{"id":266,"date":"2007-06-12T08:52:09","date_gmt":"2007-06-12T08:52:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/?p=266"},"modified":"2019-04-11T08:52:24","modified_gmt":"2019-04-11T08:52:24","slug":"osteuropa-2007-letzter-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/osteuropa-2007-letzter-teil\/","title":{"rendered":"Osteuropa 2007 letzter Teil"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Guten Tag aus Mainz!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hatte ich beim Verlassen von Rum\u00e4nien \u00fcber die teilweise konstant schlechte Strass geschimpft, dann wusste ich noch nicht, was mir in der Republik Moldau bevorsteht &#8211; zumal die ersten Kilometer auf einer Betonpiste sich gar nicht so schlecht anlie\u00dfen. Aber dann mutierte einerseits die Stra\u00dfe in eine Trasse, die alle drei bis vier Meter quer \u00fcber die Fahrbahn wie ein Keks durchgebrochen war. Das Vorw\u00e4rtskommen \u00e4hnelte dem Radeln auf Eisenbahnschwellen und dies tat meinem Hintern mehr als weh. Um eine Reise vorzubereiten, liest man f\u00fcr gew\u00f6hnlich sich mit einem Reisef\u00fchrer ein. Meiner laberte etwas davon, dass das Radeln wegen der schlechten Strassen strapazi\u00f6s sei &#8211; aber das Land \u201eflach wie ein Brett sei\u201c. Hm, der Reisef\u00fchrer stammt aus Australien und vielleicht hei\u00dft dort die Bezeichnung \u201eflach wie ein Brett\u201c, dass man in Downunder von der Vertikalen spricht. So in etwa sind dann in der Realit\u00e4t auch wirklich die Strassen angelegt: Mir gingen immer wieder die Worte \u201ehoch und nieder immer wieder\u201c im Kopf rum, denn es ging immer einen H\u00fcgel hoch und sofort wieder runter und wieder hoch und\u2026 Vielleicht hatten die Aussies auch nur ein Brett vorm Kopf, denn so eine Aussage zu treffen, da muss man schon ganz sch\u00f6n neben der Spur sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die h\u00fcgelige Landschaft und die Schwellenstra\u00dfe als Pappelallee angelegt, luden zum Dauer-Picknicken ein. Als dann noch die ersten Pinienw\u00e4lder und die Myriaden von Weinbergen auftauchten, kam ich mir vor, als ob ich in der Provence oder der Toskana durch die Gegend holpere &#8211; OK die Strassen lie\u00dfen mich wieder daran erinnern, dass ich in Moldau unterwegs war. Der Verkehr nahm immer mehr zu und irgendwie \u00fcberholten mich kaum Ladas oder Dacias, die rum\u00e4nische Automarke, sondern nur deutsche Wertarbeit. Die Moldauer scheinen es zu lieben, unter einem guten Stern oder mit wei\u00df-blauem Karologo durch die Gegend zu d\u00fcsen. Das Tempolimit h\u00e4ngt eher vom Verkehr, dem Stra\u00dfenzustand und den Witterungsbedingungen ab als von irgendwelchen, zum Teil handgemalten, Verkehrszeichen. Ich kam mir wie ein Zuschauer einer Autowerbung bei einer Pause der \u201eSportschau\u201c vor. In vielen L\u00e4ndern fahren ja die Reichen deutsche Kisten. Diese sehen dann aber schon meist sehr mitgenommen aus, es fehlen Au\u00dfenspiegel oder das Model ist nicht mehr ganz das neueste. Hier k\u00f6nnte man die IAA direkt auf der Landstrasse abhalten. Nur die Top-Modelle holpern durch dieses kleine Land. Und jetzt verstehe ich auch, warum es fast in jedem Kaff eine Waschanlage gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 165 Kilometern erreichte ich schlie\u00dflich mit dem Sonnenuntergang die Au\u00dfenbezirke von Chisinau, das mal wieder in einer Mulde liegt &#8211; aber dessen Strassen halbwegs gut geteert waren. Kopfsteinpflaster scheint in Moldau gl\u00fccklicherweise unbekannt zu sein. Daf\u00fcr herrschte wohl Bettenknappheit, da die billigen Hotels alle voll waren. Schlie\u00dflich fand ich Unterschlupf in einer 17-st\u00f6ckigen Touri-Kolchose, und mein Rad landete auf dem bewachten Hotelparkplatz neben einer Harley und einem Mercedes Coup\u00e9. Auf der Hotelsuche bin ich an einem Schickimicki-Restaurant nach dem anderen vorbeigefahren. Dabei bin ich doch gerade in der Hauptstadt des \u00e4rmsten Lands Europas angekommen. Der Durchschnittslohn liegt bei 70 US-Dollar im Monat! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hm, was soll ich in einer solchen Situation machen? Ich beschloss, die Frage lieber mal zu ignorieren, woher all die Kohle stammt, die hier protzig zur Schau gestellt wird. Vielmehr genoss ich die kulinarisch wirklich extrem gute Restaurantszene und wunderte mich nicht weiter. Vielmehr staunte ich \u00fcber das \u201eBeer House\u201c, die erste Gasthausbrauerei in Chisinau und das ungefilterte, k\u00fchle Blonde, das hier frisch gezapft in Weizengl\u00e4sern serviert wird. Auch die Speisen waren wie bspw. Truthahn in Banane sehr kreativ und langsam verstand ich die Welt an diesem Ort nicht mehr. Denn auch auf der Strasse sind Bettler, wie \u00fcbrigens auch in Rum\u00e4nien und der Ukraine die totale Seltenheit. Niemand l\u00e4uft zerlumpt durch die Gegend. Die High-Heels-Komune aus L&#8217;viv ist hier weniger anzutreffen als die edle Flip-Flop-Brigade, was auch ohne Kopfsteinpflaster auf einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Pragmatismus der moldawischen Damenwelt schlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stadt selbst, w\u00fcrde man die reinen Fakten gelten lassen, w\u00e4re als potth\u00e4sslich zu bezeichnen. 1940 durch ein Erdbeben praktisch schon am Tropf h\u00e4ngend, machte der 2. Weltkrieg der im 15. Jhdt. gegr\u00fcndeten Stadt den Garaus. Das Land, fr\u00fcher unter dem Namen Bessarabien bekannt, war mal kurz nach der Oktoberrevolution der Russen 2 Monate unabh\u00e4ngig. Sonst geh\u00f6rte es entweder als Provinz Moldawien zu Rum\u00e4nien oder zu den Russen bzw. ab 1945 als Moldawische Sozialistische Sowjetrepublik zur UdSSR. Und so hielten die Plattenbauten Einzug in der zerst\u00f6rten Stadt. Doch irgendwie waren die Planer auf dem gr\u00fcnen Trip und so ist die im Schachbrettstil angelegte Stadt mit Alleen und Parks durchzogen. Das dichte Bl\u00e4tterdach liegt wie ein Schleier auf den H\u00e4userschluchten, das jeden Blick nach oben auf die Betonkl\u00f6tze dezent unterbindet. Dadurch guckt man automatisch nur in die Strasse, und so f\u00fchle ich mich in der Stadt sogar sehr wohl. Die zum Teil sehr h\u00fcbschen Menschen flanieren die breiten, panzertauglichen Boulevards entlang, und dabei ist alles nur eine Frage des Sehens und Gesehen Werdens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mich weiterhin in diesem Land irritiert ist die Sprache, die hier gesprochen wird. Offiziell wurden, Gorbi sei Dank, 1988 zun\u00e4chst einmal wieder die lateinischen Schriftzeichen und &#8222;Moldawisch&#8220; eingef\u00fchrt. Trotzdem finden sich sogar noch Verkehrsschilder vereinzelt in kyrillischen Schriftzeichen. Auf der Stra\u00dfe h\u00f6re ich auch mehr slawische Gespr\u00e4chsfetzen &#8211; also entweder russisch oder ukrainisch. Das mit dem \u201eMoldawischen\u201c ist eigentlich ein Witz, denn es ist handelt sich dabei h\u00f6chstens um einen Dialekt der rum\u00e4nischen Sprache. Doch in einem Anflug von \u00fcbertriebenem Nationalstolz wurde sogar ein Moldawisch-Rum\u00e4nisch-W\u00f6rterbuch publiziert. Dies w\u00fcrde in etwa einem Meenzerisch-Deutsch-W\u00f6rterbuch entsprechen. Doch das W\u00f6rterbuch ist nur ein Mosaikstein f\u00fcr die Politik, die hier betrieben wird. Pr\u00e4sident Voronin versucht sowohl mit Russland zu kuscheln, in dem er sich von den rum\u00e4nischen Wurzeln, die hier \u00fcberall existieren, distanziert. Gleichzeitig kuschelt er mit EU und NATO um Hilfe zu ergattern, die dieses Land bitter n\u00f6tig hat &#8211; trotz all dem Protz auf der Gasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Menschen, denen ich hier begegne, freuen sich \u00fcber uns Touristen &#8211; denn wir haben hier Seltenheitscharakter. Viele haben in der Schule Deutsch gelernt, der DDR sei Dank, und nun versuchen sie ihre verrosteten Deutschkenntnisse aufzufrischen. Dies geschieht nicht aufdringlich sondern eher nebenbei, wie bspw. bei den Parkw\u00e4chtern meines Rads. Fu\u00dfball und die EM-Qualifikation ist nat\u00fcrlich ein gutes Thema und schon sa\u00df ich in dem H\u00e4uschen der Parkw\u00e4chter und es wurde \u00fcber die Quali-Chancen von Russland und Rum\u00e4nien diskutiert &#8211; Moldau hat sowieso keine Chance &#8211; und aus der ehemaligen Sprudelflasche wurde mir pl\u00f6tzlich Rotwein serviert. Wenn man etwas \u00fcber Moldau wei\u00df, dann vielleicht, dass dieses Land praktisch nur aus Weinbergen besteht und die Qualit\u00e4t des Traubensaftes sagenhaft ist. So war auch der Rotwein im Parkh\u00e4uschen au\u00dfergew\u00f6hnlich gut (vertr\u00e4glich).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ich die Stadt erwandert hatte, machte ich mal wieder einen Radausflug. Die Touri-Attraktion schlechthin von Moldau ist ein Kloster, das in den Sandstein an einer Flussschleife gehauen wurde. Dementsprechend begegneten mir doch tats\u00e4chlich drei \u201eTouristen\u201c, die aber eigentlich gesch\u00e4ftlich hier zu tun hatten. Zun\u00e4chst versuchte ich das Kloster \u00fcber die Trampelpfade am Felsrand zu erreichen, was aber unm\u00f6glich war. Die Fenster des Klosters waren wie bei den Feuersteins in den Fels gehauen, doch um dort hinein zu gelangen musste ich den Tunnel finden. Eine gro\u00dfe Holztuer, die eigentlich verschlossen aussah, lie\u00df sich dann doch mit etwas Kraftaufwand \u00f6ffnen. \u00dcber eine Treppe im Finsteren gelangte ich schlie\u00dflich durch den Fels ins Kloster, wo ich von einem einsamen M\u00f6nch mit wehenden, langen, d\u00fcnnen, grauen Haaren und Rauschebart empfangen wurde. Der gro\u00dfe Raum wirkte mit vielen Jesus- und Marienbildern und dem goldenen Altar etwas \u00fcberladen &#8211; dennoch besa\u00df er eine sehr zur Besinnung einladende Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr unbesinnlich, weil wieder auf der Stra\u00dfe, radelte ich von Chisinau weiter in Richtung S\u00fcdosten weiter, Odessa, dem Ziel meiner Radtour entgegen. Eigentlich w\u00e4re es am einfachsten gewesen, diese Distanz von ca. 175 Kilometern mit einem \u00dcbernachtungsstopp in Tiraspol zur\u00fcckzulegen. Doch der Geschichte sei Dank, haben die Menschen mal wieder mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. So einfach so ans Schwarze Meer zu radeln, das geht ja gar nicht. Schlie\u00dflich gibt es in Moldau den Fluss Dnjestr, halb so breit wie der Rhein, daf\u00fcr doppelt so wichtig als Grenze zwischen zwei Kulturen. S\u00fcdlich des Dnjestr leben haupts\u00e4chlich Moldauer mit rum\u00e4nischen Wurzeln, n\u00f6rdlich davon im so genannten Transnistrien Moldauer mit russischen und ukrainischen Urspr\u00fcngen. Als es mit der UdSSR rapide bergab ging, steigerte sich das Besinnen auf die jeweilige Vergangenheit ins Unermessliche. Transnistrien bef\u00fcrchtete eine Wiedervereinigung Moldaus mit Rum\u00e4nien, wohingegen Moldau unabh\u00e4ngig von allen werden wollte und Transnistrien eher bestrebt war, die Sowjetunion wieder aufleben zu lassen. Es kam 1992 zum B\u00fcrgerkrieg im Hinterhof Europas, den nat\u00fcrlich niemand so richtig gewann. Aber seither ist Transnistrien ein Staat im Staate, mit eigener W\u00e4hrung, eigener Fahne, eigener Armee, eigener Polizei und eigenem Selbstverst\u00e4ndnis von einem Land \u2013 schlie\u00dflich wird es von keinem Staat der Welt anerkannt. Dieses Selbstverst\u00e4ndnis bringt mir als Reisendem aber nicht viel, denn in Transnistrien haben Hard-Core-Stalinisten das Sagen, die das Wort Rechtsstaat sicherlich noch nie geh\u00f6rt haben. Theoretisch ist es m\u00f6glich, durch diese abtr\u00fcnnige Region zu reisen, doch leider \u00e4ndern sich die \u201eEinreisebestimmungen\u201c schneller, als die Transferger\u00fcchte bei manch einem Fu\u00dfballspieler und zweitens wird der jeweilige zu entrichtende Betrag zum Erhalt der \u201eEin- bzw. Ausreisegenehmigung\u201c individuell festgelegt \u2013 sprich der Korruption und der Willk\u00fcr sind hier T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also wurde das nix mit Transnistrien, und ich bog von der Holperstra\u00dfe Richtung Stalinismus pur nach S\u00fcden ab, um zur ukrainische Grenze zu strampeln. Allerdings begab ich mich mit dieser Routen\u00e4nderung mal wieder in eine sehr prek\u00e4re Lage. Wo w\u00fcrde es auf dieser Strecke ein Hotel geben? Darf ich als Tourist die Grenze dort \u00fcberschreiten? Schlie\u00dflich sind manches Mal auf unserem Planeten nicht alle Grenzen f\u00fcr Jedermann ge\u00f6ffnet. Ja gibt es \u00fcberhaupt Restaurants im S\u00fcden Moldawiens und f\u00fchrt die Strecke nicht wom\u00f6glich doch noch \u00fcber das Gebiet von Transnistrien, das sich sporadisch auch \u00fcber den Fluss nach S\u00fcden ausstreckt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peu \u00e0 peu wurden mir meine Sorgen genommen. Zun\u00e4chst sah ich schon mal Vehikel mit ukrainischen und russischen Nummernschildern, Busse mit den Schildern \u201eOdessa-Chisinau\u201c darauf geschrieben und Corps Diplomatique Kennzeichen. Also war die Grenze offen und der Umweg \u00fcber S\u00fcdmoldau, um Transnistrien zu umgehen, wohl berechtigt. Dann fand ich in einem Ort ein Restaurant, wo mir nach l\u00e4ngerem Hin- und Her die Frage gestellt wurde, was ich denn essen m\u00f6chte, denn es gab keine Karte und der Wirt machte mir den Anschein, dass ich ihn mit meinem Hungergef\u00fchl \u00fcberraschte. Mir fielen die rum\u00e4nischen W\u00f6rter \u201eporc\u201c (Schwein), \u201ecartofi\u201c (Kartoffeln) und \u201esalat\u201c ein und ruckzuck landete ein Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat auf meinem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Marketing-Strategie der Werbung f\u00fcr ein Hotel in einem Weingut wurde mittels gro\u00dfer Tafeln am Stra\u00dfenrand bis zum Exzess durchgef\u00fchrt, und ich wich von meinem urspr\u00fcnglichen Plan ab, in einem einfachen Gasthaus zu n\u00e4chtigen, welches in meinem Reisef\u00fchrer aufgelistet war. Ich hatte eh kein gro\u00dfes Vertrauen mehr in diesen Reisef\u00fchrer, da viele Dinge, die es vielleicht einmal in Moldau gab, pl\u00f6tzlich nicht mehr gab. Daf\u00fcr gab es ja bekanntlich umgekehrt auf einmal viele H\u00fcgel, die die Autoren des Reisef\u00fchrers als \u201eflach wie ein Brett\u201c bezeichneten. Ich bog von der Stra\u00dfe nach 120 Kilometern ab und rollte zum Dnjestr 5 Kilometer steil bergab, um dann vor der Hotelpforte von einem W\u00e4chter im Kampfanzug begr\u00fc\u00dft zu werden. Anscheinend hatte man keine Lust f\u00fcr einen Gast die T\u00fcr zu \u00f6ffnen und mit einem \u201eNjet\u201c verstand ich, dass ich jetzt ein \u00dcbernachtungsproblem hatte. Da man in Moldau immer einen Plan B haben muss, radelte ich eine Abk\u00fcrzung in das Dorf, in dem es angeblich ein Gasthaus gab. Nach ca. 20 Kilometern auf der Schotterpiste erreichte ich den Weiler. Im Buch stand eine Telefonnummer, niemand nahm ab, aber es gab ja auch eine Adresse \u2013 dumm nur, dass es in dem Dorf gar keine Stra\u00dfennamen, geschweige denn Hausnummer gab. Und die Einheimischen wussten nichts von einem Gasthof!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samstag Abends kurz vor Sonnenuntergang in S\u00fcdmoldawien hatte ich nun echt ein Problem. Wo sollte ich ohne Zelt \u00fcbernachten. Nach 2 Stunden befand ich wieder an der Kreuzung an der ich urspr\u00fcnglich zum ersten Hotel abbog und fuhr weiter. Nat\u00fcrlich muss man auch mal Gl\u00fcck haben und dieses fand ich in Form einer Fernfahrerkneipe \u2013 der einzigen die ich in 391 Kilometern Moldau-Radeln fand. Ich durfte die Nacht in der 24 Stunden lang ge\u00f6ffneten Kneipe verbringen. Allerdings kamen dann die Fernfahrer in den Gasthof, gaben mir einen \u201eSchnaps\u201c wie sie sagten nach dem anderen gegen meinen Willen aus. Es war nat\u00fcrlich Wodka und am Ende des Abends boten sie mir an, auf der Pritsche in der LKW-Kabine zu n\u00e4chtigen. Mit Ohropax hielt ich auch das Geschnarche eines moldauischen Fernfahrers aus und war froh ein Dach \u00fcber dem Kopf f\u00fcr die Nacht gefunden zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen rollte ich ohne Kater halbwegs ausgeschlafen zur Grenze, wurde von den Beamten wieder zuvorkommend bedient und war ruckzuckwieder in die Ukraine eingereist. Da meine beiden Karten sich mit den Entfernungen mal kurz um 40 Kilometern verrechneten, brauchte ich nur 85 statt 125 Kilometer, um in Odessa am Schwarzen Meer anzukommen. Kaum im Hostel \u2013 oh ja! \u2013 angekommen, zu Mittag gegessen, fuhr ein Bus mit dem Team von Schachtjor Donetsk an mir vorbei. Als dann die ersten Fans mit Schwarzmeer-Odessa-Fanschals an mir vorbeimarschierten, nahm ich die F\u00e4hrte gemeinsam mit einem Engl\u00e4nder auf, ukrainische Bundesliga live im Stadion zu verfolgen. Das Stadion liegt wie das Volksparkstadion in Hamburg in einem riesigen Park und anders als in Mainz gab es an der Tageskasse noch Karten f\u00fcr das Spiel. Stadionzeitungen wurden auch verkauft \u2013 allerdings hatten diese keinen Informationscharakter sondern sch\u00fctzten den ukrainischen Hintern vor dem Schmutz auf den Sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Snack auf den billigen Pl\u00e4tzen gab es Popcorn und Schrimps aus der Pappt\u00fcte. Um das Anstehen f\u00fcr Getr\u00e4nke zu verk\u00fcrzen wurde das Bier kurzerhand einfach in 1-Liter-Plastikflaschen verkauft, mit denen man allerdings dann nicht mehr auf die Sitze durfte. Vielmehr fristeten wir Biertrinker unser Dasein in der Verbannung am oberen Trib\u00fcnenrand. Das Spiel war vor allem aus Sicht von Donetsk recht schlecht, denn die spielen ja regelm\u00e4\u00dfig UEFA-Cup und daf\u00fcr war dieses 0:0 einfach grottig. Die Zuschauer machten allerdings gut Stimmung und so war der Sonntag Nachmittag gerettet. Au\u00dfer Fu\u00dfball gucken, lieben es die Bewohner von Odessa sich an den Strand zu knallen oder in der Innenstadt flanieren zu gehen. So lie\u00df auch ich das Ende dieser Reise gem\u00fctlich am Schwarzen Meer ausklingen. Nach 1.145 Radel-Kilometern durch eine f\u00fcr mich davor sehr unbekannte Region unseres Kontinents, bin ich von den bereisten L\u00e4ndern wirklich sehr angetan. Vielleicht ist es jetzt und in den n\u00e4chsten beiden Jahren wirklich die beste Zeit, diese verborgenen Perlen zu entdecken, bevor L\u2019viv wie Prag von Kulturtouristen \u00fcberrannt, Moldawien von Weinbegeisterten \u00fcberflutet und Odessa wie Mallorca von Partytouristen \u00fcberv\u00f6lkert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guten Tag aus Mainz! 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