Brauchen wir es noch?

Die vergangenen Tage haben unseren Alltag ziemlich durcheinandergewirbelt. Unsere Gewohnheiten und unser Konsumverhalten haben sich teilweise drastisch verändert. Manche Zukunftsforscher*innen gewinnen der aktuellen Situation durchaus positive Facetten ab und sind der Auffassung, dass die Mehrheit der Menschen in Zukunft beispielsweise nicht mehr so viel Flugverkehr braucht und durch Homeoffice nicht mehr so viel gependelt werden muss. Vielmehr sind ab sofort Kreativität und Solidarität gefragt. Und natürlich Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die in so genannten systemrelevanten (Mini-)Jobs arbeiten, und die in Zukunft mehr Geld verdienen sollten.

Den Hut ziehen wir aktuell vor allen, die versuchen, diese Krise zu bewältigen.

Geld ist wirklich ein gutes Stichwort. Denn dieses ist der Punkt, um den es beim höherklassigen Fußball bisher einzig und alleine geht. Das wissen wir eigentlich schon lange, aber der DFL-Chef hat es vor ein paar Tagen zum ersten Mal tatsächlich direkt auf den Punkt gebracht und vom „Produkt Fußball“ gesprochen. Die DFL stellte bis zum 11. März 2020 in ihren 36 Produktionsstätten, früher einmal Stadien genannt, ein Produkt her. Seither ist die Produktion eingestellt, da zu ihr Menschen nötig sind und bei der #PhysicalDistancing unmöglich ist. Oberstes Ziel der Gesellschaft ist allerdings gerade das Einhalten jener physischen Distanz zwischen den Menschen – und das mindestens noch bis zum 19. April 2020. Daher scheint es zunächst einmal stringent, dass die DFL am Dienstag den Produktionsstopp bis zum 30. April 2020 verkündet hat.

Während allgemein angenommen wird, dass bundesweit im besten Fall ab dem 20. April 2020 die aktuellen Beschränkungen gelockert werden, plant die DFL auf ihrer Produktionsfläche, früher auch unter dem Begriff „Spielfeld“ bekannt, den Betrieb mit einem Schlag wieder auf Vor-Corona-Niveau hochzufahren – laut „Kicker“ möglichst ab Mai 2020. Das virtuelle Meeting der Verantwortlichen am Dienstag mit den 36 Produktionsbetrieben, früher einmal „Vereine“ genannt, hat eines gezeigt: (TV-)Geld ist alles. Das Produkt Fußball ist so abhängig vom Geld der Fernsehsender wie Influencer*innen von Klicks und Likes. Ich ziehe bewusst keine anderen Vergleiche, denn Menschen, die von irgendwelchen Substanzen abhängig sind, sind krank und benötigen eine Therapie, sprich Hilfe.

Den Verantwortlichen rund um das Produkt Fußball ist gegenwärtig noch nicht zu helfen. Dafür müsste zunächst eine gewisse Einsicht einkehren, dass in den letzten Jahren etwas grundsätzlich schief gelaufen ist. Seit Jahren bewegen sie sich in einer Blase. Diese Blase hat sie ein wenig taub gemacht für die Entwicklungen außerhalb ihres geschützten Kosmos. Das hat sich erst vor ein paar Wochen gezeigt, als es um Plakate ging. Ein Blasenmitglied wurde in seiner Produktionsstätte verbal derb beleidigt. Innerhalb der Blase wurde sich mit dem Mitglied solidarisiert. Solidaritätsbekundungen mit Mitgliedern außerhalb der Blase, die in der Vergangenheit in ebenfalls in Produktionsstätten beleidigt wurden? Fehlanzeige!

Ein Bild wie aus einer anderen Zeit

Während das ganze Land schon darüber diskutierte, wie das Virus einzudämmen sei, und Fachleute bereits dazu rieten, auf Distanz zu gehen und Menschenansammlungen zu meiden, sollte unbedingt noch ein Spieltag durchgeführt werden – ohne Zuschauer! Wie stand es um den Schutz der Gesundheit derer, die in der Produktionsstätte das Produkt hätten produzieren sollen, sprich die Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Kameraleute und die vielen anderen Menschen, die dafür notwendig sind, ein Fußballspiel durchzuführen? Wenn man einen Entzug fürchtet, ist die eigene Gesundheit scheinbar sekundär. Hier wäre es aber noch nicht einmal um die eigene Gesundheit der für die Produktion Verantwortlichen gegangen. Sondern um die Gesundheit von Mitarbeiter*innen, die den oben genannten Personengruppen zuzuordnen sind. Es existieren Fürsorgepflichten seitens der Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter und diese wären schlimmstenfalls verletzt worden. Zum Glück setzte sich der gesunde Menschenverstand dann in letzter Sekunde doch noch in der Blase durch – immerhin.

Jede*r Unternehmer*in weiß jedoch, dass es gefährlich ist, sich von einem Kunden oder Produzenten abhängig zu machen. Im Falle des Produkts Fußball sind es die Fernsehsender, deren Journalist*innen teilweise ebenfalls Mitglieder dieser Blase sind. Dies wurde offensichtlich, als es um die oben genannte Beleidigung ging und sich auch einige TV-Journalist*innen bei ihrem Blasenmitglied anbiederten, statt zu recherchieren und mit der nötigen Distanz über diesen Vorfall zu berichten. Es wurden in der Vergangenheit immer neue Rekordverträge für die TV-Vermarktung generiert. Dafür gab es neben den unsäglichen Montagsspielen in der 2. Liga plötzlich auch Spiele am Montag in Liga 1 (und 3), damit immer mehr Partien, die einzeln zu vermarkten waren – für die dafür zahlenden Fernsehzuschauer*innen.

Gewinnmaximierung ist nicht nur die Leitlinie im Fußball, sondern auch in der Formal 1. Um auch in der aktuellen Situation weiter ungestört produzieren zu können, wurde bei einem Rennstall, der zufälligerweise auch ein Konstrukt in der Bundesliga hochgezüchtet hat, vom Motorsportberater die Idee erörtert, die Fahrer absichtlich mit dem Virus zu infizieren, damit diese sich schneller immunisieren. Dass auch junge Menschen an Covid-19 sterben, hat bei der Entwicklung dieser Idee wohl keine Rolle gespielt, zumal der Berater am 10. März mit folgenden Sätzen zitiert wurde: „Es handelt sich um eine Influenza. Es sterben Großteils Menschen im hohen Alter mit einer Vorerkrankung.“ Und weiter: „Die Quarantäne ist das Problem“, man müsse „der Panikmache mancher Politiker entgegenwirken und darf sie nicht noch unterstützen.“ Zum Glück wurde die Idee verworfen. Sie zeigt aber, dass sich der Profisport einfach für zu wichtig hält. Die breite Mehrheit der Fernsehzuschauer*innen, schaut Fußball oder Formel 1 noch freiwillig und nicht aus beruflichen Gründen. Es ist eine Freizeitbeschäftigung. Die große Mehrheit der Bevölkerung gehört nicht zu den 56 000 Beschäftigten, die mit dem Produkt Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen. Fußball im Speziellen und Profisport im Allgemeinen ist nicht systemrelevant. Das gilt jetzt besonders, aber auch in „normalen“ Zeiten stimmt diese Aussage. Das haben die Verantwortlichen in anderen Sportarten wie dem Eishockey bemerkt und ihre Saison einfach abgebrochen – in einer Sportart, die mit wesentlich weniger Geld wirtschaften muss, als es im Fußballbusiness der Fall ist. Und selbst die Verantwortlichen in Wimbledon haben das diesjährige Tournier am Mittwoch abgesagt – obwohl sich Tennis mit 1,50 Abstand relativ gut spielen lässt – im Gegensatz zum Fußball.

Die Sehnsucht nach Spielen im Stadion ist natürlich jetzt schon riesig.

Und was macht die DFL? Sie richtet eine „Task Force Sportmedizin / Sonderspielbetrieb“ ein, die ein Vorgehen erarbeitet „mit dem eine engmaschige, unabhängige Testung von Spielern und weiterem Personal unter anderem unmittelbar vor den Spieltagen durchgeführt werden kann“. Stand heute sind Corona-Tests nicht so einfach zu haben, wie eine Dose Brauselimo aus Fuschl am See. Mit welcher rechtlichen Begründung möchte die DFL hunderte von Tests für sich proklamieren? Und das womöglich vor jedem Spieltag?

Gegenwärtig entstehen abseits der Fußballproduktion täglich neue Lösungsansätze. Angeblich brauchen wir ja in Zukunft kaum noch Flugzeuge. Dass im Bauch der Passagiermaschinen ganz viel Luftfracht mitfliegt, um in guten Zeiten beispielsweise Blumen aus Kolumbien, Wein aus Südafrika und argentinische Steaks nach Deutschland zu transportieren, wissen wahrscheinlich nicht so viele Leute. Dass aber aktuell diese Passagiermaschinen komplett mit dringend benötigter Luftfracht befüllt werden, also Gepäckfächer und Passagiersitze beispielsweise mit Millionen von Atemschutzmasken aus China beladen werden, zeigt, dass die Airlines umschichten, sicherlich zu ihrem eigenen Überleben, aber auch, um die nun mal bestehenden Lieferketten am Leben zu erhalten, um Leben zu erhalten. Und das Produkt Fußball? Wie ist es dort um die Kreativität bestellt?

Die einfachste Lösung, die Saison abzubrechen, würde natürlich viele Produktionsbetriebe in der Tabelle benachteiligen. Aber wieso nicht einfach, nur Aufsteiger „produzieren“ – keine Absteiger? Oder die Liga einfach so lange aussetzen, bis wieder normal produziert werden kann? Und dann ggf. halt eine Saison durchzuführen, die zwei Jahre dauert – und gleichzeitig Lösungen mit TV-Sendern suchen. Sprich die Verträge entsprechend länger laufen zu lassen – ja, auch mit den ungeliebten Montagsspielen. Oder Gutschein-Lösungen entwickeln, um den finanziellen Mittelabfluss zu verhindern? Sprich, die Saison würde abgebrochen, und die Fernsehgelder fließen trotzdem. Dafür würden die Verträge mit den TV-Anstalten einfach zeitlich nach hinten verlängert und die Fernsehzuschauer würden ebenfalls eine Abo-Verlängerung erhalten. Und/oder es würde gleichzeitig mit allen Spielern ein Modell der Kurzarbeit entwickelt, damit diese einerseits nicht finanziell ins Bodenlose fallen, aber, wie Millionen anderer Menschen auch, für Monate finanzielle Abstriche machen müssten. Es wird von der DFL so getan, als sei alles in Stein gemeißelt. 750 Millionen Euro Schaden würden entstehen, wenn nicht zu Ende gespielt wird. Das sind doch „Peanuts“, wenn man an die Ablösesummen der letzten Jahre denkt. Aber das Produkt Fußball hält sich nunmal für systemrelevant und unverzichtbar. Und das gegenwärtige Vertragskonstrukt für alternativlos. Die Medienrechte-Ausschreibung wird ja tatsächlich verschoben. Das hätte ein erstes Indiz dafür sein können, dass entsprechend gedacht wird. „Anstelle des ursprünglich geplanten Termins im Mai ist eine Vergabe ab Juni dieses Jahres vorgesehen.“ Zitat DFL – es ist aktuell dann doch noch keine Einsicht vorhanden, leider.

Fußball ohne Fans macht eigentlich „Koan Sinn“.

Von den bereits angesprochenen gesundheitlichen Aspekten abgesehen, wird als einzige Lösung die Durchführung von Geisterspielen präsentiert. Stadionverbot für alle sozusagen. Das ist natürlich auch eine Art gelebter Solidarität. Und eine nie dagewesene Ehrlichkeit. Wenn im Mai Menschen weiterhin #PhysicalDistancing betreiben sollen und gleichzeitig Fußballspiele stattfinden, dann denke ich, dass die DFL den Bogen endgültig überspannt hat. Das Fanvolk soll das Geschehen am Bildschirm im Wohnzimmer verfolgen. Gerade bei Derbys wird es sicherlich Menschengruppen geben, die es nicht zu Hause auf dem Sofa aushalten, sondern versuchen werden, das Spiel gemeinsam zu schauen. Die Ordnungskräfte haben sicherlich besseres zu tun als in diesem Fall Menschengruppen auseinanderzutreiben. Die Politik zeigt aktuell eine nie dagewesene Entschlossenheit zu gestalten. Es bleibt spannend, mitzuverfolgen, wie sie auf die Pläne der DFL reagieren wird.  

Egal, ob es nun zu Geisterspielen kommen wird oder nicht – die DFL hat durch ihren Entschluss, die Saison möglichst bis zum 30. Juni 2020 auf Gedeih und Verderb zu Ende zu bringen, gezeigt, dass für sie die Zuschauer in der Produktionsstätte bloßes Beiwerk sind:

  • Das Kind, das zum ersten Mal mit Mama und/oder Papa hingeht.
  • Das Rentnerpärchen, das seit Jahrzehnten nuff geht.
  • Die Gruppe an Flüchtlingen, die im Rahmen von „In unserer Kurve ist noch Platz“ dorthin kommt.
  • Die Mitglieder karitativer Einrichtungen, die auf Einladung eines Sponsors einen Besuch geschenkt bekommen.
  • Die beiden Nasen, die sich durch das Premium-Fenster das Spiel anschauen dürfen.
  • Die gut Betuchten, die einen Logenplatz gebucht haben.
  • Die Normalos, die sich einfach mal wieder aufregen und/oder pöbeln wollen.
  • Die Selbstdarsteller*innen, die das Rampenlicht mittels Clownskostüm suchen.
  • Die Analyst*innen, die sich mit Doppelsechsern, falschen Neunern und Dreier-, Vierer oder Fünfer-Ketten beschäftigen.
  • Die Ultras, die, wenn sie nicht gerade böse Plakate basteln oder dekadent Klorollen aufs Spielfeld werfen, so schöne Choreos durchführen (und deutschlandweit aktuell sehr viel Hilfe den Risikogruppen anbieten – danke dafür, übrigens).
  • Die Kutten, die schon immer da waren.
  • Die Koreaner*innen und Japaner*innen, die für ein Selfie mit Ihren Idolen an die Werbebande kommen.
  • Die Modefans, die auch schon „immer da“ waren.

Sie sind alle systemirrelevant!

Es stellt sich für uns für die Zukunft die Frage: Brauchen wir es noch? Dieses Produkt Fußball in seiner aktuellen Form?

Quellen:

„Coronavirus: Helmut Manko kritisiert „Panimache“ in der Politik“ Formel 1.de vom 10. März 2020

„Formel 1- Red-Bull-Berater plante Corona-Camp“ SZ.de vom 30. März 2020

DFL-Präsidium empfiehlt Aussetzung von Bundesliga und 2. Bundesliga bis mindestens 30. April – Medienrechte-Ausschreibung wird verschoben“ dfl.de vom 24. März 2020

Mitgliederversammlung der DFL beschließt weitreichende Anpassungen im Lizenzierungsverfahren zur Entlastung von Clubs“ dfl.de vom 31. März 2020

Fußball-Bundesliga soll ab Mai mit Geisterspielen wieder starten“ kicker.de vom 31. März 2020

Wie’s kimmt, wird’s gefresse!

Nachhaltigkeit wird bei Mainz 05 immer wieder betont. Dass sich der Verein auf einem guten Weg befindet zeigt seine Bereitschaft, sich mit der Klimaproblematik auseinanderzusetzen. Der Verein unterstützt die Fridays for Future Aktivist*innen und schreibt sich selbst auf die Fahnen, der erste klimaneutrale Verein der Bundesliga zu sein.

Ferner gibt es im Fanshop mittlerweile viele Klamotten, die fair produziert wurden und das GOTS-Siegel tragen. Ob sich mit dem neuen Trikotsponsor Kappa ab der nächsten Saison Fair Fashion-Projekte realisieren lassen, bleibt abzuwarten. Dies hatte ich ja bereits in einem Blog-Beitrag thematisiert.

Beim Thema Wirtschaftsbeirat tut sich der Verein zwar gerade keinen Gefallen, da die mehr als 15 Beiräte allesamt männlich sind. Aber hier ist hoffentlich nicht alles in Stein gemeißelt und es finden sich bestimmt kompetente Frauen, die diesen Beirat bereichern.

In meinem ersten Blog-Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit bei Mainz 05 ging es auch um das Thema Stadionverpflegung. Habe ich mich damals hauptsächlich mit der Abfallvermeidung und der Frage Mehrweg oder Einweg beschäftigt, möchte ich heute das Hauptaugenmerk mal auf das Thema Speisen legen. Auch wenn Mainz 05 beim PETA-Ranking des vegetarierfreundlichsten Stadions nicht ganz vorne liegt, ist das Angebot an fleischfreien Speisen in den letzten Jahren gewachsen. Es kann sich sicherlich niemand mehr beschweren, dass man im Stadion als Vegetarier oder Veganer nur die Brötchen rund um die Feuerwurst essen könne, was leider in manchen Stadien der Republik heute noch im Gästeblock Alltag ist.

Preisdifferenzierung zwischen Brezel und Fleischkäsebrötchen – Fehlanzeige

Allerdings stellt sich die Frage, ob das Angebot nachhaltig ist und der Verein hier tatsächlich als „Klimaverteidiger“ auftritt. Natürlich wäre es revolutionär, wenn Mainz 05 komplett auf Fleisch verzichten würde. Aber das würde die meisten Menschen schlichtweg überfordern. Die Bratwurst gehört für viele Leute zum Stadionbesuch dazu. Das wäre gegenwärtig alles andere als zielführend. Um Nachhaltigkeit in den Alltag möglichst vieler Menschen hineinzubekommen, muss dies in kleinen Dosen geschehen. Das ist keineswegs zynisch oder ironisch gemeint – wir sind so wie wir sind 🙂

Auf Biofleisch bei Wurst und Co. zu setzen würde hingegen den Geldbeutel vieler Stadiongänger*innen überfordern. Denn eine Wurst wäre sicherlich nicht für unter 5 € zu haben. Was also tun? Vielleicht mal über den Tellerrand schauen:

Rote Beete aus Gonsenheim – regionaler geht es nicht

Ein großes Hotel in Finthen bietet seit Jahren 4-Gänge-Menüs in seinem Restaurant an. Soweit so gut, soweit so normal. Aber das 4-Gänge-Menü mit Fleisch kostet 59 € – das Menü mit ausschließlich vegetarischen Speisen 41 €. Sprich es kostet ca. 30 % weniger. Auf das Stadion übertragen, könnte man diese Preisdifferenzierung ebenfalls einführen. Aktuell werden für eine Riesen-Brezel, die gar nicht so riesig ist, 2 € verlangt. Ebenfalls 2 € kostet ein Fleischkäsebrötchen. Natürlich soll die Brezel im Stadion ruhig ein wenig mehr kosten als an der Bude in der Stadt. Aber dieser Aufschlag sollte auch für das Fleischkäsebrötchen gelten – möchte man als Verein den Unterschied in Sachen Nachhaltigkeit machen.

Zurück ins Hotel. Dort wurde auf der Speisekarte angegeben, wo die Zutaten angebaut wurden. Die Rote Beete stammte beispielsweise aus Gonsenheim, der Spätburgunder für die Mousse von einem Weingut aus Saulheim. Sprich es wurde Wert auf regionale Produkte gelegt. Auf das Stadion übertragen stellt sich die Frage, ob es Avocado-Sandwiches wirklich geben muss? Schließlich wächst die Avocado nicht in Rheinhessen und braucht ziemlich viel Wasser um zu gedeihen – oft in Ländern mit Wasserknappheit. Der Transport dieser Beere (kein Witz) verhagelt natürlich die Klimabilanz von Mainz 05 extrem.

Spitzkohl aus Ginsheim – ein Beispiel für saisonales (Winter)-Gemüse

Und wieder zurück ins Hotel.  Dort wurde als Hauptgang Spitzkohl aus Ginsheim serviert. Spargel ist sicherlich auch lecker, aber die Saison kommt halt erst in ein paar Monaten. Auf das Stadion übertragen wären beispielsweise Schwarzwurzeln oder anderes frittiertes Wintergemüse aktuell eine Möglichkeit – neben den tatsächlich angebotenen Kreppeln natürlich. Warum nicht später im Jahr eine Spargelcremesuppe anbieten und im Herbst Reibekuchen mit Apfelmus? Alles halt zu gegebener Zeit. Aber natürlich tun es auch die kredenzten Pommes oder Kartoffelecken mit Kräuterquark. Es bleibt zu hoffen, dass nicht demnächst Süßkartoffel-Pommes den Avocadosandwich ablösen.

Um ein nachhaltiges Catering im Stadion anzubieten ist es folglich nicht damit getan, einfach ein paar vegane Gerichte anzubieten. Gemüse aus der Region, das teilweise nur saisonal geerntet wird, sollte hier die Lösung sein – zu einem Preis, der deutlich unter dem für Fleischgerichte liegt. Dann klappt’s nicht nur mit der Nachhaltigkeit im Nachwuchsleistungszentrum sondern auch beim Futtern!

Miteinander über Pyro reden ist kein Verbrechen

„Miteinander, persönlich reden“ – dafür habe ich am Montag in meiner Spätlese zum Spiel in Lautern geworben. Diese Bitte bezog sich einerseits auf die Vorkommnisse nach dem zweiten Tor des FCK. Gleichfalls gilt sie allerdings auch grundsätzlich auf höherer Ebene. Meine Meinung zum Umgang mit Pyro im Stadion:

„Wie hältst Du es mit Pyro?“ Zum Thema Pyrotechnik hat wahrscheinlich jeder Fußballfan eine Meinung. Kein Thema rund um den Fußball erhitzt im wahrsten Sinne des Wortes die Gemüter so, wie es die Mischung aus Salpeter und Kohle, Schwefel bzw. Aluminium hinbekommt. Pyro schreiben viele automatisch den Ultragruppierungen zu und meinen, ein rigoros durchgesetztes Verbot löse diese Thematik umgehend. Doch das greift viel zu kurz. Wie so oft ist es auch bei diesem Thema so viel komplizierter, als es vermeintliche Allwissende im Netz mit einfachen Lösungen verbreiten.

Mainz 05 Fans im Gästeblock des Borussia Parks

Zunächst stellt sich die einfache Frage, wie, warum und wann das mit der Pyro in Deutschlands Stadien angefangen hat. Dazu ein Blick zurück in den April 1960 und auf ein Zitat aus dem Eintracht-Archiv zum UEFA-Cup Halbfinale in Frankfurt: „Eine Viertelstunde vor Spielbeginn…kochte dann das Stadion wie ein Kessel Wäsche oder besser noch wie der Krater eines Vulkans. Rauchschwaden, Raketen, Leuchtkugeln, bengalisches Feuer, wogende Massen und schließlich der große Ausbruch der Stimmenorkane machten die Illusion fast zur gespenstischen Wirklichkeit – ein surrealistisches Bild. Der Lautsprecher sprach von kleinen Waldbränden und beschwor zahlreiche Menschen, die in die Lichtmasten gestiegen waren, wegen Lebensgefahr herunterzukommen. Vergeblich, – nun stiegen noch mehr gen Himmel.“

Ein Stadionsprecher, der die Zuschauer beim Spiel der SGE gegen Glasgow auffordern musste, das Abschießen von Feuerwerkskörpern zu unterlassen, da es bereits kleinere Waldbrände rund ums Waldstadion gab, aha!

Während beim Frankfurter Beispiel Pyrotechnik noch vornehmlich der Atmosphäre diente, und dabei der Wald abgefackelt worden war, wurde Anfang der 1980er Jahre diese weniger zur Untermalung der Stimmung benutzt, denn zum Kampf in der Kurve zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppen, wie die 11FREUNDE 2012 bemerkten. Hier kamen neben Feuerwerksraketen hauptsächlich Knallkörper zum Einsatz, um sich durchzusetzen. Rauchgranaten wurden letztlich nur zur Randale genutzt. Szenen, die wir seit Jahrzehnten in unseren Stadien wohlgemerkt nicht mehr sehen.

Reden wir heute über Pyrotechnik in den Stadien, geht es hauptsächlich um Bengalische Feuer und da schließt sich der Kreis, was Pyro und Betze angeht. Schließlich waren es 1985 Fans des FCK, die die Pyro von Italien nach Deutschland brachten, nachdem ihr Idol Hans-Peter Briegel von der Pfalz nach Verona gewechselt war. Groundhopping war damals schon en vogue und so kamen die ersten Pfälzer Buben und Mädchen mit Pyro in den italienischen Stadien in Kontakt. Zurück auf dem Betze wurde laut 11FREUNDE Pyro von Kutten, Hools und Normalos eingesetzt – Ultras gab es Mitte der 1980er Jahre noch gar nicht in Deutschland.

Bis Anfang der 2000er Jahre war Pyrotechnik in den deutschen Stadien legal. Im Sprengstoffgesetz steht bis heute: „Das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie besonders brandempfindlichen Gebäuden oder Anlagen ist verboten.“ Der Begriff des Fußballstadions fehlt.

Erst auf einer Musterstadionordnung des DFB tauchte Anfang der 2000er Jahre das Verbot für Pyrotechnik auf. Bis dahin wurde sie teilweise in den Medien bewundert. Man sprach von „südländischer Atmosphäre“ und von den Vereinen wurde sie auch schon mal für Werbezwecke genutzt, z. B. laut 11FREUNDE bei Kickers Offenbach mit dem Slogan „Der Berg brennt“. Zu dieser Zeit erst bildeten sich in vielen Vereinen Ultragruppierungen, die wieder aus Italien inspiriert, Pyrotechnik seither nutzen, um die Unterstützung ihrer Mannschaft visuell zu untermalen.

Das Sprengstoffgesetz kennt, wie oben beschrieben, kein Stadionverbot. Menschenansammlungen und Feuerwerk können einwandfrei funktionieren, z.B. bei den Mainzer Sommerlichtern oder bei Rammstein-Konzerten in Fußballstadien. Hier sind geschulte Menschen am Werk, die legal ihrer Arbeit oder ihrem Hobby nachgehen.

Auch ihrer Arbeit gehen die zahlreichen Ordnungskräfte vor jedem Spiel nach, die versuchen, die jeweilige Stadionordnung mit Leben zu füllen und etwaige Pyrotechnik bei den Besucher*innen zu finden. Jeder weiß, dass ein riesiges Stadiongelände unmöglich frei von Pyrotechnik zu halten ist. Deshalb gibt es seit fast 20 Jahren das übliche Katz- und Mausspiel zwischen Ordnern und Stadionbesucher*innen, was Pyrotechnik anbetrifft. Selbst Nacktscanner, wie bereits gefordert, und Spürhunde (bereits im Einsatz) werden es nicht schaffen, Pyrotechnik aus den Stadien zu bekommen. Je heftiger die Repressalien werden, desto mehr fühlen sich manche Menschen angestachelt, nur aus Protest dagegen anzugehen und Pyro ins Stadion zu schmuggeln und sogar am helllichten Tag samstags um halb vier nachmittags zu zündeln, auch wenn der visuelle Effekt gleich null ist.

Natürlich kann man dieses Spiel von allen Seiten einfach so wie die letzten 20 Jahre weiterspielen: Die Zuschauer bringen das Zeug rein und zündeln illegal weiter, die Behörden ermitteln wochenlang akribisch wegen Ordnungswidrigkeiten, mancher Innenpolitiker fordert reflexartig Haftstrafen für Pyromanen, die Vereine zahlen oder reichen die Strafen an die Verursacher*innen weiter, sprechen bundesweite Stadionverbote aus und wir alle spalten weiter in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke.

Glücklicherweise ist, soweit ich weiß, bisher noch niemand beim Einsatz von Pyrotechnik lebensgefährlich verletzt worden. Trotzdem wurden bei der Polizei zwischen 2013 und 2017 196 Verletzte durch den Gebrauch von Pyrotechnik gezählt, sprich, das Thema sollte allen Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes unter den Nägeln brennen – Aussitzen ist keine Lösung. Nicht, dass es tatsächlich irgendwann zum Supergau kommt. Dann würden plötzlich Kommissionen einberufen werden und Aktionismus und Populismus würden Hand in Hand durchs Land laufen bis die nächste Katastrophe größere Klickzahlen verspricht und das Thema bei der Mehrheit wieder in Vergessenheit gerät.

Denn durch das Verbot der Pyrotechnik in den Stadien kann diese in die Hände von Leuten geraten, die nicht wie bei den Sommerlichtern oder bei einem Rammstein-Konzert eigens dafür ausgebildet wurden. Nur weil man etwas verbietet und damit vermeintlichen Schutz herstellt, heißt das nicht, dass dieser gewährleistet wird. Auch viele Drogen sind verboten (Alkohol hingegen gilt als Kulturgut), und trotzdem gibt es leider jedes Jahr viele Drogentote zu betrauern. Das Verbannen der Pyrotechnik in die Illegalität sorgt nicht dafür, dass das Stadionerlebnis sicherer wird.

Würde man dieser Wahrheit ins Auge schauen, sich eingestehen, dass man Pyro nie komplett aus dem Stadion fernhalten wird können und den 2011 kurz gestarteten und abrupt beendeten Dialog zwischen DFB und Fans wieder aufnehmen, die Erfahrungen in Dänemark mit kalter Pyrotechnik und in Norwegen mit so genannten Stadionfackeln (umbenannte Seenotfackeln) in die Gespräche einfließen lassen, könnte man vielleicht Bereiche schaffen, in denen Pyrotechnik kontrolliert gezündet wird – von Fans, die dafür vorher geschult wurden. Damit ließe sich wahrscheinlich nicht jede Pyroaktion im Block verhindern. Aber jede kontrolliert gezündete Fackel ist eine weniger, die unkontrolliert in der Masse hochgehalten wird.

Voraussetzung wäre dafür natürlich eine Genehmigung durch die Behörden und die Vereine. Dass die Polizei einer solchen Möglichkeit nicht grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, zeigt das Beispiel in Hamburg. Laut NTV sagte ein Sprecher der Hamburger Polizei: „Die Polizei Hamburg ist grundsätzlich offen für Gespräche und alternative Konzepte zum Umgang mit Pyrotechnik.“ Und HSV-Präsident Hoffmann wird zitiert: „Die einfache Sanktionierung von Pyro-Vergehen hat bislang zu keinem besseren Umgang mit der Thematik geführt – ganz im Gegenteil.“.

Die Realität sieht allerdings ganz anders auch, wenn man das Urteil der DFB-Gerichtsbarkeit vom 9. August 2019 betrachtet. Im Anschluss an ein Fußballspiel zwischen dem Karlsruher SC und den Würzburger Kickers wurde per Stadionsprecher eben diese Veranstaltung für beendet erklärt. Es folgte eine Veranstaltung der KSC-Supporters, bei der das Abbrennen von Pyrotechnik im Wildparkstadion durch die Behörden im Vorhinein genehmigt wurde. Trotzdem wurde der KSC zu einer Strafe von 3000 Euro vom DFB verurteilt. Die Begründung: Der Verein hätte sich diese Veranstaltung vom DFB genehmigen lassen müssen. Wegen vermeintlicher Kompetenzüberschreitung geht nun der KSC in Berufung – Ende offen. Ironie der Geschichte: Der Einsatz von Pyrotechnik war kein Grund für das Urteil – obwohl genau dieser die Ermittlungen erst seitens des DFB in Gang gebracht hatte. Mit Rechthaberei und Prinzipienreiterei kommt man aber nicht wirklich weiter. Es bleibt der Eindruck, dass der DFB aktuell an einer Lösung kein Interesse hat.

Vielleicht weht mit der Wahl von Fritz Keller zum neuen DFB-Präsidenten bald ein frischer Wind in der DFB-Zentrale und man nimmt den Dialog mit den Fans wieder auf, unweit der Stelle, bei der 1960 alles angefangen hat: an den brennenden Bäumen gegenüber vom Frankfurter Waldstadion – wo ansonsten die nächste illegale Pyroshow sicherlich nur eine Frage der Zeit ist.   

Quellen:

http://www.eintracht-archiv.de/1959/1960-04-13st.html

https://www.11freunde.de/artikel/eine-kleine-geschichte-der-pyrotechnik-deutschland

https://www.gesetze-im-internet.de/sprengv_1/__23.html

https://www.n-tv.de/sport/fussball/Hamburger-SV-will-Pyrotechnik-legalisieren-article20858008.html