Die Finanz-Bundesliga-Tabelle 2018/19

Erinnert Ihr Euch noch an die Traumbundesliga? In dieser hauptsächlich auf Twitter gezwitscherten Zusammenstellung füllten Fußballfans die 18 Plätze mit ihren Wunschvereinen. Daher auch der Name Traum…

Jetzt wissen wir alle, dass es bei der Bundesliga nur ums Geschäft geht. Um finanzielles Fairplay geht es dabei relativ wenig. Die DFL schaut in ihrer Lizenzierung hauptsächlich darauf, dass der Spielbetrieb in der nächsten Saison durch die sich sportlich qualifizierten Teilnehmer garantiert ist. Allerdings hat die Mitgliederversammlung der DFL im Dezember 2018 beschlossen, Club-Finanzkennzahlen zu veröffentlichen. Diese stehen seit 29. Mai 2019 öffentlich zur Verfügung. In der Wirtschaft also auch in der 1. Liga sollten Kennzahlen eine wichtige Rolle spielen, wenn es um Entscheidungen geht, die den Club beeinflussen. Kaufe ich den Spieler A, verkaufe ich den Spieler B, investiere ich in Steine etc.? Wichtig ist auch immer diese Kennzahlen im Vergleich zu anderen Clubs zu sehen, um zu erkennen, wie man so dasteht, als Verein, rein finanziell gesehen. Um eine solche Finanz-Bundesliga-Tabelle zu erstellen habe ich die Daten aller 18 Bundesligisten der Saison 2018/19 sowie der drei Aufsteiger, die 2019/20 dabei sind, analysiert. Bilanzstichtag war entweder der 30. Juni oder der 31. Dezember 2018.

Aus den folgenden von der DFL veröffentlichten Kennzahlen habe ich die weiter unten stehenden Unternehmenskennzahlen hergeleitet.

Finanzkennzahlen der DFL, u.a.

  • Anlagevermögen
  • Eigenkapital
  • Verbindlichkeiten + Rückstellungen (=Fremdkapital)
  • Bilanzsumme
  • Jahrsüberschuss
  • Personalkosten
  • Rohergebnis (als Umsatz genutzt)
100 % Einsatz für finanziell solides Wirtschaften zeigt der 1. FSV Mainz 05
100 % Einsatz für finanziell solides Wirtschaften zeigt der 1. FSV Mainz 05

Daraus habe ich die folgenden Unternehmenskennzahlen hergeleitet und Tabellen erstellt – jeweils die vier ersten Vereine (CL-Teilnehmer) und die drei letzten Vereine (Absteiger – Relegation ist Mist) habe ich genannt und natürlich Mainz 05. Wer die Excel-Tabelle sehen möchte, einfach Bescheid sagen:

Anlagendeckungsgrad (Eigenkapital zu Anlagevermögen)

Je höher der Deckungsgrad, desto besser steht es um die Finanzierung des Clubs. Der 1. FC Nürnberg und Hertha BSC haben negatives Eigenkapital, sprich die Clubs sind eigentlich überschuldet (gleiches gilt für die Aufsteiger Union Berlin und SC Paderborn). Der FC Augsburg (17 Mio. Euro), RB Leipzig (36 Mio. Euro) und der 1. FSV Mainz 05 (3 Mio. Euro) haben Investitionszuschüsse (wahrscheinlich für das jeweilige Stadion) erhalten, die man dem Eigenkapital zurechnen kann. Ich habe diese Zuschüsse weggelassen, um eine bessere Vergleichbarkeit zu erzielen. Dass allerdings der Zuschuss bei RB Leipzig größer ist als das restliche Eigenkapital von 27 Mio. lässt aufhorchen:

1. SC Freiburg
2. TSG Hoffenheim
3. Borussia Dortmund
4. FC Bayern München

6. 1. FSV Mainz 05

16. FC Schalke 04
17. 1. FC Nürnberg
18. Hertha BSC

Eigenkapitalquote (Eigenkapital zu Bilanzsumme)

Je höher die Quote desto mehr finanzielles Engagement bringt der eigene Club auf.

1. TSG Hoffenheim
2. SC Freiburg
3. Borussia Dortmund
4. Bayer 04 Leverkusen

6. 1. FSV Mainz 05

16. FC Schalke 04
17. 1. FC Nürnberg
18. Hertha BSC

Eigenkapitalrendite (Jahresüberschuss zu Eigenkapital)

Die Kennzahl klärt, ob es sich für den Club finanziell lohnt, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Da Schalke den größten Jahresüberschuss zu verzeichnen hat, liegt der Club ganz vorne. Mit fast 40 Mio. Überschuss überflügelt Schalke den FC Bayern um 10 Mio. Euro. Dass Christian Heidel alles falsch gemacht hat auf Schalke ist somit aus finanzieller Sicht widerlegt. Interessant sind die Jahresüberschüsse von 0 Euro von Bayer 04 Leverkusen und dem VfL Wolfsburg. Während die knapp 18 Mio. Überschuss von Bayer 04 an so genannte „andere Gesellschafter“ gewandert sind, haben diese „anderen Gesellschafter“ beim VfL Wolfsburg den Verlust von 19 Mio. einfach ausgeglichen. Interessant auch die „Ergebnisabführung an atypisch stillen Gesellschafter“ bei der TSG Hoffenheim in Höhe von 27 Mio. Euro. Einen Verlust haben Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach, der SC Paderborn und der VfB Stuttgart erwirtschaftet:

1. FC Schalke 04
2. Fortuna Düsseldorf
3. FC Augsburg
4. Eintracht Frankfurt

7. 1. FSV Mainz 05

16. Borussia Mönchengladbach
17. VfB Stuttgart
18. 1. FC Nürnberg

Personalaufwandsquote (Personalaufwand/Umsatz)

Geld schießt Tore. Hier geht es allerdings um Umsatz, der mit dem vorhandenen Personal erwirtschaftet wurde. Daher gilt hier, je niedriger die Quote, desto besser wirtschaftet der Club. Da ich auch die Aufsteiger mit in die Analyse hinein genommen habe, zeigt sich, dass der SC Paderborn hier ganz schlecht abschneidet, sogar schlechter als der VfL Wolfsburg. D.h. finanziell ist der Aufstieg von der 3. in die 2. Liga gar nicht so ein Zufall gewesen. Die Frage, ob der Aufstieg in Liga 1 auch kein finanzieller Zufall war, lässt sich erst nächstes Jahr beantworten, wenn die Bilanz 18/19 veröffentlicht ist:

1. FC Augsburg
2. Borussia Dortmund
3. FC Schalke 04
4. 1. FSV Mainz 05

16. Hannover 96
17. VfB Stuttgart
18. VfL Wolfsburg

Umsatzrentabilität (Jahresüberschuss zu Umsatz)

Die Zahl sagt aus, wieviel Prozent des Umsatzes als Gewinn verbleiben, sprich wie finanziell erfolgreich der Club in der Saison war:

1. FC Schalke 04
2. SC Freiburg
3. FC Augsburg
4. 1. FC Nürnberg

10. 1. FSV Mainz 05

16. Borussia Mönchengladbach
17. Hertha BSC
18. VfB Stuttgart

Verschuldungsgrad (Fremdkapital zu Eigenkapital)

Je höher der Grad ist, desto abhängiger ist das Unternehmen von externen Gläubigern. Bei negativem Eigenkapital, wie es beim Glubb, bei Union, bei Hertha und bei Paderborn der Fall ist, lässt sich das gar nicht messen. Daher fallen diese Clubs hier raus:

1. TSG Hoffenheim
2. SC Freiburg
3. Borussia Dortmund
4. FC Bayern München

7. 1. FSV Mainz 05

15. RB Leipzig
16. VfL Wolfsburg
17. FC Schalke 04

Doch was zählt schon ein „Spieltag“, sprich eine Unternehmenskennzahl. Der Kicker hat bspw. nur den Jahresüberschuss analysiert. Dieser ist kurzfristig. Die von mir genutzten Kennzahlen spiegeln kurzfristige und längerfristige finanzielle Kriterien wieder. Die Abschlusstabelle „lügt“ nicht, wie wir alle wissen 😉

Daher habe ich die sechs Unternehmenskennzahlen jeweils mit 0 bis 3 Punkten bewertet. Natürlich ist das ganze rein subjektiv. Doch letztlich ergibt sich ein gutes Bild, wie es um das finanzielle Gebaren der Clubs untereinander aussieht, wer gut wirtschaftet, wer mit Geld zugeschüttet wird und wer sogar Geld abdrücken muss, weil er vorher jahrelang sehr großzügig alimentiert wurde.

Anlagendeckungsgrad
> 1 3 Punkte für: SCF, TSG, BVB, FCB
> 0,5 2 Punkte für: B04, M05, FCA, SGE, KOE, F95, H96, BMG
>0 1 Punkt für: VFB, WOB, SVW, RBL, S04
<0 0 Punkte für: FCU, FCN, BSC, SCP

Eigenkapitalquote
> 0,66 3 Punkte für: TSG, SCF, BVB
> 0,33 2 Punkte für: B04, FCB, M05, BMG, KOE, FCA
> 0 1 Punkte für: H96, SGE, VFB, F95, SVW, WOB, RBL, S04
< 0 0 Punkte für: FCU, FCN, BSC, SCP

Eigenkapitalrendite
> 1 3 Punkte für: S04
> 0,1 2 Punkte für: KOE, F95, FCA, SGE, RBL, SCF
> 0 1 Punkte für: M05, BVB, SVW, FCB, H96,
= 0 1 Punkt für B04 da Gewinn nach Steuern vor Ermittlung des Jahresüberschusses
< 0 oder nicht berechenbar 0 Punkte für: SCP, BSC, TSG, WOB, FCU, BMG, VFB, FCN

Personalaufwandsquote
< 0,4 2 Punkte für: FCA, BVB, S04, M05
< 0,5 1 Punkte für: KOE, FCU, SCF, SGE, RBL, B04, BSC, F95, FCN, TSG
< 0,6 0 Punkte für: BMG, FCB, SVW, H96, VFB, WOB, SCP

Umsatzrentabilität
> 0,1 3 Punkte für: S04, SCF, FCA, KOE
> 0,01 2 Punkte für: FCN, BVB, FCB, F95, SGE, M05, RBL
> 0 1 Punkt für: H96, FCU, SVW, TSG
= 0 1 Punkt: B04 da Gewinn nach Steuern vor Ermittlung des Jahresüberschusses
< 0 0 Punkte für: WOB, BMG, BSC, VFB, SCP

Verschuldungsgrad
< 0.33 3 Punke für: SCF, TSG
< 0.66 2 Punkte für: B04, FCB, BVB
< 1 1 Punkt für: FCA, M05
> 1 bzw. negativ 0 Punkte für: BMG, KOE, F95, H96, SGE, VFB, SVW, RBL, WOB, S04, SCP, BSC, FCN, FCU

Meister in der KPI-Bundesliga-Tabelle: SC Freiburg
Meister in der KPI-Bundesliga-Tabelle: SC Freiburg

KPI-Bundesliga-Abschlusstabelle

1. SC Freiburg 15 Punkte
2. Borussia Dortmund 13 Punkte
3. FC Augsburg 12 Punkte
4. TSG Hoffenheim 11 Punkte
5. FC Bayern München 10 Punkte
5. 1. FSV Mainz 05 10 Punkte
5. FC Schalke 04 10 Punkte
8. Bayer 04 Leverkusen 9 Punkte
9. Eintracht Frankfurt 8 Punkte
9. Fortuna Düsseldorf 8 Punkte
11. RB Leipzig 7 Punkte
12. Hannover 96 5 Punkte
13. SV Werder Bremen 4 Punkte
13. Borussia Mönchengladbach 4 Punkte
15. 1. FC Nürnberg 3 Punkte
16. VfL Wolfsburg 2 Punkte
16. VfB Stuttgart 2 Punkte
18. Hertha BSC 1 Punkt

Die Aufsteiger, die ja 2017/18 in der 1. Liga (KOE), in der 2. Liga (FCU) bzw. in der 3. Liga (SCP) gespielt haben, erzielten folgende Punktzahlen:

1. FC Köln 10 Punkte (wäre Platz 5)
FC Union Berlin 2 Punkte (wäre Platz 16)
SC Paderborn 0 Punkte (wäre Platz 18)

Fazit: Der SC Freiburg wird oft als sympathischster Verein Deutschlands wahrgenommen – vielleicht auch wegen des finanziell seriösen Auftretens? Der einzige an der Börse gehandelte Verein Borussia Dortmund zeigt, dass man als Kapitalgesellschaft transparent wirtschaften muss und das auch finanziell Erfolg bringt. Die TSG Hoffenheim wurde von Dietmar Hopp seriös finanziell aufgestellt. Dass der FC Bayern und Mainz 05 gleichauf liegen, zeigt, dass man sich in seinem finanziellen Level jeweils seriös bewegt. Dass bei Wolfsburg finanziell einfach unter die Arme gegriffen wird, zeigt die Bilanz – Bayer 04 hingegen muss Geld abdrücken. Interessant wäre es zu wissen, wenn B04 mal wirtschaftlich nicht so gut dasteht, ob dann entsprechende Gelder in den Club fließen. Dass Berlin arm aber sexy ist, wird hier doppelt unterstrichen.

Umparken im Kopf

Könnt Ihr Euch noch an diesen Claim erinnern? Dieser stammt von dem Rüsselsheimer Autobauer, dessen Name am Stadion am Europakreisel prankt. Wieso kam es zu diesem Werbespruch? Das Unternehmen galt als bieder, muffig und unkreativ – und wollte weg von diesem Image. Visuell sollte Kloppo mithelfen, dass dieses Umdenken bei den Autokäufern tatsächlich stattfindet.

Die berühmte Klatschpappe fand ihren Einsatz...
Die berühmte Klatschpappe fand ihren Einsatz…

Ich weiß nicht, ob diese Werbekampagne tatsächlich von Erfolg gekrönt war, wenn ich heute in der einzig verbliebenen Mainzer Tageszeitung lese, dass die Verträge mit allen Vertragshändlern gekündigt und neu verhandelt werden. Doch die Idee, mal gewohnte Klischees zu überdenken, halte ich für sehr gut. Und da ist der eine oder andere Journalist herzlich eingeladen mitzumachen.

Man kann ja für Montagsspiele sein. Schließlich sind die Vereine Mainz 05 und SC Freiburg auch bei der entsprechenden Abstimmung dafür gewesen. Man kann den Protest gegen Montagsspiele schlecht finden. Schließlich gibt es einen entsprechenden Fernsehvertrag, der bis 2021 die aktuelle Regelung von fünf Spielen am Montag pro Saison vorsieht und daran wird sicher nicht gerüttelt. Man kann es kontraproduktiv finden, die eigene Mannschaft in so einem wichtigen Spiel nicht in der gewohnten Art und Weise verbal zu unterstützen. Schließlich unterstützten die Fans der restlichen 16 Vereine an diesem Spieltag von Freitag bis Sonntag ihre Teams trotzdem. Man kann das Pfeifen über 90 Minuten unerträglich, die Klatschpappen für unsäglich und das Werfen von Klorollen für kindisch halten. Gründe habe ich ja oben genannt.

Allerdings sollte man sich als Journalist auf jeden Fall und auch gerne als Kommentator-Troll in den sozialen Netzwerken noch ein paar weitere Gedanken machen, bevor man mit den Fingern auf der Maus ausrutscht oder seine Meinung per Videobotschaft in die Welt sendet.

Die Kritik für den Protest ziehen spätestes seit Dienstag Nachmittag einzig und alleine die Ultras (wahlweise nur aus Mainz oder aus Mainz und Freiburg) auf sich. Wenn man nun schaut, dass beim Einlaufen der Mannschaften fast 26.000 Zuschauer die schwarzen Klatschpappen „GEGEN MONTAGSSPIELE“ hochhielten, dann wird das Ultra-Bashing unglaubwürdig. Oder glauben die Kritiker wirklich, dass es Ultras gibt, die auf der Haupttribüne sitzen (!) und darüber wachen, dass die Pappen ja hochgehalten werden? 

genauso wie Klorollen...
genauso wie Klorollen…

Auf den Pappen stand übrigens auch nicht drauf, wer diese entworfen hat. Woher haben die Kritiker eigentlich die Information, dass das die Ultras waren? Die verhalten sich doch angeblich so konspirativ, dass da nichts nach außen dringt. Das übliche „aus gut unterrichteten Kreisen“ habe ich nirgends gelesen und dass Ultras nicht gerne mit Journalisten sprechen, ist mittlerweile selbsterklärend. Neben den Supporters gibt es seit ein paar Monaten die Fanabteilung bei Mainz 05, zwei Organe, die die Faninteressen der Ultras, aber auch aller anderen Fangruppen vertreten. 26.000 Klatschpappen, hunderte Klorollen, sehr viele Trillerpfeifen bringt eine Gruppe nicht einfach so ins Stadion. Das lässt den Schluss zu, dass diese Aktionen von offizieller Seite vorbereitet worden sind. Und die Pappen wurden von nahezu jedem Zuschauer zum Protest verwendet.

Und da sind wir dann beim Umparken im Kopf angekommen: Mittlerweile gibt es in Mainz eine aktive Fanszene, die sich aus weit mehr Köpfen speist, als aus der Ultraszene Mainz. Es gibt noch nicht einmal einen Dauerkonsens innerhalb der Szene. Einzelne Fangruppen positionieren sich regelmäßig zu aktuellen Themen teilweise auch mit kontroversen Ansichten. In der Fanszene gibt es kein Meinungsmonopol. Anders als in der Mainzer Medienlandschaft, wo mittlerweile im Print-Bereich ein Monopol existiert, und dieses auch genutzt wird, um Stimmung zu erzeugen – wohlgemerkt nach einem Sieg der Nullfünfer in einem „Sechs-Punkte-Spiel“. Aber das war ja letztes Jahr bei der Vorstandswahl schon die gleiche Leier. Aber zurück zum Spiel: Man kann bald zu dem Schluss kommen, dass hier klammheimlich einige auf eine Niederlage gehofft haben, garniert nach Möglichkeit mit viel Pyro – da hätte sich der im Kopf perfekt eingeparkte Text noch schneller abfassen lassen.

und Vuvuzelas
und Vuvuzelas

Aber bereits im gestrigen Zeitungsbericht besagter Tageszeitung, der nicht als Kommentar gekennzeichnet war, wurden die ersten verbalen Giftpfeile abgeschossen: Die Fehler im Spielaufbau wurde aber noch allgemein den „Fans“ angelastet. Wäre dieser Bericht als Kommentar abgefasst worden, in dem natürlich ein Journalist seine Meinung sagen kann, wäre die Chose nicht ganz so krass gewesen. Aber in einem Spielbericht, der doch eher ausgewogen sein sollte, so (ab)wertend über die Fans herzuziehen war bereits grenzwertig. Dass da zwei Mannschaften mit den gleichen Begleitumständen zu kämpfen hatten, wurde völlig ausgeblendet. Dass der Freiburger Torhüter womöglich wegen der Begleitumstände den Ball Levin in die Beine spielte…hat der Verfasser entweder nicht mitbekommen (weil er noch die Klorollen aufwickelte) oder bewusst weggelassen. Wohlgemerkt benutze ich das Wort „womöglich“, denn niemand kann den Grund kennen, warum Schwolow so ein Blackout hatte.

In dem Spielbericht wird der Protest als Störfeuer abqualifiziert. Dass solch ein Text genau ebendies im Verein erreichen kann, ist dem Autor anscheinend egal oder den Klickzahlen geschuldet und damit sogar gewünscht. Statt verbal abzurüsten, wurde am Dienstag Nachmittag die allgemeine Kritik an den Fans nun auf die Ultras fokussiert – Mittels Videobotschaft und einem Begleittext, der von Selbstinszenierung der Ultras spricht. Das verspricht wieder garantiert tolle Klickzahlen, denn mit so ein paar Stichworten wie „Ultra“, „Pyro“ etc. werden die Kommentartrolle wieder zum virtuellen Leben erweckt. Die Kritik an den Aktionen fällt unter die Meinungsfreiheit, aber aus fehlendem Willen zum Umparken im Kopf oder aus purer Lust am Klickzahlen nach oben treiben, eine Menschengruppe so an den medialen Pranger zu stellen geht gar nicht. Aber das ist halt auch unsere Scheinheiligkeit im Fußballgeschäft. Die Sportmedien leben vom an den Pranger stellen. Spieler werden nach jedem Spiel benotet – ein Unding sondergleichen. Sollte das nach dem Tod von Robert Enke nicht alles besser werden? Die Nullfünf Mixed Zone hat auch Spieler bewertet, aber bewusst auf Noten verzichtet. Viele Sportmedien lechzen aber nur danach, dem einen Spieler am einen Spieltag in den Himmel zu loben und am nächsten Spieltag eine „5“ oder „6“ zu attestieren. Und so wurde den „Ultras“ einfach mal eine „6“ mitgegeben und diese praktisch zum medialen Abschuss freigegeben.

A propos Spieler. Es wurden ausschließlich Spielerkommentare abgedruckt, die die Atmosphäre im Stadion beklagten. Ein Blick auf den Instagram Account von Leon zeigt nachkicks folgende Bildunterschrift: „Amazing support from the fans“. Der Spieler fand die Unterstützung phantastisch und gedruckt wird schön ausschließlich das Gegenteil. Mag ja sein, dass es viele Spieler nicht gut fanden, aber diesen Satz hätte Leon sicher nicht geschrieben, wenn er nicht auch dahinter stehen würde. Oder diktieren jetzt auch die Ultras, was Leon zu schreiben hat? Dass ein Spieler lieber mehrmals montags als in der zweiten Liga (wo er auch montags spielt) spielt, ist nachvollziehbar. Aber hier interviewt ein Profi-Journalist einen Fußballprofi. Beide hängen am Tropf der Bundesliga. Und vielleicht ist es dem einen oder anderen Journalisten sogar ganz Recht, montags statt samstags oder sonntags zu arbeiten. Nur für die, die der Profi-Fußball mal gemacht wurde, die Fans, die sind leider noch keine Profi-Fans, die mal schön das Wochenende vorglühen können, um dann am Montag Abend im Block steil zu gehen und den von manchem Journalisten geforderten Support abzuliefern, wie der Zeitungsbote morgens das frisch gedruckte Printmedium. Proteste sind ein Bestandteil unserer Demokratie wie die Presse- und Meinungsfreiheit. Nur sollte man mit diesen immer verantwortungsvoll umgehen. Die Proteste richteten sich nicht gegen eine spezielle Gruppe von Menschen, sondern gegen Organe wie DFB oder DFL – die Kritik gegenüber den Protestierenden allerdings schon.

Den verursachten verbalen Scherbenhaufen durfte dann Wortpiratin Mara heute in ihrem Blogbeitrag zusammenkehren. Als gelernte Journalistin sollte sie vielleicht mal eine Schulung bei manchen Kollegen in Sachen Fankultur und Demokratieverständnis durchführen – so quasi als Frühjahrsinspektion, damit das Umparken im Kopf vielleicht doch noch gelingt.

Freiburg 2018

Es gibt Dinge im Leben, die braucht wirklich niemand: Eine 3:9 Niederlage am Samstag Nachmittag gehört bestimmt dazu und Montagsspiele sicherlich auch. Dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, liegt daran, dass vor dem Saisonstart 2017/2018 fünf Spiele in der ersten Liga mit der Begründung eingeführt wurden, den Europapokal-Teilnehmern einen zusätzlichen Tag Regeneration zukommen zu lassen.

Spielort Bruchweg - gibt es einen idealeren Ort zum kreativen Protest?
Spielort Bruchweg – gibt es einen idealeren Ort zum kreativen Protest?

Da kurz nach der Winterpause nur noch die Brausekicker aus Leipzig donnerstags spielten, war anzunehmen, dass der Montagskelch an Mainz und Freiburg vorbeigeht, schließlich hatte der SC seit seinem EuroLeague-Ausscheiden in Slowenien im Sommer 2017 genug Regenerationszeit erhalten. Interessanterweise spielt Leipzig schon heute, nachdem sie tatsächlich letzen Montag gegen Leverkusen ran mussten. Dumm nur, dass sie dann einen Tag weniger Pause hatten, um anschließend in Marseille 5 Tore eingeschenkt zu bekommen. Logisch wäre es gewesen, Leipzig nach der Europa-League-Woche den morgigen Montag zu geben und nicht zwischen den beiden internationalen Spieltagen – aber mit Logik kommt man heute wohl nicht mehr allzu weit.

Nachdem es Bremen und Köln bereits genauso traf, die ebenfalls nicht (mehr) international spielten, war ich gespannt, wie die Reaktion in Freiburg und Mainz auf die Ansetzung ausfallen würde. Positiv angetan war ich zunächst einmal von einem nett formulierten Brief unseres neuen kaufmännischen Vorstands, den er nach Frankfurt zur DFL sandte, und nachfragte, womit denn diese Ansetzung von Mainz gegen Freiburg an einem Montag zu begründen sei. Schließlich hatte es für mich den Anschein, dass mein Fußballsportverein in den letzten Jahren allzu oft den rot-weißen Schwanz einzog, wenn es um Haltung gegenüber der DFL, dem DFB oder der Zeitung mit den vier großen Buchstaben ging. Eine schlüssige Antwort erhielt Jan Lehmann aus dem 05-Vorstand zumindest öffentlich nicht, soweit ich mich entsinnen kann.

Wunderbare Stadionordnung und Werbeplakat mit den Logos der Fanvereinigungen aus beiden Städten
Wunderbare Stadionordnung und Werbeplakat mit den Logos der Fanvereinigungen aus beiden Städten

Denjenigen, die die Idee hatten, einfach trotzdem zu der Uhrzeit einen Kick anzusetzen, die wahrscheinlich den meisten Stadiongehern in den Kram passt, sprich samstags halb vier, gebührt ein großes Dankeschön. Denn damit bot sich die Gelegenheit, nicht nur gegen etwas zu sein, sprich gegen Spiele zur Unzeit am Montag, sondern auch für etwas zu sein: Für einen Kick samstags um halb vier, für kreativen Protest, für gemeinsames Aufstehen und Gegeneinanderspielen beider Fanlager, für Support, für ein Ausrufezeichen an gelebter Fankultur.

Überall wurde bereits Wochen vor dem Kick mit dem Slogan „Samstags halb vier – Fußball, Bratwurst, Bier!“ der Fankick zwischen den Teams aus dem Breisgau und Rheinhessen beworben. Mit Jürgen Girtler wurde ein kompetenter Pressesprecher  ernannt, der schon letztes Jahr souverän das CrowFANding fürs Fanhaus Mainz medial begleitete. Und mit Petr Ruman wurde auf Seiten des FSV ein kompetenter Trainer verpflichtet. In den letzten Tagen vor dem Spiel wurde mit Plakaten (sogar offiziell genehmigt von der Stadt Mainz) überall in der goldenen Stadt am Rhein dafür geworben – mit den Logos der Fangruppierungen aus Freiburg und Mainz!

Mit Spendenbüchsen wurde für die Fahrtkosten der Freiburger gesammelt
Mit Spendenbüchsen wurde für die Fahrtkosten der Freiburger gesammelt

Die Location, in der der Kick stattfinden sollte, war natürlich der absolute Knaller: das Stadion am Bruchweg, Spielort der Nullfünfer bis 2011 und weiterhin gefühlte Heimat des Fußballsportvereins von 1905. Keine Ahnung, wer das mit dem Verein hinbekommen hat, das Ding am Bruchweg steigen zu lassen, ob Supporters, Fanabteilung, Fanbeauftragte, Fanprojekt, (Fanvertreter im) Aufsichtsrat, oder vielleicht alle zusammen? Auf jeden Fall ein weiteres großes Dankeschön dafür! Somit war alles gerichtet, für unseren Kick am Samstag, um halb vier im Stadion am Bruchweg.

Für Fans wurde nur die Gegengerade geöffnet. Die Nordtribüne gibt’s nicht mehr, bis auf die Sitze, die Ihr Euch im Rahmen des CrowdFANdings letztes Jahr gesichert habt, die Südtribüne zierte ein großes Spruchband in rot-weiß „Samstag halb vier – Fußball, Bratwurst, Bier“ und auf der Haupttribüne nahmen auch ein paar Nasen platz – vielleicht die Handkäsmafia oder die Hautevolee aus der Stadt Gutenbergs… Am Eingang zur Gegengerade prankte eine eigens für diesen Tag geltende Stadionordnung, in der publiziert wurde, was hier nicht hin passt: Keine Homophobie, kein Faschismus, kein Sexismus, kein Rassismuss, kein Hass. Wäre schön, wenn diese Bestandteile in allen Stadionordnungen der Republik fest verankert und dementsprechend gelebt würden – und Clubs, die dafür einstehen, den entsprechenden Rückhalt, von den Verbänden erhielten!

Sehr leckere Verpflegung zu sehr moderaten Preisen
Sehr leckere Verpflegung zu sehr moderaten Preisen

Wenige Meter weiter waren Sammelbüchsen aufgestellt worden „Samstag halb vier“ prankte auf diesen und es bleibt zu hoffen, dass diese sich mit der Zeit füllten, galt es doch, die Anreise der Freiburger ein wenig mitzufinanzieren – schließlich werden viele innerhalb von zwei Tagen zweimal Gäste in unserer Stadt sein. Wenige Meter weiter wurde der edlen Spenderin und dem edlen Spender die gute Tat gleich vergolten, wenn diese einen Blick auf die Verpflegungsstellen warfen: Einerseits monetär mittels sehr fairer Preise, andererseit mit allerlei Leckereien wie Spundekäs‘ mit Brezeln oder Couscous-Salat oder der „Hellen Begeisterung“, dem Bier von Kuehn Kunz Rosen, der Mikrobrauerei, die gleichzeitig Nachbar im alten Rohrlager der neuen Heimat aller Nullfünfer ist: dem Fanhaus Mainz! Übrigens gibt es die „Helle Begeisterung“ exklusiv nur bei Veranstaltungen des Fanprojekts Mainz – da Kuehn Kunz Rosen den edlen Stoff nur fürs Fanhaus braute! Danke und Prost!!!

Die Stahlrohrtribünenstufen nuff und ein Blick nach rechts in den Gästeblock führte zu einem Rattern in meinem Gedächtnis. Wolfsburg mal mittwochs abends erste Liga, ca. 23 Fans, Paderborn dienstags spätnachmittags zweite Liga, ca. 20 Fans davon einer auf dem Platz, um die Aufstellung zu präsentieren – Freiburg samstags zum Fankick ca. 300 Fans! Soviel Hüte kann man gar nicht dafür ziehen! Emi Schömer, der Stadionsprecher, der es letztes Jahr in Mainz eingeführt hat, die Aufstellung endlich erst kurz vor dem Auflaufen der Mannschaften zu präsentieren, war wieder aktiv und durfte in den folgenden 90 Minuten über Langeweile beim Toreverkünden nicht klagen.

Neben Gauls Catering verpflegten auch die Ultras und andere Fans die Stadiongängerinnen und Stadiongänger
Neben Gauls Catering verpflegten auch die Ultras und andere Fans die Stadiongängerinnen und Stadiongänger

Die Stimmung in beiden Blöcken war hervorragend und plötzlich lag der Ball im Mainzer Tor. Die Freiburger im Gästeblock rasteten erwartungsgemäß komplett aus – bis der Schiri die mittlerweile berühmte Yogaübung für Arme durchführte und den Videobeweis anforderte: nach einer längeren Diskussion, die mal wieder dazu führte, dass es zu einer Zweiteilung der Fußballfans kam. Als Stadiongänger  wusste man nicht, wohin mit seinen Emotionen und als imaginärer Fernsehzuschauer tat sich ganz plötzlich die Möglichkeit auf, entspannt zum Klo zu gehen oder ein kühles Bier aus dem Kühlschrank zu holen, da das ja jetzt ohnehin wieder ein zwei Minuten dauern würde, ehe entschieden ist., Anscheinend war man sich letztlich einig – den Videobeweis in die Tonne zu kloppen!!!

Der Videobeweis wird am Bruchweg entsorgt - den braucht in der Form niemand, genausowenig wie Montagsspiele
Der Videobeweis wird am Bruchweg entsorgt – den braucht in der Form niemand, genausowenig wie Montagsspiele

In Halbzeit zwei dann der nächste Aufreger, als ein vermummter Flitzer den Bruchweg stürmte. Ein Leben lang…dieselbe Unterhose an…man konnte zumindest von der königsblauen Farbe der Unterhose des Flitzers Assoziationen mit einem Ruhrpottklub herstellen. A propos Ruhrpott: Unterstützung erfuhren die Nullfünfer an diesem Tag auch aus Duisburg – Respekt auch an die Zebrafans, die den Weg am Samstag hierher gefunden haben.

Tore sind schließlich auf beiden Seiten gefallen – auf der einen mehr, auf der anderen weniger. Dennoch wurde der Nullfünfer-Trainer Petr Ruman frenetisch gefeiert, zunächst am Spielfeldrand – danach als Elfmeterschütze, als er sich selbst einwechselte. Elfmeter und Ruman, da war doch was…ich sag nur Zandi, Torlinie, DFB-Pokal, Dezember 2005 😉

Ein Leben lang...dieselbe Unterhose an...Schwarz-gelb macht Jagd auf Königsblau

Ein Leben lang…dieselbe Unterhose an…Schwarz-gelb macht Jagd auf Königsblau

So um 17.18 Uhr war der Kick beendet, die Feierei in beiden Fanlagern aber noch lange nicht. Mit einer La-Ola wurden die Breisgau-Brasilianer Vol. 2 vom Mainzer Block verabschiedet und das Ergebnis war da schon längst wieder vergessen bzw. gar nicht auf dem Schirm (der lag ja in der Tonne).

Vielmehr ging ein wunderbarer, friedlicher, warmer Frühlingsnachmittag an einem historischen Ort zu Ende. So viele Menschen haben dafür teilweise wochenlang harte Vorarbeit geleistet. Ein letztes großes Dankeschön an alle Beteiligten. So macht Protest Spaß, Sinn und eine 3:9 Niederlage sogar noch Freude, nur Montagsspiele braucht wirklich niemand!

Ein gelungener Samstag-Nachmittag, der soviel besser als ein Montag-Abend ist
Ein gelungener Samstag-Nachmittag, der soviel besser als ein Montag-Abend ist

Hier geht es zu allen Bildern des Spiels.