{"id":162,"date":"2018-01-07T17:43:34","date_gmt":"2018-01-07T17:43:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/?p=162"},"modified":"2019-04-08T05:59:03","modified_gmt":"2019-04-08T05:59:03","slug":"sierra-leone-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/sierra-leone-2017\/","title":{"rendered":"Sierra Leone 2017"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorfreude ist sicherlich die sch\u00f6nste Freude und so durfte ich mich auf die Reise nach Westafrika in das kleine Land Sierra Leone seit dem Sommer 2017 freuen. Damals hatten wir \u201eSomebody\u201c ein Schimpansenweibchen im Tacugama Chimpanzee Wildlife Sanctuary \u201eadoptiert\u201c und fanden die M\u00f6glichkeit, unser \u201eKind\u201c nicht nur finanziell zu unterst\u00fctzen sondern auch pers\u00f6nlich zu besuchen extrem spannend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Schlie\u00dflich stellt sich die Frage, was wir mit Sierra Leone verbinden: Ebola ist sicher jedem ein Begriff und an den B\u00fcrgerkrieg um Blutdiamanten, der mit Kindersoldaten ausgefochten wurde, kann sich vielleicht die eine oder der andere auch noch erinnern. Aber wie sieht es in diesem Land mittlerweile aus? Von Fl\u00fcchtlingen aus Sierra Leone h\u00f6rt man in Deutschland gar nichts und im Weltspiegel habe ich seit dem Ende von Ebola auch keinen Bericht mehr gesehen. Das Ausw\u00e4rtige Amt stellt n\u00fcchtern fest \u201eF\u00fcr dieses Land besteht derzeit kein landesspezifischer Sicherheitshinweis.\u201c &#8211; daher wird wohl in den Medien auch nicht dar\u00fcber berichtet. Schlie\u00dflich existieren die meisten der 195 L\u00e4nder, die Mitglied der Vereinten Nationen sind, medial schlicht nicht, wenn sich dort keine Naturkatastrophe ereignet, sich niemand in die Luft sprengt, dort eine Seuche ausbricht, die auch uns in der westlichen Welt gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte, oder sonst etwas Schlimmes passiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171206_081127637_iOS.jpg\" alt=\"Am Lumley Beach von Freetown\"\/><figcaption>Am Lumley Beach von Freetown<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass mal explizit \u00fcber etwas Gutes berichtet wird oder \u00fcber L\u00e4nder, an denen wir uns in Deutschland ein Beispiel nehmen k\u00f6nnten, ist leider die Ausnahme. Es dreht sich die Berichterstattung mehr oder weniger immer wieder um dieselben ca. 20 bis 30 L\u00e4nder: Die USA geht immer, egal wer da an der Macht ist, Mexiko als Beispiel f\u00fcr den Drogenkrieg nachdem diese Geschichte in Kolumbien nicht mehr so funktioniert, Kuba f\u00fcr Kommunismus-Romantiker, Brasilien als Beispiel f\u00fcr Korruptionssumpf und S\u00fcdafrika als Beispiel, wie zu gro\u00dfe Erwartungen zum Scheitern verurteilt sind. Der Nahe Osten als Drama geht immer, da dort seit Jahrzehnten die H\u00fctte brennt, und Korea geht neuerdings wieder gut \u2013 dem kindischen Wer-hat-den-gr\u00f6\u00dferen-Knopf-Vergleich sei Dank. Und die Volksrepublik China als zuk\u00fcnftige beherrschende Weltmacht r\u00fcckt genauso wie das Russland Putins immer mal wieder in den Fokus, aber die restlichen 165 Staaten unserer Welt? Die fallen irgendwie durchs Raster der Berichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Also ab ins Impfzentrum, die notwendigen Spritzen setzen lassen, das Visum-Formular ausf\u00fcllen und den Pass nach Berlin zur Botschaft Sierra Leones schicken. Schlie\u00dflich bin ich der Meinung, dass es noch gen\u00fcgend andere L\u00e4nder auf diesem Planeten gibt, \u00fcber die ich etwas erfahren m\u00f6chte. Wenn man dar\u00fcber nichts erf\u00e4hrt, hei\u00dft das ja nicht, dass es dort nichts zu sehen gibt. Als der Pass nach ein paar Tagen mit der Visum-Nummer 47 bzw. 48 ohne Zusatz der Jahreszahl zur\u00fcckkam, schwante mir schon, dass es wohl nicht so viele Menschen nach Sierra Leone zieht. Dieser Umstand steigerte in mir weiter die Neugierde auf dieses Land. Schlie\u00dflich war ich in dieser Region 1999 das letzte Mal unterwegs gewesen und hatte damals schon gehofft, es mal irgendwann wieder nach Westafrika zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171206_183841000_iOS.jpg\" alt=\"\ufeffDer Vorort Aberdeen bei Freetown\"\/><figcaption> Der Vorort Aberdeen bei Freetown <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Landeanflug im Licht der untergehenden Sonne war eine sch\u00f6ne Einstimmung auf Afrika. Minutenlang schwebten wir \u00fcber unber\u00fchrten Mangrovens\u00fcmpfen der Landebahn entgegen. W\u00e4hrend an anderen Flugh\u00e4fen die Umgebung hell beleuchtet ist, war es hier stockfinster und ein weiteres Flugzeug vor dem kleinen Terminal des Lungi International Airport war gar nicht auszumachen. Die Treppe wurde herangerollt \u2013 Fluggastbr\u00fccken w\u00e4ren hier die pure Dekadenz \u2013 und raus ging es in die afrikanische Schw\u00fcle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Hatte ich mich im Oktober 2017&nbsp;in Armenien noch dar\u00fcber echauffiert, dass Geldautomaten grunds\u00e4tzlich immer nur die h\u00f6chsten Scheine ausspucken, galt dies zwar auch hier f\u00fcr die Geldwechsler, aber der h\u00f6chste Geldschein (10.000 Leones) entspricht leider nur 1,25 \u20ac und somit erhielt ich f\u00fcr meine 100 \u20ac mehrere Geldb\u00fcndel mit 10.000er und 5.000er Leones-Noten, sch\u00f6n verpackt in einem Briefumschlag, der sich aber aufgrund des Volumens der Geldscheine gar nicht schlie\u00dfen lassen konnte. Wie in einem Mafiafilm stopfte ich die Kohle in die Tasche und weiter ging es zur Gep\u00e4ckausgabe. Die Passagiere w\u00fchlten auf dem Gep\u00e4ckband alle Koffer und Taschen umher und so flog mein Rucksack vom Band \u2013 leider auf die Innenseite, so dass ich in einem Spagat bei laufendem Band versuchen musste, mir das gute St\u00fcck zu angeln. Unter gro\u00dfem Gel\u00e4chter der umstehenden Leute gelang dies mir schlie\u00dflich, und es ging hinaus aus dem kleinen Flughafen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171219_173029702_iOS.jpg\" alt=\"Der Anleger am Lungi-Airport\"\/><figcaption>Der Anleger am Lungi-Airport<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie an vielen Flugh\u00e4fen der Welt standen dort Abholer und Gesch\u00e4ftemacher herum, aber wir wurden nicht belagert und mit \u201eTaxi, Taxi\u201c-Geschrei konfrontiert. Nein, es war tats\u00e4chlich m\u00f6glich, zu fragen, wo Lamin sei, der uns abholen sollte. Dieser sei gerade unterwegs, wir sollten uns einfach dort hinten hinstellen und warten. Ein paar Sekunden sp\u00e4ter kam Lamin tats\u00e4chlich und organisierte unsere Weiterfahrt. Der Lungi Airport steht vielleicht ein wenig stellvertretend f\u00fcr das ganze Land Sierra Leone: Es ist nicht so einfach hier herum zu kommen, doch es funktioniert am Ende alles und es macht alles einen guten Eindruck auf uns. Konkret hie\u00df dies hier, Lamin besorgte uns die Tickets f\u00fcr den Sea Coach Express \u2013 ein Wassertaxi, das uns \u00fcber die riesige Tagrin Bucht direkt nach Freetown bringen sollte. Das Gep\u00e4ck wurde in Jeeps geladen und auf einem separaten Boot in die Stadt gebracht. Wir durften uns jetzt zwischen \u201eOrange\u201c und \u201eAfricell\u201c entscheiden, denn Roaming mit T-Online, Vodafone und Co. gibt es nicht. Gleichzeitig l\u00e4uft in Afrika vieles \u00fcber Telefon, so dass ein funktionsf\u00e4higes Handy unabdingbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Dann ging es schon ab in den Shuttle-Bus, der uns zum Anleger brachte. Im Wassertaxi lief dann zu meinem Erstaunen im Fernsehen Championsleague. Sp\u00e4ter merkte ich, dass eigentlich immer Fu\u00dfball im Fernsehen gezeigt wurde, sogar das Pokalspiel von Mainz 05 gegen Stuttgart und das in Sierra Leone. Die Nullf\u00fcnfer (hier Zerofivers) kannten alle Fu\u00dfballinteressierten selbstverst\u00e4ndlich, obwohl die Pr\u00e4ferenz immer in Richtung Premier League ging und wenn dann Deutschland dann nat\u00fcrlich immer der FC Bayern, nun ja. Leider ist der Spielbetrieb im eigenen Land seit 2014 ausgesetzt, wegen der verheerenden Ebola-Epidemie. Rein theoretisch w\u00e4re es l\u00e4ngst wieder m\u00f6glich zu spielen, meinte sp\u00e4ter einer unserer Fahrer, aber die Verbandspr\u00e4sidentin und die sie umgebende M\u00e4nnerriege haben es bisher nicht hinbekommen. So bleibt den Fu\u00dfballbegeisterten in Sierra Leone nur der Kick am Strand, der sonntags insbesondere an den Str\u00e4nden von Freetown mit Begeisterung zelebriert wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171219_165505667_iOS.jpg\" alt=\"Das Wassertaxi zwischen Lungi Airport und Aberdeen Bridge\"\/><figcaption>Das Wassertaxi zwischen Lungi Airport und Aberdeen Bridge<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am F\u00e4hranleger stand schon unser Gep\u00e4ck bereit und weiter ging es mit einem Taxi-Jeep ins Hotel. F\u00fcr die 2,5 km lange Fahrt wurden umgerechnet 9 \u20ac f\u00e4llig \u2013 h\u00e4tten wir das im Voraus online gebucht, w\u00e4ren uns sogar 20 US$ oder \u00fcber das Hotel 37 US$ berechnet worden. So bekamen wir schon eine Vorahnung, dass erstens diese Reise nicht gerade g\u00fcnstig werden w\u00fcrde und es einfach meist totaler Quatsch ist, jede Dienstleistung vorab zu buchen. Wie in jedem Reisef\u00fchrer \u00fcber die Tropen empfohlen, hielten wir uns tats\u00e4chlich mal dran, am n\u00e4chsten Tag nichts gro\u00dfes zu machen, au\u00dfer meiner \u201eLieblingsbesch\u00e4ftigung\u201c f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen nachzugehen: Dem Geld besorgen! Wir waren mit recht viel Bargeld ausgestattet, weil wir das Liquidit\u00e4tsproblem bereits bei der Reisevorbereitung mitbekamen, aber dass es tats\u00e4chlich einem Gl\u00fccksspiel glich, im Geldautomaten den Jackpot zu knacken und mal 30 oder 40 Scheine zu erhalten (was dann ca. 35 bis 45 \u20ac entsprach), das \u00fcberraschte mich dann doch. Im Umfeld des Hotels gab es insgesamt 3 Geldautomaten und bei insgesamt ca. 20 Versuchen, gelang es uns tats\u00e4chlich zweimal Geld abzuheben! Mit der Kreditkarte zu bezahlen war au\u00dferhalb von Freetown auch nicht m\u00f6glich, so dass dieser Trip auch buchhalterisch echt spannend werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Saidhu unser Fahrer des riesigen Nissan Patrol, wartete am n\u00e4chsten Tag schon eine Stunde vor der mit seinem Boss vereinbarten Abfahrtszeit vor dem Hotel auf uns. Daf\u00fcr hielt es sein Chef f\u00fcr nicht notwendig, Saidhu zu erz\u00e4hlen, dass wir die n\u00e4chsten vier Tage \u201eupcountry\u201c vorhatten zu fahren, und nicht abends wieder in Freetown zur\u00fcck sein wollten. Unser Ziel, das Naturreservat Tiwai Island, kannte Saidhu auch nur vom H\u00f6rensagen. Mein Optimismus, leicht und locker die 350 km innerhalb von 4 bis 5 Stunden zur\u00fcckzulegen verfl\u00fcchtigte sich dementsprechend ganz schnell. Nat\u00fcrlich war es vollkommen ok, dass wir als Erstes zu Saidhu nach Hause fahren, damit dieser sich ein paar Klamotten holen konnte, bevor es auf die gro\u00dfe Reise ging. Anscheinend wollte er auch noch ein paar Worte mit seinem Chef wechseln, denn als n\u00e4chstes fuhren wir zu Cerra Automotive \u2013 unserem \u201eVermieter\u201c. Mietwagen im klassischen Sinne gibt es in Sierra Leone noch nicht. Es werden ausschlie\u00dflich gro\u00dfe Gel\u00e4ndewagen mit Fahrer feil geboten. Angeblich w\u00fcrden die Einheimischen so chaotisch fahren, dass es Ausl\u00e4ndern nicht zugemutet werden kann, selbst zu fahren. Dar\u00fcber kann man geteilter Meinung sein, denn hier wurde nicht anders gefahren als auf Mauritius, Indonesien oder in Argentinien \u2013 L\u00e4ndern, in denen ich selbst schon hinterm Steuer sa\u00df. Aber nat\u00fcrlich generiert diese Vorgabe Jobs und mit Saidhu unterwegs zu sein, war sehr angenehm. Zwar war irgendwie nicht wirklich abgekl\u00e4rt, wer f\u00fcr die \u00dcbernachtung des Fahrers und seine Verpflegung aufkommen sollte, da es zun\u00e4chst hie\u00df, wir sollten das \u00fcbernehmen, sp\u00e4ter hie\u00df es dann, die Mietwagenfirma \u00fcbernimmt das. Diese Ungewissheit zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Reise in Sierra Leone \u2013 man wusste nicht immer \u00fcber alles Bescheid. Wir gew\u00f6hnten uns notgedrungen an diese st\u00e4ndig neuen Situationen, in denen wir nicht wussten, wie es jetzt weitergeht. Daher sei einem Reisenden, mit Hang zum Kontrollwahn, eine Reise nach Sierra Leone vielleicht nicht unbedingt zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171207_154349848_iOS.jpg\" alt=\"Der Start der unbefestigten Stra\u00dfe nach Mapuma\"\/><figcaption>Der Start der unbefestigten Stra\u00dfe nach Mapuma<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich ging es dann endlich raus aus Freetown \u2013 auf gut ausgebauter Stra\u00dfe! Schon im Flugzeug sind mir die vielen asiatisch aussehenden Passagiere aufgefallen. Und Saidhu erkl\u00e4rte auf meine Frage, wer diese gute Stra\u00dfe gebaut hat, dass die Chinesen das ganze Land mit guten Stra\u00dfen \u00fcberziehen. Sp\u00e4ter bekamen wir diese Bauma\u00dfnahmen dann hautnah mit: In hellblauer Arbeitskleidung und einem \u00fcberdimensionierten Sonnenhut gaben die Chinesen auf der Baustelle die Anweisungen, die von den Sierra-leonischen Arbeitern umsetzt wurden. Sp\u00e4ter wurden wir wieder \u00fcberrascht: die Stra\u00dfen konnten nicht umsonst genutzt werden. Die f\u00e4llige Stra\u00dfenbenutzungsgeb\u00fchr wurde an drei Mautstationen im Abstand von 20 km eingezogen \u2013 mit modernster Technik: Kameras scannten das Nummernschild und wir erhielten ein Quittung \u2013 wie \u00fcberall in Sierra Leone! Und auf dieser war sogar die Mehrwertsteuer ausgewiesen! Schon vor der Landung hatte mich Sierra Leone \u00fcberrascht. Diese d\u00e4mlichen Einreisekarten mussten wir nicht ausf\u00fcllen. Und am Einreiseschalter wurde ein Bild von uns gemacht, Fingerabdr\u00fccke genommen und die Fragen, die wir sonst auf den Einreisekarten zu beantworten hatten, wurden direkt in den Computer eingetippt. Ich bin zwar kein Freund von Datensammlungen aber was die Technik angeht, k\u00f6nnen sich da ein paar L\u00e4nder eine Scheibe von Sierra Leone abschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die 250 km nach Bo, in die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Landes, verlief komplett ereignislos. Allerdings war es herrlich, durch Palmenhaine und Grasland zu cruisen, kaum menschliche Behausungen zu passieren und auch auf wenig Verkehr zu sto\u00dfen. Das erinnerte mich alles ein wenig an die Reise von Buenos Aires nach Iguazu durch den Norden Argentiniens vor ein paar Jahren. In Asien ist es leider kaum noch m\u00f6glich, durch menschenleere Gebiete ohne Dauersmog zu reisen. In Bo angekommen, ging ich wieder meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigung nach, dem Geld Besorgen: Dieses mal beim Libanesen im Tante Emma Laden! Die Libanesen sind in Sierra Leone und weiten Teilen Westafrikas f\u00fcr den Handel zust\u00e4ndig. Und dazu geh\u00f6rt auch Geld tauschen&#8230;unter der Ladentheke \u2013 und das zu einem sagenhaft guten Kurs! Geldautomaten gab es in Bo nat\u00fcrlich aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171207_160524201_iOS.jpg\" alt=\"\u00dcberfahrt \u00fcber den Moa-Fluss\"\/><figcaption>\u00dcberfahrt \u00fcber den Moa-Fluss<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im besten Hotel am Platz, das uns mit M\u00fch\u2018 und Not Falafel machen konnte, erkundigte sich Saidhu nach der besten Route nach Tiwai Island. Ihm wurde die Strecke empfohlen, die auch unser Navi suggerierte, w\u00e4hrend der Lonely Planet, eine andere Strecke empfahl \u2013 allerdings f\u00fcr Leute, die mit Bus und Motorradtaxi unterwegs waren. Tiwai Island ist, wie es der Name schon sagt, eine Insel, abgeschieden gelegen im S\u00fcd-Osten Sierra Leones, kurz vor der Grenze zu Liberia. Abh\u00e4ngig von der gew\u00e4hlten Route, kommt man also westlich oder \u00f6stlich der Insel an. Dass dieser Umstand noch sehr entscheidend f\u00fcr die sp\u00e4tere Abendgestaltung werden w\u00fcrde, hatten wir in Bo noch nicht auf dem Schirm. Zun\u00e4chst waren wir wieder positiv \u00fcberrascht, dass sich auch die Stra\u00dfe ins 70 km entfernte Kenema in einwandfreiem Zustand befand. Doch die letzten 47 km hatten es dann in sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Ich zweifelte schon daran, warum in Sierra Leone eigentlich alle Organisationen mit solch monstr\u00f6sen Gel\u00e4ndewagen unterwegs waren, aber die Strecke bis Mapuma belehrte mich, dass hier doch alles Sinn und Zweck hat, zumal wir in der Trockenzeit unterwegs waren. Unbefestigte Stra\u00dfen sind, wenn es nicht geregnet hat, im optimalen Zustand fast so angenehm zu befahren, wie Teerstra\u00dfen. Wenn die Regenzeit aber erst wenige Wochen zur\u00fcckliegt und in Sierra Leone gl\u00fccklicherweise, die Regenzeit ihrem Namen noch alle Ehre macht, dann bekommt man einen Eindruck, wie die Buckelpiste nach Mapuma erst im nassen Zustand nahezu als unpassierbar daher kommt. F\u00fcr diese Marathondistanz haben wir dann praktisch genauso lange gebraucht, wie die afrikanischen Dauerl\u00e4ufer, etwas \u00fcber 2 Stunden! Im Licht der untergehenden Sonne erreichten wir Mapuma und im Dorf wusste gleich jemand Bescheid, was Tiwai Island sei \u2013 das war die Kilometer davor nicht der Fall. Saidhu wollte sich anfangs mehr oder weniger in jedem Dorf vergewissern, auf der richtigen Route unterwegs zu sein und weniger auf das Navi vertrauen. Da die Kenntnisse der Passanten aber doch recht d\u00fcrftig ausfielen, verlie\u00df er sich dann doch mit zunehmender Entfernung von der Teerstra\u00dfe auf das Navi, was sich tats\u00e4chlich mal im afrikanischen Busch bew\u00e4hrte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171207_181322632_iOS.jpg\" alt=\"Kurz vor Sonneuntergang scheint das Ziel erreicht\"\/><figcaption>Kurz vor Sonneuntergang scheint das Ziel erreicht<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ruck zuck standen zwei kr\u00e4ftige M\u00e4nner bereit, die letzten paar Hundert Meter mit uns bis zum Fluss im Auto zur\u00fcckzulegen. Unsere Rucks\u00e4cke wurden auf zwei Einb\u00e4ume getragen und mit Saidhu machten wir eine Abholzeit aus, zu der er wieder in Mapuma vorbeischauen sollte \u2013 schlie\u00dflich ben\u00f6tigten wir ihn die n\u00e4chsten 3 Tage nicht und da seine Mutter in Kenema lebte, schlugen wir ihm vor, doch einfach mit dem Auto dorthin zu fahren, wenn er Lust auf Familienbesuch h\u00e4tte. Wir stiegen in die Boote und lie\u00dfen uns von den Jungs in den Sonnenuntergang paddeln. Dass diese Macheten dabei hatten, fiel mir erst auf, als sie unsere Rucks\u00e4cke schulterten und auf den Trampelpfad in den Dschungel einbogen. Mit Taschenlampen bewaffnet ging es \u00fcber Stock und Stein an Lianen vorbei in die Dunkelheit. Ich wollte partout die Frage vermeiden, wie weit es eigentlich bis zum Visitors Centre sei, doch nach einer halben Stunde des Nachtwanderns \u00fcberkamen mich dann doch erste Zweifel. Wir liefen gerade durch die finstere Nacht mitten in Westafrika, vor uns und hinter uns zwei kr\u00e4ftige junge M\u00e4nner in Gummistiefeln mit Macheten \u201ebewaffnet\u201c. Pl\u00f6tzlich stoppten die beiden\u2026es galt nur einen kleinen Flusslauf zu queren. Daf\u00fcr wurden wir beide Huckepack genommen \u2013 damit wir keine nassen F\u00fc\u00dfe bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Nach rund einer Stunde, kamen wir auf einer Lichtung an und sahen im Dunkel zwei Geb\u00e4ude: die Research Station! Hier \u00fcbernachteten zu anderen Zeiten mal Wissenschaftler, um die Besonderheiten von Tiwai Island zu erforschen: Zwerg-Flusspferde und insgesamt elf Primaten-Arten! Es gibt wenige Flecken auf unserer Erde, die durch so einen Artenreichtum an Affen bestechen, wie Tiwai Island. Dass wir jetzt in stockfinsterer Nacht vor den verschlossenen Geb\u00e4uden standen beunruhigte mich jetzt doch ein wenig, aber ich wusste, dass es noch ein paar Hundert Meter zum Visitors Center sind. Und irgendwann w\u00fcrde man sicherlich den ersten Lichtschein des Visitors Centers entdecken. Nach weiteren 15 Minuten die n\u00e4chste Lichtung. \u201eThis is the Visistors Center!\u201c sprach einer unserer beiden Begleiter aus. \u201eWas, hier ist doch keine Sau!\u201c dachte ich mir und sprach es wohl auch so aus. Diese Verzweiflung musste doch irgendwie raus. Wo sind eigentlich die ganzen Leute, die auf der Webseite so nett mir entgegen blickten und die wussten, dass wir heute hier ankommen sollten?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/P1120171.jpg\" alt=\"\u00dcberfahrt im Einbaum\"\/><figcaption>\u00dcberfahrt im Einbaum<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Begleiter bliesen nat\u00fcrlich alles andere als Tr\u00fcbsal und schalteten das Licht an. Eine gro\u00dfe Schutzh\u00fctte mit Tisch und St\u00fchlen kam zum Vorschein. Dann sprang schon einer der beiden in Richtung B\u00fcsche und knipste eine weiter Lampe an: Die H\u00e4uschen mit Klo und Dusche, sch\u00f6n getrennt nach Weiblein und M\u00e4nnlein! Im Lichtschein konnten wir nun auch weitere Geb\u00e4ude erkennen und mehrere Unterst\u00e4nde, in denen Zelte aufgebaut waren. Einer unserer Begleiter sprintete direkt weiter. Er sollte die Leute aus dem Dorf Kambama holen, das westlich von Tiwai Island liegt. Jetzt ging mir endlich auch ein Licht auf. Hier wird tats\u00e4chlich nur das Touriprogramm hochgefahren, wenn es Touris gibt. Macht ja auch Sinn! Nur dass wir donnerstags abends in der Hauptsaison die einzigen G\u00e4ste sind, hatten wir nicht bedacht. Und dass man normalerweise in Kambama und nicht in Mapuma ankommt, wenn man hierher m\u00f6chte, und dann die Einheimischen automatisch wissen, dass G\u00e4ste kommen, ist auch einleuchtend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Wir duschten und machten es uns gem\u00fctlich, soweit das eben auf Plastikst\u00fchlen bei 30\u00b0 C in den Tropen geht. Nach einer weiteren Stunde h\u00f6rten wir pl\u00f6tzlich Stimmen und insgesamt kamen 11 Dorfbewohner an, um uns zu versorgen. Sie entschuldigten sich zun\u00e4chst, dass ihnen leider niemand Bescheid gegeben hatte \u2013 die Reservierung ist wohl in Freetown h\u00e4ngen geblieben. Uns wurde ein Zelt zugewiesen, nachdem dieses nochmal so richtig mit M\u00fcckenschutz voll gespr\u00fcht wurde. Auf unsere Frage hin, ob wir noch etwas zu essen bekommen k\u00f6nnten und m\u00f6glichst vegetarisch, wurde uns tats\u00e4chlich noch Spaghetti mit Tomatenso\u00dfe kredenzt. Und f\u00fcr 7 Uhr am n\u00e4chsten Tag vereinbart, einen Waldspaziergang zu machen! Was f\u00fcr ein Tag!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/DSC07081.jpg\" alt=\"Das Visitors Center von Tiwai Island bei Tag\"\/><figcaption>Das Visitors Center von Tiwai Island bei Tag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer sehr angenehmen Nacht mit allerlei unbekannten Naturger\u00e4uschen, stand morgens um 7 tats\u00e4chlich unser Guide am Visitors Center. Nach einem obligatorischen Kaffee ging es auf die Pirsch, um einige der elf Primatenarten in den Baumwipfeln von Tiwai Island zu entdecken. Die Umgebung des Visitors Centers wurde mit schachbrettartigen Pfaden angelegt, die es den Besuchern m\u00f6glich machten, im Dickicht des Dschungels einigerma\u00dfen voranzukommen, um bspw. die Red Colubus Gruppe im ersten Licht der Sonne zu beobachten. In Kopfh\u00f6he beeindruckten riesige Spinnen mit ihren Netzen und der Spaziergang war die reinste Erholung. Danach gab es im Visitors Center Pfannkuchen. F\u00fcr Nachmittags wurde eine Fahrt auf dem Fluss vereinbart und die meisten Dorfbewohner verlie\u00dfen das Visitors Center wieder, bis auf einen alten Herrn, der an der langsam abk\u00fchlenden Feuerstelle verharrte. Gegen Mittag stellten wir uns die Frage, wann es eigentlich Mittagessen g\u00e4be. Der alte Mann konnte nur sehr wenig Englisch und es war irgendwie \u00fcberhaupt nicht aus ihm herauszubekommen, ob, wann und was es g\u00e4be. So gegen halb zwei hatten wir unser Mahl schon aufgegeben, als pl\u00f6tzlich Stimmen zu h\u00f6ren waren und unser Mittagessen in T\u00f6pfen gebracht wurde. Es gab Vollkornreis mit herrlich scharfer Gem\u00fcseso\u00dfe: veganes Sierra-leonisches Homecooking! Wir waren wieder mit der Welt vers\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/images\/20171208_142930901_iOS.jpg\" alt=\"Leckeres veganes sierra-leonisches Homecooking\"\/><figcaption>Leckeres veganes sierra-leonisches Homecooking<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachmittags ging es dann den Fluss aufw\u00e4rts mit dem Ruderboot. Die herrlichen Naturger\u00e4usche wurden pl\u00f6tzlich von B\u00e4ssen und elektronischer Musik \u00fcbertrumpft. Ein Dorffest stand in Kambama an. Ob wir sie begleiten wollten, fragte uns schon der Bootsf\u00fchrer. Die Musik war alles andere als Getrommel, was wir im allgemeinen unter afrikanischer Musik verstanden. Die Mucke war so la la \u2013 aber uns musste sie ja auch gar nicht gefallen. Allerdings hatten wir schon ein wenig Angst vor der kommenden Nacht. Denn die Lautsprecher taten ihr Bestes, um die gesamte Gegend in ohrenbet\u00e4ubender Lautst\u00e4rke zu beschallen. Wir haben ja mit ziemlich viel gerechnet, aber dass uns mitten in der Pampa Westafrikas wom\u00f6glich der Schlaf aufgrund von B\u00e4ssen geraubt werden w\u00fcrde, war dann doch eine skurrile Vorstellung. Doch damit nicht genug. Nachdem uns gegen halb sieben das wieder leckere Essen kredenzt wurde, verabschiedeten sich auch die letzten Dorfbewohner inklusive des \u00e4lteren Herren, der den ganzen Tag hier ausgeharrt hatte. Sie w\u00fcrden sp\u00e4ter nach dem Fest wieder kommen, wurde uns noch mitgeteilt und ruck zuck war es mucksm\u00e4uschenstill. Wir waren von der Situation derma\u00dfen \u00fcberrumpelt, dass wir nur kurz Bye Bye sagen konnten und das Essen zun\u00e4chst genossen. Mit der Zeit fing dann bei uns doch das Kopfkino an, seinen Film abzuspulen. Wir befanden uns alleine auf einer Insel in Sierra Leone, ohne Boot, ohne Br\u00fccke sprich ohne physische Verbindung zur Au\u00dfenwelt. Auch das Mobiltelefon funktionierte hier nicht, trotz Africell-SIM-Karte. Folglich kamen wir hier ohne fremde Hilfe nicht mehr weg. Doch es galt ja jetzt f\u00fcrs Erste die kommende Nacht zu \u00fcberstehen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorfreude ist sicherlich die sch\u00f6nste Freude und so durfte ich mich auf die Reise nach Westafrika in das kleine Land Sierra Leone seit dem Sommer 2017 freuen. 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