Konsulat gäbe – natürlich für mehr als die üblichen 20 US$. Daher beharrten wir darauf, zur Grenze zu fahren. Im Konsulat hatte man nur noch das Totschlag-Argument, wir wären in diesem Fall nicht mehr „Welcome“ – wo eigentlich im Konsulat, wo wir eh nicht hinwollten oder gar in ganz Thailand? Keine Ahnung, denn unserem Tuk-Tuk-Fahrer schien die ganze Sache etwas peinlich zu sein. Vielleicht bekommt er eine Provision, wenn unbedarfte Reisende tatsächlich im Konsulat ihren Passierschein zu überhöhten Tarifen ordern. Oder vielleicht wird er gar gezwungen zu stoppen – auf jeden Fall fuhr er uns nach den „Not-Welcome“-Tiraden des Konsularbeamten ohne weiters Aufsehen zur Grenze.

Das Tuk-Tuk ist das Taxi Asiens
Das Tuk-Tuk ist das Taxi Asiens

Dort angekommen trafen wir auf die Gattung „Zocker-Thai“. Da Glücksspiele in Thailand verboten sind, existieren im Niemandsland der thailändischen Anrainer Casinos en masse. Morgens um neun war die Schlange an emigrierenden Zocker-Thais bereits ellenlang, die Schlange bei den Ausländern glücklicherweise bedeutend kleiner. Die Ausreise aus Thailand verlief problemlos bis auf die Tatsache, dass wir uns ein zweites Mal anstellen mussten, da wir uns versehentlich bei „Tour Groups“ einfanden – nun ja wir waren ja zwei Personen und daher sicherlich eine „Tour Group“. Glauben wollten das die Thai-Bürokraten aber nicht, also hieß es halt nochmals anstellen, an der etwas längeren Schlange und zwar ganz hinten – reindrängeln wurde von der Beamtin am „Tour Group“ Schalter sofort mit bösen Gesten bestraft – unser Fehler halt. Vor uns in der Schlange stand ein nervöser Japaner und ein Deutscher, der nach Thailand ausgewandert ist. Der Deutsche versicherte dem Japaner, er hätte sein Visum vorher im Konsulat geholt, wir versicherten dem Japaner, dass er sein Visum in Kambodscha bei der Einreise erhalten würde. So recht überzeugt war der Reisende aus Fernost nicht, aber schließlich blieb er vor uns in der Schlange und reiste ebenfalls aus. 

Danach ging es per Pedes über den Müllgraben, der sicherlich mal der Grenzfluss zwischen Thailand und Kambodscha war und es hieß sich wieder vom Links- auf den Rechtsverkehr umzustellen, den französischen Kolonialherren sei Dank! Einen Meter in Kambodscha zurückgelegt, durften wir zunächst einen Wisch über unseren Gesundheitszustand ausfüllen. Seit SARS, der Schweine- und Vogelgrippe stehen die Asiaten voll und ganz auf das Ausfüllen von Gesundheitsformularen. Komischerweise füllten nur wir das Ding aus, gut die Zocker-Thais wollten ja eh nur an die Spieltische und nicht ins Land, aber unser Deutsch-Thai und der Japaner waren bereits entschwunden – und so ein Ausfüllen mit allem Drum und Dran dauert so seine fünf bis sechs Minuten. Der Gesundheitsbeamte war total glücklich, dass ich Verständnis für sein bürokratischen Krimskrams hatte und sprach ständig auf mich ein, dass so viele Fremde dafür so rein gar kein Verständnis hatten. Vielleicht war ich noch zu ausgeruht, um hier entnervt auf einen kleinen Khmer verbal draufzuhauen. Aber der Gute kann ja auch nichts für die Bürokratie, die in vielen Ländern außerhalb Europas so gehegt und gepflegt wird.

Wann erreichen wir endlich Angkor Wat?
Wann erreichen wir endlich Angkor Wat?

Quer über die Straße zwischen Zocker-Thais und völlig überladenen Khmers, die alle Art von Waren zum Teil mit riesigen Handkarren hin und her beförderten, ging es nun zur Visa-Beschaffung ins Gebäude der Einwanderungsbehörde. Über dem Schalter hing ein großes Schild mit den unterschiedlichen Visa und Gebühren, auf dem eindeutig vermerkt wurde, dass das Touristen-Visum 20 US$ kostet. Im Lonely Planet stand, dass die Beamten oftmals 100 Thai Baht (ca. 2,50 €) zusätzlich verlangten. Vor dem Schalter saß ein ranghoher Beamter, las Zeitung, würdigte uns keines Blickes, reichte uns allerdings die Antragsformulare für das Visum aus. Diese füllten wir aus, kramten ein Passphoto aus unserem Gepäck und fügten die 20 US$ bei. Er nahm alles entgegen und murmelte etwas von den magischen 100 Thai Baht auf Englisch. In diesem Moment trat wie aus dem Nichts auch wieder unser Japaner auf die Bühne und bekräftigte, dass wir 100 Thai Baht zu zahlen hätten. Ich ignorierte den Einwand des Japaners und fragte höflich den Beamten, wofür ich den Betrag entrichten solle und ob ich dafür auch eine Quittung bekäme. Zum Glück verschwand der Japaner so schnell wie er aufgekreuzt war, denn er war vollkommen glücklich, da er natürlich sein Visum bekommen hatte. Zwischen dem Beamten und mir herrschte für einen kurzen Moment ein eisiges Schweigen, ehe der Beamte die Dokumente wortlos über den Schalter zu den rangniedrigeren Beamten reichte, damit diese uns das Visum ausstellen konnten.

Fünf Minuten später war unser Visum fertig und wir konnten wieder ein paar Meter zurücklegen – dieses Mal zum Einreisegebäude. Normalerweise treffen sich die Ausreisenden beim Einreisen ins Nachbarland wieder, nur nicht hier am Ende der Welt an der thailändisch-kambodschanischen Grenze. Sämtliche Thais blieben im Niemandsland und die Tour-Groups waren auch schon fort, nur der Deutsch-Thai, der damit vor uns und dem Japaner geprahlt hatte, angeblich bereits mehrmals aus Thailand ausgereist und wieder eingereist zu sein, um ein neues 30-Tage-Visum für Thailand zu ergattern trat plötzlich wieder auf die Bildfläche. Wo er die letzten 30 Minuten blieb, bleibt sein Geheimnis. Nun fragte er uns plötzlich, wo wir die Einreiseformulare her hätten. Diese bunkerte ein Offizieller in seinem Tisch und gab sie nur nach Nachfragen raus. Für jemand, der angeblich dieses Aus- und Einreisespiel bereits mehrmals gemacht hatte, wirkte unser Deutsch-Thai ziemlich konfus und unerfahren – egal er war glücklich, dass wir im geholfen haben und als sich rausstellte, dass er eigentlich aus Frankfurt sei, war ich ja schon wieder ein wenig pikiert, dass ich zu einem Hessen so nett war, und ihm bei seinem Visa-Run behilflich war, aber wir Meenzer sind halt nett zu allen – sogar zu Frankfurtern!

Das Formular ausgefüllt, einmal in die Digitalkamera gelächelt und dann bekamen wir unseren Einreisestempel und waren bereit für die nächste Aufgabe, die da hieß möglichst stressfrei aus der kambodschanischen Grenzstadt Poipet nach Siem Reap, die Stadt in der Nähe der Tempel von Angkor Wat zu gelangen.

Laos 2006 letzter Teil

Sabaidi,

es blieb die Frage offen, ob eine laotische Pedale an ein deutsches Fahrrad dranzuschrauben ist. Die Antwort lautet: Ja! So radelte ich dieletzten 42 km mit dieser klappernden 1,75-Euro-Plastik-Pedale nach Luang Prabang, der alten Hauptstadt des Lao Königreichs mit dem gleichen Namen.

Die Stadt machte sofort einen sehr angenehmen Eindruck auf mich. Übersetzt heißt die 25.000 Einwohner Metropole „Großes Prabang“ oder „Königliches Prabang“. Prabang ist eine Buddha-Statue, die angeblich im 1. Jh. n. Chr. in Sri Lanka geschaffen wurde und 1512 vom damaligen Lao-König als Geschenk des Khmer-Königs (heutiges Kambodscha) angenommen wurde. Der Prabang wurde 2-mal von den Thais geklaut und jedes Mal wieder zurückgegeben und ist so etwas wie ein nationales Heiligtum für die Laoten. Heute kann man ihn im königlichen Palastmuseum bewundern. Dass der Palast nicht mehr seinem eigentlichen Zweck dient, sondern ein Museum ist, liegt an den heutigen kommunistischen Machthabern in Laos, die die Königsfamilie zwei Jahre nachdem Laos 1975 unter Hammer und Sichel gefallen war, in eine Höhle in Nordost-Laos sperrten, wo diese, nach und nach bis 1981 aufgrund mangelhafter Ernährung und medizinischer Versorgung, starben.

Der einstöckige Palast wurde 1904 von den Franzosen in relativ schlichtem Kolonialstil erbaut, nachdem der König von Luang Prabang einem französischem Protektorat zustimmte, um nicht von den Thais kolonialisiert zu werden. Interessantestes Zimmer war sicherlich das Empfangszimmer des Sekretärs, in dem sich Geschenke der befreundeten Staaten befinden. Die Amis schenkten bspw. ein Modell von Apollo 11, die die laotische Fahne mit auf den Mond nahm. Nun liegen im Museum neben dieser Fahne auch Steinchen vom Mond in einer Vitrine.

Grundsätzlich gibt es in Luang Prabangs Altstadt nur zwei Gebäudetypen: Kolonialhäuser, von 1900 bis 1940 erbaut, und Wats (Tempel), die bis zu 500 Jahre alt sind. Zwischen den Gebäuden stehen riesige, schattenspendende, knorrige Bäume, hunderte Blumentöpfe aus denen kunterbunte Blüten raus schauen, und die Stadt, auf einer Halbinsel angelegt, ist zu drei Seiten von den Flüssen Mekong und Nam Khan umgeben. In der Stadt dominieren die Farben gold, orange und weiß. Die Außenfassaden der Wats sind fast alle mit Blattgold verziert und leuchten in der Sonne einzigartig schön. Die vielen Mönche – in einem kommunistischen Land – sind mit ihren orange farbenen Umhängen omni präsent. Die weißen Kolonialgebäude leuchten so wie am ersten Tag und laden mit ihren Terrassen und Balkons zum Verschnaufen und zum Genießen eines Café au lait mit Croissants ein.

Schließlich finden auch nach Luang Prabang viele Touristen, um diese Stadt kennen zu lernen. Allerdings dominieren Fremde anders als in Vang Vieng nicht das Stadtbild. Jedes zweite Kolonialhaus ist zwar ein Gasthaus, Restaurant oder ein Andenkenladen – aber auch Laoten gehen in die Restaurants und es gibt noch genügend gewöhnliche Geschäfte. TV-Bars finde ich glücklicherweise hingegen überhaupt nicht. Die Stadt wird von allen Arten des Typs Homo Sapiens Touristicus geliebt, denn die Trolley- und High Heels-Generation ist genauso vertreten wie die Backpack- und Badelatschen-Fraktion. Für alle gibt es Frozen Cappuccino und Zimt Bagel mit Sauercreme allerdings auch Wasserkressensalat und Laarp (Hackfleischsalat) andere laotische Spezialitäten.

Die Stadt ist sehr ursprünglich geblieben. D. h. sie ist sehr ruhig und die Menschen leben gelassen ihren Alltag, obwohl sie seit 1995 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Andere Plätze wie Macchu Picchu, das Taj Mahal oder Angkor Wat nahmen diese Ernennung zum Anlass gerade die Eintrittspreise in etwa die gleiche Höhe zu treiben, in die es die laotische Fahne aus dem königlichen Palastmuseum mit Apolle 11 geschafft hat. Der Eintrittspreis für ein Wat liegt bei maximal 20.000 Kip also ca.1,75 Euro und viele Wats sind gratis zugänglich. Beim Geschäftemachen zeigt sich sowieso ein sehr angenehmer Wesenszug der Laoten: Sie sind nie auf den ultimativen Business aus. In nahezu allen anderen Ländern unserer Erde werden wir doch als Touristen tagein tagaus von Geschäftemachern angequatscht: Buy Postcard, take Rickshaw, come to my shop, just looking, very cheap etc. etc. Laoten lassen uns grundsätzlich in Ruhe. Selbst beim Bezahlen des Eintrittspreises muss ich oft suchen, um den Ticketverkäufer überhaupt zu finden, da dieser im Schatten unter einem Baum ruht.

Auch bei allen anderen Dienstleistungen ist dies so. Stehe ich vor einem Hotel, rennt niemand raus und schreit „Have rooms – very good – cheap price“. Ich stelle in aller Ruhe mein Rad ab, ziehe die Schuhe vor der Türschwelle aus, trete ein und frage, ob ein Zimmer frei ist. Genauso hängt praktisch niemand vor den Restaurants herum und hält den vorbeiziehenden Passanten, die Speisekarte direkt unter die Nase. Manches Mal hängt die Speisekarte draußen und man kann in aller Ruhe einen Blick darauf werfen und gegebenenfalls weiter gehen und es rennt niemand hinterher. Auch sonst muss ich erstmal fragen und mir wird mein „Wunsch“ nicht von den Augen abgelesen und ich bekomme kein Zeug angeboten, das ich gar nicht möchte. Selbst die Fahrer der dreirädrigen Tuk-Tuks, die als Taxi fungieren und noch zerbrechlicher als Thai-Tuk-Tuks aussehen, da sie tatsächlich aus einer Yamaha oder Honda zum Dreirad umgebaut wurden, selbst diese Gattung Mensch spricht mich praktisch nie an und wenn nur einmal und nicht im Kehrvers. Diesen praktisch nationalen Charakterzug finde ich sehr sehr sympathisch und macht meinen Aufenthalt noch angenehmer als er ohnehin bereits ist.

Dem gelassenen Lebensstil entsprechend, spielen viele Laoten auch am liebsten Pétanque (Boule oder Boccia). Das kann man in aller Ruhe genießen und man hat keinen Stress. Denn Stress bringt Laoten aus dem inneren Gleichgewicht. Fußball hingegen ist längst nicht so populär. Da spielen sie lieber Kataw, bei dem es sich um Volleyball mit Füßen und Kopf gespielt, handelt.

Auch der schönste Aufenthalt geht einmal zu Ende und so nahm ich eines morgens Abschied von dieser schönen Stadt, um den Mekong in zwei Tagesetappen flussaufwärts in Richtung thailändischer Grenze zu schippern. Das Rad wurde auf das Dach des Langboots gelegt und verzurrt. Das Boot, ca. 30 Meter lang und nahezu komplett aus Holz zusammengebaut, war relativ schmal. Autositze mit Kopfstützen waren in 4er-Reihen hintereinander auf dem Boden festgeschraubt und sorgten für einigermaßen angenehmen Sitzkomfort. Rund Zweidrittel der 30 Passagiere waren Touristen. Neben mir saß eine Laotin, die später in einem Strohhüttendorf mitten im Dschungel ausstieg. Auf der Fahrt machte sie mit ihrem Handy ständig Photos, die sie per MMS an Gott und die Welt verschickte. Irgendwie war das schon komisch, dass die Einheimischen mit den modernsten Kommunikationsmitteln ausgestattet sind und in so ursprünglichen Behausungen wie Strohhütten in Dörfern, die fernab von der nächsten Stadt liegen, leben.

Eigentlich sollte es um 8.30 Uhr auf die große Reise gehen, aber wie auch in vielen anderen Ländern üblich, war die Fahrzeit nur sinnloses Beiwerk, welches auf den Fahrschein gekritzelt wurde. Warum wir eine halbe Stunde noch am Ufer lagen und nicht losfuhren, obwohl niemand mehr zustieg, wurde mir erst am Ende des Tages bewusst. Der Fluss wechselte sein Gesicht relativ häufig zwischen weitem Strom und engem reißenden Bach, bei dem der Kapitän seine Navigationskünste zwischen den messerscharf emporragenden Felsen beweisen musste. Manchmal kam mir die Fahrt wie Rafting flussaufwärts vor – und das mit diesem langen, großem und nicht sehr wendigen Boot. Ab und zu wurde die relativ beschauliche Fahrt durch einen Mega-Lärmpegel gestört. Wie Raketen schossen die Schnellboote, mit bis zu 6 Passagieren beladen, an uns vorbei. Beim Anblick der Fahrgäste, die mit Sturzhelm und Schwimmweste, in die Boote reingequetscht waren, wollte ich trotz des schnellerem Fortkommens nicht tauschen. Während der 9-Stunden-Fahrt änderte sich die Landschaft kaum. Das Ufer bestand aus Sanddünen und ca. 3 bis 5 Meter oberhalb fanden sich in Dorfnähe kleine Äcker. Ansonsten nahm dominierte bis zum Horizont die üppige, dichte Vegetation aus Schlingpflanzen und Bäumen. Wir fuhren den ganzen Tag durch den Dschungel und kamen auf den ca. 150 Kilometern insgesamt an drei Dörfern vorbei. Mit dem letzten Licht erreichten wir das Tagesziel Pak Beng – das ätzendeste Dorf Südostasiens.

Meines Erachtens ist das ganze Dorf eine große Mafiafamilie. Die Boote in Luang Prabang legen extra so spät ab, um ja beim Eintreten der Dunkelheit erst an der „Anlegestelle“ anzukommen. Diese besteht aus einer sehr steilen Sanddüne. Natürlich gibt es keinen Weg, geschweige denn ein Treppe zum Dorf hinauf und beleuchtet ist die Stelle auch nicht. Dafür warten schon Dutzende von Trägern am Ufer auf die Touristen. Die Rucksäcke, die einer nach dem anderen wahllos in die Hände der Wartenden Touristen und Einheimischen gegeben werden, finden oft nur nach längerem Gezerre den Weg zum Eigentümer. Nun hat der Otto-Normal-Backpacker einen Rucksack, auf den er aufpassen muss. Ich hingegen hatte drei Taschen und ein Rad. Leider verschwand ein Touri nach dem anderen mit seinem Hab und Gut im Dünenhang und nachdem ich den anderen Fremden geholfen habe, ihre Rucksäcke zu erhalten, blieb ich alleine mit der frustrierten Trägermeute übrig. In diesem Moment habe ich mich leider immer noch in Südostasien und nicht in einem mafiösen Hafenkaff gefühlt. Ich nahm meine Gepäckstücke entgegen und schließlich kam auch noch das Rad vom Dach. Auf das Angebot, das Rad auf dem Dach die Nacht über zu lassen bin ich glücklicherweise nicht eingegangen. Ich schnallte zwei Taschen auf das Rad. Die dritte Tasche hätte zwar noch draufgepasst, wie sonst auch, aber ich hätte das Rad unmöglich die Düne hochschleppen können. So ließ ich meine Radtransporttasche am Boot und schleppte den Drahtesel die Düne empor.

Natürlich rutsche ich mit jedem Schritt wieder dreiviertel des gerade zurückgelegten Weges runter. Irgendwann habe ich eine flache Stelle gefunden, wo ich das Rad habe hinlegen können, um den Transportsack zu holen. Eigentlich sah es so aus, als ob die Meute abgezogen wäre. Ich kam unten am Boot an und der Sack war weg. Wie sinnlos ist es eigentlich, so einen Transportsack zu klauen? Ich kletterte sofort zum Rad wieder hinauf, wo inzwischen auch der erste Packsack fehlte. Klasse, was können die Träger oder wer auch immer mit so etwas anfangen? Im geklauten Sack waren Erste-Hilfe-Sachen, alles belichteten Dia-Filme, Fahrradwerkzeug für ca. 100 EUR, ein Kulturbeutel, eine Hose und ein Shirt, sowie der Thailand-Reiseführer und das Aufladegerät für das Handy.

Nur noch leicht bepackt fand ich dann mit allerletzter Mühe noch eine Spelunke zum Übernachten, da natürlich alle Gasthäuser mittlerweile von den Anderen in Beschlag genommen wurden. Im Laden nebenan kaufte ich mir dann erstmal eine Zahnbürste, laotische Zahnpasta und Duschgel. Außer Gepäck zu klauen, bieten einem die Dorfbewohner auch zahlreiche illegale Kräuter zum Konsum an. Da fuhr ich nicht sonderlich drauf ab, aber ich bot den Leuten an, nach meiner Tasche zu „suchen“ und dafür 2.000 Baht (ca. 40 EUR) zu erhalten. 2.000 Baht ist für die Leute bei einem Monatslohn von höchstens 30 US-Dollar natürlich viel Geld und daher tat das halbe Dorf so, als suchte es meine Sachen. Mit 40 EUR „Lösegeld“ wäre ich auch prima aus dem Schneider gewesen – aber leider hat keiner einen Draht zu dem Klauenden gehabt, so dass ich am nächsten Tag dann doch ohne die beiden Gepäckstücke meine Reise fortsetzen musste.

Das Boot hatte dieselben Maße, wie am Vortag, doch die Bestuhlung war etwas rustikaler. Die Bänke sahen aus, als ob sie in einem Grundschul-Werkunterricht von nicht eben mit besonderer Gabe fürs Handwerk ausgestatteten Kindern gezimmert worden sind. Der mitteleuropäische Durchschnittshintern passte zu ca. 40 Prozent drauf und die Lehne wurde im 90-Grad-Winkel zum Sitz angebracht, so dass ich kerzengrade auf dieser knirschenden Bank ca. 1 Minute dieser 9-Stunden-Fahrt aushielt. Wie angenehm ist da eigentlich ein Fahrradsattel! Später zog ich entweder den Boden vor oder versuchte längs auf dieser Bank es irgendwie auszuhalten – denn es herrschte im Gegensatz zum Vortag gähnende Leere auf dem Kahn.

Beim Anblick der „neuen“ Kabinenausstattung ist etwa die Hälfte der Touris sofort wieder ausgestiegen und hat sich ein Schnellboot gemietet, um möglichst schnell die nächsten 150 km flussaufwärts zu kommen.

Kurz vor Sonnenuntergang – oh Wunder – erreichten wir Huay Xai nach einer relativ eintönigen Fahrt, die sich jeder Laos-Reisende ruhig sparen kann. In Huay Xai war anders als in Pak Beng keine Mafia am Werk, allerdings gab es auch eine betonierte Auffahrt zum Kaff und folglich auch keine Trägermeute, so dass kein Anlass bestand, im Dunkeln anzukommen. Da ich ja nur noch eine Radtasche hatte und somit genug Platz auf dem Gepäckträger, konnte ich nun wenigstens das gute Lao-Bier als Souvenir in ausreichender Zahl im Laden kaufen und als zweite Packtasche am Gepäckträger befestigen.

Eine buddhistische Weisheit sagt: Alles was schlecht scheint ist nicht total schlecht und alles was gut scheint ist nicht total gut! In diesemSinne sage ich also Prost 🙂

Am nächsten Morgen schipperte ich mit einer Nussschale und meinem Rad auf die andere Mekong-Seite, um wieder nach Thailand zurückzukehren. Die letzten Kilometer des Vortags konnte man gut den Unterschied zwischen Laos und Thailand erkennen, da das Westufer thailändisches das Ostufer laotisches Hoheitsgebiet war. Im Westen standen ultramoderne japanische Pick-ups – dem Thai sein Lieblingsspielzeug, da er in das Auto die ganze Familie hinten rein bekommt, seinen Kühlschrank ausfahren, Möbel bequem transportieren, ideal umziehen, das kaputte Motorrad zur Werkstatt und der Abt die Mönche eines ganzen Wats damit durch die Gegend kutschieren kann.

Im Osten gibt es oft noch gar keine Autos und wenn dann eher vom Typ TÜV-Plaketten-untauglich. Die Straßen waren im Westen durchweg asphaltiert – im Osten wurde gerade in Huay Xai die Straße erst asphaltiert und die Nationalstraße ist noch eine Staubpiste. Am Westufer entstehen Ressorts – am Ostufer existieren heruntergekommene Spelunken als Übernachtungsmöglichkeit.

Aber auch in Thailand musste ich beim Straßenverkehr immer konzentriert bei der Sache sein. Ein Mofafahrer überholte mich mit seinem Anhänger und auf einmal tat es einen Schlag, das rechte Rad des Anhängers suchte sich seine Freiheit und die Funken des metallenen Anhängers sprühten durch die Gegend, ehe der Fahrer anhielt, das Rad wie im schlechten Film ihn überholte und in die Büsche rollte. Die Straße war in gutem Zustand, aber leider für die PS-starken Motoren der Thais ausgelegt. Führten die Trassen in Laos auch immer bergauf bergab, waren Steigungen von 10 Prozent oder mehr wahrscheinlich aufgrund der schwachen Motorleistung der Vehikel eher selten zu meistern. In Thailand zogen die Bauingenieure ihre Routen durch die Hügel einfach direkt steil rauf und wieder runter, wie in einem Zeichentrickfilm. Das machte mir anfangs die letzte Etappe zur Qual, und ich bereute natürlich rasch, die Palette Lao Bier tags zuvor gekauft zu haben.

Polizei sah ich in Laos praktisch keine. Dafür zeigt diese in Thailand sogar in vielen Käffern Präsenz. Straßensperren sind an der Tagesordnung und auch ich als Rad fahrender Farang (Westler) musste anhalten. Der Kommissar fragte mich „Which country?“- „Germany“. „Which city?“ – „Mainz“ – „Häh?“ Daraufhin zeigt ich ihm mein Armbändchen auf dem „1. FSV Mainz 05“ stand und ich deutete auf das Wort „Mainz“. „Ah – Bundesliga!“ war daraufhin die Antwort des Kommissars und er setzte gleich die Frage „Good?“ hinterher. Ich, verblüfft von den Kenntnissen des Kommissars, der mitten in der Pampa im goldenen Dreieck saß, war relativ sprachlos – nicht nur wegen der aktuellen fußballerischen Taten der 05er und konnte nur „Well, äh, hm?!“ antworten. Dies schien aber als Antwort auszureichen und ich durfte weiterfahren.

Das goldene Dreieck bezeichnet das Drei-Länder-Eck Thailand-Myanmar-Laos und ist als Opiumanbaugebiet weltweit bekannt. Daher gibt es auch die vielen Polizeikontrollen auf thailändischer Seite, da hier keine Mohnfelder mehr existieren und kein Opium mehr hergestellt wird. Das wird mittlerweile hauptsächlich von Myanmar und z. T. von Laos übernommen. Nach den Taliban-Opium-Bauern in Afghanistan ist diese Region immer noch weltweit zweit wichtigster Exporteur dieses Rohstoffs aus dem Heroin hergestellt werden kann. Da ich nur Bier an Bord hatte, passierte ich alle Kontrollen problemlos und fuhr aufgrund des starken Verkehrs auf den Thaiways lieber auf guten Hinterlandstraßen meinem Ziel Chiang Rai entgegen.

Im Touristenbüro erhielt ich eine Karte, auf der sogar ein Fahrradladen eingezeichnet war. Während in Laos niemand mehr freiwillig sich auf das Velo schwingt, sind die Thais schon eine „Evolutionsstufe“ weiter und betreiben zumindest alibi-mäßig Radsport als Fitnessprogramm, damit man das „Farang Food“ (westliches Essen) wie Pizza verträgt. Schließlich ähneln manche Thai-Kids oft schon relativ dicken Buddhas mit kugelrunden Bäuchen.

Den Kids tut das Radeln sicherlich besser Fernsehen zu gucken – manchmal die Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 in diesem Land. Im Radladen angekommen, traute ich meinen Augen nicht, dass ich hier dieselben hochwertigen Werkzeuge wie in Deutschland bekam. So habe ich meinen Drahtesel mittlerweile für den Lufttransport entsprechend präpariert und hoffe, dass das Rad auch ohne Schutztasche heil in Frankfurt ankommen wird. Nach 818 Radelkilometern und 300 km Flussschifffahrt geht heute meine Tour zu Ende. Ich danke Euch fürs Lesen und für die netten Feedbacks, die Ihr mir gegeben habt. Gleichzeitig wünsche ich Euch noch ein paar hoffentlich stressfreie Adventstage.