{"id":274,"date":"2017-10-28T09:15:33","date_gmt":"2017-10-28T09:15:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/?p=274"},"modified":"2019-04-11T09:16:07","modified_gmt":"2019-04-11T09:16:07","slug":"armenien-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/armenien-2017\/","title":{"rendered":"Armenien 2017"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hallo aus Mainz,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201enach 12 Jahren habe ich es endlich geschafft, wieder nach Armenien zu reisen. War es im Jahr 2005 das pure Losgl\u00fcck im Europapokal, das mich in die Kaukasus-Region brachte, was sich \u00fcbrigens mit Aserbaidschan im letzten Jahr nochmals wiederholte, bot sich dieses Mal recht spontan die M\u00f6glichkeit, endlich mal dieses wundersch\u00f6ne Land l\u00e4nger zu bereisen, als f\u00fcr die Dauer eines Fu\u00dfballspiels und einer Gratis-\u00dcbernachtung, die der FSV Mainz 05 im Sommer 2005 allen Ausw\u00e4rtsfahrern bezahlte. Schlie\u00dflich \u201equalifizierte\u201c sich Mainz \u201enur\u201c \u00fcber die Fairplay-Tabelle f\u00fcr den europ\u00e4ischen Wettbewerb \u2013 daher diese gro\u00dfe Geste des Vereins.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wurden wir damals mit als Teilnehmer im Fanflieger mit dem Bus vom Flughafen in die Hauptstadt Erevan gekarrt, stand jetzt, wie so oft, die erste \u201ePr\u00fcfung\u201c nach Verlassen der Ankunftshalle auf dem Programm: mit dem Taxi zu einem realistischen Preis in die Stadt gelangen. Dummerweise spucken Geldautomaten an Flugh\u00e4fen durchweg die gr\u00f6\u00dften Scheine aus, die ein Land zu bieten hat. Mit lauter 20.000 Dram-Noten (ca. 34 \u20ac) \u201ebewaffnet\u201c ging es ans Verhandeln. 5.000 Dram galten als realistisch und 6.000 Dram wollte der Fahrer. Ich bot lediglich 5.000 Dram an, mit dem Verweis, dass ich aber nur 20.000 Dram-Scheine habe. 5.000 Dram waren nach freundlich bestimmtem Wortgefecht ok und los ging die Fahrt, da mir \u201eno problem\u201c entgegnet wurde, was die Banknoten anbetraf. Am Hotel in einer dunklen Seitenstra\u00dfe am sp\u00e4ten Samstagabend angekommen, wartete ich auf die 15.000 Dram Wecheselgeld. Aber nat\u00fcrlich hatte der Fahrer in seiner Tasche nur 14.000 Dram dabei \u2013 entweder war das die Wahrheit, schlie\u00dflich fischte er mit einem Griff das B\u00fcndel raus oder ich&nbsp;wurde mal wieder von diesem Berufsstand verarscht \u2013 sei\u2019s drum: 1,70 \u20ac \u201everloren\u201c und daf\u00fcr wieder ein St\u00fcck Reiseerfahrung gewonnen. Das n\u00e4chste Mal kaufe ich dann doch wieder eine \u00fcberteuerte Flasche Wasser am Airport, um Kleingeld griffbereit zu haben. Und 500 Dram \u201eTrinkgeld\u201c h\u00e4tte ich dem hilfsbereiten, freundlichen Fahrer ohnehin gegeben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am folgenden Tag wurden wir von unserem Guide zu einer herrlichen Wanderung in der Umgebung von Erevan abgeholt. Durch den&nbsp;Basalt-Canyon&nbsp;Simfoniya kamnya zu Deutsch&nbsp;&#8222;Sinfonie des Steins&#8220; ging es zu einer Klosterruine hoch \u00fcber dem Tal. Das Sch\u00f6ne am Internet ist f\u00fcr mich die Tatsache, dass man mit ein wenig Geduld kleine lokale Unternehmen findet, die z.B. diese Tagestour organisieren. So bleibt das zu entrichtende Geld im Land, statt z.B. zu einem Gro\u00dfteil bei einem ausl\u00e4ndischen Reiseveranstalter zu landen. Und viele dieser kleinen Agenturen trainieren ihre Leute auch entsprechend der versprochenen \u00d6ko-Tourismus-Regeln. Das zeigte sich beispielsweise auf dieser Tour am Rastplatz zum Mittagessen. W\u00e4hrend wir noch die herrliche Aussicht genossen, sammelte unser Guide M\u00fcll von anderen Wanderern ein. Die halbvolle Wodkaflasche nutzten wir allerdings noch zur Desinfizierung unserer H\u00e4nde vor dem Essen als \u201eSanitizer\u201c. Den M\u00fcll schleppten wir dann den Berg in den T\u00fcten unserer Lunchpakete hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Lunchpakete waren bereits eine perfekte Einstimmung auf das herrliche armenisch-vegetarische Essen, das wir die n\u00e4chsten Tage genie\u00dfen durften (so lange dieses im Magen blieb \u2013 doch dazu sp\u00e4ter mehr). \u201eVegetarier\u201c sind in der Kaukasusregion erstens keine Unbekannten (wie bspw. In gro\u00dfen Teilen Argentiniens) und sie kommen auch voll auf ihre Kosten. Dieses Mal gab es Rote-Beete-Salat mit Kartoffelbrei und hochd\u00fcnne Fladen mit Spinat gef\u00fcllt. Dazu \u201eTan\u201c, ein Milchgetr\u00e4nk, das Ayran sehr \u00e4hnlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Thema M\u00fcll ist ein Umstand, der einem ja praktisch auf allen Reisen weltweit begegnet. In der Vergangenheit waren die Guides diesbez\u00fcglich auch recht unsensibel. Teilweise trugen sie (und damit auch ich) noch dazu bei diese zu verschmutzen, doch vor zwei Jahren auf Lombok wurde ich erstmals positiv \u00fcberrascht. Die lokale Agentur trug das Wort \u201eGreen\u201c nicht nur im Namen. Vielmehr sind ihre Guides und Tr\u00e4ger am Vulkan Rinjani angewiesen, tats\u00e4chlich M\u00fcll am Berg einzusammeln und diesen runterzutragen, w\u00e4hrend gleichzeitig einige Backpacker weiterhin ihren M\u00fcll einfach so in die Gegend warfen, weil das ja angeblich die Locals auch so machten. Nach der Aufr\u00e4umaktion am armenischen Havuts Tar ging es zur\u00fcck in die Hauptstadt Erewan, denn am n\u00e4chsten Tag sollte unser Armenien-Abenteur erst so richtig beginnen\u2026mit dem eigenen Auto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mietwagenreisen sind ja popul\u00e4rer denn je und auch in etwas ungew\u00f6hnlicheren Mietwagenregionen wie auf Mauritius oder auf Bali waren wir schon selbst mit dem Wagen unterwegs. Daher war einer der wenigen hilfreichen Tipps der neuesten Kaukasus-Ausgabe des Lonely Planets der, m\u00f6glichst mit Mietwagen das Land zu erkunden. So ging es mit einem etwas h\u00f6her gelegten Toyota Corolla, der schon ziemlich viele Kratzer und sogar schon einen kleines Riss in der Windschutzscheibe hatte, auf Tour. Hochgelegt, Kratzer, Riss in der Scheibe \u2013 Armeniens Stra\u00dfen lie\u00dfen interessante Fahrten erahnen. Dabei sind es in L\u00e4ndern wie Armenien, in denen weit mehr als ein Drittel der Bev\u00f6lkerung in der Hauptstadt wohnt, meist der Anfang und das Ende der Mietwagenfahrt, die gr\u00f6\u00dfte Bew\u00e4hrungsproben, da oftmals der Verkehr in der Stadt am dichtesten, am chaotischsten, am r\u00fccksichtslosesten ist. Kommt dann noch ein Gewitterregen dazu, der die Stra\u00dfen in rei\u00dfende B\u00e4che und die Myriaden von Schlagl\u00f6chern in eine armenische Seenplatte verwandelt, dann wisst Ihr, dass ich gerade vom Start der Reise berichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein eigentlich verl\u00e4ssliches Hilfsmittel, das Navi auf dem Smartphone, das mit dem Stra\u00dfenwirrwarr Erevans auch sichtlich \u00fcberfordert war, und immer recht pl\u00f6tzlich seine Meinung zum geplanten Fahrtverlauf kommunizierte, tat sein \u00dcbriges, dass ich anfangs die Mietwagen-Idee allerdings verfluchte. Der Umstand, dass wir auf einem Feldweg-\u00e4hnlichen Str\u00e4\u00dfchen schlie\u00dflich die Hauptstadt nach einigen Umwegen verlie\u00dfen, war mir auch etwas schleierhaft, da wir wenig sp\u00e4ter dann auf eine gut geteerte Autobahn bei Ashtarak stie\u00dfen. Ashtarak \u2013 bei diesem Namen werden sicherlich die 05-Fans aufhorchen, denn gegen diesen Club ging es ja bekanntlich vor 12 Jahren im Europapokal. Die Statuten der UEFA lie\u00dfen es damals nicht zu, dass Mika Ashtarak zu Hause gegen Mainz antreten durfte, sondern in einem Stadion der Hauptstadt spielen musste. Herrlich auf einer Hochebene gelegen, von zwei Seiten von Schneebergen begrenzt, sah Ashtarak sehr einladend aus. Ich war wirklich hocherfreut, das St\u00e4dtchen nach so langer Zeit dann doch noch zu Gesicht zu bekommen, schafften wir es damals aufgrund der K\u00fcrze des Aufenthalts nur kurz raus in die unmittelbare Umgebung von Erevan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir passierten Ashtarak auf der Autobahn und stellten fest, dass armenische Verkehrspolitiker den Autofahrern mehr zutrauen, als es bei uns in Deutschland der Fall ist. Dass eine Baustelle, das Wechseln der Fahrbahn auf die Gegenseite notwendig macht, ist klar. In Armenien wird das auch praktiziert, aber es wird \u00fcberhaupt nicht abgesperrt. Man holpert zwischen den Enden der Mittelleitplanke auf die Gegenfahrbahn und f\u00e4hrt dann sozusagen als Geisterfahrer weiter gerade aus. Das f\u00fchlte sich wirklich extrem komisch an, da nat\u00fcrlich Autos entgegenrauschten und auf der eigenen Fahrbahn kein Fahrzeug in Sichtweite war \u2013 zum Gl\u00fcck aber auch kein entgegenkommendes Auto. Ein paar hundert Meter sp\u00e4ter erblickte ich dann zu meiner Beruhigung tats\u00e4chlich ein vorausfahrendes Auto auf meiner Spur, das in die gleiche Richtung fuhr \u2013 alles gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Navi peilte f\u00fcr die 178 km lange Strecke nach Haghpat in Nordarmenien ca. 2h40 an. Dass dieser Wert sich nicht halten lie\u00df, wussten wir nicht nur aufgrund der Irrwege am Anfang in Erewan, sondern auch aufgrund der st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen der Stra\u00dfe. Sie war meist akzeptabel, aber dann so steil dass man kaum auf die m\u00f6glichen 90 km\/h H\u00f6chstgeschwindigkeit kam, dann war sie relativ flach, wusste aber in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden durch Schlagl\u00f6cher zu \u201ebegeistern\u201c, so dass ich mich nicht traute, tats\u00e4chlich mal Gas zu geben. Alles in allem kamen wir aber mit rund 60 km pro Stunde die ersten zwei Stunden doch gut voran bis nach Wanadzor. Dort verfuhren wir uns erstmal wieder, da das Navi einfach nur \u201enehmen sie die Autobahn\u201c befahl, statt mal anzusagen, ob es nach links oder rechts auf der vierspurigen Stra\u00dfe \u2013 von Autobahn zu sprechen w\u00e4re lachhaft gewesen \u2013 weiterging. Dann erstmal der n\u00e4chste Schreck, da wir ja irgendwie zur\u00fcck auf die alte Route mussten: Kreisverkehr!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich ja kein Problem, aber in Armenien herrschen ganz offiziell andere Verkehrsregeln f\u00fcr Kreisverkehre: Vorfahrt hat der einfahrende Verkehr! Darauf muss man erstmal kommen, wenn die Fahrbahnmarkierung aufgrund von Schlagl\u00f6chern fehlt. Das Reinfahren war nat\u00fcrlich kein Problem, schlie\u00dflich hatten wir ja Vorfahrt, ohne es zu wissen, aber es kam halt auch gerade kein Auto. Das \u00e4nderte sich nat\u00fcrlich an der n\u00e4chsten Einfahrt und zum Gl\u00fcck war es einer dieser Megakreisel mit mehreren Spuren, die nat\u00fcrlich nicht zu sehen waren, und das Auto links vor mir hielt doch tats\u00e4chlich an. Nachmachen ist manchmal so richtig gut \u2013 ersparte es uns wom\u00f6glich einen Unfall. Der Vorteil von Kreisverkehren besteht darin, dass man so recht schnell wieder auf die alte Strecke gelangt, wenn man sich zuvor verfahren hat. Aber das vermeintliche Gl\u00fcck wendete sich erneut in Pech, denn wir fuhren nun in einen Stau, etwas, was es au\u00dferhalb von Erewan sonst sicherlich nie gibt, denn das Verkehrsaufkommen auf Armeniens Stra\u00dfen \u00e4hnelt dem einer Kreisstra\u00dfe in Rheinhessen um Mitternacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir befanden uns ziemlich am Anfang des Staus und merkten recht schnell, dass es sich um eine weitere Baustelle handelte. Auf der Gegenfahrbahn kam uns kein Auto entgegen und man sah nur Baumaschinen, die die gesamte Fahrbahn einnahmen. Ich nahm an, dass die Bauarbeiter einfach mal kurz die Stra\u00dfe sperrten, um die Baumaschinen zu bewegen und war recht entspannt, im Gegensatz zu einem armenischen Fahrer, der uns alle links \u00fcberholte, vor der ersten Baumaschine aus dem Wagen sprang und wild gestikulierend auf die Bauarbeiter einredete. Normalerweise bringt so etwas eigentlich ja so rein gar nichts, aber nach ein paar Minuten Gebr\u00fcll, wurden die Maschinen tats\u00e4chlich zur Seite gefahren und wir konnten in die Baustelle hineinfahren. Die Stra\u00dfe, die schon teilweise frisch geteert war, befand sich aber an den meisten Stellen der n\u00e4chsten Kilometer in einem erb\u00e4rmlichen Zustand, da der alte Belag abgefr\u00e4st war, es immer noch regnete und somit alles verschlammt war, und teilweise die Stra\u00dfe als solche gar nicht mehr zu erkennen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Verkehr d\u00fcnnte sich mehr und mehr aus \u2013 es kam uns praktisch kein Auto mehr entgegen. Vor einer Tankstelle befand sich schlie\u00dflich ein gro\u00dfes Loch \u2013 zum Gl\u00fcck wurde die Stra\u00dfe einfach zwischen den Zapfs\u00e4ulen umgeleitet. Wir dachten schon, die Stra\u00dfe sei gesperrt\u2026 Dass dies kein Irrglaube war, stellte sich dann einige Rumpelkilometer sp\u00e4ter heraus. Das runde Schild mit dem roten Ring auf wei\u00dfem Grund wurde zum Gl\u00fcck noch durch einen wei\u00dfen Pfeil auf blauem Grund erg\u00e4nzt, der auf ein kleines Str\u00e4\u00dfchen nach rechts zeigte. Wir dachten erst, das sei eine kleine Umleitung, doch die Stra\u00dfe machte einen Bogen nach rechts aus dem Tal heraus, dem wir seit Wanadzor folgten in Richtung eines Seitentals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher wendeten wir, denn auch das Navi qu\u00e4kte permanent \u201ewenn m\u00f6glich bitte wenden\u201c. Gl\u00fccklicherweise trafen wir im str\u00f6menden Regen auf einen Fu\u00dfg\u00e4nger und konnten mit Handzeichen fragen, welches die Route nach Alaverdi, der n\u00e4chst gr\u00f6\u00dferen Stadt, sei. Er machte ebenfalls Handbewegungen, die erahnen lie\u00dfen, dass wir leider wieder wenden und tats\u00e4chlich dem kleinen Str\u00e4\u00dfchen folgen mussten. Das Angenehme an der Stra\u00dfe war ihr Zustand: klein aber fein. Die vorangegangenen 20 km waren wir ja auf dieser Mega-Baustelle unterwegs gewesen und jetzt ging es pl\u00f6tzlich auf glatter Fahrbahn entlang, immer weiter weg von unserem Tagesziel. Denn das war das Schlechte an der Situation: erst pl\u00e4rrte die Stimme des Navis immer noch \u201ewenn m\u00f6glich bitte wenden\u201c. Dann sollten wir einige Kilometer geradeaus fahren, um dann doch schlie\u00dflich zu wenden und das im Dauerregen bei einsetzender D\u00e4mmerung. Wir hatten die Wahl: zur\u00fcck nach Wandazsor fahren und dort die Nacht zu verbringen oder die gute, kleine Stra\u00dfe aus dem Seitental bergan zu fahren. Wir entschieden uns f\u00fcr die zweite M\u00f6glichkeit. Die angepeilte Ankunftszeit verschob sich min\u00fctlich um Viertelstunden. Pl\u00f6tzlich kr\u00e4chzte es endlich \u201eFolgen Sie der Route f\u00fcr 2 km\u201c und man konnte erkennen, dass in der Karte des Navis tats\u00e4chlich kein Wenden mehr eingeplant war. Es ging voran in ein Bergdorf, das total ausgestorben war. Stra\u00dfenschilder gab es auch nicht und wir verlie\u00dfen das Dorf auf einer Piste, wie ich sie in zuletzt in Costa Rica gesehen habe. Die wenigen Autos, die wir in den letzten Stunden sahen, waren auch fast alles Lada Niva Gel\u00e4ndewagen \u2013 kein Wunder bei diesen Pisten, und ja, in Costa Rica waren wir auch mit einem Gel\u00e4ndewagen genau deshalb unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo es hinauf geht, muss es auch irgendwann wieder herunter gehen \u2013 im Schritttempo, Serpentine f\u00fcr Serpentine in einem Gebirgsbach alias Stra\u00dfe. Die Teerst\u00fccke sahen aus, als ob sie von einem Riesen einfach so herausgebrochen wurden und es bestand permanent die Gefahr mit dem h\u00f6hergelegten Auto trotzdem an irgendeiner dieser Abbruckkanten aufzusetzen. In einem weiteren Seitental angekommen, stand auf einem rostigen Kontainer etwas auf Russisch mit einer Spraydose gespr\u00fcht, was eventuell \u201eAlaverdi\u201c hei\u00dfen konnte. Der Pfeil f\u00fchrte gl\u00fccklicherweise, genauso wie das Navi, und mein Orientierungssinn in die gleiche Richtung nach links. Die Stra\u00dfe wurde nicht wirklich besser, aber das bereitete mir wesentlich weniger Sorgen, als die Steine und Felsst\u00fccke, die ab und zu so auf der Stra\u00dfe herumlagen. Was passiert eigentlich, wenn so ein Ding gerade herunterbricht, wenn wir unter der Felswand entlangfahren? Zum Gl\u00fcck musste ich mich viel zu sehr auf die Schlaglochseen, Steine und einmal auch auf einen rostigen Nagel konzentrieren, der einfach so auf der Fahrbahndecke nach oben zeigte, als mir weiter dar\u00fcber Gedanken zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann erreichten wir wieder das Haupttal und ein Lada kam uns entgegen und der Fahrer machte Zeichen, stehen zu bleiben. W\u00e4hrend ich in Mittelamerika in so einer Situation lieber das Gaspedal bis zum Boden durchtrete, entschloss ich mich hier tats\u00e4chlich zu halten, gelten doch die Staaten des Kaukasus als sehr sicher. \u00dcberf\u00e4lle auf Autos sind nahezu komplett unbekannt und man konnte unser Auto auch gar nicht als Mietwagen identifizieren. Das war dann wohl auch der Grund, warum wir angehalten wurden. Der Fahrer konnte nat\u00fcrlich kein Englisch, wollte wohl aber nach dem Weg zu einem mir unbekannten Ort fragen und erw\u00e4hnte das international wohl wirklich einheitliche Wort \u201eTunnel\u201c. Oh Gott, wenn jetzt auf der Strecke noch ein Tunnel zu passieren w\u00e4re, der vielleicht aufgrund eines Felsrutsches gesperrt war, dachte ich mir. Ich konnte dem armen Mann nicht weiterhelfen, versuchte zu gestikulieren, dass man, wenn man in einigen Kilometern links abbog \u00fcber diese kleine Stra\u00dfe \u00fcber den Berg wieder auf diese Hauptstra\u00dfe gelangte. Keine Ahnung, ob ihm das weiterhalf. Wahrscheinlich war er genauso schlau wie zuvor, ich war aber tats\u00e4chlich beunruhigt, aufgrund des Worts \u201eTunnel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im weiteren Verlauf der Stra\u00dfe kam uns tats\u00e4chlich kein Auto entgegen und ich machte mich schon darauf gefasst, dass hinter der n\u00e4chsten Kurve tats\u00e4chlich die Stra\u00dfe an einem Tunnel endete. Stattdessen sahen wir irgendwann die ersten Lichter von Alaverdi und wenig sp\u00e4ter befanden wir uns auch schon auf dem kleinen Serpentinenstr\u00e4\u00dfchen in das Bergdorf Haghpat, in dem unser Navi, uns nochmals einen kleinen Streich spielte, in dem es irgendwie auf direktem Weg ein enges G\u00e4sschen zu unserer Unterkunft nehmen wollte. Diese befand sich zum Gl\u00fcck neben dem von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten Kloster, so dass wir einfach auf der Hauptstra\u00dfe blieben und dann auf einem Platz ankamen. Das Kloster war angetrahlt, der Rest des Kaffs war dunkel, inklusive unserer Unterkunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war erst halb acht Uhr abends, aber wirklich alles bis auf das Kloster stockfinster. Ich konnte aber zum Gl\u00fcck noch ein paar Gestalten ausmachen, stieg aus und fragte, ob es sich hier um das Haghpat Hotel handelte. \u201eYes\u201c war die erl\u00f6sende Antwort. Der Begriff \u201eHotel\u201c ist ja recht schwammig. Wenn es aber nur einen Raum und f\u00fcnf Zimmer gibt, die alte Dame und der zahnlose Herr, der mich an Louis de Funes erinnerte, die einzigen Mitarbeiter waren, dann w\u00fcrde der Name Homestay die Unterkunft schon besser beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiter oben habe ich ja das Internet wegen der M\u00f6glichkeit gelobt, dass lokale Agenturen weltweit ihre Dienstleistungen anbieten k\u00f6nnen. Eine weitere M\u00f6glichkeit des Internets sind ja die beliebten Hotelbewertungen. Es soll bekanntlich Leute geben, die stundenlang Hotelbewertungen lesen oder abgeben. Fr\u00fcher nahm ich an, dass die Eigent\u00fcmer sich teilweise ihre Bewertungen vielleicht selbst schreiben \u2013 nat\u00fcrlich nur die guten. Das stimmt wohl so nicht wirklich und bei unserem alten P\u00e4rchen bestimmt nicht, schlie\u00dflich konnten sie kaum Englisch, geschweige denn Deutsch etc. Die Bewertungen waren eigentlich durchweg positiv und die Alten waren auch tats\u00e4chlich sehr herzlich und nett. Allerdings regnete es immer noch und es war ziemlich kalt. Das st\u00f6rte uns in der ersten Nacht noch nicht wirklich, aber die zwei folgenden N\u00e4chte waren einfach unangenehm und anstrengend. Die euphorischen Bewertungen das Bad betreffend konnte ich noch halbwegs nachvollziehen: es war sauber, gro\u00df und warmes Wasser gab es in der ersten Nacht auch noch. Dass die Klosp\u00fclung nicht automatisch funktionierte und man immer den Wasserkasten \u00f6ffnen musste, an dem Styropor-Ding herumspielen musste, damit das Wasser reinlief \u2013 geschenkt, dass man den Kasten irgendwann auch \u00f6ffnen musste, damit das Wasser nicht einfach durchfloss \u2013 in vielen Teilen der Welt auch normal, also so what?! Dass aber einer schrieb, das Hotel k\u00f6nnte es mit einem Vier-Sterne-Ding in der Erewan aufnehmen, fand ich dann doch mit den gr\u00f6\u00dften Quatsch, den man in Bezug auf diese Location verfassen konnte. Sp\u00e4testens dann, als es \u00fcberhaupt kein Wasser mehr gab (das dann eine Stunde sp\u00e4ter wieder kam) und nat\u00fcrlich der Strom auch noch regelm\u00e4\u00dfig ausfiel. All das ist f\u00fcr mich Alltag in vielen L\u00e4ndern der Welt. Aber die K\u00e4lte und die fehlende M\u00f6glichkeit, tats\u00e4chlich Abhilfe zu schaffen war einfach \u00e4tzend: Heizungen waren Fehlanzeige. Bei der mobilen Elektroheizug, die wir in der letzten Nacht erhielten, steckten wir den Stecker in die Steckdose mit dem Resultat, dass wenig sp\u00e4ter die Sicherung rausflog. Auch die Matraze, bei der man jede einzelne Feder am Morgen als tempor\u00e4res Tatoo mit sich trug, war einfach schlecht. Da fragte ich mich schon, was solche Bewertungen eigentlich bringen. Klar, im Sommer braucht man keine Heizung, aber Matratzen sind ja das A und O einer \u00dcbernachtung. Schlie\u00dflich verbringt man darauf ja dann doch oft ein Drittel seiner Reise. Wir h\u00e4tten vielleicht mangels Alternative trotzdem in diesem Hotel \u00fcbernachtet, aber dass dieses so enthusiastisch in den komplett wolkenverhangenen Himmel von Haghpat gelobt hat, zeigt mir dann doch, dass Bewertungen im Internet einfach mit Vorsicht zu genie\u00dfen&nbsp;sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenfalls gut bewertet wurden unsere F\u00fchrer von Alaverdiguides. 25 zum Teil sehr gut englisch sprechende junge Armenierinnen und Armenier m\u00f6chten Reisenden ihre Region zu Fu\u00df vorstellen. Dazu bieten sie Halb- und Ganztageswanderungen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade an. Obwohl das Wetter nicht so recht mitspielte war der Aufenthalt dank der Guides in Haghpat wirklich wunderbar. Auf alten Fu\u00dfwegen ging es vom Kloster Sanahin zur\u00fcck zu unserem Kloster in Haghpat. Theoretisch w\u00e4ren wir noch in ein weiteres Bergdorf gelaufen \u2013 aber es regnete dann doch zu stark und im Nachhinein bin ich froh, diese Tour abgebrochen zu haben, denn in der Nacht taten sich Magen und Darm zusammen, um mich auf Trab zu halten, indem ich des mehrmals den Wasserkasten herumschieben musste. Komplett platt stellte sich f\u00fcr mich am n\u00e4chsten Morgen die Frage, Bett oder Basilika? Schlie\u00dflich wollten wir von einer alten Basilika unterhalb einer Felskante mit unserem Guide durch einen Canyon wandern. Ich entschied mich darauf zu vertrauen, dass die drei Marmeladebrote im Magen blieben und mir genug Kraft gaben, den Walk durchzuhalten. Dies gelang schlie\u00dflich mit Ach und Krach. Es war schon interessant zu sehen, wie der K\u00f6rper innerhalb einer Nacht komplett abbauen und f\u00fcr mich eine relativ einfache 9 km Wanderung zur absoluten Herausforderung werden kann. Am Ende der Wanderung wurden wir von einer alten Frau angesprochen. Daviet, unser Guide, kannte sie nicht, konnte uns aber \u00fcbersetzen, dass sie uns auf einen armenischen Kaffee einladen wollte. Das war bereits die zweite Kaffeeeinladung, nachdem wir beim M\u00fcllsammelsonntag schon diesen herrlich starken Kaffee, bei dem der Satz in der Tasse verbleibt, gratis genie\u00dfen durften. Auf der heutigen Wanderung bekamen wir von einem Schafhirten Waln\u00fcsse geschenkt und die alte Dame toppte alles, denn nat\u00fcrlich blieb es nicht beim Kaffee. Baklava-Geb\u00e4ck und eingelegte gr\u00fcne Waln\u00fcsse wurden zum Nachmittagskaffee gereicht. Die Gastfreundschaft der armenischen Bev\u00f6lkerung war tats\u00e4chlich umwerfend und nat\u00fcrlich h\u00e4tten wir f\u00fcr den Kaffee auch etwas bezahlt, das w\u00e4re allerdings als unh\u00f6flich angesehen worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag spielten sowohl das Wetter als auch der Magen und der Darm wieder mit, so dass es mit dem Auto wieder auf Abenteuer durch Armenien gehen konnte. Bis Wanadzor sollte es eigentlich die gleiche Strecke zur\u00fcckgehen, aber nat\u00fcrlich informierten wir uns vorher und erfuhren so, dass die Stra\u00dfe eigentlich f\u00fcr zwei Jahre (!) gesperrt sei, da u.a. der Tunnel (aha!) erneuert wurde und eine gro\u00dfr\u00e4umige Umleitung eingerichtet sei. Das war auch in der jetzt zu nehmenden Fahrtrichtung tats\u00e4chlich entsprechend mit einem Schild angegeben. Leider fehlte dieses auf der Hinfahrt. So aber verlief die Weiterfahrt nach Dilijan komplett ereignislos. Statt der avisierten 2 Stunden, fuhren wir zweieinhalb Stunden aber das ist ja kein Vergleich zu den sechs Stunden, die wir von Erevan statt der zweidreiviertel Stunden brauchten. Bevor wir losfuhren, bekamen wir von der alten Dame unseres Homestays noch Socken zum Abschied geschenkt \u2013 weil wir so viel gefroren haben. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich mochte den Aufenthalt trotzdem, das Menschliche in dieser Herberge wurde wirklich gro\u00df geschrieben. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass die beiden alten Menschen so zunehmend ihre Schwierigkeiten hatten, das Hotel so zu leiten, dass es nicht verkommt. Auch wenn sie nur f\u00fcnf Zimmer hatten \u2013 Madame hat abends f\u00fcr alle gekocht, morgens Fr\u00fchst\u00fcck gemacht und nat\u00fcrlich m\u00fcssen die Zimmer in Stand gehalten werden. Mich haben halt nur die extrem positiven Bewertungen gewundert. Nat\u00fcrlich bat die Dame auch eindringlich darum, dass wir ihr Hotel positiv bewerten. Und diesem Wunsch sind wahrscheinlich die meisten G\u00e4ste nachgekommen \u2013 sicherlich auch ein bisschen aus Dankbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Dilijan angekommen, wurden wir von unserem n\u00e4chsten Hoteleigent\u00fcmer mit einer m\u00e4chtigen Alkohohlfahne begr\u00fc\u00dft. Dass er darauf bestand, sofort bei der Ankunft zu zahlen, wir aber nicht genug Cash dabei hatten und somit mit der Kreditkarte versuchten zu zahlen, lie\u00dfen den ersten Eindruck etwas ins Negative abgleiten. Es blieb beim Versuch mit der Karte zu zahlen, denn erstens wollte er nur die H\u00e4lfte mit der Karte haben, dann war er so ungeduldig, da das Leseger\u00e4t \u201ePlease Wait\u201c anzeigte, er aber statt zu warten, dieses auf den Tisch schlug und dieses in alle Einzelteile zersprang. Es qu\u00e4lte aber noch einen Beleg raus auf dem \u201eApproved\u201c stand. Er behauptete aber felsenfest, dass der Betrag nicht abgebucht wurde. Zum Gl\u00fcck ging es nicht um gro\u00dfe Betr\u00e4ge (ca. 34 \u20ac), aber genervt war ich trotzdem. Und nat\u00fcrlich wurde mir der Betrag abgebucht. Aktuell versucht das Hotel mir den Betrag wieder zur\u00fcckzutransferieren &#8211; Ausgang offen&#8230;und die Bank m\u00f6chte den Betrag auch nicht erstatten, obwohl ich den Beleg nicht unterschrieben habe&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fuhren zum n\u00e4chsten Geldautomaten holten das Geld und konnten dann im Casanova Inn, erstmal entspannen. Jede T\u00fcr ziehrte eine venezianische Karnevalsmaske und der gro\u00dfe Aufenthaltsraum war beheizt \u2013 juhu! Auftauen, aufw\u00e4rmen und sich von der K\u00e4lte Haghpats erholen. Anders als viele St\u00e4dte Armeniens, die aus h\u00e4sslichen grauen heruntergekommenen Plattenbauten bestehen, gab es in Dilijan vereinzelt sehr h\u00fcbsche H\u00e4user. Der Ort war schon in der Sowjetunion als Touristen-Ziel und Kurort bekannt, vielleicht wurde daher ein bisschen mehr auf eine ansprechende Bausubstanz geachtet. Kulinarisch war Dilijan auch wieder ein Paradies, sogar f\u00fcr Vegetarier. \u00dcberall im Kaukasus erhalten diese Salate, viel Gem\u00fcse, Kartoffeln und leckeres frisches Brot. Sogar Urgetreide wie Emmer findet den Weg auf die Speisekarte. W\u00e4hrend wir in Haghpat mangels Alternative drei N\u00e4chte Homecooking erlebten, was leider f\u00fcr Vegetarier etwas \u00f6de, aber wenigstens satt machend war, gibt es in Dilijan tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Restaurantszene. Noch sch\u00f6ner war allerdings die umgebende Natur mit ihren Blumenwiesen, Nadelw\u00e4ldern, Schneebergen und was in Armenien nat\u00fcrlich nicht fehlen darf: Kl\u00f6stern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck in die Hauptstadt Erevan f\u00fchrte die Reise am tiefblauen Sevan-See auf ca. 2.000 Metern entlang. Hinter einer Biegung der Autobahn ragte dann pl\u00f6tzlich der Berg Ararat der \u00fcber 5.000 Meter hoch ist, hinter der Millionenmetropole Erewan hervor. Ein erhebender Anblick und ein wunderbarer Abschluss dieser Reise durch ein faszinierendes Land mit herrlicher Natur, imposanten Kl\u00f6stern und sehr sehr freundlichen Bewohnern. Ich hoffe nicht, dass es wieder zw\u00f6lf Jahre dauert, um diesem wunderbaren Land, den n\u00e4chsten Besuch abzustatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo aus Mainz, \u201enach 12 Jahren habe ich es endlich geschafft, wieder nach Armenien zu reisen. 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