Vietnam Teil 2

Mittlerweile bin ich nur noch dürren Hühner auf der Strasse und nicht mehr im Suppentopf begegnet und habe die vietnamesische Küche wirklich schätzen gelernt. Da hinter Hoa Binh die Tonkinschen Alpen anfangen, radele ich seither permanent bergauf und bergab, so dass ich es auf Dauer auch nicht geschafft hätte lediglich dürre Hühner anzugucken. Die magischen Wörter in Vietnam heißen daher COM PHO, oder auf deutsch Reis- und Nudelsuppe. COM PHO gibt es immer und überall selbst außerhalb von Ortschaften mitten in der Pampa, denn der Highway Nr. 6 ist so etwas wie die Lebensader des Berglands westlich von Hanoi. PHO ist die Mahlzeit für Ausdauersportler schlechthin. Die Nudeln, aus Reis hergestellt, werden in einer großen Suppenschüssel mit Frühlingszwiebeln, Ingwer, Bambuskeimlingen, Sojasprossen, Dill und Rindfleisch heiß serviert. Dadurch bekomme ich notwendige Kraft, die Berge hoch zu strampeln und werde innerlich gewärmt, da es hier anfangs gar nicht so warm war. Auf Höhen um die 1000 Meter ist es gerade noch 14 Grad Celsius „warm“ – so dass ich auch keinen richtigen Temperaturschock nach meiner Ankunft bekommen habe. Zu COM PHO wird natürlich immer grüner Tee gereicht, genauso, wenn ich beim Einkaufen von Proviant in einem Laden vorbeischaue oder im Hotel ankomme. Dann gibt es gleich noch eine Teekiste, Thermoskanne und Gläschen mit aufs Zimmer.

Von Hoa Binh aus verlief die äußerst gute Strasse an Kalksteinfelsen vorbei, die einfach aus der Ebene mal so 200 Meter in die Höhe schießen, so als wären sie aus dem All in die Reisfelder geplumpst. Ein bisschen war das grüne vietnamesische Version vom Monument Valley in den USA. Nachdem ich in Hoa Binh noch ein Hotel gefunden habe, wusste ich dass es in Mai Chau nicht so einfach wird, da es höchstens ein Guesthouse gab, das ich aber gar nicht fand. Aber in einem Nachbardorf wird von der spanischen Botschaft in Hanoi ein Ökotourismusprojekt geleitet, das zum Ziel hat, Touristen im Dorf bei den Familien übernachten zu lassen. Mein Familienoberhaupt traf ich auf der Dorfgasse und er hielt eine Visitenkarte mir unter die Nase, die besagte, dass es bei ihm Essen und Trinken gäbe. Er sprach kein Ton Englisch aber meine Geste mit zusammengefalteten Händen am Ohr, verstand er, so dass ich dort übernachten konnte. Die Häuser im Dorf waren alle vom Stamm der so genannten weißen Thai bewohnt, einer Minderheit, die in den Bergen Vietnams an der Grenze zu Laos wohnt und ursprünglich aus China stammt. Die Holzhauesser sind alle auf Stelzen gebaut und der Boden besteht aus Bambusrohr. Im Wohnzimmer wurde eine Matratze, viele Decken und Kopfkissen und Sitzkissen ausgelegt. Ein Moskitonetz war ruck zuck aufgehängt und fertig war der Schlafplatz. Die vietnamesischen Behörden haben dazu noch ein Plumpsklo und eine Dusche auf dem Hof errichtet, so dass ich sehr zivilisiert übernachten konnte. Die Familie kochte auf dem offenen Feuer für mich Tofu mit Tomaten, Fisch und Reis, so dass ich wirklich satt wurde und das Hühnchen vom Vortag vergessen war. Außer mir war kein Fremder im Dorf und überhaupt habe ich bis auf zwei israelische Radfahrer keine Fremden hinter Hanoi mehr angetroffen.

Nachts hörte ich in meinem Stelzenhaus endlich mal keine Hupen, kein Geknatter der Myriaden von Mopeds made in Vietnam, kein Britney Spears aus dem vietnamesischen Disco-Stadel um die Ecke, sondern nur das Gezirpe der Grillen, das Schreien eines Babys und das Lachen vieler Dorfbewohner. Zum Abschied schenkte ich meiner Familie eine Postkarte vom Mainzer Dom und anscheinend hatten sie noch nie ein Gebäude aus Westeuropa zu sehen bekommen. Denn sie freuten sich so sehr, dass ich einen Schal geschenkt bekommen habe. Dieser macht sich bestimmt echt gut auf dem nächsten 05-Spiel in Gesellschaft zu meinen anderen rotweißen Schals 😉

Mit dem Rad in Vietnam unterwegs zu sein, bedeutet das Land wirklich hautnah zu (er)leben. In einem Bus ist man doch irgendwie ein bisschen abgeschottet, zumal man in den kleinen Dörfern am Wegesrand nur durchrauscht und stinkende Abgase hinterlässt. Diese bekomme ich nun als Radler bis in den hintersten Lungenflügel gepumpt, was aber mit der Zeit und der Entfernung von Hanoi nicht mehr allzu oft vorkommt. Auch die Hupfrequenz, die in Hanoi, Kalkutta ähnelnd, bei 60-mal Hupen pro Minute lag, ist hier auf 60 Mal hupen in der Stunde geschrumpft und lediglich auf den Zeitpunkt, an dem ich von einem LKW oder Bus überholt werde und dann dauerbeschallt werde – teils aus Vorsicht teils aus Verwunderung über diesen Thay (vietnamesisch für Langnase) der da auf der Gasse herumradelt. Mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür für die unterschiedlichen Huptöne und die hinter mir eventuell entstehende Gefahrensituation. Helles Piepsen stammt immer von den Mofas made in Vietnam, die keine Gefahr darstellen, da der Mofafahrer genauso wenig Knautschzone hat, wie ich und daher es auf keine Konfrontation ankommen lässt. Tieferes Piep Piep stammt aus den kleinen Autos und da ist schon ein wenig Vorsicht geboten, d.h. nicht mehr auf dem Mittelstreifen entlang träumen. Dumpfes Gehupe stammt von Bussen und LKWs und bei diesem Signal drehe ich mich oft um, damit ich die Situation besser abschätzen kann. Schlimmstenfalls bleibe ich stehen oder fahre an den Straßenrand ran. Bis jetzt klappt dieses Prinzip sehr gut und ich kam noch in keinerlei Gefahrensituation.

Gefahr lauert aber immer und überall: So z. B. auf den Märkten, die ich passiere, da Obstschalen gerne auf die Fahrbahn geworfen werden. Mandarinenschalen haben noch einen gewissen Widerstand aber Papayaschalen sind der Horror genauso wie die gute alte Bananenschale. Blumengeschäfte sind auch potentielle Gefahrenquellen, falls Rosen angeboten werden, da die dornigen Stängel ebenfalls auf der Fahrbahn landen und sich dann gerne in den Mantel bohren wollen. Büffel haben panische Angst vor Radlern, da diese keinen Krach machen. Falls dieses Viech dann in der Panik ausrutscht und auf mich fällt bin ich echt platt – keine weit hergeholte Situation – sondern vietnamesische Realität – der bullige Vierbeiner konnte sich gerade noch halten. Die Büffelfladen laden natürlich ebenfalls zu einem gediegenen Sturz ein. Hühner kommen mir zwar nicht mehr zwischen die Zähne, dafür aber fast täglich fast in die Speichen. Bis jetzt hat das Federvieh immer in letzter Sekunde es noch über die Gasse geschafft, bevor ich vorbeigedüst bin. Hunde sind dagegen meist total scheu und bellen kaum, denn diese stehen in der zweiten Hälfte des vietnamesischen Mondmonatskalender gerne auf der Speisekarte, da das Verzehren eines Hot Dogs Glück bringen soll!

Bei der Fahrt durch die Dörfer ist es immer wieder spannend zu erleben, wie die Menschen auf einen Thay der Rad fährt reagieren. Von völliger Ignoranz über Pokerface, scheues Hingucken und Lächeln bis hin zum Herumschreien inklusive Wegrennen, HELLO Brüllen, Xin Chau Schreien oder Thay-Rufen und mitlaufen oder mitradeln erlebe ich hier alles. Einmal begleiteten mich Schulkinder auf der Fahrt nach Hause einen steilen Berg hinauf ohne Schlapp zu machen – und das bei vietnamesischen 40 US$ 1 Gang 28 Zoll Rädern, die den Kids doch viel zu groß sind. Doch die meisten Menschen grüssen einfach nur freundlich und lachen und haben Spaß – das ist die wirkliche Spaßgesellschaft, denn die vielen Bautrupps und Bauern hören immer auf zu arbeiten, wenn ich an ihnen vorbeirolle. Vielleicht beträgt das vietnamesische Wirtschaftswachstum dann nächstes Jahr auch nur 9,9% statt 10% weil ich die Leute permanent von der Arbeit abhalte.

Außerdem sind die Leute noch neugieriger als in Indien. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort sondergleichen. Glotzen in Indien die Leute immer beim Schreiben im Internetcafe mir über die Schulter, werde ich jetzt hier sogar angesprochen und beim Tagebuchschreiben wollen die Leute auch hineinschreiben und wollen mir Linkshänder ständig den Stift in die rechte Hand stecken. Aber irgendwie sind die Leute trotzdem nicht so anstrengend wie in Indien. Vielleicht liegt es am kühlen Klima. Immerhin radele ich jetzt meist auf Höhen von 1.000 Metern und in den Wolken, so dass die Quecksilbersäule nicht über 14 Grad steigt. So kann ich immer einen kühlen Kopf bewahren.

Meinem Fahrrad geht es zur Zeit noch genauso gut wie mir. Das liegt sicherlich daran, dass ich in einer Fahrradwaschanlage war. Da wurde mit einem Hochdruckreiniger der Dreck der letzten Tage heruntergeschossen und danach wurde poliert und gewienert was das Zeug hält. Jetzt glänzt das Rad wieder wie neu, während meine Klamotten mittlerweile alle verschlammt sind. Dummerweise kann ich sie bei diesem Klima auch nicht waschen lassen, da es hier keine Trockner gibt und ich die vietnamesische Sonne bisher noch nicht gesehen habe!

Vietnamesen überraschen mich immer wieder überall und gerne. Viele finden es anscheinend schön, dass man ihr Land mit dem Drahtesel bereist. Im Hotel wurde ich von der Familie zum Abendessen eingeladen, ohne dass auch nur eine Person halbwegs gutes Englisch sprach. Daher erfuhr ich auch erst nach dem Essen, dass ich eingeladen war, denn sie wollten kein Geld…also gab es ne Mainzer Postkarte vom Dom, die jetzt in Moc Chau im Hotel hängt! Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass mein Fahrradcomputer fehlte. Ich dachte noch, Mensch bist Du bescheuert und lässt das Ding einfach über Nacht am Rad, das in der Hotellobby abgestellt wurde. Doch zum Frühstück kam der Hotel-Eigentümer mit dem Computer und meinem Pass zurück. Beides lag die Nacht im Hotelsafe, also der Schublade unter dem Tresen! Wildfremde Menschen bieten mir immer wieder bei den COM PHO Schuppen ihre riesigen Opiumpfeifen an, die mittlerweile wohl aber eher mit gewöhnlichem Tabak befüllt werden. Diese Pfeifen sehen etwa so aus wie ein Digeridoo nur dass mitten im Bambusrohr das Minipfeifchen für den Tabak steckt! Diese Dinger rauchen fast so stark wie die dicken LKW, denen ich täglich auf dem Highway 6 begegne.

Aber Vietnam kann auch anstrengend sein, in Moc Chau morgens um viertel vor fünf ganz besonders: Da spüre ich dann wieder den real existierenden Kommunismus, denn noch vor Sonnenaufgang plärrt durch die ganze Stadt Marschmusik, vielleicht die Nationalhymne, aber was mich da aus dem Schlaf gerissen hat, war mir auch wurscht egal! Danach wurde zum Frühsport geplärrt: Ich verstand die vietnamesischen Zahlen von 1 bis 10 aber ob sich jemand an diesem Kollektivterror in aller Herrgottsfrühe beteiligte weiß ich nicht – ich blieb noch bis um sechs im Bett und versuchte nochmals einzuschlafen, was natürlich nicht gelang! Um sieben war dann endlich wieder Ruhe, d.h. ich hörte nun wieder die Autos hupen, die Mofas quieken und das Volk auf der Strasse sich unterhalten.

Der Morgenterror rief aber noch jemand anderes aus dem Tiefschlaf, denn zum ersten Mal seit dem ich Vietnam vor knapp einer Woche betrat, kam die Sonne heraus und so wurde es auf einmal ein heißer staubiger trockener Tag. Statt Schlamm an Klamotten und Rad, lag jetzt überall der Staub der Strasse auf mir und meinen Sachen. Den ganzen Tag fuhr ich von Baustelle zu Baustelle, da wohl sämtlich Arbeiterkolonnen Vietnams am Highway 6 arbeiteten: Die Strasse wurde verbreitert, Leitplanken eingesetzt und die Strasse vom Steinschlag befreit, denn oftmals liegen Smart-große Felsen auf der Strasse herum, um die sich der Verkehr herumschlängeln muss. Ich musste den ganzen Tag zwischen Dampfwalzen herumschlingern, Baggern ausweichen und dazu noch die LKWs im Auge behalten, die aber sehr rücksichtsvoll fahren, sobald sie die Langnase auf zwei Rädern erkennen, so dass das ganze zwar actionreich aber nicht sonderlich gefährlich wurde! Die Strapaze von Baustelle von Baustelle zu rollen wurde dafür mit einer kulinarischen Köstlichkeit belohnt: Am Straßenrand wurden getrocknete Bananen mit Sesam und Reiskuchen zum Verkauf angeboten – einfach köstlich und der beste Energiespender!

Hinter der Provinzhauptstadt Son La (340 km westlich von Ha Noi) änderte sich alles ein wenig. Die Strasse wurde nun einerseits so breit wie ein deutscher Feldweg und so steil wie bei einem Alpenpass. Dafür gab es plötzlich kaum noch Verkehr. Die Berge ragten alle in Form von Dreiecken aus den Tälern empor. Das HELLO klang für mich nun eher wie ein HELAU, das von oben aus den steilen Feldern oberhalb der Strasse, von unten aus dem Strassengraben von den überall anzutreffenden Straßenkehrern in Orange oder von der Seite aus den wenigen Bussen kam. Auch wurde manches Mal BYE BYE gebrüllt, obwohl ich noch gar nicht vorbeigestrampelt war. Die Dorfbevölkerung war nun beim Begrüßen im sehr enthusiastisch, stand oft in Reih und Glied und ich kam mir wie beim Rosenmontagszug vor, nur dass keine Kamellen geschmissen wurden sondern lediglich HELAU gebrüllt wurde.

Haupttransportmittel zwischen den Dörfern war jetzt eindeutig das Fahrrad. Vietnamesen sind dabei wahre Gentlemen. Er sitzt vorne und die Dame von Welt hinten quer auf den Gepäckträger. Die Frauen laufen fast ausschließlich in ihren traditionellen Kleidern auf der Strasse zum Markt. Meist tragen sie einen seidenen schwarzen Rock, eine seidene rosafarbene Bluse und das lange schwarze Haar zu einem Pompon geknotet. Dieses wird meist durch bunte Tücher verdeckt und drüber wird dann oft noch der obligatorische Strohhut getragen.

Ich konnte den Menschen in ihrem Alltag von Sattel aus bequem zugucken. Unten im Fluss wurde die Wäsche gewaschen, das Feld wird noch mit dem Büffel durchpflügt, die Wolle mit der Spindel gesponnen, Brennholz in Korb-mäßigen Rucksäcken nach Hause in die hölzernen Stelzenwohnungen geschleppt. Das Essen wurde auch in den abgelegendsten Gegenden dank des hohen Alphabetisierungsgrads von 91% kein Problem mehr, da ich einen riesigen Sprachteil zum Thema Essen in vietnamesischer Sprache dabei hatte. Ich legte diesen einfach auf den Tisch und die Leute deuten mir auf die Speisen, die sie mir anbieten können. Dabei kann jedes Mahl individuell zusammengestellt werden. Oft gibt es Huhn (ohne mich), Rind, Schwein, Tofu, Gemüse, Nudeln, Reis zur Auswahl und dazu immer die obligatorische fermentierte Fischsoße Nuoc Mam, die eigentlich ganz gut schmeckt, aber bestialisch stinkt. Daher ist der Export dieser Soße auf Flügen von Vietnam Airlines nach einem Zwischenfall verboten. Die Soße lief im Gepäckraum aus und die Passagiere weigerten sich das bestialisch stinkende Gepäck in Empfang zu nehmen. Manche US-Soldaten nannten diese Soße während ihrer Zeit in Vietnam ‚Viet Cong Tear Gas‘! Aber wie gesagt, die Soße ist gar nicht so schlecht!

War die ersten Tage die Sonne gar nicht zu sehen, knallt sie jetzt jeden Tag 12 Stunden auf mich herab. Leider wird die Strecke auch zunehmend anspruchsvoll, so dass oftmals zum Geisterfahrer mutiere und links fahre, sobald der Schatten auf der linken Seite sich befindet. Aber wie schon in der ersten Mail erwähnt, ist Geisterfahren hier völlig normal. Nicht normal ist das Warenangebot in einer Bretterbude auf dem ersten großen Bergpass, den ich nach 1000 Höhenmetern in der Bullenhitze erreicht habe: Dass es Bia Ha Noi (Hanoi Bier) in rauen Mengen gab, verwundert nicht, sitzen da doch einsame Polizisten und bewachen den Telegraphenmast. Aber warum es keine Coca Cola gab ist mir unverständlich, denn es gab auch OMO Waschpulver und COLGATE Zahnpasta in Unmengen. Die lokale Fanta Marke „Orange“ wollte mir der Besitzer nicht verkaufen „No good!“ Ich konnte ihn dann doch noch überzeugen, mit mir ins Geschäft zu kommen, da ich einfach Durst hatte. „No good“ war sehr diplomatisch ausgedrückt. Die Chemiekeule war sicherlich so künstlich, dass das Datum auf der Flaschenrückseite sicherlich nicht das Haltbarkeitsdatum, sondern die Halbwertszeit dieser radioaktiven Orange schimmernden Substanz war. Aber was nicht tötet härtet bekanntlich ab!

Abends, es war Mittwoch, gab es natürlich Fußball in der lokalen „Premiere Sports Bar“, dem Bretterschuppen um die Ecke. Außer mir schien das Spiel Vietnam gegen Thailand niemand zu interessieren, aber es war auch grottenschlecht – das Bier aber gut. Vietnam gewann 1 zu 0 durch einen unberechtigten Foulelfmeter und die Vietnamesen nahmen das nur zum Anlass noch ein Bierchen zu zischen. Heute hatten sie wieder ihren Spaß in einem anderen Dorf mit mir. Nachdem ich mir die lokale Spezialität, Kreppel mit Fisch und Sojasprossen gefüllt gekauft habe, stellten sich mich auf die Waage und konnten ihren Augen nicht trauen, dass dieser Thay doch glatte 80 kg auf die Waage bringt. Alle anderen wogen 50 kg oder weniger, was in ein großes Gelaechter ausartete. Ist das Radeln auch manches Mal kein Vergnügen, da es megasteil bergauf geht, die Sonne auf mich knallt, der Regen mich durchwäscht oder ich wieder völlig im Russ der LKW verschwinde, dann sind es die VietnamesInnen, die mir wieder gute Laune verabreichen, da sie immer zu Späßen aufgelegt sind und sich einfach an meiner Präsenz auf dem Rad erfreuen.

Jetzt bin ich im äußersten Nordwesten Vietnams in Dien Bien Phu angekommen. Nach Hanoi sind es fast 500 km und ich eigentlich im letzten Winkel Südostasiens. Doch die alten Bewohner laufen hier mit Baskenkappe herum und freuen sich mit mir ein wenig französisch zu babbeln! Was es mit Dien Bien Phu auf sich hat…schauen mer mal!!! Ich wünsche Euch einen schönen 2. Advent. Drückt bitte den Mainzern am Sonntag in Kaiserlautern die Daumen, so dass es nicht wieder zu einer Niederlage wie gegen die Bayern kommt, die hier viele Leute kennen – Mainz 05 kennt hier hingegen noch niemand – doch die Zeiten ändern sich!

Vietnam 2004

Nachdem mir SARS im letzten Jahr auf meiner größeren Reise einen Strich durch Rechnung machte und ich Vietnam genauso wie Singapur nicht besuchen konnte, habe ich es nun doch noch in diese Ecke der Welt geschafft.

Da ich es mittlerweile ein wenig satt habe, mich als Sardine in einem Bus einmal um unseren Planeten durchzuquetschen bzw. herumzureisen, entschloss ich mich dieses Land genauso wie das Nordkap mit dem Rad zu entdecken. Da mir auf dem Rückflug vom nördlichsten Punkt Kontinentaleuropas das Rad doch arg beschädigt wurde, schraubte ich den Drahtesel vor Reiseantritt auseinander und verpackte ihn in einer Tasche. So geschützt kam das Ding dieses Mal heil und gemeinsam mit mir in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams an. Das Wetter ähnelte dem damals in Helsinki, denn es beim Landeanflug sah ich nichts außer Wolken und Nebel. Im Hotel angekommen war ich dann dankbar, an meine Stirnlampe gedacht zu haben, denn erstens nahm ich das fensterlose Zimmer im Erdgeschoss, um das stählerne Ross nicht in den x-ten Stock schleppen zu müssen und zweitens war gerade einmal Stromausfall, so dass ich im Kerzenschein und Licht der Stirnlampe meine Fahrrad wieder zusammenschrauben durfte.

Danach ging es auf eine erste Erkundungstour durch die Stadt. Als erstes lernte ich die einzige Regel, die es auf Vietnams Strassen gibt: Es gibt KEINE Regel! Höchstens ein Kastensystem in dem man als Radfahrer ziemlich weit unten angesiedelt ist. Dadurch läuft das Radeln aber ganz einfach ab: Man muss lediglich am besten am Fahrbahnrand entlang rollen, jederzeit gefasst darauf sein, dass aus der Seitenstrasse ein „Lebewesen“ einer höheren Kaste, sprich Moped oder Auto auftaucht, und garantiert keine Anzeichen macht, dass es schon einmal etwas von rechtmäßiger Vorfahrt gehört hat. Weiterhin muss man immer darauf gefasst sein, dass man links und rechts überholt wird, aber das kann man auch ganz schnell ins Aktive umsteuern und links und rechts überholen, so dass man ein wenig das Geschehen selbst in die Hand nehmen kann. Einbahnstrassen existieren aber nur auf dem Schild, Geisterfahren gehört hierher wie der Stau zu deutschen Autobahnen. Auch hier bahnt sich immer ein Stau an, dem aber gut auf dem Bürgersteig ausgewichen werden kann: als Radler aber auch als Motorradfahrer!

Linksabbiegen ist in Hanoi als Radler etwa so einfach wie in Deutschland günstiges Benzin zu erhalten. Allein schon das Orientieren zur Straßenmitte hin ist fast unmöglich, da man in den Strudel von Mopeds, Pkws, LKWs und Bussen gezogen wird und in die Hauptverkehrsfluss gezogen wird, der meist geradeaus verläuft. Aus diesem Strudel ohne Absteigen hinauszugelangen ist meist eine Mission Impossible. Was ich allerdings für unmöglich gehalten hätte, ist die Tatsache, dass es hier Fahrradwege gibt! Diese werden zwar meist von Fußgängern genutzt, da die Buergersteige mit Waren voll gestellt sind, aber es hat doch jemand an diese Spezies Mensch gedacht, die sich auf zwei Rädern ohne Motor durch die Welt bewegen möchte.

Das sich Fortbewegen funktioniert beim Befolgen der genannten Regel aber wunderbar, so dass es ein Vergnügen war, diese Stadt aus dem Sattel zu erkunden. Die Stadt ist ein kleines Finnland, da zahlreiche Seen das Areal durchziehen. Am Ufer kann man wunderbar dem nur wenige Meter entfernten Straßenchaos entfliehen. Morgens um sechs machen die VietnamesInnen ihre Morgengymnastik um fit in den Tag zu starten.

Eigentlich ist Vietnam ja ein kommunistisches Land, was ich den ganzen Tag über meist am roten Stern erkenne, der viele Plattenbauten a la DDR ziert. Aber auch die riesigen überdimensionierten olivgrünen Schirmmützen der Offiziellen ähnelt an als Sowjetzeiten. Und dann ist da noch der Staatsgründer Ho Chi Minh, der das Land nach dem 2. Weltkrieg gegen die Widerstand der Franzosen in die Unabhängigkeit führte: Gegen seinen Willen wurde auch Ho einbalsamiert und könnte selbst nach seinem Tod vor mehr als 30 Jahren mittlerweile ein stattliches Vielflieger-Konto aufweisen, da er jährlich im September aus dem Mausoleum in Hanoi nach Moskau fliegt um dort genauso wie Lenin für das folgende Jahr präpariert wird um dann Anfang Dezember wieder nach Hanoi zurückzufliegen.

Aber sonst ist vom Kommunismus nicht viel zu spüren, da seit mehr als 10 Jahren Privateigentum legal ist und jede(r) seinen Mini-Business aufgebaut hat. Dementsprechend ist Hanoi voll von kleinen und kleinsten Läden die alles anbieten, was das Shoppingherz höher schlagen lässt. In jeder Gasse der Altstadt, die dank der vielen französischen Kolonialbauten wie eine französische Kleinstadt nach Südostasien versetzt aussieht, gab es früher eine andere Warengattung zu kaufen. Je nach dem was es dort gab, bekam die Strasse ihren Namen. Ein bisschen ist davon auch noch heute geblieben: So gibt es eine Gasse ausschließlich mit vietnamesischen Fußballtrikots und Fahnen oder eine andere Gasse bietet ausschließlich Brillen an. Überall wird Bia Hoi, Fassbier angeboten. Für 3.000 Dong oder 15 Cents gibt es einen Drittelliter süffigen Gerstensaftes, der in rauen Mengen konsumiert natürlich zum Mega-Dong für wenig Dong führen kann.

Da ich aber nicht wegen des Mega-Dong hierher geflogen bin, kehrte ich der Hauptstadt bald den Rücken um das Land zu erstrampeln. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich aus einer tropischen Megametropole hinaus aufs Land finden. Zwei Dinge erleichterten mir diese nicht ganz einfache Aufgabe: Dank der Franzosen fährt die Mehrheit der VietnamesInnen auf der rechten Seite, so wie der bundesdeutsche Ottonormalverbraucher. Zweitens haben die VietnamesInnen bzw. Franzosen vor langer Zeit beschlossen lateinische Schriftzeichen statt chinesischer zu nutzen, so dass ich die sporadisch vorkommenden Verkehrsschilder lesen kann. Aber diese Schilder kommen in der Innenstadt Hanois etwa genauso oft vor, wie Jubelgeschrei von Fans des VfL Wolfsburg – d.h. gar nicht 😉

Aber irgendwann habe ich mit Hilfe der Karte die Hauptausfallsstrasse gefunden und konnte mich mit der Strömung stadtauswärts treiben lassen. Nach 20 Kilometern war dann die Metropole hinter mir und das Land hatte mich für sich. Kam ich mir wegen Baguette, Croissants, Bonjour und Cafekultur in Hanoi schon wie in einem französischen Überseedepartement vor, so wurde es auf der Landstrasse dank der weiß-roten Kilometermarker nicht anders. Alle 100 Meter wusste ich wieweit ich es schon geschafft hatte und irgendwann merkte auch mein Magen, dass wir gemeinsam weit gekommen sind. Auf der Fahrt durch Reisfelder in Richtung Tonkinschen Alpen westlich von Hanoi machte ich an einem Straßenrestaurant halt, dass mir den Eindruck machte, dass mich vielleicht jemand verstehen würde, da es durch die Terrasse und das Strohdach doch sehr touristisch aussah. Weit gefehlt – keiner konnte Englisch oder Französisch. Aber aus der Schublade kramte die Bedienung einen MARCO POLO Führer Vietnam hervor und deutete auf „Ga“ (Huhn) und „MIEN“ (Nudeln) im Sprachführerteil. Ich dachte noch, Glück gehabt aber irgendwie wurde das Essen doch noch zum Spießrutenlauf! Zunächst wurde mir noch ein feuchtes Handtuch (Oshi Bori) gereicht, was prima war, denn ich der Strassendreck klebte mir an den Händen. Dann wurden mir grüne minigurkenähnliche Gemüse gereicht. Dazu wollte meine Bedienung gleich noch ein HEINEKEN Bier aufmachen, was ich im letzten Moment durch den Schrei „COCA COLA, PEPSI!“ verhindern konnte. Alles nur kein Alk während dem Radeln! Dafür bekam ich aber auch alles: Zunächst beides: COKE und rote PEPSI! Dann kam das GA, also das Huhn auch als ALLES! Mit der Schere schnitt die Bedienung dem gekochten und gerupften Huhn das eigentlich nur aus Haut und Knochen bestand den Hals ab, die Füße weg und den Kopf entzwei. Dann kamen die Glasnudeln die mit Pilzen und wohl anscheinend Hühncheninnereien angereichert wurden. Huh zum Glück kam der Reis ungarniert und nun hatte ich die Qual der Wahl. Na ja ich probierte alles und hielt mich mit meinen Stäbchen an den extrem klebrigen Reis und die fettigen Glasnudeln. Das Hühnchen probierte ich ein wenig und entschied es seinem weiteren Schicksal selbst zu überlassen. Das grüne Gemüse war auch genießbar und so wurde wieder einmal ganz schnell zum Vegetarier.

Wassermelonen füllten dann meinen zum Bersten vollen Magen, denn von dem Mahl hätte wohl die halbe Meenzer 05er Mannschaft satt werden können. Dann ging es leider im Platzregen weiter und ich machte zum ersten Mal Bekanntschaft mit einigen Regenarten, wie es Forrest Gump im gleichnamigen Film beim Stichwort VIETNAM erzählt: Sprühregen, Platzregen, Dauerregen, Landregen und auch noch Regenschauer!

Jetzt bin ich im Trockenen und hoffe, dass diese Mail ihre Empfänger erreicht – denn der gestrige Entwurf ist irgendwie gelöscht worden, so dass ich alles noch einmal schreiben durfte!

Ich wünsche Euch einen schönen ersten Advent und viel Spaß beimGlühweintrinken und Bayern gegen Mainz gucken!

Skandinavien 2004 letzter Teil

Goddag,  

oder hallo aus  71°10’21“N oder dem angeblich nördlichsten Punkt Europas – oder noch ehrlicher Guten Morgen aus Mainz! Nach 40stündiger Odyssee vom Nordkap – mit dem Widerøe Bus wegen geschlossenem Flughafen nach Hammerfest –  mit einer Propellerkiste nach Tromsø und dreimal „Stehen bleiben“ und Fahrrad-Fetzen nach – Oslo in den Flughafenwald zum Zelten – und mit „There’s no better way to fly“-Lufhansa nach Frankfurt bin ich wieder auf dem 50. Breitengrad gelandet und reif für die Insel.  

Wie harmonisch hatte dagegen diese Woche für mich in Sapmi, dem Land der Sami am finnischen Inari-See angefangen. Außer ein paar Mücken, die ich mit dem alles bezeichnenden finnischen „Hyttys“ Spray Marke „OFF!“ sehr schnell loswurde, hatte ich dort oben einen angenehmen Ruhetag und endlich mal wieder die Gelegenheit zum Schreiben vom Teil 2.  

Die anschließende Fahrt in Richtung Nordwesten zur norwegischen Grenze brachte eine Neuerung mit: Wind! Da ich bisher praktisch nur durch Wald fuhr, gab es keinen Gegen- oder Rückenwind, der meine Geschwindigkeit irgendwie beeinflusste. Nun auf der Hochlandfläche von Sapmi (Lappland) hatte ich zum 1. Mal mit Gegenwind und Böen zu kämpfen. Gerade Seitenwindböen sind nicht gerade die angenehmsten Naturphänomene, da ich durch sie oft zur Straßenmitte „geweht“ wurde. Wie angenehm war es dann in Finnland zu radeln, wo sich die Autofahrer im Großen und Ganzen sehr rücksichtsvoll Radlern gegenüber verhalten: Man wird als Verkehrsteilnehmer wahrgenommen…und respektiert. Daher wird im großen Sicherheitsabstand überholt und ich wurde nie geschnitten.  

Die Fahrt über die Hochlandebene erweiterte mit einem Mal auch meinen Horizont, der in den letzten 13 Tagen lediglich 3 Meter nach links und rechts bis an den Straßen- bzw. Waldrand reichte. Statt Wald gab’s jetzt Sümpfe und Moore, die das Landschaftsbild bis an den kilometerweit entfernten Horizont prägten. Nun wurde der finnische Name für Finnland „Suomi“ endlich einmal Wahrheit, denn es bedeutet nichts anderes als Sumpf. Finnland selbst kommt wohl vom lateinischen „Fenia“, und bedeutet ebenfalls Sumpf.  

Nach 13 meist wunderschönen und oft sonnigen Radel-Tagen hatte ich den 1.720 km langen „Sumpf“ durchquert und mit Norwegen wieder festen Boden unter den Füßen. Kaum im Land der Fjorde und Berge angekommen, ging es auch schon steil bergan auf eine karge Hochfläche. In kleinen Senken wuchsen die letzten Kiefern und Birken. Da es ca. 25° C im Schatten waren, die Sonne mittlerweile 24 Stunden am Tag schien, kam ich mir mehr wie am Mittelmeer vor, als in der Polarregion. Diese warmen Temperaturen sind im Landesinneren von Nordnorwegen im Sommer durchaus normal – allerdings wird’s im Winter auch normalerweise bis ca. – 45°C  kalt. Durch die klare Luft waren schon die Fjorde umgebenden kahlen Berge des Eismeeres, das noch fast 100 km entfernt war, zu sehen. Je weiter ich nach Norden fuhr, desto weniger verkrüppelte Bäumchen säumten den Weg.  

Neben Fjorden ist Norwegen sicherlich für Lachs bekannt und Lakselv (norwegisch Lachsfluss), der erste Ort nach 74 km des Radelns vom Grenzort Karasjok zum Eismeer machte seinem Namen gleich alle Ehre. Auf dem Dorffest räucherten die Fischer den frisch gefangenen Lachs direkt auf der Gasse und für 3,50 € gab es eine Riesenportion Filet auf den Teller. Endlich mal keine Pasta zum Futtern und mein kulinarisches Desaster, was ich wegen dem etwas arg hohen Preisniveau in Norwegen befürchtet hatte, wurde abgewendet.  

Bisher war diese Radtour problemlos verlaufen, doch kurz vor meinem Ziel, wurde ich vor ein besonderes Problem gestellt: Da Norweger straßenbautechnisch sicherlich die fortschrittlichsten Zeitgenossen auf unserem Planeten sind, bauen sie in diesem bergigen, mit Fjorden durchzogenen Land, Brücken, steile Straßen und leider auch Tunnels en masse. Ein paar hundert Meter durch einen stinkenden Tunnel zu radeln ist sicherlich o.k., aber wie sieht es mit einem fast 7 km langen Tunnel aus, der 212 Meter unter der Meeresoberfläche verläuft und extrem eng ist? Offiziell war die Durchfahrt durch den sog. Nordkapptunnellen für Radler verboten – doch das heißt in Norwegen nicht sonderlich viel. Da ich niemanden getroffen hatte, der dieses stinkende Abenteuer per Velo durchgestanden hatte, musste ich eine Alternative finden. Diese bestand letzten Endes darin, eine kleine Nebenstraße für ca. 100 km zu nehmen, und dann mit dem Postschiff auf die Nordkappinsel Magerøya zu fahren.

Dumm nur, dass das Schiff nur einmal täglich fährt, und dies morgens um 9:45 und mir diese Alternative erst am Abend zuvor um 19:00 einfiel. Da ich irgendwann einmal wieder nach Hause musste, blieb mir nicht viel anderes übrig, als nach 128 gefahrenen Kilometern noch schnell abends die 100 km zum Fährhafen zurückzulegen.  

Aber gibt es was schöneres als freitags nachts um Mitternacht bei Sonnenschein eine kurvenreiche kleine Straße von Fjord zu Fjord entlang zu radeln auf der kein einziges Auto fährt? 5 km vor dem Kaff – es gab auf den 100 km sonst keines – stellte ich mein Zelt neben der Straße auf, denn es störte ja eh niemanden, dank des Jedermansrechts in Skandinavien. Dies besagt, dass jeder auf öffentlichem Land sich zu jeder Zeit aufhalten darf – dies schließt das Zelten glücklicherweise ein. Mit 228 km in den Beinen und einem aus Finnland importierten Dosenbier im Kopf schlummerte ich sofort ein.  

Die Fahrt mit dem Postschiff, das zwischen Bergen im Südwesten Norwegens und Kirkenes an der Grenze zu Russland im Nordosten des Landes pendelt war äußerst angenehm. Das Rad wurde im Frachtraum deponiert und ich hielt mich im Café am Kaffee fest, während die Felskulisse der Eismeerküste an mir vorüber zog. Nach 2 Stunden Fahrt war ich in Honningsvåg, dem Hauptort der Nordkappinsel angekommen. Nach weiteren 34 km extrem bergiger Straße hatte ich dann das Ziel meiner Reise erreicht: Vom Nordkappfelsen aus blickte ich bei strahlendem Sonnenschein auf das ruhig daliegende Eismeer hinaus. Ich hatte jetzt den nördlichsten mit dem Rad anfahrbaren Punkt Europas erreicht – aber Europa endet nicht am Nordkap, wenn man Spitzbergen, das 1.200 km weiter nördlich liegt, zum Kontinent der griechischen Fußballhelden zählt. 2.016 km lagen seit meiner Abfahrt vor exakt 2 Wochen hinter mir und ich dachte mir, das ganze war ja eigentlich bis auf den einen Regentag in Mittelfinnland ganz easy…doch man soll ja nie den Tag vor dem Abend loben!  

Eigentlich wollte ich vom Nordkap aus via Tromsø und Oslo nach Frankfurt fliegen. Per Zufall erfuhr ich, dass das Radar am Flughafen Nordkap kaputt sei und dies seit einer Woche. Das Ersatzteil kommt aus Oslo – irgendwann und bis dahin bleibt der Flughafen geschlossen. Nun setzte die Fluggesellschaft Widerøe, die hier oben mit kleinen Propellerkisten (Dash 8) herumschwirrt, zweimal täglich einen Bus ins dreieinhalb Stunden entfernte Hammerfest ein, wie ich im Internet herausbekam, denn der Flughafen war bis auf ein verirrtes japanisches Ehepaar ausgestorben. Ich wollte ja eigentlich erst am Folgetag fliegen, aber ruckzuck fuhr ich zum Campingplatz, packte meine Sachen  und fuhr zum Flughafen zurück. Irgendwann kam ein Angestellter in Jeans und T-Shirt und meinte der Bus käme gleich. Gesagt getan, der Bus kam und statt zu fliegen rollten wir los. Weit kamen wir nicht, da es so heiß war und Rentiere schlaue Viecher sind. Um sich vor der Sonne zu schützen, lungerten Dutzende Tiere am Tunneleingang herum und blockierten diesen. Auf Hupen reagieren diese Wesen nur mit vollkommener Ignoranz, so dass der Busfahrer aussteigen musste und wie von der Tarantel gestochen laut brüllend in die Herde rannte. Aha…so sah wohl einmal ein Wikingerüberfall aus!!! Na ja, das Gebrülle und Herumlaufen verfehlte seine Wirkung schließlich nicht und weiter ging’s zum Flughafen Hammerfest, wo wir direkt ohne jegliche Sicherheitskontrolle ins Flugzeug nach Tromsø verfrachtet wurden.

Nach einer nicht geplanten Übernachtung im hübschen Tromsø sollte es dann am nächsten Morgen weitergehen, doch nichts ging, da die nächsten drei Maschinen alle voll waren. Nach jedem vollen Flug, auf dem ich nicht mitkam, musste ich erneut einchecken und meine Gepäcketiketts wurden jedes Mal gewechselt, so dass ich die gesamte Belegschaft (mit Schichtwechsel) von Scandinavian Airlines in Tromsø  kennen lernte. Beim vierten Versuch (siehe Mainz 05) klappte mein „Aufstieg“ in die Boeing 737 von Braathens Airlines und ich kam schließlich statt am Mittag halt am Abend in Oslo an. Dumm nur, dass mein Rad diesen Flug nicht so heil überstanden hat. Das gesamte Hinterrad ist völlig verzogen, so als wäre eine ganze Meute Wikinger mit ihren Booten drübergerudert, und ich konnte das Rad nicht mehr bewegen. Shit happens… denn auch der letzt Flug nach Frankfurt war schon weg.  

Also das Rad in die Gepäckaufbewahrung und ich in die Büsche vom Oslo Airport. Denn der Flughafen ist 50 km von der norwegischen Hauptstadt entfernt und in Norwegen herrscht ja das Jedermannsrecht und Wald gibt’s am Oslo Airport genug. Mit meinen Radtaschen beladen, schlug ich mich hinter dem Frachtgebäude in die Büsche und verbrachte ein mehr oder weniger ruhige Nacht neben der Start- und Landebahn, denn leider herrscht hier kein Nachtflugverbot.  

Der Lufthansa sei Dank bin ich nun wieder heil und munter in Meenz am Rhein angekommen und freue mich von Euch zu hören.