Armenien 2017

Hallo aus Mainz,

„nach 12 Jahren habe ich es endlich geschafft, wieder nach Armenien zu reisen. War es im Jahr 2005 das pure Losglück im Europapokal, das mich in die Kaukasus-Region brachte, was sich übrigens mit Aserbaidschan im letzten Jahr nochmals wiederholte, bot sich dieses Mal recht spontan die Möglichkeit, endlich mal dieses wunderschöne Land länger zu bereisen, als für die Dauer eines Fußballspiels und einer Gratis-Übernachtung, die der FSV Mainz 05 im Sommer 2005 allen Auswärtsfahrern bezahlte. Schließlich „qualifizierte“ sich Mainz „nur“ über die Fairplay-Tabelle für den europäischen Wettbewerb – daher diese große Geste des Vereins.

Wurden wir damals mit als Teilnehmer im Fanflieger mit dem Bus vom Flughafen in die Hauptstadt Erevan gekarrt, stand jetzt, wie so oft, die erste „Prüfung“ nach Verlassen der Ankunftshalle auf dem Programm: mit dem Taxi zu einem realistischen Preis in die Stadt gelangen. Dummerweise spucken Geldautomaten an Flughäfen durchweg die größten Scheine aus, die ein Land zu bieten hat. Mit lauter 20.000 Dram-Noten (ca. 34 €) „bewaffnet“ ging es ans Verhandeln. 5.000 Dram galten als realistisch und 6.000 Dram wollte der Fahrer. Ich bot lediglich 5.000 Dram an, mit dem Verweis, dass ich aber nur 20.000 Dram-Scheine habe. 5.000 Dram waren nach freundlich bestimmtem Wortgefecht ok und los ging die Fahrt, da mir „no problem“ entgegnet wurde, was die Banknoten anbetraf. Am Hotel in einer dunklen Seitenstraße am späten Samstagabend angekommen, wartete ich auf die 15.000 Dram Wecheselgeld. Aber natürlich hatte der Fahrer in seiner Tasche nur 14.000 Dram dabei – entweder war das die Wahrheit, schließlich fischte er mit einem Griff das Bündel raus oder ich wurde mal wieder von diesem Berufsstand verarscht – sei’s drum: 1,70 € „verloren“ und dafür wieder ein Stück Reiseerfahrung gewonnen. Das nächste Mal kaufe ich dann doch wieder eine überteuerte Flasche Wasser am Airport, um Kleingeld griffbereit zu haben. Und 500 Dram „Trinkgeld“ hätte ich dem hilfsbereiten, freundlichen Fahrer ohnehin gegeben…

Am folgenden Tag wurden wir von unserem Guide zu einer herrlichen Wanderung in der Umgebung von Erevan abgeholt. Durch den Basalt-Canyon Simfoniya kamnya zu Deutsch „Sinfonie des Steins“ ging es zu einer Klosterruine hoch über dem Tal. Das Schöne am Internet ist für mich die Tatsache, dass man mit ein wenig Geduld kleine lokale Unternehmen findet, die z.B. diese Tagestour organisieren. So bleibt das zu entrichtende Geld im Land, statt z.B. zu einem Großteil bei einem ausländischen Reiseveranstalter zu landen. Und viele dieser kleinen Agenturen trainieren ihre Leute auch entsprechend der versprochenen Öko-Tourismus-Regeln. Das zeigte sich beispielsweise auf dieser Tour am Rastplatz zum Mittagessen. Während wir noch die herrliche Aussicht genossen, sammelte unser Guide Müll von anderen Wanderern ein. Die halbvolle Wodkaflasche nutzten wir allerdings noch zur Desinfizierung unserer Hände vor dem Essen als „Sanitizer“. Den Müll schleppten wir dann den Berg in den Tüten unserer Lunchpakete hinunter.

Diese Lunchpakete waren bereits eine perfekte Einstimmung auf das herrliche armenisch-vegetarische Essen, das wir die nächsten Tage genießen durften (so lange dieses im Magen blieb – doch dazu später mehr). „Vegetarier“ sind in der Kaukasusregion erstens keine Unbekannten (wie bspw. In großen Teilen Argentiniens) und sie kommen auch voll auf ihre Kosten. Dieses Mal gab es Rote-Beete-Salat mit Kartoffelbrei und hochdünne Fladen mit Spinat gefüllt. Dazu „Tan“, ein Milchgetränk, das Ayran sehr ähnlich ist.

Das Thema Müll ist ein Umstand, der einem ja praktisch auf allen Reisen weltweit begegnet. In der Vergangenheit waren die Guides diesbezüglich auch recht unsensibel. Teilweise trugen sie (und damit auch ich) noch dazu bei diese zu verschmutzen, doch vor zwei Jahren auf Lombok wurde ich erstmals positiv überrascht. Die lokale Agentur trug das Wort „Green“ nicht nur im Namen. Vielmehr sind ihre Guides und Träger am Vulkan Rinjani angewiesen, tatsächlich Müll am Berg einzusammeln und diesen runterzutragen, während gleichzeitig einige Backpacker weiterhin ihren Müll einfach so in die Gegend warfen, weil das ja angeblich die Locals auch so machten. Nach der Aufräumaktion am armenischen Havuts Tar ging es zurück in die Hauptstadt Erewan, denn am nächsten Tag sollte unser Armenien-Abenteur erst so richtig beginnen…mit dem eigenen Auto.

Mietwagenreisen sind ja populärer denn je und auch in etwas ungewöhnlicheren Mietwagenregionen wie auf Mauritius oder auf Bali waren wir schon selbst mit dem Wagen unterwegs. Daher war einer der wenigen hilfreichen Tipps der neuesten Kaukasus-Ausgabe des Lonely Planets der, möglichst mit Mietwagen das Land zu erkunden. So ging es mit einem etwas höher gelegten Toyota Corolla, der schon ziemlich viele Kratzer und sogar schon einen kleines Riss in der Windschutzscheibe hatte, auf Tour. Hochgelegt, Kratzer, Riss in der Scheibe – Armeniens Straßen ließen interessante Fahrten erahnen. Dabei sind es in Ländern wie Armenien, in denen weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Hauptstadt wohnt, meist der Anfang und das Ende der Mietwagenfahrt, die größte Bewährungsproben, da oftmals der Verkehr in der Stadt am dichtesten, am chaotischsten, am rücksichtslosesten ist. Kommt dann noch ein Gewitterregen dazu, der die Straßen in reißende Bäche und die Myriaden von Schlaglöchern in eine armenische Seenplatte verwandelt, dann wisst Ihr, dass ich gerade vom Start der Reise berichte.

Ein eigentlich verlässliches Hilfsmittel, das Navi auf dem Smartphone, das mit dem Straßenwirrwarr Erevans auch sichtlich überfordert war, und immer recht plötzlich seine Meinung zum geplanten Fahrtverlauf kommunizierte, tat sein Übriges, dass ich anfangs die Mietwagen-Idee allerdings verfluchte. Der Umstand, dass wir auf einem Feldweg-ähnlichen Sträßchen schließlich die Hauptstadt nach einigen Umwegen verließen, war mir auch etwas schleierhaft, da wir wenig später dann auf eine gut geteerte Autobahn bei Ashtarak stießen. Ashtarak – bei diesem Namen werden sicherlich die 05-Fans aufhorchen, denn gegen diesen Club ging es ja bekanntlich vor 12 Jahren im Europapokal. Die Statuten der UEFA ließen es damals nicht zu, dass Mika Ashtarak zu Hause gegen Mainz antreten durfte, sondern in einem Stadion der Hauptstadt spielen musste. Herrlich auf einer Hochebene gelegen, von zwei Seiten von Schneebergen begrenzt, sah Ashtarak sehr einladend aus. Ich war wirklich hocherfreut, das Städtchen nach so langer Zeit dann doch noch zu Gesicht zu bekommen, schafften wir es damals aufgrund der Kürze des Aufenthalts nur kurz raus in die unmittelbare Umgebung von Erevan.

Wir passierten Ashtarak auf der Autobahn und stellten fest, dass armenische Verkehrspolitiker den Autofahrern mehr zutrauen, als es bei uns in Deutschland der Fall ist. Dass eine Baustelle, das Wechseln der Fahrbahn auf die Gegenseite notwendig macht, ist klar. In Armenien wird das auch praktiziert, aber es wird überhaupt nicht abgesperrt. Man holpert zwischen den Enden der Mittelleitplanke auf die Gegenfahrbahn und fährt dann sozusagen als Geisterfahrer weiter gerade aus. Das fühlte sich wirklich extrem komisch an, da natürlich Autos entgegenrauschten und auf der eigenen Fahrbahn kein Fahrzeug in Sichtweite war – zum Glück aber auch kein entgegenkommendes Auto. Ein paar hundert Meter später erblickte ich dann zu meiner Beruhigung tatsächlich ein vorausfahrendes Auto auf meiner Spur, das in die gleiche Richtung fuhr – alles gut.

Das Navi peilte für die 178 km lange Strecke nach Haghpat in Nordarmenien ca. 2h40 an. Dass dieser Wert sich nicht halten ließ, wussten wir nicht nur aufgrund der Irrwege am Anfang in Erewan, sondern auch aufgrund der ständigen Veränderungen der Straße. Sie war meist akzeptabel, aber dann so steil dass man kaum auf die möglichen 90 km/h Höchstgeschwindigkeit kam, dann war sie relativ flach, wusste aber in regelmäßigen Abständen durch Schlaglöcher zu „begeistern“, so dass ich mich nicht traute, tatsächlich mal Gas zu geben. Alles in allem kamen wir aber mit rund 60 km pro Stunde die ersten zwei Stunden doch gut voran bis nach Wanadzor. Dort verfuhren wir uns erstmal wieder, da das Navi einfach nur „nehmen sie die Autobahn“ befahl, statt mal anzusagen, ob es nach links oder rechts auf der vierspurigen Straße – von Autobahn zu sprechen wäre lachhaft gewesen – weiterging. Dann erstmal der nächste Schreck, da wir ja irgendwie zurück auf die alte Route mussten: Kreisverkehr!

Eigentlich ja kein Problem, aber in Armenien herrschen ganz offiziell andere Verkehrsregeln für Kreisverkehre: Vorfahrt hat der einfahrende Verkehr! Darauf muss man erstmal kommen, wenn die Fahrbahnmarkierung aufgrund von Schlaglöchern fehlt. Das Reinfahren war natürlich kein Problem, schließlich hatten wir ja Vorfahrt, ohne es zu wissen, aber es kam halt auch gerade kein Auto. Das änderte sich natürlich an der nächsten Einfahrt und zum Glück war es einer dieser Megakreisel mit mehreren Spuren, die natürlich nicht zu sehen waren, und das Auto links vor mir hielt doch tatsächlich an. Nachmachen ist manchmal so richtig gut – ersparte es uns womöglich einen Unfall. Der Vorteil von Kreisverkehren besteht darin, dass man so recht schnell wieder auf die alte Strecke gelangt, wenn man sich zuvor verfahren hat. Aber das vermeintliche Glück wendete sich erneut in Pech, denn wir fuhren nun in einen Stau, etwas, was es außerhalb von Erewan sonst sicherlich nie gibt, denn das Verkehrsaufkommen auf Armeniens Straßen ähnelt dem einer Kreisstraße in Rheinhessen um Mitternacht.

Wir befanden uns ziemlich am Anfang des Staus und merkten recht schnell, dass es sich um eine weitere Baustelle handelte. Auf der Gegenfahrbahn kam uns kein Auto entgegen und man sah nur Baumaschinen, die die gesamte Fahrbahn einnahmen. Ich nahm an, dass die Bauarbeiter einfach mal kurz die Straße sperrten, um die Baumaschinen zu bewegen und war recht entspannt, im Gegensatz zu einem armenischen Fahrer, der uns alle links überholte, vor der ersten Baumaschine aus dem Wagen sprang und wild gestikulierend auf die Bauarbeiter einredete. Normalerweise bringt so etwas eigentlich ja so rein gar nichts, aber nach ein paar Minuten Gebrüll, wurden die Maschinen tatsächlich zur Seite gefahren und wir konnten in die Baustelle hineinfahren. Die Straße, die schon teilweise frisch geteert war, befand sich aber an den meisten Stellen der nächsten Kilometer in einem erbärmlichen Zustand, da der alte Belag abgefräst war, es immer noch regnete und somit alles verschlammt war, und teilweise die Straße als solche gar nicht mehr zu erkennen war.

Der Verkehr dünnte sich mehr und mehr aus – es kam uns praktisch kein Auto mehr entgegen. Vor einer Tankstelle befand sich schließlich ein großes Loch – zum Glück wurde die Straße einfach zwischen den Zapfsäulen umgeleitet. Wir dachten schon, die Straße sei gesperrt… Dass dies kein Irrglaube war, stellte sich dann einige Rumpelkilometer später heraus. Das runde Schild mit dem roten Ring auf weißem Grund wurde zum Glück noch durch einen weißen Pfeil auf blauem Grund ergänzt, der auf ein kleines Sträßchen nach rechts zeigte. Wir dachten erst, das sei eine kleine Umleitung, doch die Straße machte einen Bogen nach rechts aus dem Tal heraus, dem wir seit Wanadzor folgten in Richtung eines Seitentals.

Daher wendeten wir, denn auch das Navi quäkte permanent „wenn möglich bitte wenden“. Glücklicherweise trafen wir im strömenden Regen auf einen Fußgänger und konnten mit Handzeichen fragen, welches die Route nach Alaverdi, der nächst größeren Stadt, sei. Er machte ebenfalls Handbewegungen, die erahnen ließen, dass wir leider wieder wenden und tatsächlich dem kleinen Sträßchen folgen mussten. Das Angenehme an der Straße war ihr Zustand: klein aber fein. Die vorangegangenen 20 km waren wir ja auf dieser Mega-Baustelle unterwegs gewesen und jetzt ging es plötzlich auf glatter Fahrbahn entlang, immer weiter weg von unserem Tagesziel. Denn das war das Schlechte an der Situation: erst plärrte die Stimme des Navis immer noch „wenn möglich bitte wenden“. Dann sollten wir einige Kilometer geradeaus fahren, um dann doch schließlich zu wenden und das im Dauerregen bei einsetzender Dämmerung. Wir hatten die Wahl: zurück nach Wandazsor fahren und dort die Nacht zu verbringen oder die gute, kleine Straße aus dem Seitental bergan zu fahren. Wir entschieden uns für die zweite Möglichkeit. Die angepeilte Ankunftszeit verschob sich minütlich um Viertelstunden. Plötzlich krächzte es endlich „Folgen Sie der Route für 2 km“ und man konnte erkennen, dass in der Karte des Navis tatsächlich kein Wenden mehr eingeplant war. Es ging voran in ein Bergdorf, das total ausgestorben war. Straßenschilder gab es auch nicht und wir verließen das Dorf auf einer Piste, wie ich sie in zuletzt in Costa Rica gesehen habe. Die wenigen Autos, die wir in den letzten Stunden sahen, waren auch fast alles Lada Niva Geländewagen – kein Wunder bei diesen Pisten, und ja, in Costa Rica waren wir auch mit einem Geländewagen genau deshalb unterwegs.

Wo es hinauf geht, muss es auch irgendwann wieder herunter gehen – im Schritttempo, Serpentine für Serpentine in einem Gebirgsbach alias Straße. Die Teerstücke sahen aus, als ob sie von einem Riesen einfach so herausgebrochen wurden und es bestand permanent die Gefahr mit dem höhergelegten Auto trotzdem an irgendeiner dieser Abbruckkanten aufzusetzen. In einem weiteren Seitental angekommen, stand auf einem rostigen Kontainer etwas auf Russisch mit einer Spraydose gesprüht, was eventuell „Alaverdi“ heißen konnte. Der Pfeil führte glücklicherweise, genauso wie das Navi, und mein Orientierungssinn in die gleiche Richtung nach links. Die Straße wurde nicht wirklich besser, aber das bereitete mir wesentlich weniger Sorgen, als die Steine und Felsstücke, die ab und zu so auf der Straße herumlagen. Was passiert eigentlich, wenn so ein Ding gerade herunterbricht, wenn wir unter der Felswand entlangfahren? Zum Glück musste ich mich viel zu sehr auf die Schlaglochseen, Steine und einmal auch auf einen rostigen Nagel konzentrieren, der einfach so auf der Fahrbahndecke nach oben zeigte, als mir weiter darüber Gedanken zu machen.

Irgendwann erreichten wir wieder das Haupttal und ein Lada kam uns entgegen und der Fahrer machte Zeichen, stehen zu bleiben. Während ich in Mittelamerika in so einer Situation lieber das Gaspedal bis zum Boden durchtrete, entschloss ich mich hier tatsächlich zu halten, gelten doch die Staaten des Kaukasus als sehr sicher. Überfälle auf Autos sind nahezu komplett unbekannt und man konnte unser Auto auch gar nicht als Mietwagen identifizieren. Das war dann wohl auch der Grund, warum wir angehalten wurden. Der Fahrer konnte natürlich kein Englisch, wollte wohl aber nach dem Weg zu einem mir unbekannten Ort fragen und erwähnte das international wohl wirklich einheitliche Wort „Tunnel“. Oh Gott, wenn jetzt auf der Strecke noch ein Tunnel zu passieren wäre, der vielleicht aufgrund eines Felsrutsches gesperrt war, dachte ich mir. Ich konnte dem armen Mann nicht weiterhelfen, versuchte zu gestikulieren, dass man, wenn man in einigen Kilometern links abbog über diese kleine Straße über den Berg wieder auf diese Hauptstraße gelangte. Keine Ahnung, ob ihm das weiterhalf. Wahrscheinlich war er genauso schlau wie zuvor, ich war aber tatsächlich beunruhigt, aufgrund des Worts „Tunnel“.

Im weiteren Verlauf der Straße kam uns tatsächlich kein Auto entgegen und ich machte mich schon darauf gefasst, dass hinter der nächsten Kurve tatsächlich die Straße an einem Tunnel endete. Stattdessen sahen wir irgendwann die ersten Lichter von Alaverdi und wenig später befanden wir uns auch schon auf dem kleinen Serpentinensträßchen in das Bergdorf Haghpat, in dem unser Navi, uns nochmals einen kleinen Streich spielte, in dem es irgendwie auf direktem Weg ein enges Gässchen zu unserer Unterkunft nehmen wollte. Diese befand sich zum Glück neben dem von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten Kloster, so dass wir einfach auf der Hauptstraße blieben und dann auf einem Platz ankamen. Das Kloster war angetrahlt, der Rest des Kaffs war dunkel, inklusive unserer Unterkunft.

Es war erst halb acht Uhr abends, aber wirklich alles bis auf das Kloster stockfinster. Ich konnte aber zum Glück noch ein paar Gestalten ausmachen, stieg aus und fragte, ob es sich hier um das Haghpat Hotel handelte. „Yes“ war die erlösende Antwort. Der Begriff „Hotel“ ist ja recht schwammig. Wenn es aber nur einen Raum und fünf Zimmer gibt, die alte Dame und der zahnlose Herr, der mich an Louis de Funes erinnerte, die einzigen Mitarbeiter waren, dann würde der Name Homestay die Unterkunft schon besser beschreiben.

Weiter oben habe ich ja das Internet wegen der Möglichkeit gelobt, dass lokale Agenturen weltweit ihre Dienstleistungen anbieten können. Eine weitere Möglichkeit des Internets sind ja die beliebten Hotelbewertungen. Es soll bekanntlich Leute geben, die stundenlang Hotelbewertungen lesen oder abgeben. Früher nahm ich an, dass die Eigentümer sich teilweise ihre Bewertungen vielleicht selbst schreiben – natürlich nur die guten. Das stimmt wohl so nicht wirklich und bei unserem alten Pärchen bestimmt nicht, schließlich konnten sie kaum Englisch, geschweige denn Deutsch etc. Die Bewertungen waren eigentlich durchweg positiv und die Alten waren auch tatsächlich sehr herzlich und nett. Allerdings regnete es immer noch und es war ziemlich kalt. Das störte uns in der ersten Nacht noch nicht wirklich, aber die zwei folgenden Nächte waren einfach unangenehm und anstrengend. Die euphorischen Bewertungen das Bad betreffend konnte ich noch halbwegs nachvollziehen: es war sauber, groß und warmes Wasser gab es in der ersten Nacht auch noch. Dass die Klospülung nicht automatisch funktionierte und man immer den Wasserkasten öffnen musste, an dem Styropor-Ding herumspielen musste, damit das Wasser reinlief – geschenkt, dass man den Kasten irgendwann auch öffnen musste, damit das Wasser nicht einfach durchfloss – in vielen Teilen der Welt auch normal, also so what?! Dass aber einer schrieb, das Hotel könnte es mit einem Vier-Sterne-Ding in der Erewan aufnehmen, fand ich dann doch mit den größten Quatsch, den man in Bezug auf diese Location verfassen konnte. Spätestens dann, als es überhaupt kein Wasser mehr gab (das dann eine Stunde später wieder kam) und natürlich der Strom auch noch regelmäßig ausfiel. All das ist für mich Alltag in vielen Ländern der Welt. Aber die Kälte und die fehlende Möglichkeit, tatsächlich Abhilfe zu schaffen war einfach ätzend: Heizungen waren Fehlanzeige. Bei der mobilen Elektroheizug, die wir in der letzten Nacht erhielten, steckten wir den Stecker in die Steckdose mit dem Resultat, dass wenig später die Sicherung rausflog. Auch die Matraze, bei der man jede einzelne Feder am Morgen als temporäres Tatoo mit sich trug, war einfach schlecht. Da fragte ich mich schon, was solche Bewertungen eigentlich bringen. Klar, im Sommer braucht man keine Heizung, aber Matratzen sind ja das A und O einer Übernachtung. Schließlich verbringt man darauf ja dann doch oft ein Drittel seiner Reise. Wir hätten vielleicht mangels Alternative trotzdem in diesem Hotel übernachtet, aber dass dieses so enthusiastisch in den komplett wolkenverhangenen Himmel von Haghpat gelobt hat, zeigt mir dann doch, dass Bewertungen im Internet einfach mit Vorsicht zu genießen sind.

Ebenfalls gut bewertet wurden unsere Führer von Alaverdiguides. 25 zum Teil sehr gut englisch sprechende junge Armenierinnen und Armenier möchten Reisenden ihre Region zu Fuß vorstellen. Dazu bieten sie Halb- und Ganztageswanderungen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade an. Obwohl das Wetter nicht so recht mitspielte war der Aufenthalt dank der Guides in Haghpat wirklich wunderbar. Auf alten Fußwegen ging es vom Kloster Sanahin zurück zu unserem Kloster in Haghpat. Theoretisch wären wir noch in ein weiteres Bergdorf gelaufen – aber es regnete dann doch zu stark und im Nachhinein bin ich froh, diese Tour abgebrochen zu haben, denn in der Nacht taten sich Magen und Darm zusammen, um mich auf Trab zu halten, indem ich des mehrmals den Wasserkasten herumschieben musste. Komplett platt stellte sich für mich am nächsten Morgen die Frage, Bett oder Basilika? Schließlich wollten wir von einer alten Basilika unterhalb einer Felskante mit unserem Guide durch einen Canyon wandern. Ich entschied mich darauf zu vertrauen, dass die drei Marmeladebrote im Magen blieben und mir genug Kraft gaben, den Walk durchzuhalten. Dies gelang schließlich mit Ach und Krach. Es war schon interessant zu sehen, wie der Körper innerhalb einer Nacht komplett abbauen und für mich eine relativ einfache 9 km Wanderung zur absoluten Herausforderung werden kann. Am Ende der Wanderung wurden wir von einer alten Frau angesprochen. Daviet, unser Guide, kannte sie nicht, konnte uns aber übersetzen, dass sie uns auf einen armenischen Kaffee einladen wollte. Das war bereits die zweite Kaffeeeinladung, nachdem wir beim Müllsammelsonntag schon diesen herrlich starken Kaffee, bei dem der Satz in der Tasse verbleibt, gratis genießen durften. Auf der heutigen Wanderung bekamen wir von einem Schafhirten Walnüsse geschenkt und die alte Dame toppte alles, denn natürlich blieb es nicht beim Kaffee. Baklava-Gebäck und eingelegte grüne Walnüsse wurden zum Nachmittagskaffee gereicht. Die Gastfreundschaft der armenischen Bevölkerung war tatsächlich umwerfend und natürlich hätten wir für den Kaffee auch etwas bezahlt, das wäre allerdings als unhöflich angesehen worden.

Am nächsten Tag spielten sowohl das Wetter als auch der Magen und der Darm wieder mit, so dass es mit dem Auto wieder auf Abenteuer durch Armenien gehen konnte. Bis Wanadzor sollte es eigentlich die gleiche Strecke zurückgehen, aber natürlich informierten wir uns vorher und erfuhren so, dass die Straße eigentlich für zwei Jahre (!) gesperrt sei, da u.a. der Tunnel (aha!) erneuert wurde und eine großräumige Umleitung eingerichtet sei. Das war auch in der jetzt zu nehmenden Fahrtrichtung tatsächlich entsprechend mit einem Schild angegeben. Leider fehlte dieses auf der Hinfahrt. So aber verlief die Weiterfahrt nach Dilijan komplett ereignislos. Statt der avisierten 2 Stunden, fuhren wir zweieinhalb Stunden aber das ist ja kein Vergleich zu den sechs Stunden, die wir von Erevan statt der zweidreiviertel Stunden brauchten. Bevor wir losfuhren, bekamen wir von der alten Dame unseres Homestays noch Socken zum Abschied geschenkt – weil wir so viel gefroren haben. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich mochte den Aufenthalt trotzdem, das Menschliche in dieser Herberge wurde wirklich groß geschrieben. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass die beiden alten Menschen so zunehmend ihre Schwierigkeiten hatten, das Hotel so zu leiten, dass es nicht verkommt. Auch wenn sie nur fünf Zimmer hatten – Madame hat abends für alle gekocht, morgens Frühstück gemacht und natürlich müssen die Zimmer in Stand gehalten werden. Mich haben halt nur die extrem positiven Bewertungen gewundert. Natürlich bat die Dame auch eindringlich darum, dass wir ihr Hotel positiv bewerten. Und diesem Wunsch sind wahrscheinlich die meisten Gäste nachgekommen – sicherlich auch ein bisschen aus Dankbarkeit.

In Dilijan angekommen, wurden wir von unserem nächsten Hoteleigentümer mit einer mächtigen Alkohohlfahne begrüßt. Dass er darauf bestand, sofort bei der Ankunft zu zahlen, wir aber nicht genug Cash dabei hatten und somit mit der Kreditkarte versuchten zu zahlen, ließen den ersten Eindruck etwas ins Negative abgleiten. Es blieb beim Versuch mit der Karte zu zahlen, denn erstens wollte er nur die Hälfte mit der Karte haben, dann war er so ungeduldig, da das Lesegerät „Please Wait“ anzeigte, er aber statt zu warten, dieses auf den Tisch schlug und dieses in alle Einzelteile zersprang. Es quälte aber noch einen Beleg raus auf dem „Approved“ stand. Er behauptete aber felsenfest, dass der Betrag nicht abgebucht wurde. Zum Glück ging es nicht um große Beträge (ca. 34 €), aber genervt war ich trotzdem. Und natürlich wurde mir der Betrag abgebucht. Aktuell versucht das Hotel mir den Betrag wieder zurückzutransferieren – Ausgang offen…und die Bank möchte den Betrag auch nicht erstatten, obwohl ich den Beleg nicht unterschrieben habe…

Wir fuhren zum nächsten Geldautomaten holten das Geld und konnten dann im Casanova Inn, erstmal entspannen. Jede Tür ziehrte eine venezianische Karnevalsmaske und der große Aufenthaltsraum war beheizt – juhu! Auftauen, aufwärmen und sich von der Kälte Haghpats erholen. Anders als viele Städte Armeniens, die aus hässlichen grauen heruntergekommenen Plattenbauten bestehen, gab es in Dilijan vereinzelt sehr hübsche Häuser. Der Ort war schon in der Sowjetunion als Touristen-Ziel und Kurort bekannt, vielleicht wurde daher ein bisschen mehr auf eine ansprechende Bausubstanz geachtet. Kulinarisch war Dilijan auch wieder ein Paradies, sogar für Vegetarier. Überall im Kaukasus erhalten diese Salate, viel Gemüse, Kartoffeln und leckeres frisches Brot. Sogar Urgetreide wie Emmer findet den Weg auf die Speisekarte. Während wir in Haghpat mangels Alternative drei Nächte Homecooking erlebten, was leider für Vegetarier etwas öde, aber wenigstens satt machend war, gibt es in Dilijan tatsächlich eine große Restaurantszene. Noch schöner war allerdings die umgebende Natur mit ihren Blumenwiesen, Nadelwäldern, Schneebergen und was in Armenien natürlich nicht fehlen darf: Klöstern.

Zurück in die Hauptstadt Erevan führte die Reise am tiefblauen Sevan-See auf ca. 2.000 Metern entlang. Hinter einer Biegung der Autobahn ragte dann plötzlich der Berg Ararat der über 5.000 Meter hoch ist, hinter der Millionenmetropole Erewan hervor. Ein erhebender Anblick und ein wunderbarer Abschluss dieser Reise durch ein faszinierendes Land mit herrlicher Natur, imposanten Klöstern und sehr sehr freundlichen Bewohnern. Ich hoffe nicht, dass es wieder zwölf Jahre dauert, um diesem wunderbaren Land, den nächsten Besuch abzustatten.

Portugal 2013

Bom dia,

heißt „Guten Tag“ im Portugiesischen. Gerne würde ich auch auf Portugiesisch Euch ein frohes neues Jahr wünschen, doch leider lassen dies meine begrenzten Kenntnisse dieser schönen Sprache nicht zu. Gleichfalls wisst Ihr jetzt genau, wohin es uns die letzten Tage zog.

Bei der Reiseplanung sind uns natürlich mehrere Faktoren im deutschen Winter wichtig. Es soll schon ein wenig wärmer sein als bei uns, die Sonne sollte öfters erscheinen als am grauen Januar-Himmel zwischen Elbe und Isar und aufgrund der Kürze des Aufenthalts sollte die Reise nicht ans andere Ende der Welt führen. Natürlich sollte auch das Budget nicht unbedingt überstrapaziert werden, denn in vielen Ländern weltweit kam es zu massiven Preisanstiegen – auch weil der Euro im Vergleich zur jeweiligen Landeswährung an Wert verlor.

Also wieder Portugal, denn dort gefiel es uns bereits zur Jahreswende 2011/2012 sehr gut. Das Land liegt nicht weit weg von uns und die Sonne überwintert dort tatsächlich und sorgt wenigstens am Tag für wohlige Temperaturen knapp unter 20°C. Der Tourismus scheint dort allerdings sehr zyklisch zu verlaufen, denn es herrscht nach Weihnachten tiefste Nebensaison. Außer Rentnern von den britischen Inseln trifft man dort kaum andere Reisende an und der Geldbeutel wird tatsächlich sehr geschont – dem Euro sei Dank!

Denken wir an Portugal, denken manche vielleicht zum Glück noch an Cristiano Ronaldo oder Luiz Figo – die Nicht-Fußball-Fans allerdings eher an die Schuldenkrise. Dass Portugal wirklich in der Misere steckt, erkennt man eigentlich schon bei der Landung mitten in der Stadt. Der altertümliche Flughafen Portela platzt aus allen Nähten und zeigt dann doch den Unterschied zu Griechenland gleich auf: In Athen steht ein nagelneuer Flughafen und dort wurde die Notbremse, was Investitionen angeht, wohl zu spät gezogen, wenn sie überhaupt bereits gezogen wurde. Auch Portugal wollte einen neuen Airport bauen; „wollte“ ist hier wohl das wichtige Wort, das den Unterschied macht.

Allerdings trifft man auf der Fahrt durchs Land auf Projekte, die teilweise abgeschlossen sind, deren Sinn sich allerdings dem Durchreisenden nicht so ganz erschließen.Da gibt es vierspurige Straßen mit weit ausholenden Auf- und Abfahrten – aber keine Autos, die diese Straßen nutzen, obwohl diese gratis zu befahren sind. Die vormals genutzte zugegebenermaßen engere, aber schlaglochfreie Straße, wird ihrem Schicksal überlassen und dient als großer Bürgersteig. Leider trifft man auch immer wieder auf unfertige Projekte, deren Sinn sich gar nicht erschließt: Brücken ohne Zufahrten, verwaiste Brückenpfeiler und platt gewalzte Flächen für eine Autobahn (?) darben in der Landschaft dahin. Hier wurde wohl zu spät die Notbremse gezogen und man ahnt, warum das Land tatsächlich ein Problem hat und das heißt nicht „Verkehrsinfarkt“, wie zum Beispiel in vielen Ländern Asiens.

Das Reisen auf Portugals Straßen im Jahr 2013 erinnert mich fast schon an Reisen in Burma oder durch Afrika, wo es Minuten oder noch länger dauerte, ehe sich mal Gegenverkehr blicken ließ. Bei Benzinpreisen die denen in Deutschland entsprechen, kann es sich wahrscheinlich niemand mehr leisten, mal einfach so auf vier Rädern durch die Gegend zu düsen. Auf den Autobahnen, die nur gegen Gebühr zu nutzen sind, kommt man sich dann endgültig wie in der Autowerbung vor: kilometerlange vierspurig ausgebaute neue Fahrbahnen ohne jeglichen Mitbenutzer – bei 20 € für 250 km auch nicht wirklich ein Wunder. Wie sich die Kosten für diese Infrastrukturmaßnahmen je wieder einspielen lassen sollen, wage ich nicht zu beurteilen.

Außerdem schreckt dann noch die Art der Zahlung zahlungskräftigere Kunden wie uns von der Nutzung ab. Durften wir die Euros für die Nord-Süd-Trasse direkt vor Ort entrichten, wie dies auch z.B. in Frankreich üblich ist, wenn es Maut gibt, die nicht pauschal wie in der Schweiz erhoben wird, dachte man sich für die Querverbindung an der südlichen Algarve-Küste ein noch moderneres Modell aus, so wie es auf den deutschen Autobahnen für LKW vorgeschrieben ist. Dumm nur, dass viele Mietwagen gar keine Box zur Registrierung der gefahrenen Kilometer an Bord haben. So mussten wir die Maut im Postamt entrichten – allerdings nicht unmittelbar nach der Nutzung, sondern erst zwei Tage später und spätestens nach 7 Tagen, sonst begeht man eine Straftat bei Nichtzahlung! Goethes Satz „Reisen bildet“ gilt auch 2013 noch, denn so ein kompliziertes System kannte ich bisher noch nicht und es wird auch nirgends darauf hingewiesen, dass die Gebühren erst zwei Tage später der Post vorliegen. Bezahlung online? Im Offline-Land Portugal nicht möglich…

Trotzdem macht das Reisen in Portugal einen großen Spaß, gerade weil man schnell vom Fleck kommt und mit neuen Navigationsgeräten, auch sehr schnell direkt von A nach B dirigiert wird. Manche Navis sind sogar auf Feldwege programmiert, so dass wir ruckzuck von der vierspurigen jungfräulichen Schnellstraße auf eine unbefestigte Schlaglochpiste geleitet wurden, da wir die Option „ökonomischte Route“ zuvor eingegeben hatten. So wird das Reisen dann sogar noch zum kleinen Abenteuer und das in Europa.

Abgesehen von den Investitionsruinen am Fahrbahnrand oder auf der Fahrbahn finden sich kaum Anzeichen für ein nahezu bankrottes Land. Wohnhäuser scheinen nicht geräumt zu werden, wie dies in Spanien leider der Fall ist, auch die öffentliche Infrastruktur funktioniert – es fahren Busse und der Müll wird abgeholt – und die Armut ist kaum offen zu sehen. In Mainz gibt es mehr bettelnde Menschen als in allen in einer Woche bereisten portugiesischen Städten zusammen. Auch Ressentiments gegen Deutschland oder Deutsche sind überhaupt nicht zu finden – anders als die TV-Bilder beim Besuch von Kanzlerin Merkel in Lissabon suggerierten.

Für alle bezogenen Waren und Dienstleistungen erhielten wir Rechnungen auf denen die 23 % Mehrwertsteuer ausgewiesen waren, für uns eine Selbstverständlichkeit, für andere südeuropäische Länder aber anscheinend ja nicht unbedingt und für den Rest der Welt wirklich nicht üblich. Diese kleinen Zettelchen sind für mich aber auch der Hoffnungsschimmer, dass es Portugal bald wieder besser geht, denn so fließen tatsächlich Gelder in die Staatskasse und anhand der Tatsache, dass Projekte, die vielleicht nicht unbedingt wirklich durchzuführen sind, aktuell gestoppt werden, findet wohl ein Umdenken im Staate Portugal statt, der dem Land hoffentlich die Wende bringt. Denn zum Glück werden weiterhin auch Straßen und andere Infrastruktureinrichtungen repariert – was zwar auch Geld kostet aber den Menschen auch Arbeit bringt und somit auch wieder Konsum, der zu 23 % versteuert wird.

Wir planen auch Ende des Jahres wieder nach Portugal zu fahren – nicht, weil es besonders günstig ist, dort dem Winter zu entkommen, sondern weil die wunderschöne Küste, die sehr netten Menschen und das gute Essen immer wieder Gründe sind, dorthin zu fahren und wenn man mit seinem Geld ein wenig die arg gebeutelte Staatskasse aufbessert…um so besser.

Indonesien 2012

Selamat Pagi,

heißt so viel wie „guten Morgen“ auf Bahasa Indonesia. Nach neun Jahren habe ich es in diesen Tagen endlich mal wieder nach Indonesien geschafft, genauer gesagt auf die wohl berühmteste Insel des Archipels schlechthin: nach Bali.

Gespannt war ich schon, was sich in neun Jahren auf dem Eiland getan hat, das ich damals noch klassisch mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereiste. Ein Blick in den aktuellen „Lonely Planet“ wunderte mich doch sehr, als dieser riet, Bali am besten per Mietwagen zu entdecken! Der „Lonely Planet“, die „Bibel“ der Individualtouristen, schlägt vor, einen biederen Rent-a-Car-Urlaub zu machen? Zugegebenermaßen war 2003 das Reisen mit Bemos (Minibussen) und Ojeks (Motorradtaxis) alles andere als komfortabel, schnell und lungenfreundlich. Dafür war es extrem billig und halt die Art des Reisens, die ich immer mit der australischen Reisebibel gleichgesetzt habe. 2003 stand im „South-East-Asia Travel Survival Kit“ des Lonely Planets wohl auch nichts von Mietwagen im Kapitel „Getting around“.

Nun gut, die Monate vor der Reise planten wir dann mal mit einem Mietwagen…in Indonesien…im Linksverkehr – aber so Recht daran glauben wollten wir doch noch nicht so, zumal es außer Avis keine bekannte Mietwagenrepräsentanz auf der Insel gibt. In den letzten Jahren hatte sich allerdings meine Art des Reisens bereits geändert. Nach der Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln um die Welt 2002-2003, strampelte ich zunächst durch Süd-Ost-Asien, Skandinavien und Osteuropa mit dem Fahrrad; sozusagen der erste Schritt weg von Kühlschrankbussen und Abgasschleudern. Dann 2010 der erste zaghafte Versuch auf Mauritius mal einen Tag lang den Linksverkehr mit einem Auto zu entdecken. Das ging damals erstaunlich gut, der lokale Vermieter hatte einen verständlichen Vertragstext mit Vollkaskoversicherung inklusive aufgesetzt und auch das Fahren im Chaos von Mauritius‘ Straßen funktionierte einwandfrei. Im Frühjahr 2012 schließlich der erste „Langzeitfahrversuch“ in einem tropischen Land für zwei Wochen in Costa Rica funktionierte ebenfalls prima. So entstand dann so langsam tatsächlich der Plan, dem Rat des „Lonely Planet“ zu folgen, mit dem Mietwagen die Insel zu entdecken.


Unser Suzuki Katana in den Bergen Balis
Unser Suzuki Katana in den Bergen Balis

Ich fürchtete allerdings erst gar keinen Mietwagen zu bekommen, da dummerweise die beste Reisezeit für Bali in unseren Sommermonaten liegt und die Insel dann von Touristen aus Süd und Nord in die Zange genommen wird. Australier haben die Möglichkeit in wenigen Stunden für recht wenig Geld mit dem Billigflieger von Downunder auf die Insel zu fliegen und waren natürlich präsent. Aber auch Europäer scheint es nach Bali zu ziehen. Die KLM-Maschine, die uns von Singapur nach Denpasar brachte, war jedenfalls proppenvoll und Franzosen und Holländer sollten wir auf der gesamten Reise an allen Orten wieder treffen. Eurokrise hin oder her, auch Spanier fanden wir zuhauf – Deutsche hingegen im Vergleich zu früheren Reisen außerhalb Europas recht wenige.

Die Einreise nach Indonesien verlief dieses Mal weitaus entspannter als 2003, da man sich sein Touristenvisum am Flughafen für 25 US$ kaufen konnte. Der erste Versuch, indonesischen Boden zu betreten, scheiterte vor neun Jahren noch kläglich, da ich von Ost-Timor über Land einreisen wollte und ich nicht wusste, dass das Inselreich seine abtrünnige Provinz nicht als eigenen Staat anerkannte. Damals musste ich zurück nach Dili in die Hauptstadt Ost-Timors fahren und mir bei der Ständigen Vertretung Indonesiens in Dili ein Visum besorgen, da die visafreie Einreise nur bei offiziellen Grenzübergängen möglich war. 2012 musste ich nur die relativ lange Schlange an Mitreisenden erdulden, die ebenfalls auf die Idee kamen, mal auf Bali Urlaub zu machen – eine weit angenehmere Erfahrung als zwei Tage mit Visa-Kram zu verschwenden.

Mit dem Mietwagen durch den äußeren Krater des Vulkan Batur
Mit dem Mietwagen durch den äußeren Krater des Vulkan Batur

Google sei Dank findet man mit dem Suchbegriff „Bali Car Rental“ viele Angebote lokaler Unternehmen und meine Befürchtung, kein Auto mehr zu bekommen, war ziemlich unbegründet – dies schrieb allerdings auch schon wer? Natürlich, der „Lonely Planet“. Letztlich lag es wohl daran, dass auf Bali kaum ein Tourist ein Auto mietet, zumindest nicht zum selber Fahren. Wir trafen überall auf Touristen, die sich über die Insel kutschieren ließen, von einheimischen Fahrern wohlgemerkt. Daher konnte man im Internet bereits zwischen „self drive“ und „with driver“ wählen. Ebenfalls recht viele junge Reisende wählen ein Mofa zum Fortkommen und Entdecken der Insel. Eigentlich auch eine gute Idee, nur mit einem großen Rucksack auf dem Rücken, die kurvenreichen, steilen Straßen Balis zu erleben, war dann doch nicht so ein prickelnder Gedanke. Allerdings unternehmen die meisten Touristen sowieso nur Tagesausflüge vom Süden der Insel mit seinen Sandstränden ins Landesinnere. Dafür ist dann ein Mofa sicherlich auch die perfekte Wahl – allerdings nur wenn man die Abgase im Straßenverkehr der Insel erfolgreich ignorieren kann. Nach der Ankunft auf Bali schrieben wir dann den BCR an, den „Bali Car Rental“ und orderten ein Auto für den nächsten Tag und für die nächsten knapp zwei Wochen. Wir entschieden uns für die günstigste Variante, einen betagten Suzuki Katana. Das ist eine Art Placebo-Geländewagen. Er sieht so aus wie einer, ist aber gar keiner, da er erstens kein Allradantrieb hat und zweitens völlig unter-motorisiert ist. Punkt 1 ist gar kein Problem, da alle Straßen auf Bali asphaltiert sind. Punkt 2 ist ebenfalls zu vernachlässigen, da man meist eh nur mit 40 km/h auf den Straßen entlang zuckeln kann. Kein Placebo-Effekt hingegen ist der Platz zwischen Boden des Autos und der Straße, der gar nicht groß genug sein kann, da man oftmals auf den engen Straßen vom Fahrbahnrand abkommen muss, um den Gegenverkehr auszuweichen und auch Schlaglöcher gibt es auf den Nebenstraßen zuhauf.

Fahrt zu den Reisterrassen in Jatiluwih
Fahrt zu den Reisterrassen in Jatiluwih

Der „Bali Car Rental“ weckte bei mir positive Erinnerungen an Balis Einwohner. Eine grenzenlose Freundlichkeit und vorbildliche Servicementalität. Auf meine Email-Anfrage wurde umgehend geantwortet und natürlich war es selbstverständlich, dass uns das Auto auf dem Hotelparkplatz zugestellt wird und bei der Abgabe später auch wieder dort entgegengenommen wird. Dass die Abgabe an einem ganz anderen Hotel stattfinden sollte – auch kein Problem. So stand dem Abenteuer Autofahren in Indonesien nichts mehr im Wege und die 10 Meter Fahren auf dem Hotelparkplatz in Quarantäne waren wunderbar. Danach wurden wir in die Freiheit des indonesischen Verkehrs entlassen, der mich bereits 2003 teilweise völlig entnervte. Das mit dem links fahren war gar nicht mal so schlimm, da ja die Fahrerseite rechts liegt und man intuitiv links fährt. Das ist auch ein Vorteil gegenüber dem Mofa-Leihen. Eines morgens hätte ich fast eine Touristin auf dem Mofa platt gefahren, da diese als Geisterfahrerin wohl etwas gedankenverloren mir in einer Kurve direkt vor die Windschutzscheibe fuhr. Dass indonesische Mofa-Fahrer einem links vom Wagen entgegenkommen ist natürlich, nur wissen diese auch, dass ihr Terrain gefühlt 30 cm vom Fahrbahnrand Richtung Fahrbahnmitte liegt – die Touristin hingegen fuhr mitten auf der von mir aus gesehen linken Fahrbahn fast ins Verderben.

Die Unsicherheit der Mofa fahrenden Touristen ist wohl auch tatsächlich das schwierigste Unterfangen beim Autofahren auf Bali. Denn der große Rest der Verkehrsteilnehmer fährt getreu dem Motto „immer nach vorne schauen“. Alles was vor einem liegt hat Vorfahrt. Diese unsichtbare Verkehrsregel hatte ich zum Glück bereits bei meinen Fahrradreisen durch Süd-Ost-Asien gelernt. Alle anderen gewöhnlichen Regeln, so auch der Linksverkehr, haben sich dieser Regel unterzuordnen. Daher sind einheimische Geisterfahrer auch nichts besonderes genauso wie das omnipräsente „links vor rechts“. Sprich, es ist ganz normal, dass von links auch neue Verkehrsteilnehmer hinzustoßen, ohne dass diese auch nur schauen, ob in diesem Moment der Herr aus Deutschland mit seinem Suzuki angefahren kommt. Daher sollte man seine Zeit auch erst gar nicht mit dem Schauen in Seitenspiegel oder Rückspiegel verschwenden. Das ganze hat schon fast etwas philosophisches: Als Autofahrer blickt man grundsätzlich nur nach Vorne. Die Vergangenheit in Form von Blicken in Spiegel bleibt ausgeblendet. Natürlich kann ich die europäische Fahrweise nicht vollkommen über Bord werfen und gerade bei Überholmanövern ist ein ganz schneller Schulterblick nach links hinten nicht zu verachten – nur hat man dazu eigentlich in Indonesien gar keine Zeit – es könnte sich ja schon längst wieder eine neue Verkehrssituation vor der Windschutzscheibe ergeben haben.

Linksverkehr war eigentlich kein Problem
Linksverkehr war eigentlich kein Problem

Die ersten Meter in freier Wildbahn waren schließlich problemlos zurückgelegt. Ein Kreuz- und Querfahren findet auch zur Rushhour im vom Verkehrsinfarkt bedrohten Süden Balis nicht statt – genauso wenig wie Dauerhupkonzerte. Die Hupe findet hier sogar recht wenig Einsatz, lediglich beim Überholen von Verkehrsteilnehmern der selben oder einer höheren Kaste – schließlich ist auf Bali der Hinduismus quasi Inselreligion, sprich wenn man als Autofahrer ein Auto oder einen LKW überholt. Die Hupe ist quasi einem Klingelton gleichzusetzen, der einfach darauf aufmerksam macht, dass jetzt überholt wird.All das hatte ich bereits nach einem Kilometer verstanden und wir machten uns daran, von Sanur im Süden der Insel zunächst nach Westen fortzukommen. Es stellte sich das wohlige Gefühl ein, alles richtig gemacht zu haben. Das Auto rollt, wenn auch zunächst nur im Stop and Go. Man weiß, dass man (noch) richtig ist und die verkrampften Muskeln auf dem Sitz entspannen sich zunehmend. Plötzlich wurden wir nach exakt 1,54 km von einem Polizisten auf dem Motorrad überholt und raus gewunken. Stimmt, da war ja noch was. Man kann sich ja im Verkehr wohlfühlen und denken, man packt das Fahren in fremden Ländern, aber es gibt ja auch noch die Cops, die da ein Wort mitzureden haben.

Letztes Jahr hat mich die Begegnung mit argentinischen Verkehrspolizisten 75 € gekostet, da ich nach einen Zwischenstopp vergessen hatte, mein Abblendlicht wieder einzuschalten – in Argentinien ist das Pflicht. So schlug bei mir die Begeisterung für den Mietwagenurlaub auf Bali nach nur etwas mehr als tausend Metern ins totale Gegenteil um. Wir kurbelten das Fenster runter – elektrische Fensterheber gibt es beim Katana natürlich nicht. Nach vorne beugen ging nicht, da die antiquierten Anschnallgurte noch keine Gurtaufroller hatten. Aber wenigstens waren wir angeschnallt – so dass ich gespannt war, was der Polizist von uns eigentlich wollte. In freundlichem Ton bat er um den Führerschein – den internationalen natürlich! Diesen hatte ich parat, da man in fast allen Ländern, sogar in den USA theoretisch, diesen grauen Riesenlappen dabei haben muss. Mietwagenfirmen kontrollieren das nie, da der eigentliche Fahrtauglichkeit-Nachweis der lokale Führerschein ist. Das Dokument dabei zu haben ist womöglich im Süden Balis nicht selbstverständlich und rein theoretisch eine Quelle zum Erstellen eines Bußgelds. Anscheinend wird im Süden Balis besonders gern der internationale Führerschein von Cops kontrolliert, denn im Lonely Planet findet sich ein eigener Absatz zu diesem Thema, gesetzt den Fall, dass man das Dokument nicht vorweisen kann und man keine Lust auf lange Bußgeldverfahren hat. Unser Cop wollte uns schon eine gute Weiterfahrt wünschen, da kam bei ihm noch der Gedanke auf, nach den Fahrzeugpapieren zu fragen. Diese waren anscheinend auch korrekt, denn danach entließ uns der Ordnungshüter wieder in den indonesischen Straßenverkehr und wir waren glücklich zum Nulltarif durch diese Kontrolle gekommen zu sein. Die restlichen 1.152 km dieser Reise wurden wir übrigens nie wieder kontrolliert.

An Balis relativ leerer Nordküste
An Balis relativ leerer Nordküste

Die nächste Herausforderung warte dann gleich wieder auf uns: das sich Zurechtfinden! Bali ist durchsetzt mit Myriaden von Straßen aber Straßenschilder sind hier Mangelware. Auf der gesamten Reise habe ich zweimal ein Verkehrsschild mit Geschwindigkeitsbegrenzung (60 km/h) gesehen. Stoppschilder gab es rund ein Dutzend. Vorfahrt beachten – unser umgestülptes Dreieck – gab es gar nicht – schließlich gilt ja das Gesetz des nach vorne gucken! Tja und auch Ortsschilder sind auf Bali eine seltene Erscheinung. In welchem Ort man sich gerade befindet ließt man am besten an den Schildern der Unternehmen vor Ort ab, da diese praktisch immer ihre komplette Adresse angeben. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Hinweisschilder auf kleinen Straßen komplett fehlten. Schaut man sich auf Google Maps oder einer Karte die Straßen an, findet man oft einen tollen direkten Weg von A nach B. In der Realität findet man im Gewirr der Sträßchen dann den direkten, richtigen oftmals gar nicht mehr und riesige Umwege sind in Kauf zu nehmen. Von der Südost-Küste bei Sanur zur Westküste durch das dicht besiedelte Südbali zu gelangen, war am Ende nur möglich, da wir uns nach dem Stand der Sonne richteten und so grob die Himmelsrichtungen wussten.

Ein weiteres Problem bei der Beschilderung auf Bali besteht darin, dass wenn es schon endlich ein Schild gab, dieses meist das nächste Kaff angab und die nächste größere Siedlung aber nicht. Manchmal gibt es auch eine Differenz bei den Ortsnamen auf Karten und Schildern. Semarapura heißt zum Beispiel oft noch Klungkung – alles klar oder? Wir entschieden ab der nächsten Fahrt einen Kompass ins Handschuhfach zu legen und waren froh irgendwann den Großraum Südbali hinter uns zu lassen und doch noch auf die richtige Straße zu gelangen. Hat man einmal das ländliche Bali erreicht, das sich zum Glück noch über rund zwei Drittel der Insel erstreckt, nördlich der Inselhauptstadt Denpasar, dann weiß man endlich seinen Mietwagen tatsächlich zu schätzen. Bali wird von West nach Ost von einer Vulkankette durchzogen und die kleinen Bergsträßchen werden nur selten von Bemos befahren. So wäre es nahezu unmöglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln das ländliche, gebirgige Bali zu entdecken. Einmal von der Inselringstraße im Süden abgebogen, findet man sich nach wenigen Kilometern in der Natur wieder. Die Südseite der Berghänge ist nahezu komplett mit Reiseterrassen durchzogen. Teile dieser alten Kultivierung stehen in der Gegend von Jatiluwih sogar heute unter dem Schutz des Weltkulturerbes der UNESCO und sind sogar frei von Abfällen – einem leider in Asien immer wieder kehrendem Problem.

Reisterrassen an der Straße nördlich von Antosari
Reisterrassen an der Straße nördlich von Antosari

Es war herrlich in dieser Kulturlandschaft spazieren zu gehen. Dieses friedliche Bali nur wenige Kilometer vom Lärm im Süden entfernt war tatsächlich Erholung pur – allerdings weniger für das Auto, denn die steilen Straßen stellten den Karren immer wieder vor Probleme. Oftmals ging es im Schneckentempo Steigungen von vielleicht 15 % bergauf im ersten Gang. Später trafen wir auf LKW, die auf einer Bergstraße von ca. 5 km auf der Hälfte ihre Motoren kühlen und stoppen mussten, um die gesamte Distanz zurücklegen zu können. Diese Straßen führen natürlich zu erhöhtem Bensin-Konsum. Daher gibt es auf Bali ein sehr dichtes Netz an Tankstellen mit noch mehr Tankwarten. Der Boxenstopp an Balis Tankstellen dauerte meist nur eine Minute – und bei Benzinpreisen von 0,40 Euro pro Liter stellten diese auch keine besondere Strapaze für das Reisebudget dar. Abseits der Tankstellen verkaufen die Einheimischen Benzin sogar aus der Glasflasche im Tante-Emma-Laden an der Ecke, so dass man nie Angst haben musste, stehen zu bleiben.

Am ersten Fahrtag brauchten wir für 120 km knappe 4 Stunden mit dem Auto! In manchen Ländern der Erde kann man diese Distanz in dieser Zeit fast mit dem Fahrrad zurücklegen. Unser erstes Ziel, ganz im Westen der Insel gelegen, mit Blick auf die Vulkane der Nachbarinsel Java war Pemuteran und der Taman Nasional Bali Barat, der einzige Nationalpark der Insel. Anders als im Lonely Planet angepriesen ist Pemuteran kein idyllisches Dörfchen mit Traumstrand sondern ein typisches, langgezogenes Straßenkaff ohne jegliche Seitenstraße, in das Luxusressorts mit Zimmerpreisen von mehr als 100 Euro pro Nacht hinein gebaut wurden. Dazwischen finden sich so genannte „Homestays“ – relativ einfache Unterkünfte der Einheimischen für Individualreisende. Zahlt man im Rest von Südasien für solche Übernachtungsmöglichkeiten vielleicht 10 Euro pro Nacht für ein enges, spartanisches Zimmer mit Dusche/WC und Ventilator aber ohne Klimaanlage sind auf Bali dafür oft schon fast 30 Euro in der Hauptsaison zu entrichten. Für das doppelte an Euro erhält man dann allerdings 3 bis 4-Sterne-Luxus, wo man z. B. in Indien hingegen vielleicht das doppelte dafür berappen muss. Wir lernten recht schnell mit dieser etwas gewöhnungsbedürftigen Situation umzugehen und genossen für etwas mehr Geld wirklich wunderbare Unterkünfte auf der Insel.

Am Strand von Pemuteran kurz vor Sonneuntergang
Am Strand von Pemuteran kurz vor Sonneuntergang

Im Nationalpark ging es per Pedes mit einem Führer quer durch die Mangroven und die trockene, savannenartige hellbraune Landschaft Westbalis, die mit den immer grünen Reiseterrassen wenige Kilometer weiter östlich gar nichts mehr gemein hat. Größere Wanderung sind auf Bali mittlerweile fast ausnahmslos mit Führer durchzuführen. Das ist meiner Meinung nach eine eigentlich gute Sache, denn so haben auch die Einheimischen etwas vom Tourismus auf dieser Insel, die ja hauptsächlich von Badetouristen lebt, die in internationalen Ressorts einen Großteil ihres Aufenthalts verbringen. Alle Führer die wir im Laufe der Reise engagierten, waren zurückhaltende, gut bis sehr gut Englisch ,sprechende Einheimische, die mit großem Enthusiasmus mit uns zu Fuß unterwegs waren. Die recht hohen Kosten für die Führer von z.B. 45 Euro für 3 Stunden zu zweit im Nationalpark, die meist relativ fix waren, zahlten wir gerne, sofern davon auszugehen war, dass ein Großteil des Geldes beim jeweiligen Führer verbleibt – was aber leider nicht immer sicherzustellen war.

Wanderung an der Mangroven-Küste im Taman Nasional Bali Barat
Wanderung an der Mangroven-Küste im Taman Nasional Bali Barat

Unser nächstes Ziel unserer Reise war das Bergdorf Munduk, zwischen hellgrünen Reiseterrassen und dunkelgrünen tropischen Bergwaldhängen gelegen. Dort war es dann auch mal möglich, alleine auf Wanderschaft zu gehen, da die Bewässerungssysteme für die Reisterrassen immer mit einem kleinen Pfad versehen waren. Verirren war recht unmöglich und sofern größere Passagen der Wege mit Treppenstufen ausgestattet waren, störten auch keine ansonsten ab und zu auftauchenden Mofa-Fahrer mehr den Wandergenuss in der puren Natur. Statt Gedröhne von Motoren dominierten Vogelgesang und Wasserrauschen. Von Munduk aus lassen sich auch die zentralen Bergseen der Insel auch prima erkunden. Auf einer extrem steilen Bergstraße geht es zunächst auf den Kraterrand eines riesigen längst erloschenen Vulkan. Die Straße schlängelt sich auf dem Rand entlang, oberhalb der im Krater befindlichen Seen Danau Bayan und Danau Tamblingan. An beiden Seen kann man entlang spazieren – eigentlich ohne Führer. Aber am zweit-genannten See hatte sich eine Vereinigung von Bergführern gebildet, die praktisch ein Wandern alleine unmöglich machte. Das nervte uns zunächst, bis wir am Seeufer einerseits Zelte entdeckten und sahen, dass das ganze Dorf unter Wasser stand. Ein Hinweisschild klärte auf, dass die vulkanischen Aktivitäten zu einem plötzlichen Anstieg des Wasserpegels um fünf Meter vor zwei Jahren führten und die Bewohner praktisch über Nacht ihr Zuhause verloren. Da waren wir dann doch etwas peinlich berührt und engagierten natürlich gerne eine Bergführerin, die uns dann sicher durch den Dschungel begleitete und uns mit einer Schärpe ausstattete: Der Grund war ein in der Nähe gelegener Hindu-Tempel, den Balinesen traditionell mit Sarong (Stofftuch) und Schärpe aufsuchen. An fast jedem Tempel in Bali kann man gegen eine Spende einen Sarong leihen und sich dann adäquat angezogen diese religiösen Stätten anschauen – so profitieren auch wieder Einheimische vom Besuch der Fremden.

Durch Vulkanismus untergegangens Dorf am Danau Tamblingan
Durch Vulkanismus untergegangens Dorf am Danau Tamblingan

Mit dem Erreichen des Wasserpalastes in Tirta Gangga in Ost-Bali traf ich dann erstmals auf einen Ort meiner Weltreise. Meist hat man ja Angst, dass Orte, die man in guter Erinnerungen hat, sich im Lauf der Zeit zum „Schlechten“ ändern – gerade in Asien, wo sich oftmals innerhalb eines Jahres bereits sehr viel ändert. Die einzige Änderung in Tirta Gangga: das Warung (lokales Restaurant), das ich vor 9 Jahren besuchte ist expandiert und hat jetzt auch einen Essbereich auf dem Dach – fertig. Das Essen auf Bali wäre ein eigenes leckeres Kapitel und würde den Rahmen hier spregen. Es war gut und es ist gut und weiterhin sehr günstig. Der Verkehr war damals schon heftig und hat sich bis auf die Region um Ubud nicht wirklich verschlimmert. Die Menschen auf Bali sind immer noch sehr freundlich und zuvorkommend und dass die Hotelpreise 2003, 6 Monate nach dem Terroranschlag von Kuta, natürlich heute vollkommen andere sind, war absehbar. Es war einfach schön zu sehen, dass es doch noch Plätze in Asien gibt, die unverändert angenehm bleiben, trotz unserer touristischen Dauerpräsenz.

Der Wasserpalast in Tirta Gangga
Der Wasserpalast in Tirta Gangga

Viele Bali-Reisende, die nicht an den Stränden im Süden bleiben, zieht es in die kulturelle Hauptstadt nach Ubud. Dort hat der Verkehr wie gesagt leider extrem zugenommen und im Zentrum der Stadt war es wirklich nicht mehr angenehm zu bleiben. Die Außenbezirke eignen sich aber immer noch zum Entspannen, da dort wunderschöne Unterkünfte aufgemacht haben, mit Blick auf Reisfelder oder ganz im Westen auf den Ayung Fluss tief unterhalb der Ortsteile Sayan und Kedewatan. Allerdings befürchte ich, dass die Bauwut in Ubud dazu führen könnte, dass die Stadt immer mehr ausfranzt und heutige Reisefelder bald Baugrund für neue Ressorts sind. Wir betrachteten Ubud nur noch als Ausgangsbasis für Tagestouren z. B. zum Vulkan Batur.

Blick vom Vulkan Batur (1.717 m) auf den Gunung Abang (2.152 m)
Blick vom Vulkan Batur (1.717 m) auf den Gunung Abang (2.152 m)

Meine bisherigen Vulkanbesteigungen in Indonesien waren allesamt sehr frustrierend verlaufen, da ich mich jedes Mal um vier Uhr morgens auf den Weg bergan machte, um rechtzeitig vor Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen und um nichts zu sehen, da immer eine Wolke jegliche Sicht über den Kraterrand verbaute. Dieses Mal ließen wir es daher beim Batur ganz lässig angehen, vertrauten auf die Wettervorhersage, die behauptete, dass es mittags aufklaren sollte. Das ist zwar so eine Art von Vorhersage, wie dass es im Juli in Deutschland Dauerfrost geben soll, schließlich zieht es sich in der Regel in den Tropen spätestens mittags zu – aber egal. Und die Wettervorhersage hatte Recht! Mit Wayan einem drahtigen Mitvierziger als Bergführer erklommen wir den zweitheilgsten Berg Balis in lockeren zwei Stunden zur Mittagszeit und wurden mit einer herrlichen Sicht auf den äußeren Kraterrand belohnt. Die Wolken blieben außerhalb des äußeren Kraterrands und endlich sah ich mal etwas anderes als Nebel auf dem Gipfel eines indonesichen Vulkans.

Ruhige Seitenstraße in Ubud
Ruhige Seitenstraße in Ubud

Zurück in Ubud war dann Stau angesagt. Der Verkehrsinfarkt wird hier schon vorgezogen, da in der Stadt 365 Tage im Jahr Tempelfeste veranstaltet werden und bei diesen dann einfach mal die gesamte Straße oder wenigstens ein guter Teil davon mit Betenden in weißen Gewändern belagert wird. Nirgends auf der Welt habe ich so eine Spiritualität im Alltag festgestellt wie auf Bali. Prozessionen finden inselweit täglich statt. Die Menschen leben ihre Kultur und tragen nicht wegen der Touristen ihre traditionellen Gewänder, sondern weil sie wohl Teil ihrer Identität im größten muslimischen Land der Welt sind. Der Stau war zugegebenermaßen nervig, aber was beschwere ich mich hier groß. Ich bin Gast und muss mich natürlich den Gegebenheit des Gastlandes anpassen. Insgesamt war mein zweiter Aufenthalt auf Bali ein wunderbares Abenteuer und es bleibt zu hoffen, dass sich die Insel und ihre Menschen ihren Charakter bewahren, die dieses Eiland so einzigartig machen.