Eine fast perfekte Fastnachtspremiere

Am letzten Spieltag vor der Straßenfastnacht geht es bei Mainz 05 traditionell im Stadion hoch her. Nils Wöhl zieht nach einem Premierenwochenende in seiner Fan-Kolumne Bilanz.

Am Sonntagnachmittag machten sich 858 Menschen auf den Weg zum Bruchwegstadion, um sowohl das 2. Ligaspiel der 05erinnen aber auch möglicherweise den Beginn einer neuen Tradition mitzuerleben. Der AG Identifikation der Fanabteilung hatte die grandiose Idee ein Fastnachtssingen zu veranstalten. Damit wurde etwas geschaffen, was in Deutschland seines Gleichen sucht.

Angeleitet wurden die Leute auf der Tribüne von den Mainzer Hofsängern auf dem Rasen. So wurde fröhlich gesungen und geschunkelt zu absoluten Klassikern sowohl aus der Mainzer Fastnacht wie auch aus dem Mainzer Stadion. Ob das Singen oder die umkämpfte Partie zuvor gegen Viktoria Berlin anstrengender war, wird das Geheimnis der 05erinnen bleiben. Trotz der Enttäuschung, nur mit einem, statt drei Punkte aus der Partie gekommen zu sein, war die Freude beim Fastnachtssingen ungetrübt. Lediglich der Verein gab eine traurige Figur ab und stattete die Spielerinnen nicht mit Fastnachtstrikots aus.

Es bleibt zu hoffen, dass abseits des Singens, das nicht zu einer Tradition wird.

Schon während des Spiels wurden Fastnachtslieder angestimmt – einmal mehr ohne Trommel oder Megafon, denn die sind dem Anhang verboten. Und so ist guter Support teuer, Anwohner fühlen sich in ihrer Sonntagsruhe gestört und reichen Lärmbeschwerden ein. Eine Thematik, die nicht nur für Fans, sondern auch für viele Sporttreibende, ein bekanntes Ärgernis ist.

Wenigstens aber bei einem Fastnachtssingen, einem gesellschaftlichen Kulturereignis in einer Fastnachtshochburg wie Mainz, sollte auf die Pauke gehauen werden dürfen.

Die Möglichkeit eine Sondergenehmigung bei der Stadt zu beantragen, kam der Verein nicht nach. Bisher priorisiert der Verein lieber gegnerische Fans als die eigenen. Bei Heimspielen der U23 in der Regionalliga Südwest wird diese Möglichkeit für Gästefans genutzt. Gastfreundschaft ist zwar auch eine Mainzer Tugend, aber an dem Punkt geht sie dann doch zu weit.

Und so bleibt am Ende lediglich der besondere Dank an die Initiatoren des Fastnachtssingen, die den 05erinnen eine zusätzliche Bühne geschaffen zu haben. Sichtbarkeit und Hörbarkeit sind von Nöten, wollen wir, dass an Wochenenden noch mehr Fans regelmäßig an den Bruchweg tingeln, um die 05erinnen zu unterstützen. Vielleicht also war der Fastnachtsspieltag nur ein Auftakt, um mehr Aufmerksamkeit für die Fanbelange rund um die 05erinnen zu schaffen.

05erinnen in Liga Zwei – jetzt braucht es echten Support

Der Zweitliga-Frauenfußball ist zurück in Mainz. Nils Wöhl zeigt in seiner Fan-Kolumne, warum der starke Saisonstart mehr Aufmerksamkeit verdient und bessere Bedingungen für die 05erinnen nötig sind, um konkurrenzfähig zu bleiben.

2667 Tage hat es gedauert, bis Zweitliga-Frauenfußball in Mainz gespielt wird. Wo früher die Schott kickte, sind inzwischen die 05erinnen mitten im neuen Alltag angekommen und haben vier Pflichtspiele absolviert – Zeit für einen ersten Blick auf den Saisonstart.

 Das Auftaktprogramm hatte es in sich: Mit Meppen und dem SC Sand ging es direkt gegen ehemalige Bundesligistinnen und Viktoria Berlin sowie der VfB Stuttgart gehören zu den ambitionierten Aufsteigerinnen. Umso erfreulicher ist die Bilanz: Weiterkommen im DFB-Pokal gegen den VfB und vier Punkte aus drei Ligaspielen.

 Top, zwar gab es keinen Kaderumbruch, aber noch befindet sich die Mannschaft in ihrer Eingewöhnungsphase. Statt dominantem Ballbesitzfußball setzt das Team jetzt stärker auf Umschaltmomente – und zeigt dabei beachtliche Entwicklungsschritte. Besonders auffällig: Chiara Bouziane mit zwei Toren, zwei Vorlagen und vielen Dribblings.

Gerade das Auswärtsspiel bei Viktoria Berlin hat gezeigt, wie mutig das Team bereits auftritt – zwei Punkte mehr wären verdient gewesen.

 Umso trauriger, dass diese Fortschritte drohen unterzugehen – weil es kaum unabhängige Berichterstattung gibt und auch vom Verein zu wenig getan wird, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Wenn Mainz 05 im Frauenfußball ernsthaft mitmischen will, reichen gelegentliche Posts am Heimspielwochenenden nicht aus. Es braucht echten Buzz, klare Sichtbarkeit auf den Hauptkanälen und eine Präsenz, die dem Zweitliga-Status gerecht wird und wie es andere Bundesligisten vormachen.

 Zusätzlich ist klar, wer dauerhaft sportlich konkurrenzfähig sein möchte, muss auch bei den Trainingsbedingungen mithalten. Dass die Mannschaft ausschließlich auf Kunstrasen trainiert, während alle Pflichtspiele auf Rasen stattfinden, darf kein Dauerzustand bleiben. Da erscheint der Saisonstart umso beeindruckender.

 Will es der Verein wenigstens sportlich ernst meinen, müssen Raseneinheiten eine Selbstverständlichkeit sein. Die nächste Gelegenheit, die 05erinnen zu unterstützen, gibt es am Samstag um 11 Uhr im Bruchwegstadion beim Nachbarschaftsduell gegen die U20 von Eintracht Frankfurt.

 Schon einmal war die Frankfurter Zweite hier zu Gast, damals vor fast neun Jahren – mit unter anderem Nadine Anstatt und Chiara Bouziane auf dem Platz, die heute beide für Mainz spielen. Endstand damals: 1:0 für Mainz. Gerne wieder.

Der Tagesplan für Samstag steht: erst die Frauen am Bruchweg, dann die Männer in der Arena siegen sehen, damit wir irgendwann erstmalig, erstklassigen Frauenfußball in Mainz sehen.

Über den Autor: Nils Wöhl ist Teil der Recherche-Unit des Hinterhofsänger-Talks. Der Mainz 05-Podcast widmet sich wöchentlich den Bundesligaspielen der Profi-Mannschannschaft und alles rund um den Verein.

Spätlese Stuttgart Saison 2024/2025

Auswärts fahren bietet in unserem komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine Spätlese eben!

01 Hin und weg
02 (N)immer nuff
03 Kon-Trolle
04 Kampf um den Mampf
05 Käfighaltung

Großer Jubel bei den 05erinnen nach dem Einzug in die 2. Runde des DFB-Pokals

01 Hin und weg:

Die erste Auswärtsfahrt der Saison trumpfte, was die Logistik angeht, gleich wieder voll auf. Da die Deutsche Bahn drüben in Hessen eine Bahnstrecke erneuert, hält sie für fünf Monate nicht im Bahnhof Mainz-Laubenheim. Begründet wird dies damit, dass über die Strecke Mainz – Mannheim viele Züge umgeleitet werden. Witzigerweise fährt die S-Bahn zwischen Mainz und Mannheim auch in dieser Zeit, doch fährt sie durch den Laubenheimer Bahnhof durch. Dafür setzt die Bahn einen Schienenersatzverkehr von Laubenheim nach Bodenheim ein. Die Bahn macht ja immer auf nachhaltig, obwohl viele ihrer Züge mit Dieselloks durchs Land dampfen. Aber einen Bus einzusetzen, der Leute von einem zum anderen Bahnhof bringt, obwohl die Bahn eigentlich zwischen beiden Bahnhöfen verkehrt, ist schon ein bisschen schräg.

Das liegt laut Bahn daran, dass durch das höhere Zugaufkommen, die S-Bahn schneller zwischen Mainz und Mannheim verkehren muss, um im Takt zu bleiben. Das klingt in der Theorie vernünftig, aber natürlich hat man da so in der Praxis als Bahnvielfahrender so seine Zweifel. Bis Ludwigshafen Hbf. kamen wir tatsächlich schnell voran, da in weiteren Bahnhöfen nicht gehalten wurde. Dann gab es die übliche Verspätung – diesmal in Form einer Weichenstörung. Somit musste ich fluchtartig den Zug mit meinem Klapprad verlassen, denn ich hatte nur etwas über 15 Minuten Zeit, um meinen ICE-Anschluss in Mannheim zu erreichen. Vor ein paar Monaten strandete ich ebenfalls in Ludwigshafen auf dem Weg zu den 05erinnen – damals fuhren an Fronleichnam plötzlich keine S-Bahnen nach Speyer zum Verbandspokalfinale… Lost in Lu halt…

Nach dem 15-Minuten-Sprint mit dem Klapprad ruckzuck in den ICE hinein

Der Vorteil von Spielen am Sonntag ist die Tatsache, dass sonntagsmorgens auf der Gasse nicht so viel los ist. So bahnte ich mir meinen Weg durch die Betonburg Ludwigshafen, die es ja im Versiegelungsranking deutscher Städte sogar geschafft hat, noch hinter Mainz zu landen. Danach flugs über den Rhein nach Mannheim und rein in den ICE, der schon am Bahnsteig stand.  Gut 35 Minuten später war ich auch schon in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs angelangt.

02 (N)immer nuff:

Die Spielstätte der VfB-Frauen befindet sich am VfB-Clubzentrum, das unmittelbar an das Neckarstadion anschließt. Aus diesem Grund hatte ich auch das Klapprad mitgeschleppt. Schließlich ist es eigentlich eine schöne Strecke, die sich da mit dem Rad zwischen Bahnhof und Fußballplatz zurücklegen lässt. Natürlich ist der Stuttgarter Hauptbahnhof seit mehreren Jahren eigentlich eine Vollkatatrophe, denn das Prestige-Objekt Stuttgart 21 wird einfach nicht fertig. Das Provisorium ist vollkommen überfüllt – es war mittlerweile Mittag und da fahren sonntags doch so einige durch die Gegend. Einmal den Molloch hinter mir gelassen, ließ es sich sehr gemütlich durch den Schlossgarten und über den Neckar nach Bad Cannstatt radeln. Danach ging es noch einen Kilometer auf dem Neckar-Radweg flussaufwärts und schon war das VfB Clubzentrum erreicht.

Radtour durch den Stuttgarter Schlosspark zum VfB-Clubzentrum

03 Kon-Trolle

Eigentlich sollte es die Tickets auf der VfB-Seite im Vorverkauf geben. Aber das klappte zumindest bei mir nicht. Auf der Webseite des VfB las ich auch noch, dass der Trainingsplatz 1 für maximal 1000 Zuschauende zugelassen wäre. Daher war es schon gut, den ICE in Mannheim nicht verpasst zu haben. So kam ich zeitig am Clubzentrum an und sah schon die Schlange vor dem Tickethäuschen. Am Ende war dann alles halb so wild, schließlich kamen „nur“ knapp 800 Zuschauende zum ersten Auftritt der VfB-Frauen im DFB-Pokal überhaupt. Anders als beim Männerfußball gibt es kaum Security und noch weniger Stress beim Mitnehmen von Sachen wie digitaler Spiegelreflexkamera oder Laptop. Den Krempel durfte ich ohne Diskussionen mit hineinnehmen.

Sehr leckere vegane Wurst am Trainingsplatz 1

04 Kampf um den Mampf

Der Nachteil, wenn 800 Menschen ein Fußballspiel besuchen möchten, liegt darin, dass der Catering-Bereich dafür nicht unbedingt ausgelegt ist. Die Schlangen vor dem Catering-Stand waren mit denen im Gästeblock im Neckarstadion durchaus vergleichbar. Das Warten lohnte sich allerdings, denn die vegane Wurst, die es so außer in Dortmund fast nirgends in der Männerbundesliga gibt, war echt lecker. Eine vergleichbare Variante gab es bisher bei den 05erinnen-Heimspielen auf dem Schott-Gelände. Hoffentlich wird sie demnächst dann auch bei den 05erinnen-Heimspielen am Bruchweg kredenzt. Dass sie auch im Stadion am Europakreisel ab dieser Saison angeboten wird, wage ich mal zu bezweifeln. Dort wird es wie in der Rückrunde der letzten Saison hoffentlich wenigstens die veganen Hot Dogs geben – die, das muss man auch mal sagen, deutlich günstiger sind, als die mit Fleisch – und diese Preisdifferenzierung zwischen pflanzenbasiertem Angebot und einer Fleischvariante ziehen noch weniger Vereine durch. Aber wer will schon mit einem Hot Dog in einen vollen Stehblock. Menschen, die sich pflanzenbasiert ernähren, wollen einfach was auf die Hand, was auch im Getümmel zu verzehren ist, ohne danach komplett mit Saucen „verziert“ dem Geschehen auf dem Platz folgen zu müssen.

Auch für dieses Spiel hat das „Es war einmal Fanzine“ wieder einen besonderen Wimpel anfertigen lassen.

05 Käfighaltung

Anders als zuletzt in Bochum bei der Aufstiegsrelegation wurde auf eine Fantrennung komplett verzichtet. Wir sind ja hier beim Frauenfußball und da ist so etwas tatsächlich (noch) nicht nötig. Der Mainzer Mob, der aus rund 20 Leuten bestand, positionierte sich am Ende der dreistufigen Tribüne auf Höhe des 16ers. Dass es deutlich mehr Durchhaltevermögen braucht, ein Frauenfußballspiel zu besuchen, als ein Männerprofispiel in einer der hypermodernen Arenen, liegt daran, dass hier noch auf Plätzen gekickt wird, die sich genau die Fußballromantik bewahrt haben, die sich viele Fans wünschen. Man ist nah dran, man kann verbal so supporten, dass es die Teams mitbekommen und man steht wie die Spielerinnen im Regen. Schließlich haben diese Plätze eigentlich nie Sitzplätze, geschweige denn ein Dach.

Spielerin des Spiels: die neue Nummer 1 der 05erinnen: Mamiko Matsumoto

Bereits seitdem ich am Stuttgarter Hauptbahnhof aufgebrochen war, regnete es ununterbrochen. Dass unter diesen Umständen trotzdem 800 Leute zu diesem Spiel gekommen sind, zeigt, dass in Stuttgart mächtig die Werbetrommel dafür gerührt wurde. Die VfB-Frauen werden in dieser Saison als Aufsteigerinnen erstmals in der drittklassigen Regionalliga Süd spielen, also in der Spielklasse, in der auch die 05erinnen in der Südwest-Staffel antreten, da es insgesamt fünf drittklassige Staffeln gibt.

Während die VfB-Frauen keines ihrer Testspiele in der Sommerpause verloren haben, gelang den 05erinnen lediglich ein Sieg . Dementsprechend bin ich mit einem mulmigen Gefühl nach Schwaben gereist. Und die VfB-Frauen legten furios los. Sie erspielten sich Chance um Chance, aber das Tor fiel auf der anderen Seite durch Jule Stendebach.  In der zweiten Halbzeit das gleiche Bild. Die VfB-Frauen liefen an, die 05erinnen schossen das Tor. Diesmal war es Nadine Anstatt. Es fiel zwar noch ein Anschlusstreffer, aber die 05erinnen kämpften bravourös und hielten das Ergebnis.

Die Atmosphäre war während der gesamten 90 Minuten sehr angenehm. Das lag sicherlich auch an dem Stadionsprecher, der auch immer wieder die 05-Fans in seine Moderation eingebunden hat. Ferner hat er sich tatsächlich vor der Bekanntgabe der Aufstellung eingelesen und den Namen der 05er-Kapitänin Ebru Uzungüney fast fehlerlos hinbekommen. Das wünschte ich mir auch im Männerprofifußball – ein Mensch, der sich vorab die Aufstellungen durchliest und gegebenenfalls beim Gastverein anfragt, wie die Namen der Spielenden ausgesprochen werden.

Letzte Einweisungen vor der ersten Humba für Mamiko Matsumoto

„Mamiko, Mamiko, Mamiko“ schallte es nach dem Abpfiff durch den „Gästeblock“. Gemeint war Mamiko Matsumoto, die neue Nummer 1 im Tor der 05erinnen, die mit ihren zahlreichen tollen Paraden, einen großen Anteil daran hatte, dass die 05erinnen nun am ersten Septemberwochenende im Bruchweg gegen die Kickers Frauen aus Offenbach in der 2. Runde antreten dürfen – gegen die sie in einem Testspiel in diesem Sommer verloren haben. Die Torfrau aus Japan durfte mit Hilfe von Lisa Gürtler die erste Humba der Saison anstimmen und den Dauerregen von Stuttgart bei allen, die es mit dem FSV halten, vergessen machen.

Fazit: Testspiele sind völlig überbewertet!

Rot-weiße Grüße,

Christoph