{"id":145,"date":"2010-04-14T15:27:08","date_gmt":"2010-04-14T15:27:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/?p=145"},"modified":"2019-04-08T05:57:36","modified_gmt":"2019-04-08T05:57:36","slug":"argentinien-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.meenzer-on-tour.de\/blog\/argentinien-2010\/","title":{"rendered":"Argentinien 2010"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem langen Winter in diesem Jahr und dem vor einem dreiviertel Jahr nie im Leben f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen vorzeitigen Klassenerhalt der 05er stand f\u00fcr uns fest, dass es schnellstm\u00f6glich und unverz\u00fcglich uns mal wieder in exotische Gefilde ziehen musste! Komischerweise lief alles auf S\u00fcdamerika hinaus und die Wahl fiel schlie\u00dflich kurz nach Fastnacht auf Chile. Sobald wir allerdings ein Reiseziel ins Auge fassen bzw. dorthin aufbrechen, geschehen dort in schauerlicher Regelm\u00e4\u00dfigkeit merkw\u00fcrdige Dinge: Stunden vor der Ankunft in Delhi 2008 explodierten dort ein paar Bomben, nachdem wir uns in den Norden des Subkontinents bequemt hatten, gab es damals die heftigsten Regenf\u00e4lle seit 1946 und auch unser Spiekeroog-Camping-Aufenthalt 2009 war von extravaganten Naturph\u00e4nomenen gepr\u00e4gt: Es donnerte und blitzte letzten Sommer auf der Nordseeinsel \u00f6fters fr\u00fch morgendlich um unser Zelt herum, so dass uns Angst und Bange wurde. Kaum war also Chile ausgew\u00e4hlt rappelte dieses Mal die Erde und Chile war f\u00fcr uns pass\u00e9. Vielmehr stand nun Argentinien auf unserer Agenda, zumal Maradonnas Fu\u00dfballtruppe gerade im Testspiel 1:0 gegen Deutschland gewonnen hatte und somit vielleicht mit der Wahl des Reiseziels \u201eRache\u201c f\u00fcr diese Niederlage genommen werden k\u00f6nnte\u2026<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum152\/bariloche0033.jpg\" alt=\"Unser Ziel in Argentinien: die Seenplatte in den Anden\"\/><\/a><figcaption>Unser Ziel in Argentinien: die Seenplatte in den Anden<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei vielen Argentinien-Experten stie\u00df unsere Wahl auf Unverst\u00e4ndnis, denn an der Seenplatte am Ostrand der Anden, rund 1.200 km s\u00fcdwestlich von Buenos Aires gelegen, sah es angeblich aus, wie bei uns: W\u00e4lder, Berge, Seen. Zugegebenerma\u00dfen kannte ich den westlichen Teil der Anden, der zu Chile geh\u00f6rt, von einer fr\u00fcheren Reise und konnte diese Vergleiche nicht vollkommen entkr\u00e4ften \u2013 wir hatten gleichzeitig allerdings trotzdem die gro\u00dfe Neugierde, diesen Teil der Erde mal kennen zu lernen und sei\u2019s drum, wenn es denn dann halt auch aussieht wie bei uns.<br>Ein Argument, was nat\u00fcrlich gegen eine solche Aktion \u00e0 la \u201eSieht es da wirklich aus, wie bei uns?\u201c spricht, ist die Anreise und nat\u00fcrlich die Abreise, von der sp\u00e4ter noch zu berichten ist. Die Marathon-Anfahrt von Frankfurt via Paris nach Buenos Aires Ezeiza Flughafen, Bustransfer zum Aeroparque Flughafen in der Stadt und der Weiterflug nach Bariloche war schon etwas anstrengend \u2013 aber wenigstens blieb beim letzten Flug \u00fcber die weiten Fl\u00e4chen der Pampa und der sich daran anschlie\u00dfenden Halbw\u00fcste im Schatten des Andenbogens nicht der Eindruck, man w\u00fcrde gerade von Frankfurt nach Berlin d\u00fcsen: Canyon-artige braunfarbige Schluchten bis zum Horizont pr\u00e4gten das Bild bis ca. 3 Minuten vor der Landung als Nadelw\u00e4lder und Felsmassive samt Schneeresten zum Vorschein kamen. Der erste Eindruck nach der Landung in Bariloche war eher der, nach Alaska gebeamt worden zu sein. Gelbe Mittelstreifen, gelbe Verkehrsschilder und breite Amischlitten aus den 1960ern und eine gro\u00dfe Weite pr\u00e4gten das Bild \u2013 Rheinhessen, flurbereinigt, sieht da dann doch anders aus.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum152\/bariloche0002.jpg\" alt=\"Ankunft mit LAN Argentinia in Bariloche\"\/><\/a><figcaption> <br><strong>Ankunft mit LAN Argentinia in Bariloche<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut, in Bariloche angekommen, erinnerten die Hotelnamen \u201eEdelweis\u201c oder \u201eTirol\u201c dann doch ein wenig an unsere Alpenanrainer \u2013 aber die Country-Musik aus den Caf\u00e9s und Kneipen und die donnernden Motoren, der r\u00f6hrenden Acht- und Zw\u00f6lfzylinder aus den Zeiten von JFK lassen Heidi-Gef\u00fchle doch nicht aufkommen \u2013 zumal die Verst\u00e4ndigung nat\u00fcrlich auf Spanisch und nicht auf Schyzerd\u00fctsch oder \u00d6sterreichisch abl\u00e4uft und mit Englisch w\u00fcrde es wohl weniger \u201em\u00e1s\u201c denn \u201emenos\u201c klappen. Beim Essen k\u00f6nnte es einem heimelig werden, wenn man auf der Speisekarte \u201ePuree\u201c oder auch mal Fondue findet. Meist wird die Karte allerdings von drei Sachen gepr\u00e4gt: Steak, Milanesa (Schnitzel) und Nudelgerichten.&nbsp; Viele Argentinier haben italienische Vorfahren und somit ist es wenig verwunderlich Pasta zu bekommen, dass es diese allerdings in allen besuchten Restaurants gibt, hat mich widerum \u00fcberrascht. Und die Qualit\u00e4t \u00fcberraschte noch mehr! Gut, uns asienverw\u00f6hnte Reisende, hat das Preisniveau nat\u00fcrlich besonders beim Essen gehen etwas geschockt \u2013 aber au\u00dferhalb von Indien oder Thailand ist es nun mal so, dass man f\u00fcr einen Euro kein Menu erh\u00e4lt \u2013 von daher gab es zu vern\u00fcnftigen Preisen hier beste Essensqualit\u00e4t, so dass ich Argentinien gerade innerhalb S\u00fcdamerikas zu den Essensparadiesen z\u00e4hlen w\u00fcrde. Die Teigwaren werden wohl durchg\u00e4ngig selbst gemacht und oft kann man diese \u201enackt\u201c bestellen und die Sauce separat dazu. Das hat f\u00fcr Vegetarier nat\u00fcrlich den Vorteil, Fleischsaucen einfach zu umgehen. Extravagante Nudelkreationen peppten die Karte immer wieder auf: Ravioli gef\u00fclllt mit Forelle oder K\u00fcrbis hat schon wirklich was! Manches Mal wurde die italienische K\u00fcche dann noch mit der spanischen kombiniert, in dem es zum Beispiel Tortilla als Vorspeise gab. Salate machen Vegetariern das Leben im Land leichter, die sonstigen eher fettigen vegetarischen Produkte wie Bratkartoffeln und Empanadas (Teigtaschen) oder K\u00e4sest\u00fccke zu umgehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum152\/bariloche0025.jpg\" alt=\"Weinparadies Argentinien: Supermarkt in Bariloche\"\/><\/a><figcaption>Weinparadies Argentinien: Supermarkt in Bariloche<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gebiet der Anden ist das Angeln \u00e4u\u00dferst popul\u00e4r und so gab es oftmals auch Forellenfilets zum Probieren. Hatte man dann die oft langen Speisekarten durchforstet wurde es kompliziert, denn nun ging es ans Wein aussuchen und die Weinkarte war in der Regel noch l\u00e4nger. Um es kurz zu machen: mit der Malbec- Traube kann man nichts falsch machen, wenn man trockenen Roten zu sehr fairen Preisen liebt. Angenehm war auch die Tatsache kleine Flaschen \u00e0 375 ml bestellen zu k\u00f6nnen, denn nicht jeder (Tourist) ist so trinkfest, als dass man zu zweit eine ganze Flasche kippen k\u00f6nnte. Der Nachtisch kommt oftmals etwas kompakt daher, wenn man sich f\u00fcr \u201edulce y queso\u201c (S\u00fc\u00dfes und K\u00e4se) entscheidet: eine streichholzschachteldicke K\u00e4sescheibe mit einer Scheibe etwas angedickter Marmelade liegt gerade abends bleiern im Magen, aber so ist&#8217;s halt. Schlie\u00dflich f\u00e4llt das Fr\u00fchst\u00fcck dann wieder sehr d\u00fcrftig aus: Medialunas (deutsch Halbmonde bzw. Mini-Croissants) mit viel Caf\u00e9 con Leche (Kaffee mit hei\u00dfer Milch) ist der Klassiker und wird eigentlich automatisch bei jeder \u00dcbernachtung gratis dazu angeboten. Das Nationalgetr\u00e4nk Mate (-Tee) findet sich hingegen kaum auf einer Karte, daf\u00fcr aber zuhauf bei allen Argentiniern in allen Lagen: beim Bus fahren, beim Schw\u00e4tzchen halten, beim Stehen, beim Sitzen \u2013 einfach immer und \u00fcberall.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum154\/traful0045.jpg\" alt=\"Wandern in Villa Traful\ufeff\"\/><\/a><figcaption>Wandern in Villa Traful\ufeff<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben allerdings nicht nur gut gegessen, getrunken und die Hotels getestet, sondern sind t\u00e4glich in den drei Nationalparks im Gebiet von Bariloche und San Mart\u00edn de los Andes gewandert oder Rad gefahren. Dies ist f\u00fcr die Reisenden sehr erholsam zum Reisebericht schreiben allerdings eher d\u00fcrftiger Stoff \u2013 denn zu erz\u00e4hlen, dass man durch eine wundersch\u00f6ne Seenlandschaft gepaart mit ein paar teilweise schneebedeckten Dreitausendern und einem alles dominierenden Vulkan Lan\u00edn gelaufen ist, beeindruckt den Leser nicht wirklich. Daher nahm ich nach mehreren Tagen an, dass dieser Bericht sehr kurz und knapp ausfallen wird \u2013 was ja gar nicht so mein Ding normalerweise ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum156\/junin0024.jpg\" alt=\"Volc\u00e1n Lan\u00edn - Jun\u00edn de los Andes\"\/><\/a><figcaption>Volc\u00e1n Lan\u00edn &#8211; Jun\u00edn de los Andes<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da wir in einem relativ kleinen Gebiet von zirka 300 km vom Ausgangspunkt Bariloche bis zum Endpunkt Jun\u00edn de los Andes unterwegs waren, konnte ich noch nicht einmal viel \u00fcber den \u00f6ffentlichen Nahverkehr erz\u00e4hlen, allerdings wussten wir, dass am Ende der Reise noch eine 300 km Busfahrt in sechs Stunden in die Provinzhauptstadt Neuqu\u00e9n anstand. So lagen die Hoffnungen am Ende darauf, etwas berichtenswertes zu finden. Doch diese Fahrt verlief auch recht unspektakul\u00e4r in einem Doppelstockbus durch die Weiten des Vorandenlandes auf ca. 1.000 m H\u00f6he. Der Bus war wie in S\u00fcdamerika \u00fcblich Tage vorab bereits buchbar, wir konnten uns die Pl\u00e4tze wie beim Fliegen anhand eines Sitzplans aussuchen und die relative P\u00fcnktlichkeit des Busses erinnerte mehr oder weniger wirklich ein wenig an unsere Deutsche Bahn. In Neuqu\u00e9n steuerte der Bus zun\u00e4chst den Flughafen an, was f\u00fcr uns nat\u00fcrlich praktisch war, wollten wir doch Stunden sp\u00e4ter in ca. 90 Minuten Flugzeit nach Buenos Aires zur\u00fcck fliegen. Es war Ostermontag, der in Argentinien kein Feiertag ist, und daher nahmen wir an, das mit dem Fliegen sei kein gro\u00dfes Problem, doch die Fl\u00fcge waren voll. Also ging es mit dem Taxi unter Benutzung des Meters zur Busstation, um einen Nachtbus nach Buenos Aires zu buchen. Dies dachten sich allerdings vor uns schon genug andere, so dass wir fast in Neuqu\u00e9n h\u00e4tten versauern m\u00fcssen \u2013 die teuerste Version des Busfahrens war allerdings noch genau f\u00fcr zwei Pl\u00e4tze buchbar: die super-duber-Bett-mit-Privatsph\u00e4re-Klasse f\u00fcr knapp 55 Euro f\u00fcr 1.200 km. Dieses Luxusreisen waren wir \u00fcberhaupt noch nicht gewohnt, wenn man bedenkt,&nbsp; dass wir in vielen anderen L\u00e4ndern meist eingepfercht wie in einer Sardinenb\u00fcchse auf Tour gegangen sind. Also rein in den Luxus, man g\u00f6nnt sich ja sonst nix!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum153\/angostura0001.jpg\" alt=\"Panorama-Busfahrt durch Argentinien\"\/><figcaption>Panorama-Busfahrt durch Argentinien<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz nach der Abfahrt wurden Tabletts gereicht, die ergonomisch den Beinen angepasst waren. Einem kalten Abendessen zu dem sogar Wein kredenzt wurde, folgte ein hei\u00dfes Abendessen, das wir aber im Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde \u2013 es ging auf Mitternacht zu \u2013 nicht einnahmen. Der Sitz wurde ruckzuck in ein Bett verwandelt und selbst meine 193 Zentimeter lagen komplett in der entspannten Horizontale. Argentinien Du Luxus-Land! Der guten Stra\u00dfen sei dank d\u00fcsten wir entspannt der \u201eCapital Federal\u201c besser bekannt unter Buenos Aires entgegen. Im Morgengrauen hatte ich auf einmal den Gestank von Zigarettenqualm in der Nase. Nein, es wurde nicht im Bus geraucht \u2013 sondern drau\u00dfen. Komisch, sollte der Bus doch nahezu nonstop in die Hauptstadt d\u00fcsen. Pl\u00f6tzlich erstarb auch noch das Surren des Motors, was mich dann doch etwas nerv\u00f6s machte. Diese Ruhe war nicht normal und unser Zeitplan, mit vier Stunden zwischen der angeblichen planm\u00e4\u00dfigen Ankunft, die sogar auf der Fahrkarte angegeben war und unserem Abflug gen Europa, durchkreuzt. Ein guter Indikator, ob etwas normal ist oder nicht, stellen allerdings immer die Einheimischen dar \u2013 doch diese schlummerten noch und von diesen gab es in diesem Bus gerade im unteren Hoch-Luxus-Trakt gerade mal noch vier andere\u2026also warten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum156\/junin0072.jpg\" alt=\"Luxus-Bus mit Problem: Motorschaden\n\"\/><figcaption>Luxus-Bus mit Problem: Motorschaden<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Langsam aber sicher bemerkten auch die anderen, dass wir wohl ein Problem hatten. Und so schl\u00fcrften die ersten nach drau\u00dfen in die so genannte Pampa: am Kilometerstein 598 \u2013 also knapp 600 km vor unserem Ziel \u2013 hatte der Bus es vorgezogen den Geist aufzugeben genau vor der Fleischfabrik \u201eCarnes Pampeanas\u201c. In der Pampa gestrandet zu sein \u2013 fast schon zu klischeehaft um wahr zu sein. So konnten wir zun\u00e4chst einmal den ersten Sonnenaufgang der Reise erleben \u2013 bisher hatten wir es immer geschafft diesen zu verschlafen, da Folterfr\u00fchabfahrten nicht auf unserem Programm standen und der Glutball bereits um 7.30 Uhr am nahezu immer blauen Himmel umherturnte. W\u00e4hrend an Bord eines Flugzeuges dauernd Ansagen gemacht werden, auch die Deutsche Bahn, erz\u00e4hlt ja von Zeit zu Zeit von \u201eSt\u00f6rungen im Betriebsablauf\u201c, machte keiner der beiden Fahrer irgendwelche Anstalten dem lieben Luxusvolk mal in seiner G\u00e4nze etwas zu erz\u00e4hlen. Gut die Sachlage war klar, die Klappe zum Motor ge\u00f6ffnet \u2013 warum sollte da noch jemand anderes dieselbige zur Erkl\u00e4rung \u00f6ffnen? Ich sah nur, dass einer von beiden mit einem Keilriemen durch die Pampa lief \u2013 einer Domina mit Peitsche \u00e4hnlich\u2026und den Gespr\u00e4chen entnahm ich, dass auf die Mechaniker gewartet wird. Wenigstens hatten wir Handy-Empfang, was in Argentinien abseits der Orte gar nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Bei einer Gr\u00f6\u00dfe von den Ausma\u00dfen Indiens und nur halb so vielen Einwohnern wie Deutschland ist dies aber auch nicht weiter verwunderlich. So konnte wenigstens die Mechaniker verst\u00e4ndigt werden und diese kamen nun auch so ca. nach drei Stunden mit einem Ford Pick-Up, Baujahr um den ersten deutschen Fu\u00dfballweltmeistertitel 1954 rum.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum156\/junin0074.jpg\" alt=\"Ein Ford rettet einen Mercedes: der Pick-up der Mechaniker\ufeff\"\/><\/a><figcaption>Ein Ford rettet einen Mercedes: der Pick-up der Mechaniker\ufeff<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Meister noch wesentlich \u00e4lter als sein Gef\u00e4hrt mit dicker Robert Lemke Hornbrille und sein Geselle mit hoch Fistelstimme machten sich gem\u00e4chlich an die Arbeit. Auf der Ladefl\u00e4che befanden sich die unterschiedlichen Schraubenschl\u00fcssel und oft linste der Alte durch seine glasbausteingro\u00dfen Gl\u00e4ser auf die Schrauben und dozierte bzw. dirigierte wie ein Arzt am OP-Tisch den Gesellen, der ihm daraufhin die richtigen Schl\u00fcssel reichte. Die Passagiere lugten \u00fcber die Schulter des Mechanikers hinweg und schauten ihm bei der Arbeit zu. Uns bewegte die K\u00e4lte dazu, erst einmal dutzende von Runden um den Parkplatz der Fleischfabrik zu drehen, damit uns etwas warm wurde, denn noch war es in La Pampa bitterkalt.<br>Nachdem die ersten Sonnestrahlen uns w\u00e4rmten, regte sich auch der Magen und wir bekamen so langsam Hunger. Unsere Bettpl\u00e4tze lagen direkt neben der Bordk\u00fcche \u2013 aber irgendwie hatten wohl andere schon fr\u00fcher Hunger gehabt, denn die Fr\u00fchst\u00fccke waren bereits verspeist. Gl\u00fccklicherweise hatten wir wenigsten noch ein paar Futterutensilien bei uns und auch eine gro\u00dfe Flasche Wasser. Denn wir wussten ja nicht wo wir waren \u2013 598 km vor der Buenos Aires kann alles hei\u00dfen. Ein Kaff war nicht zu sehen und der Fabrikverkauf der Fleischfabrik machte um 9.00 Uhr auf, aber die Auslagen sahen eher so aus, wie im Ostblock Ende der 1980er Jahre \u2013 leeres wei\u00dfes Regel angelehnt an wei\u00df get\u00fcnchte Wand.<br>Argentinier sind anscheinend geduldig, denn es regte sich niemand auf\u2026noch nicht. Einer der Fahrer orderte ein Taxi und fuhr davon, angeblich Essen besorgen. Der andere Fahrer machte sich mit dem Gesellen in Richtung Fabrik mit dem ausgebauten Motorteil davon. Der Bus war herrenlos und die Argentinier irgendwann ziemlich hemmungslos, denn pl\u00f6tzlich wurde die K\u00fcche gepl\u00fcndert. Waren wir anfangs alle noch sehr zur\u00fcckhaltend und haben uns einfach mal einen ultras\u00fc\u00dfen Kaffee gezapft, standen mit der Zeit unsere Mitreisenden eher auf Bier, Schnaps und Saft, das es alles in H\u00fclle und F\u00fclle gab. Stank die K\u00fcche bald wie eine Bar auf der Reeperbahn morgens um f\u00fcnf, roch das Bord-WC bald Indian-style nach Kloake. Gl\u00fccklicherweise schloss die T\u00fcr recht dicht und so blieb der Gestank dort wo er hingeh\u00f6rte.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach weiteren zwei Stunden kam der Fahrer tats\u00e4chlich mit Essenstabletts zur\u00fcck. Diese sahen so aus, wie die Dinger, die man mittlerweile auf Europa-Fl\u00fcgen serviert bekommt: viel Verpackung und wenig Inhalt. Eine Medialuna und noch ein wenig S\u00fc\u00dfkram \u2013 aber wir wussten ja argentinisches Fr\u00fchst\u00fcck konvergiert gegen Null. Nur war es halt schon sp\u00e4ter Vormittag und die Aussicht auf ein Mittagessen war eher eine Fatahmorgana. \u00dcberhaupt wurde uns so langsam mulmig, denn den ersten Flug nach Europa hatten wir abgeschrieben, aber den Flug am Folgetag wollten wir ja schon doch mal bekommen \u2013 schlie\u00dflich mussten wir auch mal wieder irgendwann in Mainz ankommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum156\/junin0073.jpg\" alt=\"Es nah anfangs nicht gut aus - doch irgendwann ging es weiter!\"\/><\/a><figcaption>Es nah anfangs nicht gut aus &#8211; doch irgendwann ging es weiter!<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00e4ltere Mechaniker war noch aus der Generation Offline und hatte in seinem Ford die Gelben Seiten von Santa Rosa La Pampa. Dort fand ich eine Telefonnummer einer Busgesellschaft und wenig sp\u00e4ter hatten wir die Info, dass es nachts um halb eins einen Bus nach Buenos Aires g\u00e4be, der auch noch Platz hatte \u2013 also in genau 14 Stunden. Auf meine Frage hin, ob denn die Panne zu beheben sei, antwortete der Mechaniker, ja sicher \u2013 irgendwann!&nbsp; Seinen Angaben zufolge sei die Busstation etwa vier Kilometer entfernt. So konnten wir schon mal den \u201eWorst Case\u201c planen. Vier Kilometer laufen mit allem Gep\u00e4ck \u2013 eine Stunde, Ticket buchen und etwas zus\u00e4tzliche Zeit einplanen \u2013 eine Stunde. Also sollten wir sp\u00e4testens um 22.30 Uhr, in zw\u00f6lf Stunden entscheiden von hier abzuhauen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Spazierg\u00e4nge um den Parkplatz herum sp\u00e4ter kamen dann auch der zweite Busfahrer und der Geselle mit dem Motorteil wieder. Das Puzzle in Form des einzusetzenden Teils in den riesigen Motor vervollst\u00e4ndigte sich in den kommenden Stunden peu \u00e0 peu. In der Zwischenzeit, dem Alkohol sei vielleicht Dank, hatte eine Reisende ein Beschwerdemanifest formuliert, dass sie jetzt jedem unter die Nase hielt und das jeder unterschreiben sollte unter Angabe der Pass- und Ticketnummer. \u00dcber vier bis f\u00fcnf handgeschriebene Seiten warf dieses den Busfahrern und der Busgesellschaft grobes Fehlverhalten vor. In gro\u00dfem Kreis trug sie dies der Menge vor und es hatte irgendwie theatralische Z\u00fcge \u2013 w\u00e4re die Situation nicht so anstrengend gewesen ich h\u00e4tte jetzt gesagt \u201egro\u00dfes Kino!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/meenzer-on-tour.de\/argentinien2010.html\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.christophkessel.de\/PhotoAlbum156\/junin0071.jpg\" alt=\"Abschied von den Anden, La Pampa und Argentinien\ufeff\"\/><\/a><figcaption>Abschied von den Anden, La Pampa und Argentinien\ufeff<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mechaniker und die Busfahrer lie\u00dfen sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl diese mittlerweile auch von einigen angegangen wurden, da nat\u00fcrlich der Alkohol Hunger machte. Beim ersten Versuch sprang tats\u00e4chlich der Bus wieder an, der Motor surrte und die Polizei kam. Unsere gro\u00dfe Referentin rannte davon, den Uniformierten entgegen. In gro\u00dfem Geschrei wurde den Cops jetzt erkl\u00e4rt, was hier vor sich ging \u2013 dabei wollten wir, die gro\u00dfe Mehrheit doch einfach nur mal wieder los fahren. Irgendwann mussten die Busfahrer dann auch Stellung beziehen und diese hetzten die Fahrwilligen nun gegen die Streikenden auf, da wohl im Raum stand, dass jetzt erstmal zur n\u00e4chsten Wache gefahren werden musste, um alles zu Protokoll zu geben. Na ja, irgendwie war dann doch die gro\u00dfe Mehrheit daf\u00fcr jetzt mal, nach 9 Stunden \u201eRast\u201c, weiter zu fahren. Sp\u00e4ter gab es auf Kosten der Busgesellschaft einen Imbiss und mit ca. 9 Stunden Versp\u00e4tung erreichten wir sp\u00e4tabends Buenos Aires und am n\u00e4chsten Tag auch unseren Flieger nach Europa.<br>Wir waren um ein paar Gramm wegen des \u201eHungerns\u201c leichter \u2013 daf\u00fcr aber um eine bizarre Reisegeschichte reicher, die es dann doch wert war, Euch zu erz\u00e4hlen. Und wie bei uns kam uns dann diese Reise doch nicht so ganz vor! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem langen Winter in diesem Jahr und dem vor einem dreiviertel Jahr nie im Leben f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen vorzeitigen Klassenerhalt der 05er stand f\u00fcr uns fest, dass es schnellstm\u00f6glich und unverz\u00fcglich uns mal wieder in exotische Gefilde ziehen musste! 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