Spätlese Craiova Saison 2025/2026

Auswärts fahren bietet in unserem komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine Spätlese eben!

Anpfiff im Stadionul Ion Oblemenco

01 Hin und weg:

Möchte man manche Reisen möglichst „nachhaltig“ gestalten, muss man halt mal „vor fahren“. So fuhr ich die Strecke Mainz – Bukarest bereits 1995 mit dem Zug (auf dem Weg mit Öffis nach Kapstadt). Damals ging es in zwei Nachtfahrten mit ungarischem und rumänischem Visum in die Hauptstadt von Rumänien. Diesmal konnte ich die Reise ohne Reisepass und Visum antreten. Dem Schengen-Raum sei Dank reichte diesmal ein Perso. Leider musste ich diesmal den Flieger nehmen. Schließlich hatte ich praktisch keine Urlaubstage mehr. Daher ging es mit der Bahn nur vom Flughafen Bukarest bis nach Craiova.

Unterwegs mit dem Zug durch die Walachei

Das Zugticket war 28 Tage vor Reiseantritt schnell über die App gebucht. Tatsächlich konnte ich die Zugfahrt bereits am Flughafen antreten, denn seit 2023 hat er Bahnanschluss. Das sah bei meinem Medias-Besuch 2011 noch anders aus. Am Bukarester Nordbahnhof angekommen, konnte ich keine großen Unterschiede zu meinen bisherigen Besuchen 1995 und 2003 feststellen. 2003 ging es von hier ebenfalls über Budapest und Österreich mit dem Zug nach Mainz zurück. Das war damals das Ende meiner einjährigen Weltreise mit Öffis rund um unseren verrückten Planeten.

Retro-Anzeigetafel in Bukarest-Nord

Die Zugfahrt nach Craiova selbst war komplett unspektakulär und alles andere als Hochgeschwindigkeitsverkehr. Für die 204 Kilometer brauchte der Zug laut Fahrplan über 4 Stunden. Vorbei ging es durch die vollkommen flache Walachei im Hochnebel in Richtung Spielort. Mit ein paar Minuten Verspätung erreichte ich schließlich Craiova.

Flughafen-Bahn am Bukarester Airport

02 (N)immer nuff:

Der Weg vom Bahnhof zum Hotel führte mich zwei Kilometer weit an grauen Plattenbauten entlang. Auf grauen Straßen und bei grauem Himmel erreichte ich das einzig großen Hotel der Stadt. Dort erstrahlte in herrlichem Rot-Weiß der Bus von Mainz 05. Dieser musste durch halb Europa hierher gurken. Schließlich kann das Team vom Flughafen ins Hotel und von dort ins Stadion nur in diesem Bus fahren. Gewohnte Abläufe…so wichtig im Profifußball.

Mannschaftsbus vor dem Teamhotel

Zu unserem Erfahrungsschatz gehört es mittlerweile, dass so ein Bus Idiot*innen auf den Plan ruft. In Trondheim wurden schön die Reifen demoliert. Und es ist halt alles andere als nachhaltig, solche Leerfahrten zu veranstalten. Gut, dass die CO2-Emissionen, die ein solches Handeln nach sich zieht, nicht im Nachhaltigkeitsbericht des Vereins thematisiert werden.

Weihnachtsmarkt in Craiova

Und wer sagt, das wird halt so auf Europapokalfahrten gemacht, der war 2005 wohl nicht in Reykjavik dabei. Damals stiegen Klopp und Co. aus einem isländischen Bus aus und standen dann mit uns vor verschlossenem Stadion. Das ist aber eine andere Geschichte 😉

03 Kon-Trolle

Der Weg vom Hotel ins Stadion führte praktisch nonstop durch einen Weihnachtsmarkt. Craiova ist den Älteren unter uns sicherlich nur durch den Fußball bekannt. Aber tatsächlich befindet sich in der Stadt der größte Weihnachtsmarkt Europas. Laut Travelbook hat dieser die Ausmaße von 40 Fußballfeldern. Er ist übrigens noch bis zum 4. Januar 2026 geöffnet – falls noch jemand hin möchte.

Engel am Rande des Weihnachtsmarktes

Für den Lichterzauber muss sicher ein ganzes Atomkraftwerk herhalten. Aber es sah halt auch echt verdammt kitschig hübsch aus. Hinter zwei, drei Straßenecken war auch schon das Stadion erreicht. Anders als bei vielen anderen Stadien befand sich der Eingang für uns direkt auf dem Hauptplatz. Es waren keine mega Umwege nötig, um hineinzugelangen. Und die lockere Security sorgte für einen entspannten Weg in den Block.

04 Kampf um den Mampf

Außer in Stuttgart lebt man als auswärtsfahrende Person, die pflanzliche Kost zu sich nimmt, in der Bundesliga in einem Schlaraffenland. Es gibt eigentlich immer etwas zu futtern. Aber international sieht das meist nicht ganz so toll aus.

Vegane Törtchen aus Craiova

Daher stattete ich vorkicks zwischen Weihnachtsmarkt und Stadion dem einzigen veganen Café der Stadt einen Besuch ab. Dort schlug ich meinen Magen mit veganen Törtchen voll. Schließlich sah ich auch auf dem Weihnachtsmarkt nicht wirklich etwas pflanzliches – mit Ausnahme von Glühwein vielleicht…

05 Käfighaltung

Das Schöne an internationalen Auswärtsfahrten sind oft die Begegnungen vor dem Spiel. Und natürlich ergebnisunabhängig nach dem Spiel (diesmal vorallem an der Hotelbar des Teamhotels). Zu den unangenehmen Erscheinungen hingegen zählen bizarre Elfmeter, mit denen es in Craiova startete und dieser das Spiel entschied. Auch ellenlange Videobeweise sind einfach nur noch gestört. Warum man 5 Minuten braucht, um etwas zu entdecken? Das Abseits von Kacper sollte sich mit einem Blick entdecken lassen. Oder das „Foul“, das zum Elfer führte. Anonsten ist das einfach nur noch abstoßend – genauso wie komplett überflüssige Blocksperren.

Blocksperre im Stadion nach Abpfiff

Fast eine Stunde durften wir den Block nicht verlassen. Am Ende fanden sich im weiten rund keine Heimfans mehr. Die Craiova-Ultras hatten in der Zwischenzeit sogar die Reste ihrer Choreo abgebaut. Am Ende verblieb der Mainzer Mob und eine Hundertschaft Polizist*innen im weiten Rund. So glotzte man sich eine Stunde lang an. Dann wurde auf Kommando die Blocksperre aufgehoben. Wir konnten zurück auf den Weihnachtsmarkt trotten. Dieser war schließlich auch um 22 Uhr noch geöffnet und belebt – dem tristen Grau als Kontrastprogramm zum Trotz.

Fazit: Der Jahrgang 2025/2026 zeigt, dass man international viel Zeit mitbringen muss. Für den elenden VAR, die Blocksperre und das Entdecken des größten Weihnachtsmarkt Europas.

Rot-weiße Grüße,

Christoph – Meenzer on Tour

Spätlese Stuttgart Saison 2025/2026

Auswärts fahren bietet in unserem komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine Spätlese eben!

Blick aus dem Gäst*innenblock im Neckarstadion

01 Hin und weg:

Mal ganz flexibel mit der Bahn zum Auswärtsspiel düsen? Geht bei der Fahrt von Mainz nach Stuttgart ganz einfach. Deutschland-Ticket eingepackt und mit dem Nahverkehr nach Mannheim gefahren und dann einfach kurz vor der Abfahrt eine Fahrkarte Mannheim-Stuttgart mit BahnCard 25 gekauft. Das kostet am Ende genauso viel wie ein Ticket zum Sparpreis von Mainz nach Stuttgart…nur muss man sich nicht wochenlang vorher überlegen, wann man fahren möchte. Das Angebot der Bahn, das Deutschland-Tickets bei der Erstellung eines Sparpreises, einzubinden, ist übrigens keine gute Idee. Bei der o.g. Verbindung muss man darauf hoffen, dass die Nahverkehrsverbindung pünktlich ist. Verpasst man den Fernverkehrszug, verfällt das Ticket mit Zugbindung. Daher habe ich für meine Fahrt lieber das Flextticket gewählt.

Fahrt mit dem Klapprad durch den Stuttgarter Schlossgarten

02 (N)immer nuff:

Mit in den Zug kam mal wieder das Klapprad. Schließlich lässt es sich nach der Fernwanderung durch den Stuttgarter Trümmerbahnhof über den Schlosspark sehr angenehm zum Neckarstadion radeln. Statt überfüllter U-Bahnen ging es durch Baumalleen zur Neckarbrücke und drüben in Bad Canstatt die meiste Zeit auf Radwegen bis zum Stadion – alles easy eigentlich.

Auf dem Weg zum Gäst*innenblock

03 Kon-Trolle

Wäre da nicht die Frage nach dem Radparkplatz, die sich mir unweigerlich gestellt hat. Direkt vor dem Gäst*innenblock gab es keine Abstellplätze. Gerade wollte ich das Rad an einer Laterne anschließen, wurde ich vom Möchtegern-CEO des Sicherheitsdienstes angeraunzt, dass er mein Rad gleich entsorgen werde, wenn ich  es dort stehen lassen würde. Stuttgarter Willkommenskultur Teil 1!

Radabstellmöglichkeiten sind eher semi-gut vorhanden

So radelte ich wieder zurück zur Hauptstraße. Dort traf ich dann auf einen VfB-Fan-Volunteer, der um genau 180° anders drauf war, alls der Stiernacken. Er zeigte mir eine Leitplanke im Gebüsch, die sich fürs Anschließen perfekt eignete – Stuttgarter Willkommenskultur Teil 2!

Bei Auswärtsspielen in der dunklen Jahreszeit stellt sich immer die Frage, wohin mit den Fahrradlampen des Klapprads. Diese Frage wurde mir beim VfB ziemlich einfach beantwortet: ins Schließfach damit direkt beim Stiernacken vor dem Eingang – und das kostenlos.

Schließfächer vor dem Eingang- wohl einmalig in der Liga

Die DFL rühmt sich immer dafür, dass das Produkt Bundesliga so geil sei – diesen Anspruch hat wohl jeder Betrieb an seinen eigenen Kram. Allerdings helfen bei vielteiligen Produkten wie der Bundesliga Standards, die man als Kund*in aka Fan, einfach erwarten darf. Dazu gehört ein Konzept zur Gepäckabgabe. In Stuttgart wird es mit Hilfe der Schließfächer relativ gut gelöst – allerdings reichen diese wahrscheinlich nicht wirklich aus. Trotzdem ist das ein guter Ansatz, denn als Fan möchte man nicht unbedingt seinen Laptop in der Gepäckabgabe lassen. Und wer sich fragt, wieso man einen Laptop mitbringt, sollte die DFL fragen, warum man um 19.30 Uhr sonntags in Heidenheim oder Freiburg spielen muss – es soll auch Fans geben, die montags ihre Kohle verdienen, die sie dann völlig sinnbefreit am Sonntagabend verbrennen…

04 Kampf um den Mampf

Zum Standard eines Stadionbesuchs gehört in allen Bundesliga-Stadien, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren besucht habe, ein vegetarisches Angebot. Die zwei Male, bei denen ich tatsächlich nichts vegetarisches innerhalb Deutschlands angeboten bekommen habe, konnte man einen Deal mit dem Catering-Personal eingehen: 2 Brötchen für einen Euro. Das hat im DFB-Pokal in Chemnitz 2014 und bei der SV Elversberg 2021 prima geklappt. Und nun schreiben wir das Jahr 2025. Im Angebot: Drei Sorten Wurst aus Fleisch mit Brötchen. Vegetarisches Angebot nix! Auf die Frage, ob es etwas vegetarisches gäbe, wurde ich darauf hingewiesen, dass es im Oberrang etwas gäbe. Dumm nur, dass dort gar kein Gäst*innenblock eingerichtet ist. Was für ein peinliches Gebaren des VfB – zumal es bei den VfB Frauen letztes Jahr im DFB-Pokal problemlos möglich war eine vegane Wurst zu bekommen. Auch beim letzten Gastspiel der Männer gab es veganes Rösti. Diesmal keine Pommes, keine Bretzel und kein Brötchen-Deal… Und wer jetzt mault, wir sind ja hier zum Fußball – fair enough, dann braucht es ja auch keine Stadionwurst aus Fleisch…

05 Käfighaltung

Fußball ist grundsätzlich total unwichtig. Schon bescheuert, dass wir diesem Ballsport als Gesellschaft so viel Aufmerksamkeit widmen. Wenn nun ein Fan im Gästeblock umkippt und sowohl die Cannstatter Kurve als auch der Mainzer Mob den Support einstellt, wird uns diese Nebensächlichkeit erst richtig bewusst. Gut, dass die meisten Fans so empathisch reagiert haben, noch besser, dass der Fan ruckzuck Erste Hilfe bekam (von wem auch immer – unbekannterweise ein großes Dankescön) und das Beste, dass es dem Fan wohl nach ein paar Tagen im Krankenhaus wieder besser ging. Alles andere war an diesem Abend dann wirklich nebensächlich.

Abpfiff im Neckarstadion

Fazit: Der Jahrgang 2025/2026 zeigt die unterschiedlichen Facetten Stuttgarter Willkommenkultur.

Rot-weiße Grüße,

Christoph – Meenzer on Tour

Spätlese Trondheim Saison 2025/2026

Auswärts fahren bietet in unserem komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine Spätlese eben!

Unterwegs in Sachen Internationaler Fußballsportverein

01 Hin und weg:

Dem Stadtfest sei Dank, fängt auch die Auswärtsfahrt nach Trondheim nicht in Mainz an, sondern in Dresden. Da ich donnerstags vorher in Berlin geschäftlich unterwegs war (bin halt noch kein Profifan) und ich das Wochenende in der Hauptstadt verbrachte, bevor ich montags nach Dresden zum Pokalspiel fuhr, startete die Auswärtsfahrt für mich bereits eine Woche vor dem Anpfiff zur Europa Conference Qualifikation. Da ich donnerstagsmorgens aufbrach, wusste ich noch nicht, wohin mich diese Auswärtsfahrt führen würde – nach Stockholm oder nach Trondheim? Dass es nach Trondheim ging, erfuhr ich während meiner geschäftlichen Abendveranstaltung. Den Rest des Donnerstagabend und frühen Freitagmorgen verbrachte ich dann mit der Planung der Reise.

Zwischenstopp am Dienstagabend in Hamburg

Schließlich hatte mir die Kurzfristigkeit der Planung die Tage zuvor schon schlaflose Nächte bereitet. Irgendwann kam dann die Idee mit Interrail auf – zumal es bei diesem europäischen Zugticket egal ist, wann man die Züge bucht, da man grundsätzlich erstmal nur die Anzahl der Tage festlegen muss, wann man das Ticket nutzen möchte. Vor 23 Jahren, auf meiner einjährigen Weltreise von Mainz Hbf. zum Römischen Theater (ohne durch den Tunnel zu müssen – dafür über die Fidschi-Inseln) nutzte ich schon einmal das Interrail-Ticket von Mainz bis Inverness in Schottland. Damals musste ich noch ein Papierticket mitschleppen. Heute geht es viel komfortabler:

  1. Auf der Interrail-Seite https://www.interrail.eu/ wählte ich das passende Ticket für mich aus. Da ich wusste, dass ich nicht komplett mit dem Zug fahren würde, passte für mich der kürzeste Flexi-Pass mit 4 Tagen innerhalb von 1 Monat. Für Jugendliche bis 27 Jahre ist das bereits für 212 Euro (269 Euro 1. Klasse) zu haben. Für Erwachsene (28-59) kostet es 283 Euro (359 Euro), für Leute, die 60 und älter sind 255 Euro (323 Euro).
  2. Anschließend lud ich mir die Rail Planner-App herunter. In dieser konnte ich mein Interrail-Ticket speichern und mit Hilfe des Planers die Reise mir zusammenstricken. Anders als ganz früher, als es nur 50 % Rabatt auf Strecken im Wohnsitzland gibt, ist jetzt die Abfahrt aus dem Wohnsitzland und die Rückfahrt innerhalb des Wohnsitzlands gratis.
  3. Da ich mit Nachtzügen reisen wollte, für die eine Reservierungspflicht besteht, buchte ich noch donnertagsabends die entsprechenden Schlaf- und Liegewagen.

Und so rollte ich am Dienstagmittag von Dresden los – lustigerweise in einem ICE, der über Mainz nach Wiesbaden fuhr. Da die AZ ein paar Fans fragte, wie sie nach Trondheim anreisten, quatschte ich hinter Dresden mit einem Journalisten über die anstehende Reise – was mir rund 30 Stunden später die Nacht retten sollte. Doch dazu später mehr.

Im Liegewagen sollte es in 13 Stunden von Hamburg nach Stockholm gehen

In Hamburg angekommen hatte ich genügend Zeit, mal wieder an der Alster spazieren zu gehen. Das ist ja das Schöne an Auswärtsfahrten mit dem Zug – gerade wenn es international wird: Man bringt die entsprechende Zeit mit und hat die Möglichkeit, unterwegs neue (und alte Städte) kennenzulernen. Am Ende wurden es neben Hamburg je zwei Städte in Schweden und Norwegen – je zwei neue und zwei, die ich schon kannte.

Eigentlich sollte mein Nachtzug der nationalen schwedischen Bahngesellschaft mit knapp zwei Stunden Verspätung aus Berlin kommend in Hamburg eintreffen. Doch plötzlich wurde der Zug wieder als pünktlich in der DB App angezeigt. Gut, dass ich mich nicht zu weit vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt hatte, denn der Zug kam tatsächlich nur mit ein paar Minuten Verspätung an. Wie er die rund 90 Minuten Verspätung, die er bei der Abfahrt in Berlin angeblich hatte, wieder aufholte, werde ich wohl nie erfahren. Ich war ziemlich froh, dass ich um kurz nach 22 Uhr den Liegewagen betreten durfte. Dort waren schon ein paar andere Reisende am Schlafen und so räumte ich nur kurz mein Gepäck ein und döste relativ schnell beim Rattern auf den Schienen ein und verließ Deutschland im Schlaf.

Der Blick für mehrere Stunden aus dem Liegewagen, der zum „Gefängnis“ wurde

Ich hatte die Nacht vergleichsweise gut geschlafen, obwohl ich bei 1,93 Metern Körperlänge im schwedischen Liegewagen Probleme hatte, mich auszustrecken. Es klappte relativ gut in der Diagonalen. Allerdings wurde ich nachts immer wieder wach und wunderte mich, warum wir mehrmals sehr lange hielten. Gegen 8 Uhr schaute ich auf Google Maps nach, wo wir gerade standen und traute meinen Augen nicht. Eigentlich hätten wir schon in Schweden sein müssen – saßen aber gerade mit einem Lokschaden kurz vor Kopenhagen fest. Wenigstens gab es gratis Kaffee und einen veganen Riegel. Gegen 9 Uhr wurde die Ansage gemacht, dass eine Ersatzlok aus Malmö in Schweden auf dem Weg sei. Diese würde zirka 45 Minuten brauchen, um unseren Zug zu erreichen.

Ich kalkulierte schon mal meine Weiterreise durch. Eigentlich hätte ich um 11 Uhr in Stockholm ankommen sollen. Die Weiterfahrt an die schwedisch-norwegische Grenze war für 22 Uhr geplant. Ich hatte also einen Puffer von 11 Stunden, der aber so langsam irgendwo in Dänemark dahinschmolz. Gegen 11 Uhr war dann tatsächlich die Lok vor die kaputte Lok gespannt worden. Es ging im Schneckentempo vielleicht 500 Meter weiter. Dann stoppte auch diese Lok und der Strom war plötzlich auch weg. Das Ärgerliche an der Situation war, dass wir vorher in einem Bahnhof standen – allerdings auf einem Mittelgleis ohne Bahnsteig. Daher konnten wir nicht einfach aussteigen, da links und rechts Züge an uns vorbei fuhren.

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Malmö nach Stockholm

Ich kam mir spätestens als wir nun mitten in der Pampa wieder hielten, wie in einem Gefängnis vor. Es gab nichts zu essen und zu trinken, außer dem TetraPak-Wasser, das in den Abteilen vor der Abfahrt bereitgestellt wurde. Der Schaffner wusste mittlerweile auch nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Er meinte, die zweite Lok sei auch defekt. Man würde allerdings Tests machen und hoffen, dass man den Zug in den Hauptbahnhof von Kopenhagen schleppen könnte. Wann das geschehen würde, wüsste er allerdings nicht.

Ich war mittlerweile ziemlich deprimiert und gab so langsam die Hoffnung auf, dass das noch klappen wird mit dem Anschluss in Stockholm – von meinen 11 Stunden Puffer war bereits weit mehr als die Hälfte aufgebraucht. Plötzlich rollten wir wie von Geisterhand wieder los – Strom gab es im Abteil immer noch nicht. Der Zug wurde sogar schneller als vorher und wir erreichten in der Mittagszeit schließlich den Kopenhagener Hauptbahnhof. Der Schaffner machte die Ansage, dass der Zug nach kurzem Aufenthalt nach Malmö in Schweden weiterfahren würde und dort dann Busse für die Fahrt nach Stockholm bereitstehen würden.

Ankunft im Stockholmer Hauptbahnhof

Dank meines Interrail-Tickets lehnte ich dieses Angebot dankend ab und trug in der Rail Planner App einen Regionalzug Kopenhagen – Malmö ein, der alle 15 Minuten fuhr und für den ich keine Reservierung brauchte. Komplizierter wurde es auf der Strecke Malmö – Stockholm, da in Schweden für Züge des Fernverkehrs eine Reservierungspflicht besteht. Der nächste Zug war ausgebucht, so dass ich mir einen Platz für den Zug eine Stunde später buchen musste.

Wenn nun alles klappen würde, hätte ich in Stockholm noch zwei Stunden Puffer gehabt, um meinen Nachtzug zu bekommen. Es durfte also nichts mehr schief gehen. Und es ging tastsächlich auch nichts mehr schief, so dass ich zwei Stunden Zeit hatte, die schwedische Hauptstadt während der blauen Stunde zu besuchen.

Kurze Visite von Stockholm

Eigentlich hatte ich vor, die elf Stunden Aufenthalt für einen Besuch der 3Arena, in der Hammarby seine Heimspiele bestreitet, zu nutzen. Dass es mit dem Stadionbesuch nichts wurde, konnte ich am Ende verschmerzen.

Vielmehr machte ich mir Sorgen wegen der Weiterfahrt. Wenn nun auf der anstehenden Nachtfahrt nach Storlien an der schwedisch-norwegischen Grenze wieder eine große Verspätung aufgebaut werden würde, hätte ich wieder ein Problem. Schließlich fährt der Anschlusszug nach Trondheim nur zweimal am Tag und ich hatte in Storlien planmäßig nur 35 Minuten Aufenthalt. Diesmal war der Puffer also sehr klein.

Antiquiertes Abteil im Nachtzug von Stockholm an die schwedisch-norwegische Grenze

Ich saß im Wartesaal des Stockholmer Hauptbahnhofs und bekam über Instagram eine Nachricht. Ein User las in der AZ, dass ich geplant hatte, von Dresden nach Trondheim mit dem Zug zu fahren. Dem Journalisten hatte ich auch vom knappen Anschluss in Storlien berichtet. Niklas, ebenfalls 05-Fan, war mit seiner Freundin auch mit dem Zug unterwegs – aber nur bis Östersund kurz vor Storlien. Dort hatten sich die beiden tags zuvor ein Auto gemietet, um ein bisschen flexibler im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet unterwegs zu sein. Er bot mir an, falls der Zug verspätet sei, mich gegebenenfalls am Bahnhof in Storlien abzuholen und mit nach Trondheim zu nehmen.

Was für ein Game Changer! So konnte ich recht unbeschwert in den privaten Nachtzug von Snälltåget steigen und es mir in meinem Abteil bequem machen. Es handelte sich um einen Abteilwagen, der sicherlich noch vor der Wende gebaut wurde – mit viel Holzvertäfelung und jeweils sechs Sitzen in einem Abteil. Die Sitze ließen sich nach vorne ziehen. Da ich das Abteil für mich alleine hatte, konnte ich quer auf den Sitzen liegen und hatte diesmal überhaupt keine Probleme mit meiner Körperlänge.

Fahrt durch die Traumkulisse Mittelschwedens

Im Morgengrauen hielt der Zug schon wieder recht lange und mein Puls schoss in die Höhe. Haben wir wieder einen Lokschaden? Diesmal hielt der Zug wenigstens am Gleis in einem Bahnhof. Es war 5.30 Uhr, die Sonne kam gerade über die Hügel und ich schaute natürlich sofort auf Google Maps – und konnte wieder meinen Augen kaum trauen. Doch diesmal unter umgekehrten Vorzeichen: Wir waren bereits in Östersund, wo wir planmäßig erst um 6 Uhr hätten ankommen sollen. Wir hatten also 30 Minuten Verfrühung.

Hinter Östersund war an Schlaf nicht mehr zu denken – weil die Landschaft einfach faszinierend schön war. Es gab Strom, Internet und so konnte ich bis zum vorbestellten veganen Frühstück im Zugrestaurant ein wenig arbeiten. Zugfahren kann auch echt entspannend sein.

Zugfrühstück kurz vor Norwegen

Ich blieb mit Niklas in Kontakt. Es gab zwar nochmal eine Schrecksekunde als der Zug kurz vor Storlien auf offener Strecke hielt und gerade dort die Bahnlinie durch unwegsames Gelände und nicht parallel zur Straße führte. Aber zur Not wäre ich auf dem Gleis die vier Kilometer nach Storlien gewandert. Das musste ich dann allerdings nicht, denn ein paar Minuten später ging die Zugfahrt weiter und wir erreichten pünktlich den Grenzbahnhof.

Dort gab es quasi…nichts – vorallem keine Taxis, die man hätte nehmen können, um nach Trondheim zu fahren. Hätte ich den Zug verpasst, hätte ich entweder trampen müssen oder 25 Kilometer nach Norwegen ins nächste Dorf wandern dürfen. Von dort wäre nachmittags ein Bus gefahren, der mich nach Trondheim gebracht hätte. So aber konnte ich den norwegischen Zug besteigen, der kurze Zeit später aus Trondheim kommend hier quasi wendete und mich am späten Donnerstagmorgen zum Spielort der 05er brachte. Nach 47 Stunden Reise, 9 Stunden Verspätung zwischendrin, zwei Lokschäden und zwei Nächten im Zug hatte ich das Ziel der Reise erreicht – Mainz 05 International, halt!

Das letzte Umsteigen vor Trondheim

02 (N)immer nuff:

In Trondheim angekommen, stellte sich das nächste und übernächste Problem.

1. Wohin mit dem Gepäck?
Wie in Deutschland gibt es in Norwegen auch Schließfächer im Bahnhof. Da aber gerade irgendein Stadtfest war (mal wieder – Spiel wurde aber nicht verlegt), erfreuten sich die Schließfächer großer Beliebtheit und waren fast alle belegt. Ich wollte das Risiko nicht eingehen, dass kurz vor Anpfiff alle Fächer belegt sind und lagerte meine Sachen teilweise schon ein. Den Laptop benötigte ich allerdings noch, so dass ich später das Schließfach nochmal öffnen und nochmal zahlen musste. Am Ende kostete mich die Schließfach-Geschichte so viel, wie das vegane Mittagsbüffet – das eine war mit 18 Euro sehr günstig, das andere mit 18 Euro ziemlich teuer 😉 Übrigens musste ich weder in Schweden noch in Norwegen Geld abheben – ich konnte alles per Karte bezahlen…selbst das Schließfach oder das WC. Kartennutzungs-Mimimi ist in Skandinavien ein Fremdwort.

2. Bekomme ich mein ausgedrucktes Ticket?
Anders als in Dresden, wo das Ticket im Mobiltelefon gespeichert werden konnte, sollte dieses Print@Home-Ticket ausgedruckt mitgenommen werden. Dumm nur, dass ich ja seit Donnerstag unterwegs war und freitags nur das Ticket bestellt werden konnte. Das Ticket selbst wurde erst per Email zugestellt, als ich dienstags bereits im Zug von Dresden nach Hamburg saß. Mein Ticket wurde per WhatsApp aus dem Zug nach Mainz geschickt. Dort wurde es ausgedruckt und mit in den Flieger via Oslo nach Trondheim gebracht. Der Kurierservice funzte am Ende ebenfalls problemlos – danke Max und Alex!

Ankunft in Trondheim

03 Kon-Trolle

Der Marsch zum Stadion bot verschiedene Regenvariationen an – mal Nieselregen, mal Starkregen – aber der Mob ließ sich die Vorfreude auf das erste internationale Auswärtspflichtspiel nach 9 Jahren nicht nehmen und zog euphorisch zum Lerkendal-Stadion von Rosenborg Trondheim. Die Security, die teilweise aus Mitarbeiterinnen bestand, die auch Männer checkten, war komplett entspannt und extrem freundlich. Da könnten sich einige Mitarbeitende in manchem deutschen Stadion eine Portion Freundlichkeit abschneiden.

Die Skyline von Trondheim

04 Kampf um den Mampf

Da ich mich mittags ziemlich voll gefuttert hatte, machte ich um das Catering einen großen Bogen – zumal es nur Einweggebinde gab, für die im Stadionumlauf dann Mülleimer getrennt nach verschiedenen Wertstoffen standen. Auf die Idee, Mehrweg einzusetzen ist man hier noch nicht gekommen – nein, Deutschland ist nicht in allem komplett rückständig.

Ankunft am Lerkendal-Stadion

05 Käfighaltung

Es war schon bizarr, dass sich der Gästeblock über die gesamte Hintertortribüne erstreckte und es überhaupt keine Fangnetze gab. So nah ist man dem Spielfeld in Deutschland nur noch selten. Die Stimmung war extrem gut – die Sicht manchmal nicht so gut. Es gab dann doch sehr viel Rauchschwaden zu vermelden. Gut, dass ich noch ein paar FFP2-Masken dabei hatte – alle in weiß hat es ja gehießen und so war das mit der Maske optisch sogar perfektioniert worden 😉 Natürlich war das Gegentor in der 90. Minute ein Dämpfer. Aber irgendwie auch nicht. Man hatte schon eine gewisse Portion Optimismus (die bei mir im Laufe der Woche zwar immer weniger wurde). Die meisten Fans waren aber ohnehin von dieser Auswärtsfahrt komplett geflasht – egal ob sie mit dem Fanflieger kamen, mit der Kombi aus Flug und E-Auto oder halt mit dem Zug. Dadurch, dass das Team 7 Tage später das Ruder rumriss, wird diese Auswärtsfahrt noch unvergesslicher für alle bleiben, die dabei waren! Alles für den internationalen Fußballsportverein!

 

Der Gästeblock im Lerkendal-Stadion

Fazit: Der Jahrgang 2025/2026 zeigt, dass es richtige wilde internationale Auswärtsfahrten geben kann.

Rot-weiße Grüße,

Christoph – Meenzer on Tour

PS: Die Details der Auswärtsfahrt aus der Rail Planner-App

Die Fahrt von Dresden nach Trondheim und weiter nach Göteborg
Die Statistik ist etwas verfälscht, da zwischen Kopenhagen und Stockholm neue Tickets gebucht werden mussten.