{"id":164,"date":"2018-01-23T17:48:20","date_gmt":"2018-01-23T17:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/?p=164"},"modified":"2019-04-08T05:58:48","modified_gmt":"2019-04-08T05:58:48","slug":"sierra-leone-2017-letzter-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/sierra-leone-2017-letzter-teil\/","title":{"rendered":"Sierra Leone 2017 letzter Teil"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gefahr, dass Fremde davon Wind bekommen, dass hier zwei Touris alleine ausharren und man diese vergewaltigen oder direkt abschlachten k\u00f6nnte, bevor man sich ihrer Barreserven bem\u00e4chtigte, sch\u00e4tzten wir als nicht sehr hoch ein \u2013 auszuschlie\u00dfen war es aber auch nicht wirklich. Ich hatte irgendwie eher das ungute Gef\u00fchl, dass die Leute vielleicht bis in die Puppen feiern und uns schlicht vergessen w\u00fcrden. Ich war mir nicht im Klaren dar\u00fcber, warum ich so misstrauisch war \u2013 aber vielleicht wird man das mit der Zeit, wenn man Jahr ein Jahr aus stetig schlimmere Nachrichten zur Kenntnis nimmt und mit der Zeit einfach nur noch den \u201eWorst Case\u201c als plausibelste M\u00f6glichkeit annimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem wir uns im Visitors Centers gegenseitig genug verr\u00fcckt gemacht hatten, entschlossen wir uns trotzdem so zu tun, als w\u00e4re alles normal und wir legten uns schlafen, w\u00e4hrend wir in der tollsten Natur, die \u00e4tzende Zivilisation in Form von nervender Musik mitbekamen. Vor Jahren auf meiner Weltreise lernte ich auf der Zugfahrt von Malaysia nach Thailand einen sehr weit gereisten Niederl\u00e4nder kennen. Wir quatschten damals einen Gro\u00dfteil der Fahrt nat\u00fcrlich \u00fcbers Reisen. Peter meinte damals, man br\u00e4uchte einfach immer einen Plan B. So \u00fcberlegte ich mir in den folgenden Stunden meinen Plan B, falls wir die Nacht \u00fcberleben sollten und uns am Morgen niemand Kaffee servieren w\u00fcrde. Essen hatten wir praktisch keines mehr. Es gab auch nichts wie Fr\u00fcchte oder Gem\u00fcse, was man h\u00e4tte verzehren k\u00f6nnen. Wasser gab es ungefiltert aus dem Fluss, das f\u00fcr die Klos und die Dusche genutzt wurde. Vielleicht gab es an der Feuerstelle ein Feuerzeug, so dass wir Wasser h\u00e4tten abkochen k\u00f6nnen. Strom gab es dank der Solarzellen, sodass das iPhone mit dem Navi drauf, das \u00fcber Satellit funktioniert, einwandfrei zu gebrauchen gewesen w\u00e4re. Wir h\u00e4tten es somit h\u00f6chstwahrscheinlich zur anderen Seite der Insel durch den Dschungel geschafft. Dort war zwar kein Dorf, aber der Fluss war so tief nicht, so dass wir wom\u00f6glich h\u00e4tten durch stiefeln k\u00f6nnen. Zwei Dinge, die ich in der Nacht noch nicht wusste, h\u00e4tten meinen Plan B im Nachhinein als ziemlich d\u00e4mlich entlarvt: Es gab Krokodile im Fluss und es gab einen Fu\u00dfweg vom Visitors Center nicht nur zur ca. 200 m entfernten Anlegestelle der Boote sondern auch einen Fu\u00dfweg nach Norden, der zu einer Bucht f\u00fchrt, die sich direkt gegen\u00fcber der Anlegestelle des anderen Dorfes befand. So h\u00e4tten wir problemlos auf uns aufmerksam machen k\u00f6nnen \u2013 weil diese auch gleichzeitig als &#8222;Waschmaschine&#8220; und &#8222;Bad&#8220; des Dorfes fungierte und w\u00e4hrend des Tages sich eigentlich immer jemand dort aufhielt, um im Fluss W\u00e4sche zu waschen oder sich zu reinigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171209_063103223_iOS.jpg\" alt=\"Ein Agame, unser Haustier im Zelt in Tiwai\"\/><figcaption>Ein Agame, unser Haustier im Zelt in Tiwai<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann fiel ich in einen Halbschlaf und bemerkte sp\u00e4ter, dass die Party wohl zu Ende war, da keine Musik mehr zu meinen Ohren durchdrang. Oropax hatte ich lieber nicht in die Ohren gesteckt \u2013 man m\u00f6chte ja seine \u201eAngreifer\u201c dann doch noch m\u00f6glichst fr\u00fch bemerken \u2013 eine d\u00e4mliche Vorstellung zwar, aber in dieser Situation war mit Rationalit\u00e4t in etwa so viel anzufangen, wie bei einem 05-Spiel im G\u00e4steblock. Als ich pl\u00f6tzlich Stimmen h\u00f6rte, war mir relativ sicher, dass es die Dorfbewohner waren und nicht irgendwelche R\u00e4uber und Vergewaltiger. In dieser Nacht n\u00e4herte sich tats\u00e4chlich niemand mehr unserem Zelt und ich schlief irgendwann ersch\u00f6pft ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag stand p\u00fcnktlich um sieben nicht nur der Kaffee auf dem Tisch, sondern auch unser Guide zum Waldspaziergang nebem dem Tisch. Er stank bestialisch nach Alkohol und vielleicht war das der Grund, warum wir an diesem Morgen weniger Affen entdeckten als am Morgen zuvor. Trotzdem genossen wir unser Leben, freuten uns, dass dieses genauso wie diese Reise weiterging und konnten es dann doch recht gut verkraften, nicht so viele Primaten vor die Linse zu bekommen. Am sp\u00e4ten Vormittag fragten wir nach, ob und wann, wie irgendwie tags zuvor vereinbart, das Dorf zu besuchen sei. Pl\u00f6tzlich war ein Boot und der Bootsjunge da und auch der Dorfspaziergang funktionierte schlie\u00dflich einwandfrei. Die Leute bauten allerlei Obst und Gem\u00fcse an und fischten im Fluss, um ihren Hunger zu stillen. Wie die f\u00fcnf anderen Tiwai umgebenden D\u00f6rfer profitierte auch Kambama von unserem Aufenthalt. Tiwai Island ist eine Kooperative, zu der sich die D\u00f6rfer rund um die Insel zusammenschlossen, um \u00d6kotourismus aufzubauen. Von den Einnahmen wurden Infrastrukturprojekte gef\u00f6rdert und die Menschen lernten, dass es sich finanziell am Ende mehr lohnt, die Affen zu sch\u00fctzen, statt zu fangen, um sie zu essen oder zu verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/DSC07072.jpg\" alt=\"Ein roter Colobus-Affe beobachtet uns beim Waldspaziergang\"\/><figcaption>Ein roter Colobus-Affe beobachtet uns beim Waldspaziergang<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem es sp\u00e4tnachmittags nochmals auf Bootsfahrt in den Sonnenuntergang ging, kamen tats\u00e4chlich, wie drei Tage vorher angek\u00fcndigt, unsere beiden Helfer vom ersten Tag aus Mapuma, dem anderen Dorf. Und mit dem letzten Licht des Tages bekamen wir dann sogar noch Zuwachs an Touristen. Eine Italienerin, die 8 Jahre in Sierra Leone Entwicklungshilfe leistete, schaute mir ihrem Sierra-leonischen Freund vorbei. Sie war erst mal \u00fcberrascht, \u00fcberhaupt Wei\u00dfe zu treffen. Sie fragte uns, was wir in Sierra Leone machten. Wir entgegneten ihr \u201eUrlaub\u201c. Sie meinte, ja klar, aber was uns letztlich tats\u00e4chlich hierher trieb, sprich f\u00fcr welche Firma oder welches Projekt wir arbeiten w\u00fcrden. Als wir entgegneten, wir seien wirklich stinknormale Touris, konnte sie es kaum glauben. Die dritte Nacht auf Tiwai Island schlief ich beruhigt ein, schlie\u00dflich waren wir nicht alleine. Nachts wachte ich pl\u00f6tzlich doch panisch auf, da mein Kopf juckte. Ich dachte an Fl\u00f6he oder an die beiden Agamen, Eidechsen-\u00e4hnliche Reptilien, die im Zelt mit uns lebten, war aber zu m\u00fcde, um den wahren Grund herauszufinden. Am n\u00e4chsten Morgen merkte ich, dass Ameisen ihre Stra\u00dfe \u00fcber meinen Kopf umgeleitet hatten \u2013 daher also dieses Kratzen und Jucken auf der Kopfhaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einfach mal so nach Sierra Leone zu fahren \u2013 das macht wohl wirklich fast niemand. Und so ist es wenig verwunderlich, dass wir in Tiwai dann so eine emotionale Achterbahnfahrt mitgemacht haben. Sicherlich hat den Dorfbewohnern niemand wirklich mal erkl\u00e4rt, was Touristen neben Essen und Trinken wirklich wollen, sprich, eigentlich immer Bescheid wissen, wann es was gibt, also, dass es dann und dann Mittag- oder Abendessen gibt, um soundsoviel Uhr die Dorfbesichtigung stattfindet etc. Und dass Touris nicht alleine gelassen werden m\u00f6chten \u2013 auch nicht 6 Stunden f\u00fcr die H\u00e4lfte der Nacht, weil Dorffest ist. Das ganze kann man den Leuten gar nicht vorwerfen, und vielleicht stellten wir uns auch ein wenig memmenhaft an, aber wir waren trotz der herrlichen Natur wirklich froh, am n\u00e4chsten Morgen zu Fu\u00df wieder 5 km durch den Dschungel zur anderen Inselseite zu wandern und der Insel den R\u00fccken zu kehren. Mit den Einb\u00e4umen ging es ruck zuck \u00fcber den Fluss und wir hofften darauf, dass Saidhu schon am Ufer mit seinem Nissan stand. Es war erst viertel vor neun und wir hatten neun Uhr ausgemacht \u2013 von daher hielt sich unsere Entt\u00e4uschung in Grenzen als kein Saidhu vom Ufer her winkte und die Zivilisation in Form des Nissan direkt am Ufer parkte. Wir marschierten mit den Jungs ins paar Hundert Meter entfernte Dorf und hier fing schon wieder das Kopfkino an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/P1120215.jpg\" alt=\"Der belebte Waschsteg am anderen Flussufer\"\/><figcaption>Der belebte Waschsteg am anderen Flussufer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Leute von Tiwai Island wollten Saidhu eigentlich noch anrufen, uns im anderen Dorf abzuholen, da die Strecke wesentlich k\u00fcrzer sei. Aber angeblich hatte ihn niemand erreicht. Wir hatten allerdings die Bef\u00fcrchtung, es h\u00e4tte ihn doch jemand erreicht und nun w\u00fcrde er vergeblich in Kambama auf uns warten. In Mapuma, unserem Dorf, wurden wir inzwischen von einer gro\u00dfen Schar an Kindern neugierig begutachtet. Der Dorf\u00e4lteste kam, stellte sich vor und wir erhielten zur Begr\u00fc\u00dfung zwei Kokosn\u00fcsse in die Hand gedr\u00fcckt. Die Bewohner bemerkten die aufkommende Verzweiflung in unseren Gesichtern, wo Saidhu wohl blieb, und man fragte nach seiner Telefonnummer. Ich gab sie den freundlichen Helfern, meinte aber, man h\u00e4tte hier doch eh keinen Empfang. Aber es gab genau an einer Stelle tats\u00e4chlich ein paar Streifen auf dem Handydisplay. Diese \u201eTelefonzelle\u201c war tats\u00e4chlich mit St\u00f6cken markiert, nur Saidhu nahm nicht ab \u2013 was mich wiederum wenig verwunderte, da er bestenfalls unterwegs war und keinen Empfang hatte. Um zwanzig nach neun probierten wir die Nummer der Autovermietung in Freetown, die angeblich 24 Stunden am Tag erreichbar war \u2013 ich h\u00f6rte das Freizeichen, aber auch hier nahm niemand ab \u2013 es war schlie\u00dflich Sonntag Morgen, kurz vor halb zehn in Sierra Leone.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plan B! Sollten wir ja immer griffbereit haben. Und somit fragte ich, wie man denn ins 47 km gelegene Kenema k\u00e4me, dem Beginn der Teerstra\u00dfe. \u201eMit dem Motorradtaxi\u201c war die Antwort. An diese habe ich noch sehr schlechte Erinnerungen, da ich 1999 mit diesem einen Unfall in Benin hatte. Der Fahrer freute sich damals so derma\u00dfen, einen Touri zu einem wohl derma\u00dfen guten Preis die paar Kilometer zu fahren, dass er weder nach links noch noch rechts blickte, die Kreuzung einfach \u00fcberquerte und uns ein von rechts kommendes Auto streifte, so dass wir fast drauf gegangen w\u00e4ren. Mein Wadenbeinbruch wurde erst rund drei Wochen sp\u00e4ter in Deutschland diagnostiziert \u2013 nachdem ich auf der Meenzer Fassenacht und dem dazugeh\u00f6rigen \u201eFinther Zug der Lebensfreude\u201c ein Krachen im Bein vernahm. Der Arzt, den ich dann am Aschermittwoch konsultierte, meinte, der Knochen sei in der Zwischenzeit wieder zusammengewachsen und beim Fastnacht feiern nochmals gebrochen. Meine Begeisterung f\u00fcr Motorradtaxis hielt sich also an diesem Sonntag Morgen in Sierre Leone deutlich in Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/DSC07314.jpg\" alt=\"Saidhu, unser Fahrer, ist in Mapuma angekommen\"\/><figcaption>Saidhu, unser Fahrer, ist in Mapuma angekommen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend ich gerade in die Preisverhandlungen einsteigen wollte, h\u00f6rte ich ein Motorenger\u00e4usch und ein paar Sekunden sp\u00e4ter bog der wei\u00dfe Nissan mit Saidhu hinterm Steuer um die Ecke. Die pure Erleichterung fiel mir wohl wirklich aus dem Gesicht heraus. Das beste an der Situation war die Tatsache, dass wir uns f\u00fcr die Gastfreundschaft der Bewohner Mapumas revanchieren konnten, indem wir einen unserer Begleiter von der Insel bis kurz vor Freetown und eine Frau zum Markt nach Kenema mit ihren Gem\u00fcsek\u00f6rben mitnehmen konnten. So hatten die Dorfbewohner tats\u00e4chlich noch etwas davon, dass Touris mit dr\u00f6hnenden Riesenautos in ihr Dorf kommen. F\u00fcr das Telefonieren wollte ich nat\u00fcrlich auch den Telefonisten entsch\u00e4digen, dieser fragte nur verst\u00e4ndnislos zur\u00fcck, wieso das denn? Hm, weil ich in einer anderen Welt gelernt habe, dass man helfenden Leuten ihre Auslagen ersetzt, wenn man dazu finanziell in der Lage ist. Ich fragte geistesgegenw\u00e4rtig, ob man vielleicht das Geld der Dorfgemeinschaft spenden k\u00f6nnte, was dann tats\u00e4chlich wohlwollend entgegen genommen wurde. Soviel Altruismus von Menschen, die selbst nicht viel haben und dann noch Touris aus der Klemme helfen m\u00f6chten \u2013 ich war \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fahrt zur\u00fcck auf die Freetown-Halbinsel verlief dann wieder vollkommen ereignislos, was in Sierra Leone auch einfach mal sch\u00f6n sein kann. Bemerkenswert fand ich allerdings die riesigen Plakate am Stra\u00dfenrand, die auf mich wirkten, als w\u00fcrde das ganze Land gerade versuchen, s\u00e4mtliche Missst\u00e4nde und Probleme anzugehen: W\u00e4hrend bereits vor den Einreiseschaltern am Flughafen auf den Kampf gegen Korruption hingewiesen wurde, las ich im Abstand weniger Kilometer, dass man Ebola-Opfer nicht ausgrenzen sollte \u2013 w\u00e4hrend die Schilder, Ebola-F\u00e4lle umgehend per SMS zu melden, langsam verrotteten. Es wurde f\u00fcr HIV-Tests geworben und darauf hingewiesen, dass eine HIV-freie Geburt von Kindern m\u00f6glich sei \u2013 eines der ganz gro\u00dfen Probleme Afrikas. Schlie\u00dflich sind in manchen L\u00e4ndern ein Viertel der Bev\u00f6lkerung HIV positiv. Gl\u00fccklicherweise gehen die Neuansteckungen zur\u00fcck und solche Plakate lassen wenigstens ein St\u00fcck weit positiv in die Zukunft blicken. Auch der Gewalt gegen Frau wird plakativ ein gro\u00dfes \u201eNO\u201c entgegen gestellt. Was mich ebenfalls beeindruckt hat, waren die bunten Plakate des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), die mir mit den \u201eSubstainable Development Goals\u201c bis 2030 ins Auge gesprungen sind: Neben Umweltaspekten, geht es hier um die Gleichstellung von Frau und Mann und eine Reduzierung von Ungleichheiten. Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, wenn sich Teile dieser Ziele tats\u00e4chlich in den n\u00e4chsten Jahren realisieren lassen w\u00fcrden \u2013 nicht nur in Sierra Leone, sondern auch bei uns zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/DSC07411.jpg\" alt=\"Angenehme \u00dcbernachtung in Tacugama\"\/><figcaption>Angenehme \u00dcbernachtung in Tacugama<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt zur\u00fcck in die Hauptstadt zu d\u00fcsen, ging es ins Schimpansen-Reservat Tacugama, um, wie anfangs berichtet, \u201eSomebody\u201c, unser Schimpansen-Kind zu besuchen. Tacugama wurde bereits 1995 gegr\u00fcndet, um die Schimpansen Sierra Leones vor der Ausrottung zu sch\u00fctzen. Das Gesetz in Sierra Leone verbietet es, Schimpansen zu fangen, um diese entweder als Haustier zu halten, diese als \u201eBushmeat\u201c zu essen oder zu verkaufen. Damit dieses Gesetz auch Wirkung entfaltet, erhalten die konfiszierten Schimpansen in Tacugama ein neues Zuhause. Mittelfristig sollen diese wieder auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden, was bisher allerdings noch nicht gelang. Durch Schulungen versucht man die Bev\u00f6lkerung davon zu \u00fcberzeugen, dass es einen Mehrwert bringt, Schimpansen zu sch\u00fctzen, damit Touris wie wir kommen und Geld im Land lassen \u2013 mehr Geld, als man mit dem Verkauf von Schimpansen machen kann. Nach der verheerenden Schlammlawine, die die Umgebung Tacugamas im August letzten Jahres heimsuchte und mehr als 400 Leute unter sich begrub, k\u00fcmmerte sich Tacugama zun\u00e4chst um die Waisenkinder und beginnt nun mit der Aufforstung des Gebiets. Schlie\u00dflich handelte es sich nicht ausschlie\u00dflich um eine Naturkatastrophe. Vielmehr war dieses Ungl\u00fcck durch die illegale Rodung von Wald auch menschengemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den N\u00e4chten von Tiwai im Zelt genossen wir es, in einer kleinen Rundh\u00fctte in den Bergen der Freetown-Halbinsel zu chillen und nur ab und zu die Ger\u00e4usche der Schimpansen zu vernehmen. Nachts \u201eschimpfte\u201c es dann pl\u00f6tzlich aus dem Ge\u00e4st. Ein Galago, auch als Buschbaby bekannter, Feuchtnasenaffe fand es wohl wenig erbauend, dass wir in seinem Revier den Ger\u00e4uschen der tropischen Nacht lauschten. Mit den Stirnlampen erkannten wir das nachtaktive Tier an seinen riesigen Ohren und gro\u00dfen runden Augen. Lustigerweise konnten wir in Tacugama vor den Toren der Hauptstadt Freetown nun endlich die Nachtruhe genie\u00dfen, die wir in Tiwai teilweise vermisst hatten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171211_115826000_iOS.jpg\" alt=\"Zu Besuch bei &quot;Somebody&quot; unserem Adoptiv-Schimpansen-Kind\"\/><figcaption>Zu Besuch bei &#8222;Somebody&#8220; unserem Adoptiv-Schimpansen-Kind<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck in die Hauptstadt Freetown ging es mit Mamadu und seinem etwas betagten Nissan Sunny, den uns die Leute Tacugamas organisierten. Mamadu schmunzelte, als er von unseren Erlebnissen in Tiwai h\u00f6rte. Er w\u00e4re mit seiner Klapperm\u00fchle schon mehrmals in Tiwai gewesen. Was sich f\u00fcr mich zun\u00e4chst ein bisschen nach Geprahle anh\u00f6rte, interessierte mich dann doch zunehmend, denn schlie\u00dflich war unsere Reise durch Sierra Leone noch nicht zu Ende und gute Fahrer, die sich auskennen und mit ihrem Wagen, der halt nicht der Monster 4WD ist, auch keine Mondpreise verlangen, findet man in Sierra Leone auch nicht alle Tage. Und schlie\u00dflich ging es ja erstmal wieder um meine Lieblingsbesch\u00e4ftigung, dem Geld holen. Und da machte sich Mamadu gleich mal sehr beliebt, da er Tanken musste und die Tanke einen Geldautomaten besa\u00df. Karte rein und lassen wir die Lotterie beginnen! Es kamen tats\u00e4chlich 30 Scheine raus, die f\u00fcr ca. eineinhalb Mal ausw\u00e4rts Essen reichen sollten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum n\u00e4chsten kleinen Abenteuer, zum Glamping auf den Banana Islands holte uns Mamadu wieder p\u00fcnktlich ab. Auf der Fahrt zum Anleger in Kent hatte ich schon wieder Bammel, dass erneut etwas unvorhergesehenes passiert, da Mamadu pl\u00f6tzlich anhielt, ausstieg und in einem Haus au\u00dferhalb von Freetown verschwand. Mit einer Kanne Wasser kam er wieder, \u00f6ffnete die Motorhaube und goss Wasser in den K\u00fchlwasserbeh\u00e4lter. Sp\u00e4ter entschuldigte er sich, dass er vergessen hatte, die morgendliche Ration an Wasser nachzuf\u00fcllen, ach so \u2013 kann man ja mal vergessen, in einem Land ohne T\u00dcV und Abgassonderuntersuchung. Problemlos kamen wir am Anleger an und fuhren wenig sp\u00e4ter mit dem Boot auf die Banana Islands. Dort wurden wir von Makel\u00e9 empfangen. Die junge Sierra Leonerin managt das \u201eBafa Resort\u201c wenn Sam der libanesische Eigent\u00fcmer in Freetown verweilt, was er die meiste Zeit tat. Makel\u00e9 hat ein Stipendium an einer Fernuniversit\u00e4t erhalten. Trotzdem muss sie 100 US$ im Monat selbst aufbringen \u2013 was nur 20% der gesamten monatlichen Geb\u00fchren betr\u00e4gt. Wenn man dies mit den Studiengeb\u00fchren in Deutschland vergleicht, sind die Preise hier in Afrika f\u00fcr die Ausblildung fast astronomisch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/DSC07591.jpg\" alt=\"Glamping auf den Banana Islands\"\/><figcaption>Glamping auf den Banana Islands<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Managerin ist sie f\u00fcr den Laden komplett verantwortlich und Chefin \u00fcber ein Dutzend Insulaner, die hier im Resort arbeiten. Vor dem Ebola-Ausbruch gab es hier sogar eine Tourismus-Schule auf der Insel und das Vermittelte wurde an den vielen Kleinigkeiten sichtbar, wie Stoff-Servieten, Tischdecken und -unterlagen, Solarlampen f\u00fcr die G\u00e4ste, die jeden Morgen zum Aufladen abgeholt wurden, einer French Coffee Press statt Nescaf\u00e9 u.v.m. F\u00fcr Makel\u00e9 war die praktische Anwendung dessen, was sie im Fernstudium lernte, optimal, konnte sie doch an der Rezeption stundenweise ihrem Studium nachgehen, wenn wir Touris \u201eruhig\u201c gestellt waren mit Essen, H\u00e4ngematte, Kayak etc. Dank des schnellen, mobilen Internets auf einer Insel, auf der es keine Wege, keine Karren, geschweige denn Autos gab, keinen Laden oder sonst irgendwelche Infrastruktur, war sie in der Lage ihren Start ins Berufsleben selbst in die Hand zu nehmen. In manchen Regionen Deutschlands, wo es bis heute keinen Handyempfang gibt, w\u00e4re eine solche Geschichte kaum m\u00f6glich, denn wie war das nochmal mit dem schnellen Internet bei uns auf dem Land?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Glamping war wirklich herrlich. In gro\u00dfen Rundzelten, die ich noch aus meiner Kindheit von Ferienlagern im Hunsr\u00fcck kannte, \u00fcbernachteten wir dekadenderweise tats\u00e4chlich zu zweit, wo wir als Kinder damals zu f\u00fcnft plus Gruppenleiter pennten. Das war tats\u00e4chlich schon glamour\u00f6s. Auch hier \u00fcberraschte Sierra Leone uns mal wieder, denn wir konnten wirklich mal richtig Urlaub machen und hatten keine Bef\u00fcrchtung, dass es nichts zu Essen gab oder wir alleine zur\u00fcckgelassen werden. Zu schnell sind die Tage auf diesem wunderbaren Eiland zu Ende gegangen. Auf der R\u00fcckfahrt zum Festland entdeckten wir tats\u00e4chlich unseren Fahrer vom Boot aus. Und Mamadu winkte schon vom Anleger entgegen. Auf der R\u00fcckfahrt gerieten wir in einen Stau. Im M\u00e4rz finden in Sierra Leone Wahlen statt und tats\u00e4chlich haben hier die Menschen eine Wahl. Es gibt mehrere Kandidaten, man findet Wahlplakate, die nicht \u00fcberkritzelt oder zerst\u00f6rt werden und nat\u00fcrlich Kundgebungen, die dann doch ein wenig anders als bei uns ablaufen. Es erinnerte mich eher an einen kleinen Fastnachtsumzug, was sich da vor Mamadus Wagen abspielte. Dieses Mal gab es meine klischeehaft erwartete Trommel-Musik, die aus \u00fcberdimensionierten Boxen auf einem Pick-Up stammten. Dahinter tanzte das Wahlvolk. Man stelle sich das mal bei uns vor. Die SPD oder die CDU f\u00e4hrt \u00fcber die Ludwigsstra\u00dfe in Mainz und alle W\u00e4hler tanzen hinterher zu Losungen wie \u201eB\u00fcrgerversicherung\u201c oder \u201eMaut f\u00fcr alle\u201c &#8211; Tanz auf der Lu mal anders!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171217_113045465_iOS.jpg\" alt=\"R\u00fcckfahrt von den Banana Islands ans Festland\"\/><figcaption>R\u00fcckfahrt von den Banana Islands ans Festland<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sch\u00f6ne, wenn man mit Leuten wie Saidhu, Makel\u00e9 oder Mamadu l\u00e4ngere Zeit verbringt, ist die Tatsache, dass aufgrund der Amtssprache Englisch wir mit allen dreien ins Gespr\u00e4ch kamen. W\u00e4hrend mir in der Vergangenheit Einheimische oft davon erz\u00e4hlten, dass sie langfristig nach Europa wollten, war das in Sierra Leone nie ein Thema. Auf meine naive Frage hin, weil er mit Ausl\u00e4ndern ja bereits einige Touren auch nach Tiwai unternommen hatte, ob er schon mal in Liberia oder Guinea war, erz\u00e4hlte mir Mamadu, dass er sogar in Gambia und Senegal war \u2013 zum Arbeiten. Im B\u00fcrgerkrieg verlor er seine Eltern und war der \u00c4lteste von vier Geschwistern. Also war es an ihm, die Familie durchzubringen. Die gr\u00f6\u00dfte Migration in Afrika findet nicht nach Marokko oder Libyen zur Flucht \u00fcber das Mittelmeer statt, sondern innerhalb von Afrika. Anscheinend gibt es da einen Welleneffekt. Leute aus Sierra Leone zieht es in etwas wohlhabendere L\u00e4nder wie Senegal und Senegalesen wollen nach Europa \u2013 und bauen hier die Stra\u00dfen auf der Freetown-Halbinsel (w\u00e4hrend die Chinesen die gro\u00dfen \u00dcberlandstra\u00dfen herrichten). Auf meine Frage, warum er wieder nach Sierra Leone zur\u00fcckkehrte, entgegnete Mamadu entwaffnend, weil es zu Hause doch am Sch\u00f6nsten sei und er seine Geschwister jeden Tag sehen kann. Und es war sch\u00f6n, relativ viel Geld f\u00fcr die Fahrten mit Mamadu auszugeben, mit der Hoffnung, dass m\u00f6glichst viel davon bei ihm bleibt, denn das Auto geh\u00f6rt seinem Chef. Ein eigenes Auto kann sich Mamadu nicht leisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein letztes Mal fuhren wir mit ihm zu den wirklich wundersch\u00f6nen Str\u00e4nden, die die Hauptstadt Freetown umgeben. Am Lakka Beach konnte man erahnen, dass hier mal der Werbespruch \u201eDie Karibik Westafrikas\u201c stimmte \u2013 vor dem B\u00fcrgerkrieg in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die ehemaligen gro\u00dfen Hotelkomplexe sind \u00fcberwuchert von Pflanzen. Aber es gibt bereits wieder kleine G\u00e4steh\u00e4user, in denen auch Wei\u00dfe tats\u00e4chlich wohnten. Hier l\u00e4sst sich tats\u00e4chlich das Backpacker-Leben leben, das es auch mal vor 30 oder 40 Jahren in Thailand, Goa oder Bali gab. Diese Regionen sind ja heute mit Bettenburgen durchzogen, die Familie M\u00fcller-Meier-Schmidt bucht ihren All-inclusive-Urlaub dort, bei dem die Einheimischen praktisch kaum einen Cent erhalten und von einem \u201eLonely Planet\u201c kann da wahrlich nicht mehr die Rede sein. Es bleibt zu hoffen, dass Sierra Leone seinen Weg der stabilen Demokratie weitergeht, von Katastrophen verschont bleibt, damit das Ausw\u00e4rtige Amt weiterhin keinen Reisehinweis geben muss, au\u00dfer vielleicht dem, dass sich eine Reise hierhin wirklich lohnt, m\u00f6chte man mal abseits der austrampelten Touristenpfade unterwegs sein und mit seinem Geld, direkt Leuten vor Ort helfen, so dass man mit daf\u00fcr sorgt, dass diese ihr Auskommen haben, vom Tourismus leben k\u00f6nnen und gerne in ihrer Heimat ihre Zukunft gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gefahr, dass Fremde davon Wind bekommen, dass hier zwei Touris alleine ausharren und man diese vergewaltigen oder direkt abschlachten k\u00f6nnte, bevor man sich ihrer Barreserven bem\u00e4chtigte, sch\u00e4tzten wir als nicht sehr hoch ein \u2013 auszuschlie\u00dfen war es aber auch nicht wirklich. 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