Osteuropa 2007 2. Teil

Dobre Den,

auch der schönste Aufenthalt muss einmal zu Ende gehen und so kehrte ich L’viv mit meinem Drahtesel den Rücken, um auf Entdeckungstour in der Ukraine genauer gesagt in Galizien zu gehen. Denn dieses riesige Land ist aus vielen verschiedenen Regionen zusammengesetzt und diese haben oftmals soviel gemein wie Bayern und Ostfriesland. Galizien ist eine Region, die mittlerweile zwischen Polen und der Ukraine geteilt ist. Diese Region war bis auf ein Jahr nach dem ersten Weltkrieg nie unabhängig. Seine Blüte hatte Galizien, als es zum Habsburger Reich der Österreicher gehörte, also bis zum 1. Weltkrieg. Aus dieser Zeit ist auch der Grossteil der Bausubstanz in L’viv noch zu bestaunen – und der Palatschinken, die Sachertorte und der Kaffee schmecken auch noch im 21. Jahrhundert extrem gut. Aber wie gesagt, irgendwann musste mal Schluss sein mit dem Genießen, der Völlerei und ich wollte nun endlich das Land mit dem Rad entdecken.

Ein letztes Mal quälte ich mich den Kessel von L’viv auf dem unebenen Kopfsteinpflaster empor und war verwundert, dass ich gleich auf die richtige Ausfallstrasse gelangt war. Mittlerweile bin ich des kyrillisch Lesens einigermaßen mächtig und die Beschilderung außerhalb von L’viv ist auch tatsächlich äußerst akkurat. Das ist eine interessante Begebenheit in diesem Land, denn es pendelt permanent zwischen 1. und 3. Welt hin und her: 

Die Strassen ändern ihr Gesicht etwa sooft wie dies eines Mainz 05 Fans während einem Spiel. Mal ist alles perfekt und ein paar Minuten später befindet man sich wieder in der totalen Depression. Die Straßen sind oft ein Flickenteppich sondergleichen, der eher an eine mit Aufnähern überzogene Fan-Kutte erinnert, als an ein Transportweg, der die Beförderung von Waren und Personen einwandfrei garantieren soll. Manche Hinweise muss man auch erst mal richtig interpretieren, wie bspw. Zweige, die aus einer riesigen Pfütze rausragen. Dies bedeutet: Achtung hier fehlt der Kanaldeckel… Zum Glück hatte ich diese bizarren Warnhinweise bereits einmal im trockenen Straßenzustand vorher gesehen. Meine liebste Freundin auf der Strasse war die Spurrille. Dies befindet sich meist ca. 30 Zentimeter vom Randstreifen Richtung Fahrbahnmitte und ragt in gewellter Form bis zu 20 Zentimeter in die Höhe. Auf diesem Abschnitt kann ich dann relativ beruhigt Rad fahren, da diese Rillen von den Autofahrern immer gemieden werden. Rechts des Randstreifen franst die Strasse wie ein von Mäusen angeknabberter Keks aus, so dass ich dort unmöglich fahren kann. Manchmal weiche ich allerdings auf den Schotter noch etwas weiter rechts aus, weil der Teerzustand am Straßenrand noch schlechter für das Weiterrollen wäre als der unbefestigte Untergrund. Von daher träume ich meist von den herrlichen Straßenzuständen in Südostasien. 

Ich glaube, dass die sog. 2. Welt sich tatsächlich dadurch zeigt, dass sie viele Teile der ersten bereits adaptiert hat, aber oftmals dies mit Dingen oder Gewohnheiten der sog. 3. Welt kombiniert wird: Der Geldwechsel, früher in Osteuropa durch Zwangsumtausch ein Horror, geschieht hier ganz einfach an Geldautomaten, die es etwa so häufig hier gibt, wie bei uns Zigarettenautomaten. Auf die Cash-Maschinen wird sogar auf Verkehrsschildern (Bankomat aber in Kyrillisch) hingewiesen. Außerdem gibt es überall Geldwechselstellen, so dass die monetäre Versorgung mit der lokalen Währung Hryvnia tatsächlich theoretisch prima ist. Aber viele Geldautomaten sind kaputt, einige akzeptieren die Karte einfach nicht und manche haben nicht genug Geld im Automat… 

Oder das Geschäftemachen. Es gibt den besten Lavazza-Kaffee, die leckersten Torten etc. aber nicht zum Frühstück außerhalb des Hotels, denn morgens ist die Ukraine noch am schlafen. Die Cafes machen erst um 10.00 Uhr auf. Eine Frühstückskultur existiert nicht. Das macht den Start in den Tag in diesem Land zum Horror, wenn ich mir Brot, Käse und Wasser vom Vortag als Frühstück im Zimmer hineinziehen muss, um genügend Kalorien fürs Radeln zu sammeln, da mein Hotel keine Lust hat Frühstück anzubieten. Das Wort „Service“ ist hier eine chamäleonartige Definition: Manches Personal lebt noch zu Zeiten von Hammer und Sichel und ist Meister im Übersehen, Dösen und Nichtbeachten. Aber viele Ukrainer sind sehr um mein Wohlbefinden bemüht. Das ging bei Vitaly, Bed and Breakfast Besitzer, Fremdenführer und fließend Deutsch sprechender Kosmopolit soweit, dass er mir einen riesigen Rabatt aufs Übernachten gab, da er es einfach schön fand, dass ich sein Land erradele. 

Das Übernachten in den gewöhnlichen Hotels ist wieder eine andere Geschichte. Hostels gibt es nur in ein paar Städten und Hotels sind nur ab ca. 30 Euro die Nacht zu ergattern. Den Hotel-Standard gerade mit Südostasien zu vergleichen, wäre der reinste Horror. Die Aufgänge und Bauten protzen nur so von Grandeur, aber die Zimmer sind mit Rausch-TV und oft ohne WC ausgestattet. Aber alles ist wenigstens sauber und darauf kommt es mir ja am meisten an. Oftmals habe ich den Eindruck, dass es an einem Ort immer noch nur ein Hotel gibt, das dann etwa soviel Gäste empfangen kann, wie unser Bruchwegstadion. Der Typ Homo Sapiens Turisticus wurde wohl in der Sowjetunion ebenfalls zwangskollektiviert – alle Touris in die eine Bettenburg alias Hotel-Kolchose. Und dann gibt es dort noch die besondere Jobbeschaffung. Eingecheckt wird an der Rezeption. Dort erhalte ich dann einen Zettel mit dem Stockwerk drauf. Die nicht gerade vertrauenserweckenden Aufzüge lasse ich links liegen und hechele mit dem Gepäck die pompösen Treppen hinauf. In meinem Stockwerk angekommen sitzt dann im günstigsten Fall eine Babuschka und händigt mir gegen Vorlage des Zettels den Schlüssel aus. Willkommen in der Sowjet-Bürokratie!!!

Das Internet ist auch so eine Sache. Mal DSL, mal Modem aus der Generation 0.0 analog, so dass das Schreiben hier auch manches Mal zum Abenteuer wird, da die Computer kurz vor dem Abstürzen sind – aber Flachbildschirm und Funkmaus, das muss schon sein. Tja und eben gerade ist die Internetverbindung total unterbrochen und alles bisher geschriebenen mal wieder verschwunden. „This is Ukraine“ sagt mein Nachbar im Internetcafe und was soll ich da noch antworten…

Und dass es in diesem Land extrem Reiche gibt, die zum Teil mit der S-Klasse aus der Meisterstadt oder monströsen US-Hummer-Vehikeln durch die Gegend düsen und extrem Arme, die mit Kutschen über Land zuckeln, ist uns ja bereits zur Genüge bekannt. Man bedenke nur, dass wir uns in Deutschland über Schalke 04 (zu Recht) aufregen, da die jetzt das Geld von der russischen Gazprom in den Hintern geblasen bekommen – aber hier bekommt der Club Schachtjor (deutsch Kumpel) Donetsk einfach mal vom reichsten Mann der Ukraine ein Stadion für 200 Mio. US-Dollar hingestellt – um dem Rivalen Dynamo Kiew Paroli zu bieten. Ha, aber Schachtjor hat zum Glück gerade das Pokalfinale gegen Kiew verloren. Hihi diese Werksvereine kriegen es zum Glück auch hier nicht auf die Reihe, wie bei uns der VfL Golfsburg und die Pillendreher aus Leverkusen. 

Das Radeln über die Landstrasse von L’viv nach Ivano-Frankivsk war relativ anstrengend, da die Ukraine nicht flach sondern sehr hügelig ist. Damit war aber auch die Landschaft sehr schön anzusehen. Es ging an Wiesen und Wäldern, kleinen mäandernden Bächen und an Viechern aller Art entlang nach Süden. Irgendwann musste ich dann mal Mittagessen. In einem kleinen Ort kam ich in die Kneipe mit null Ukrainisch Kenntnissen. Aber irgendwie einigten die Bedienung und ich uns auf einen Eintopf. In meinem Reiseführer fand ich dann auch das Wort für Schweinefleisch, das ich in dem Eintopf wieder finden wollte. Es wurden mir noch ein paar kulinarische Vokabeln an den Kopf geworden und ich antwortete der Einfachheit halber mit „da da da“ heißt „ja, ja, ja“. Nach und nach kamen dann ein deftiger Eintopf, Schweinegeschnetzeltes und Kartoffelbrei auf den Tisch. Ich hatte einfach alles bestellt und platzte fast nachdem ich alles aufgegessen hatte. Sind die Hotelpreise gesalzen ist das Essen extrem günstig und somit war dieses „All U can order and eat“ auf ukrainisch finanziell verkraftbar. 

Unterwegs auf der Strasse läuft das Leben wie in Südostasien ab. Überall gibt es kleine Tante Emma Läden, die IMMER auf haben. Dort kann ich Kekse, leckere Schokolade, Säfte und Wasser kaufen. Die Ukraine hat eine unübersichtliche Auswahl an leckerem Sprudel. Das Brot ist entweder ein Laib Weizen oder Roggen und ähnlich gut wie in Deutschland tja und das Bier ist mit 0,30 Euro sehr kundenfreundlich preislich platziert. Überall ist dieser Stoff zu bekommen. Bspw. am Kiosk als Wegbier, was gerade die amerikanischen Peace Corps Volunteers, die hier überall 2 Jahre Sozialdienst leisten, in Verzückung versetzt, da es in den USA undenkbar wäre. Und es wird überall von allen konsumiert. Die ukrainische Fahne besteht aus den Farben Hellblau und Goldgelb die für das fruchtbare Getreide, das hier wächst und den blauen Himmel stehen sollen. Ich würde eher sagen sie stehen für Gerstensaft und den Gemütszustand mancher ukrainischen Bewohner. Die oft nassen Boeden der Kneipen sind auch weniger einer übereifrigen Reinemachefrau zu verdanken als vielmehr den Suffnasen, die permanent schwankend wankend ihr Wodkagläschen verschütten. Die Torkelnden finde ich nahezu ausschließlich in der Kneipe wo sie relativ friedlich ab und zu das Geschirr zerdeppern aber anscheinend werden sie in solchem Zustand nicht mehr auf die Strasse gelassen, denn dort ist mir noch niemand entgegen gefallen. Eigentlich gibt es dabei doch leckere Speisen, um eine Grundlage zu schaffen. Varenyky sind mein absoluter Energiespender. Dies sind so eine Art Maultaschen mit Hüttenkäse gefüllt und werden mit Sauerrahm serviert. Oder Reibekuchen mit Fleisch gefüllt und mit Sauerrahm serviert. Oder Banosch: Das ist so eine Art Polenta als kleine Pyramiden mit…Sauerrahm serviert oder Borscht. Das ist DIE Speise in der Ukraine. Nein, sagt man hier, Borscht ist ukrainisch, nicht polnisch, nicht russisch! Diese Rote-Beete-Suppe wird mit was serviert? Logisch mit Sauerrahm und ist sehr sehr lecker. Es gibt wohl über 300 Rezepte die Suppe zusammenzustellen aber immer mit… Und für Karnivoren gibt es leckere, zarte Hähnchenbrust sowie Schaschlik mit was serviert? Ihr könnt es Euch ja denken…

Auf der Fahrt nach Ivano-Frankivsk bin ich dann auch der globalisierten Krönung begegnet. Denn in einem Kiosk wurde ich von den Damen gleich mal auf einen Kaffee eingeladen. Dieser stammt von Jacobs. Das Produkt heißt hier allerdings Monarch und die Leute kippen das Pulver direkt ins Glas hinein. Das Resultat schmeckt dann wie ein türkischer Mokka und weder diesen noch die Krönung hätte ich irgendwie in der ukrainischen Pampa erwartet. Nachdem ich bereits über acht Stunden am Radeln war, zog dann das mittlerweile täglich einsetzende Gewitter auf und ich bin der Sowjetzeit mal wieder dankbar gewesen. Alle paar Kilometer existieren Bushaltestellen mit einem schönen Dach zum Unterstellen. So wartete ich den Platzregen mit ein paar radelenden Zeitgenossen in der Haltestelle in trockenem Zustand ab, während die Jungs aus ihrem Handy „Offspring“ dudeln ließen, was natürlich exakt meinem Musikgeschmack entsprach. 

Zweiradfahrer sind mit seit dieser Begegnung eigentlich kaum noch aufgefallen. Es gibt hier keine Mofas und eigentlich auch keine Proleten die wie bei uns auf den Käffern damit herumgurken. Überhaupt habe ich hier noch keine ätzenden Typen ausmachen können. Die meisten Menschen beachten mich nicht weiter. Manche Bierrunde am Straßenrand grölt irgendetwas mir hinterher, was sich aber nicht aggressiv anhört. Manche zücken ihr Photohandy und machen ein paar Schnappschüsse aber sonst radele ich meist ungestört über das Land. 

Nach 140 Kilometern erreichte ich Ivano-Frankivsk und ich fragte mich, wie man seine Stadt einfach mal so nach einem der zwei Volkshelden der Ukraine benennen kann. Ivano Franko schrieb in seinen Büchern bis zu seinem Tod 1916 über die Missstände in der Ukraine und landete dadurch zeitweise im Knast. Um die Ukrainer zu besänftigen, die seit dem Ende des 2. Weltkriegs in der Sowjetzeit für eine unabhängige Ukraine zu kämpfen, schleimten die Sowjets sich 1962 ein und benannten Stanislaviv einfach um. Es ist wohl die einzige Stadt in der ehemaligen Sowjetunion, deren Umbenennung auch heute noch besteht. Wenn unser Mohamed Zidan in der Winterpause dann von Hamburg wieder zu uns wechselt, weil er den Hub Stevens nicht so wie den Kloppo herzen darf, könnten wir uns das ja auch mal überlegen. Dann müssten wenigstens bei uns die Nummernschilder nicht ausgetauscht werden. 

Die Stadt hat mich in ihrem Aussehen wie L’viv überrascht, denn das Zentrum war ebenfalls mit seinen Häusern aus der Habsburgerzeit sehr attraktiv. Nur der gigantische Flachbildschirm auf dem Marktplatz auf dem Freddie Mercury „The show must go on!“ sang, dieser passte in dieses österreichische Flair nicht ganz so hinein. Nach einer kurzen Stadtbesichtigung fuhr ich weiter nach Süden in das Karpaten-Gebirge hinein. Immer öfter begegnete ich Pferdefuhrwerken und die Kühe erinnerten mich an ihre Artgenossen in Indien. Schließlich blockierten sie seelenruhig die Strassen und grasten überall herum: im Vorgarten, im Wald, am Fahrbahnrand. Werden in anderen Ländern Hunde Gassi geführt, übernimmt hier die Kuh dieses Ritual. Die Alten nehmen den Vierbeiner oft an die Leine und wandern mit ihm durch Pampa. Hunde streunen hingegen im gepflegten Zustand immer quer durch die übrigens sehr sauberen Innenstädte. 

Im Gewitterregen erreichte ich dann mein nächstes Etappenziel – einen Wintersportort mit Skisprungschanze. Dass man hier im Winter Ski fahren kann, war mir vor dieser Reise auch nicht bewusst, aber als ich am nächsten Tag bei der Besteigung des höchsten Berg der Ukraine Schneewechten sah, war ich doch davon überzeugt, dass dies wohl möglich ist. Zum Ausgangspunkt meiner Wanderung musste ich ein Taxi nehmen. Anders als in allen anderen Ländern dieser Welt, musste ich auf ein Taxi warten. Taxifahrer haben hier den angenehmen Verhaltenskodex Touris nicht permanent anzulabern, ob sie denn nicht ein Taxi bräuchten. Nachdem ich eine halbe Stunde im Dorf gewartet hatte, sprang ich in die Strasse und hielt den alten klapperigen Golf an. Der Fahrpreis war fair und fest – allerdings nicht das Boxenkabel. Dieses musste erst vor der Fahrt noch mal richtig mit den Lautsprechern verbunden werden, so dass mir beim Start fast die Ohren mit „Evanescence“ davonflogen. Danach gab es auf der halbstündigen Fahrt ukrainischen Rap zu hören. Heruntergelassene Bahnschranken sind hier nur zum Slalom üben im Sommer da und ruckzuck war ich am Fuße der Hoverla angelangt. 

Mit zwei Ukrainern die ich auf der Strecke traf, liefen wir die knapp 1.000 Höhenmeter diesen Hügel hoch, der aber doch immerhin 2.060 Meter über dem Meer trohnt. Gesehen haben wir anfangs nichts, da wir total in den Wolken und im Platzregen marschierten. Irgendwann hatte Petrus ein Einsehen und es bot sich dann doch noch ein schöner Blick auf die Hügelkette der ukrainischen Karpaten. Beim Abstieg musste ich unwillkürlich an Malaysia denken, denn der Weg verlief sich wieder im Unterholz. Meine ukrainischen Gefährten wollten querfeldein gehen, doch ich ging mit ihnen wieder hinauf und fand schließlich den eigentlich gut markierten Weg wieder. Hier wäre es mir eindeutig zu ungemütlich gewesen, mal wieder zwei Nächte unfreiwillig am Bergbach zu nächtigen. Die Jungs revanchierten sich mit der Mitnahme in ihrer Skoda-Limousine zurück ins Kaff und ersparten mir 20 Kilometer Rückmarsch. 

Am folgenden Tag rollte ich dann über zwei Pässe durch die Berge weiter nach Osten. Dieses Gebiet wird auch als Wald-Karpaten bezeichnet und stellt einerseits den Mittelpunkt Europas dar und andererseits eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete des Kontinents. Mich erinnerte das Ganze vor allem an das Münstertal im Schwarzwald. Allerdings rennen da die Mädels sicherlich nicht in so aufreizenden Klamotten durch die Gegend. In jedem Dorf waren die Kinder und Jugendlichen in trachtenähnlichen Uniformen an diesem Tag gekleidet. Allerdings gehen Röcke bei Trachten und Schuluniformen normalerweise doch deutlich über das Knie hinaus. Ich kam mir vor, als ob ich 110 Kilometer lang durch ein frühes Brittney Spears Video gefahren wäre mit diesen etwas zu beinbetonten Miniröckchen. Später erfuhr ich, dass der 31. Mai der letzte Schultag im Schuljahr ist und daher die Kids so rausgeputzt waren. Hm andere Länder andere Sitten…

Die Strassen in den Karpaten sind sicherlich mit die schlechtesten auf unserem Kontinent. Zum Teil fehlt auch mal die Hälfte der Strasse oder sie ist mit Kies bedeckt. Beim Ruckeln auf den letzten drei bis vierhundert Kilometern muss dann eine Schraube sich gelockert haben. Auf jeden Fall gab es plötzlich einen Knall und ich merkte, dass etwas in die Hinterradspeichen kam und das Rad blockierte. Irgendwie konnte ich den Drahtesel noch lenken und stoppen. Dann merkte ich dass die eine Hinterradtasche abgeflogen ist. Aber ich hatte dieses Mal wirklich riesiges Glück: Die betroffene Speiche war nur etwa lädiert. Ich zog sie fest und damit war dieser Radteil wieder repariert. Um die Schraube zu ersetzen, nahm ich eine halbwegs überflüssig vom Hinterradreflektor, da meine Taschen auch Reflektoren hatten und so war die Tasche in fünf Minuten wieder auf dem ebenfalls verbeulten Gepäckträger wieder angebracht und ich konnte weiterrollen.

Mittlerweile bin ich in Czernowitz (Cernivci) am Ostrand der Karpaten eingetroffen. Dies ist das Tor zu einer neuen Region Europas: der Bukovina.

Osteuropa 2007

Mittlerweile bin ich ein paar Tage im größten Land Europas mit dem Rad unterwegs und bin von diesem unbekannten Platz auf Erden wirklich fasziniert. Angefangen hatte mal wieder alles mit der Landung in einem mir fremden Land. Schon der Touchdown mit der Embraer 175 von LOT Polish Airlines ließ vermuten, dass Teer in der Ukraine eher ein rares Gut ist, denn ich wurde wie ein Caipi richtig durchgeschüttelt. Dann hielt der Flieger mitten in der Pampa – wo war eigentlich das Terminal? Dieses fand sich dann mit dem Bus recht schnell – erinnerte aber in seinem Aussehen von außen eher einer Oper, mit dem Kuppelgewölbe und den antiken Säulenarkaden. Von innen hatte dieses Gebäude anno dazumal eher den Anschein ein Wartesaal eines Kuhkaff-Bahnhofs zu sein. Dort auf den Bänken verteilte dann die Frau Offizieren, in Stöckelschuh und Militär-Mini-Rock-Uniform die Einreisekärtchen. Die Einreise verläuft für uns EU-Bürger seit 2005 visafrei, was einen Visa-Muffel wie mich erst dazu verleitet hat, hierher zu düsen. Nach dem ich meinen Einreisestempel bekommen hatte, wartete ich mit dem Dutzend Mitreisender auf das Gepäck. Wo war eigentlich das Gepäckband. 

Hm, da der ganze Airport vielleicht so groß war wie ein 16-Meter-Raum im Stadion, gab es dazu natürlich gar kein Platz. Eine Klappe ging auf und dann wurde die Koffer durch diese in das Gebäude gereicht. Mit zwei Packtaschen und Velo quetsche ich mich dann zum Ausgang. Doch halt, hatte ich eine Bescheinigung über Krankenversicherung dabei, wurde ich gefragt. Natürlich nicht – also musste ich 5 Euro zahlen, und werde dafür aber hier nun im Krankheitsfall kostenlos medizinisch versorgt. 

Auf dem Vorplatz setzte ich mein Velo dann zusammen und es hatte den Anschein, dass nichts kaputt gegangen war. So radelte ich Richtung Innenstadt los und musste sofort feststellen, dass es erstens kaum Hinweisschilder gibt und wenn, dann sind diese in Kyrillisch verfasst. Die Strasse mutierte mit dem Erreichen der Außenbezirke von L’viv (russisch Lwow, deutsch Lemberg) zum Schlimmsten was ich in meinem Leben als Strasse habe definieren dürfen. Da wäre zunächst das Kopfsteinpflaster zu nennen, was an sich bereits nicht gerade zum Dahingleiten führt, aber wenn die Quader unterschiedlich hoch, die Fugen breiter als der Reifen sind und dann noch kleine Sanddünen das Ganze garnieren, ist an einfaches daher radeln schon nicht mehr zu denken. Dummerweise liegt L’viv auch noch in einem Kessel, so dass das bergab bzw. bergauf fahren wirklich zur Qual wird. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Verwerfungen, Bodenwellen und omnipräsente Straßenbahnschienen, sowie in Fahrtrichtung angelegte Kanaldeckelspalten das ganze Unternehme zu einer äußert delikaten Angelegenheit machen. Wenn es dann noch einen Gewitterplatzregen gibt und man die Untiefen der Pfützen nicht mehr schätzen kann, dann bin ich in der Hölle der Radler angekommen. 

Außerdem haben mich die Parkgewohnheiten der Einwohner bis zu meiner Abfahrt immer wieder irritiert. Da man wegen der Straßenbahn nicht am Rand sein Vehikel abstellen kann, lässt man es einfach in der Fahrbahnmitte stehen. Den immer sich auf der Hut befindenden Radler macht solcher stehender Verkehr natürlich nervös, denn wer rechnet schon damit, dass das Auto nicht im nächsten Moment davon braust und eventuell mir in die Quere kommt. 

Die scheinbar nur noch aus Spachtel bestehenden Straßenbahnen tun ihr übriges, nicht oder nur kaum vorwärts zu kommen. Diese elektrischen Dinosaurier sehen besonders eigenartig aus, da auf Ihnen nur für High-Tech-Produkte geworben wird: Digi-Cams, Intel inside (aber nicht in der Bahn) und fesche NIKE Klamotten. Man könnte meinen die Retro-Welle hätte dieses Land erreicht – doch hier ist vieles noch immer so, wie es lange Zeit gewesen ist. 

Lange Zeit war auch ich nicht mehr im Sattel und aufgrund der genannten kontraproduktiven Radler-Infrastruktur fühlte ich mich auf den Strassen von L’viv zum ersten Mal als Radler tatsächlich überfordert: Bangkok, Marseille, Ha Noi waren alles Städte, die sich recht einfach durchradeln ließen – vor allem im vergleich mit dieser west-ukrainischen Stadt. Bei der Hotelsuche stellte ich plötzlich fest, dass meine Pedale eierte – so wie vor einem halben Jahr in Laos. Aber dieses Mal war es nicht die Pedale, denn die laotische hatte ich schon im Januar gegen eine neue japanische Hightech getauscht – nein es war aus mir unerklärlichen Gründen die Kurbel, denn das Gewinde war völlig abgerieben. Wie passiert so etwas? Keine Ahnung, wirklich nicht. Nur nach 11 km Radeln so eine Panne und das in der Ukraine ist mehr als dämlich. 

Ich hatte bereits mein Hostel vergeblich eine Stunde lang gesucht und nahm erstmal das nächst beste Hotel – ein renovierter schöner Kasten aus der Sowjetzeit mit pompösen Treppenaufgang und drei Meter hohen Decken. Eine nette Sache ist hier im Tiefen Osten Europas der Job des Türstehers, der anscheinend 24 Stunden am Tag sich am Hoteleingang um alles kümmert. Der Rentner ließ gegen kleines Bakschisch meinen kaputten Drahtesel in einem Nebenraum verschwinden, besorgte mir eine gute Karte der Stadt und zeigte mir, wo mein gesuchtes Hostel sich befand. Reiseführer über die Ukraine haben gerade eine Halbwertszeit von einem Fußballspiel, denn die meisten darin aufgelisteten Hotels sind zu – und die Hostels noch nicht drin. 

Ich buchte im Hostel meine folgenden Nächte und das ukrainische, englisch sprechende Hotelpersonal nannte mir eine Adresse eines Radladens. Diesen suchte ich mit einem Taxi und dem Rad im Kofferraum (gegen gutes Bakschisch) am nächsten Morgen auf. Der Laden hätte auch in Deutschland als gut ausgestattet gegolten und nach zwei Stunden hatte ich eine neue Kurbel und die Radreise ging nun doch nicht nach den legendären 11 km zu Ende. Eigentlich hätte ich mir nun die schöne Stadt angeguckt, doch im Hostel trifft man ja immer interessante Leute und so endeten wir in einem Biergarten im Herzen der wunderschönen, japanerfreien Altstadt. Das Leute beobachten ist natürlich immer lustig und die Ukrainerinnen mit ihren High-Heels übers Kopfsteinpflaster daher stolzieren zu sehen war auf jeden Fall es war fürs Auge. Die Stadt ist eigentlich ein einziger Cat Walk für knappe Röcke, figurbetonte Blusen und 16:9-formatige Sonnenbrillen.

Abends führte uns unser Weg in die Clubs der Stadt, um mal zu schauen, wie die Kids hier rocken gehen. Nun ja es war eigentlich alles sehr gediegen und entspannt. Die Vortänzerinnen auf den Tischen erinnerten mich mit ihren Fetzenkostümen an die wohl zurzeit bekannteste Tochter der Stadt: Ruslana, die 2004 den Grand Prix gewann – ihr erinnert Euch? 

Am nächsten Tag hatte ich dann endlich die Muse, die Stadt – natürlich zu Fuß – zu entdecken. Anders als viele so genannte Städte mit toller Altstadt, existiert in L’viv nicht ein klitzekleiner renoviertes Quartier, das von hässlichen Gebäuden umgeben ist. Nein, die ganze Stadt ist ein Juwel mit alter Bausubstanz, hübschen italienisch anmutenden Innenhöfen und reich verzierten Fassaden. Stalin und die Plattenbau-Connection zogen ihren Baustil außerhalb des Kessels hoch und tatsächlich ist praktisch kein hässlicher Betonklotz in dieses Paradies gesetzt worden. So sah wohl auch mal Prag aus, bevor es von uns Touris nach der Wende erstürmt wurde…

Laos 2006 letzter Teil

Sabaidi,

es blieb die Frage offen, ob eine laotische Pedale an ein deutsches Fahrrad dranzuschrauben ist. Die Antwort lautet: Ja! So radelte ich dieletzten 42 km mit dieser klappernden 1,75-Euro-Plastik-Pedale nach Luang Prabang, der alten Hauptstadt des Lao Königreichs mit dem gleichen Namen.

Die Stadt machte sofort einen sehr angenehmen Eindruck auf mich. Übersetzt heißt die 25.000 Einwohner Metropole „Großes Prabang“ oder „Königliches Prabang“. Prabang ist eine Buddha-Statue, die angeblich im 1. Jh. n. Chr. in Sri Lanka geschaffen wurde und 1512 vom damaligen Lao-König als Geschenk des Khmer-Königs (heutiges Kambodscha) angenommen wurde. Der Prabang wurde 2-mal von den Thais geklaut und jedes Mal wieder zurückgegeben und ist so etwas wie ein nationales Heiligtum für die Laoten. Heute kann man ihn im königlichen Palastmuseum bewundern. Dass der Palast nicht mehr seinem eigentlichen Zweck dient, sondern ein Museum ist, liegt an den heutigen kommunistischen Machthabern in Laos, die die Königsfamilie zwei Jahre nachdem Laos 1975 unter Hammer und Sichel gefallen war, in eine Höhle in Nordost-Laos sperrten, wo diese, nach und nach bis 1981 aufgrund mangelhafter Ernährung und medizinischer Versorgung, starben.

Der einstöckige Palast wurde 1904 von den Franzosen in relativ schlichtem Kolonialstil erbaut, nachdem der König von Luang Prabang einem französischem Protektorat zustimmte, um nicht von den Thais kolonialisiert zu werden. Interessantestes Zimmer war sicherlich das Empfangszimmer des Sekretärs, in dem sich Geschenke der befreundeten Staaten befinden. Die Amis schenkten bspw. ein Modell von Apollo 11, die die laotische Fahne mit auf den Mond nahm. Nun liegen im Museum neben dieser Fahne auch Steinchen vom Mond in einer Vitrine.

Grundsätzlich gibt es in Luang Prabangs Altstadt nur zwei Gebäudetypen: Kolonialhäuser, von 1900 bis 1940 erbaut, und Wats (Tempel), die bis zu 500 Jahre alt sind. Zwischen den Gebäuden stehen riesige, schattenspendende, knorrige Bäume, hunderte Blumentöpfe aus denen kunterbunte Blüten raus schauen, und die Stadt, auf einer Halbinsel angelegt, ist zu drei Seiten von den Flüssen Mekong und Nam Khan umgeben. In der Stadt dominieren die Farben gold, orange und weiß. Die Außenfassaden der Wats sind fast alle mit Blattgold verziert und leuchten in der Sonne einzigartig schön. Die vielen Mönche – in einem kommunistischen Land – sind mit ihren orange farbenen Umhängen omni präsent. Die weißen Kolonialgebäude leuchten so wie am ersten Tag und laden mit ihren Terrassen und Balkons zum Verschnaufen und zum Genießen eines Café au lait mit Croissants ein.

Schließlich finden auch nach Luang Prabang viele Touristen, um diese Stadt kennen zu lernen. Allerdings dominieren Fremde anders als in Vang Vieng nicht das Stadtbild. Jedes zweite Kolonialhaus ist zwar ein Gasthaus, Restaurant oder ein Andenkenladen – aber auch Laoten gehen in die Restaurants und es gibt noch genügend gewöhnliche Geschäfte. TV-Bars finde ich glücklicherweise hingegen überhaupt nicht. Die Stadt wird von allen Arten des Typs Homo Sapiens Touristicus geliebt, denn die Trolley- und High Heels-Generation ist genauso vertreten wie die Backpack- und Badelatschen-Fraktion. Für alle gibt es Frozen Cappuccino und Zimt Bagel mit Sauercreme allerdings auch Wasserkressensalat und Laarp (Hackfleischsalat) andere laotische Spezialitäten.

Die Stadt ist sehr ursprünglich geblieben. D. h. sie ist sehr ruhig und die Menschen leben gelassen ihren Alltag, obwohl sie seit 1995 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Andere Plätze wie Macchu Picchu, das Taj Mahal oder Angkor Wat nahmen diese Ernennung zum Anlass gerade die Eintrittspreise in etwa die gleiche Höhe zu treiben, in die es die laotische Fahne aus dem königlichen Palastmuseum mit Apolle 11 geschafft hat. Der Eintrittspreis für ein Wat liegt bei maximal 20.000 Kip also ca.1,75 Euro und viele Wats sind gratis zugänglich. Beim Geschäftemachen zeigt sich sowieso ein sehr angenehmer Wesenszug der Laoten: Sie sind nie auf den ultimativen Business aus. In nahezu allen anderen Ländern unserer Erde werden wir doch als Touristen tagein tagaus von Geschäftemachern angequatscht: Buy Postcard, take Rickshaw, come to my shop, just looking, very cheap etc. etc. Laoten lassen uns grundsätzlich in Ruhe. Selbst beim Bezahlen des Eintrittspreises muss ich oft suchen, um den Ticketverkäufer überhaupt zu finden, da dieser im Schatten unter einem Baum ruht.

Auch bei allen anderen Dienstleistungen ist dies so. Stehe ich vor einem Hotel, rennt niemand raus und schreit „Have rooms – very good – cheap price“. Ich stelle in aller Ruhe mein Rad ab, ziehe die Schuhe vor der Türschwelle aus, trete ein und frage, ob ein Zimmer frei ist. Genauso hängt praktisch niemand vor den Restaurants herum und hält den vorbeiziehenden Passanten, die Speisekarte direkt unter die Nase. Manches Mal hängt die Speisekarte draußen und man kann in aller Ruhe einen Blick darauf werfen und gegebenenfalls weiter gehen und es rennt niemand hinterher. Auch sonst muss ich erstmal fragen und mir wird mein „Wunsch“ nicht von den Augen abgelesen und ich bekomme kein Zeug angeboten, das ich gar nicht möchte. Selbst die Fahrer der dreirädrigen Tuk-Tuks, die als Taxi fungieren und noch zerbrechlicher als Thai-Tuk-Tuks aussehen, da sie tatsächlich aus einer Yamaha oder Honda zum Dreirad umgebaut wurden, selbst diese Gattung Mensch spricht mich praktisch nie an und wenn nur einmal und nicht im Kehrvers. Diesen praktisch nationalen Charakterzug finde ich sehr sehr sympathisch und macht meinen Aufenthalt noch angenehmer als er ohnehin bereits ist.

Dem gelassenen Lebensstil entsprechend, spielen viele Laoten auch am liebsten Pétanque (Boule oder Boccia). Das kann man in aller Ruhe genießen und man hat keinen Stress. Denn Stress bringt Laoten aus dem inneren Gleichgewicht. Fußball hingegen ist längst nicht so populär. Da spielen sie lieber Kataw, bei dem es sich um Volleyball mit Füßen und Kopf gespielt, handelt.

Auch der schönste Aufenthalt geht einmal zu Ende und so nahm ich eines morgens Abschied von dieser schönen Stadt, um den Mekong in zwei Tagesetappen flussaufwärts in Richtung thailändischer Grenze zu schippern. Das Rad wurde auf das Dach des Langboots gelegt und verzurrt. Das Boot, ca. 30 Meter lang und nahezu komplett aus Holz zusammengebaut, war relativ schmal. Autositze mit Kopfstützen waren in 4er-Reihen hintereinander auf dem Boden festgeschraubt und sorgten für einigermaßen angenehmen Sitzkomfort. Rund Zweidrittel der 30 Passagiere waren Touristen. Neben mir saß eine Laotin, die später in einem Strohhüttendorf mitten im Dschungel ausstieg. Auf der Fahrt machte sie mit ihrem Handy ständig Photos, die sie per MMS an Gott und die Welt verschickte. Irgendwie war das schon komisch, dass die Einheimischen mit den modernsten Kommunikationsmitteln ausgestattet sind und in so ursprünglichen Behausungen wie Strohhütten in Dörfern, die fernab von der nächsten Stadt liegen, leben.

Eigentlich sollte es um 8.30 Uhr auf die große Reise gehen, aber wie auch in vielen anderen Ländern üblich, war die Fahrzeit nur sinnloses Beiwerk, welches auf den Fahrschein gekritzelt wurde. Warum wir eine halbe Stunde noch am Ufer lagen und nicht losfuhren, obwohl niemand mehr zustieg, wurde mir erst am Ende des Tages bewusst. Der Fluss wechselte sein Gesicht relativ häufig zwischen weitem Strom und engem reißenden Bach, bei dem der Kapitän seine Navigationskünste zwischen den messerscharf emporragenden Felsen beweisen musste. Manchmal kam mir die Fahrt wie Rafting flussaufwärts vor – und das mit diesem langen, großem und nicht sehr wendigen Boot. Ab und zu wurde die relativ beschauliche Fahrt durch einen Mega-Lärmpegel gestört. Wie Raketen schossen die Schnellboote, mit bis zu 6 Passagieren beladen, an uns vorbei. Beim Anblick der Fahrgäste, die mit Sturzhelm und Schwimmweste, in die Boote reingequetscht waren, wollte ich trotz des schnellerem Fortkommens nicht tauschen. Während der 9-Stunden-Fahrt änderte sich die Landschaft kaum. Das Ufer bestand aus Sanddünen und ca. 3 bis 5 Meter oberhalb fanden sich in Dorfnähe kleine Äcker. Ansonsten nahm dominierte bis zum Horizont die üppige, dichte Vegetation aus Schlingpflanzen und Bäumen. Wir fuhren den ganzen Tag durch den Dschungel und kamen auf den ca. 150 Kilometern insgesamt an drei Dörfern vorbei. Mit dem letzten Licht erreichten wir das Tagesziel Pak Beng – das ätzendeste Dorf Südostasiens.

Meines Erachtens ist das ganze Dorf eine große Mafiafamilie. Die Boote in Luang Prabang legen extra so spät ab, um ja beim Eintreten der Dunkelheit erst an der „Anlegestelle“ anzukommen. Diese besteht aus einer sehr steilen Sanddüne. Natürlich gibt es keinen Weg, geschweige denn ein Treppe zum Dorf hinauf und beleuchtet ist die Stelle auch nicht. Dafür warten schon Dutzende von Trägern am Ufer auf die Touristen. Die Rucksäcke, die einer nach dem anderen wahllos in die Hände der Wartenden Touristen und Einheimischen gegeben werden, finden oft nur nach längerem Gezerre den Weg zum Eigentümer. Nun hat der Otto-Normal-Backpacker einen Rucksack, auf den er aufpassen muss. Ich hingegen hatte drei Taschen und ein Rad. Leider verschwand ein Touri nach dem anderen mit seinem Hab und Gut im Dünenhang und nachdem ich den anderen Fremden geholfen habe, ihre Rucksäcke zu erhalten, blieb ich alleine mit der frustrierten Trägermeute übrig. In diesem Moment habe ich mich leider immer noch in Südostasien und nicht in einem mafiösen Hafenkaff gefühlt. Ich nahm meine Gepäckstücke entgegen und schließlich kam auch noch das Rad vom Dach. Auf das Angebot, das Rad auf dem Dach die Nacht über zu lassen bin ich glücklicherweise nicht eingegangen. Ich schnallte zwei Taschen auf das Rad. Die dritte Tasche hätte zwar noch draufgepasst, wie sonst auch, aber ich hätte das Rad unmöglich die Düne hochschleppen können. So ließ ich meine Radtransporttasche am Boot und schleppte den Drahtesel die Düne empor.

Natürlich rutsche ich mit jedem Schritt wieder dreiviertel des gerade zurückgelegten Weges runter. Irgendwann habe ich eine flache Stelle gefunden, wo ich das Rad habe hinlegen können, um den Transportsack zu holen. Eigentlich sah es so aus, als ob die Meute abgezogen wäre. Ich kam unten am Boot an und der Sack war weg. Wie sinnlos ist es eigentlich, so einen Transportsack zu klauen? Ich kletterte sofort zum Rad wieder hinauf, wo inzwischen auch der erste Packsack fehlte. Klasse, was können die Träger oder wer auch immer mit so etwas anfangen? Im geklauten Sack waren Erste-Hilfe-Sachen, alles belichteten Dia-Filme, Fahrradwerkzeug für ca. 100 EUR, ein Kulturbeutel, eine Hose und ein Shirt, sowie der Thailand-Reiseführer und das Aufladegerät für das Handy.

Nur noch leicht bepackt fand ich dann mit allerletzter Mühe noch eine Spelunke zum Übernachten, da natürlich alle Gasthäuser mittlerweile von den Anderen in Beschlag genommen wurden. Im Laden nebenan kaufte ich mir dann erstmal eine Zahnbürste, laotische Zahnpasta und Duschgel. Außer Gepäck zu klauen, bieten einem die Dorfbewohner auch zahlreiche illegale Kräuter zum Konsum an. Da fuhr ich nicht sonderlich drauf ab, aber ich bot den Leuten an, nach meiner Tasche zu „suchen“ und dafür 2.000 Baht (ca. 40 EUR) zu erhalten. 2.000 Baht ist für die Leute bei einem Monatslohn von höchstens 30 US-Dollar natürlich viel Geld und daher tat das halbe Dorf so, als suchte es meine Sachen. Mit 40 EUR „Lösegeld“ wäre ich auch prima aus dem Schneider gewesen – aber leider hat keiner einen Draht zu dem Klauenden gehabt, so dass ich am nächsten Tag dann doch ohne die beiden Gepäckstücke meine Reise fortsetzen musste.

Das Boot hatte dieselben Maße, wie am Vortag, doch die Bestuhlung war etwas rustikaler. Die Bänke sahen aus, als ob sie in einem Grundschul-Werkunterricht von nicht eben mit besonderer Gabe fürs Handwerk ausgestatteten Kindern gezimmert worden sind. Der mitteleuropäische Durchschnittshintern passte zu ca. 40 Prozent drauf und die Lehne wurde im 90-Grad-Winkel zum Sitz angebracht, so dass ich kerzengrade auf dieser knirschenden Bank ca. 1 Minute dieser 9-Stunden-Fahrt aushielt. Wie angenehm ist da eigentlich ein Fahrradsattel! Später zog ich entweder den Boden vor oder versuchte längs auf dieser Bank es irgendwie auszuhalten – denn es herrschte im Gegensatz zum Vortag gähnende Leere auf dem Kahn.

Beim Anblick der „neuen“ Kabinenausstattung ist etwa die Hälfte der Touris sofort wieder ausgestiegen und hat sich ein Schnellboot gemietet, um möglichst schnell die nächsten 150 km flussaufwärts zu kommen.

Kurz vor Sonnenuntergang – oh Wunder – erreichten wir Huay Xai nach einer relativ eintönigen Fahrt, die sich jeder Laos-Reisende ruhig sparen kann. In Huay Xai war anders als in Pak Beng keine Mafia am Werk, allerdings gab es auch eine betonierte Auffahrt zum Kaff und folglich auch keine Trägermeute, so dass kein Anlass bestand, im Dunkeln anzukommen. Da ich ja nur noch eine Radtasche hatte und somit genug Platz auf dem Gepäckträger, konnte ich nun wenigstens das gute Lao-Bier als Souvenir in ausreichender Zahl im Laden kaufen und als zweite Packtasche am Gepäckträger befestigen.

Eine buddhistische Weisheit sagt: Alles was schlecht scheint ist nicht total schlecht und alles was gut scheint ist nicht total gut! In diesemSinne sage ich also Prost 🙂

Am nächsten Morgen schipperte ich mit einer Nussschale und meinem Rad auf die andere Mekong-Seite, um wieder nach Thailand zurückzukehren. Die letzten Kilometer des Vortags konnte man gut den Unterschied zwischen Laos und Thailand erkennen, da das Westufer thailändisches das Ostufer laotisches Hoheitsgebiet war. Im Westen standen ultramoderne japanische Pick-ups – dem Thai sein Lieblingsspielzeug, da er in das Auto die ganze Familie hinten rein bekommt, seinen Kühlschrank ausfahren, Möbel bequem transportieren, ideal umziehen, das kaputte Motorrad zur Werkstatt und der Abt die Mönche eines ganzen Wats damit durch die Gegend kutschieren kann.

Im Osten gibt es oft noch gar keine Autos und wenn dann eher vom Typ TÜV-Plaketten-untauglich. Die Straßen waren im Westen durchweg asphaltiert – im Osten wurde gerade in Huay Xai die Straße erst asphaltiert und die Nationalstraße ist noch eine Staubpiste. Am Westufer entstehen Ressorts – am Ostufer existieren heruntergekommene Spelunken als Übernachtungsmöglichkeit.

Aber auch in Thailand musste ich beim Straßenverkehr immer konzentriert bei der Sache sein. Ein Mofafahrer überholte mich mit seinem Anhänger und auf einmal tat es einen Schlag, das rechte Rad des Anhängers suchte sich seine Freiheit und die Funken des metallenen Anhängers sprühten durch die Gegend, ehe der Fahrer anhielt, das Rad wie im schlechten Film ihn überholte und in die Büsche rollte. Die Straße war in gutem Zustand, aber leider für die PS-starken Motoren der Thais ausgelegt. Führten die Trassen in Laos auch immer bergauf bergab, waren Steigungen von 10 Prozent oder mehr wahrscheinlich aufgrund der schwachen Motorleistung der Vehikel eher selten zu meistern. In Thailand zogen die Bauingenieure ihre Routen durch die Hügel einfach direkt steil rauf und wieder runter, wie in einem Zeichentrickfilm. Das machte mir anfangs die letzte Etappe zur Qual, und ich bereute natürlich rasch, die Palette Lao Bier tags zuvor gekauft zu haben.

Polizei sah ich in Laos praktisch keine. Dafür zeigt diese in Thailand sogar in vielen Käffern Präsenz. Straßensperren sind an der Tagesordnung und auch ich als Rad fahrender Farang (Westler) musste anhalten. Der Kommissar fragte mich „Which country?“- „Germany“. „Which city?“ – „Mainz“ – „Häh?“ Daraufhin zeigt ich ihm mein Armbändchen auf dem „1. FSV Mainz 05“ stand und ich deutete auf das Wort „Mainz“. „Ah – Bundesliga!“ war daraufhin die Antwort des Kommissars und er setzte gleich die Frage „Good?“ hinterher. Ich, verblüfft von den Kenntnissen des Kommissars, der mitten in der Pampa im goldenen Dreieck saß, war relativ sprachlos – nicht nur wegen der aktuellen fußballerischen Taten der 05er und konnte nur „Well, äh, hm?!“ antworten. Dies schien aber als Antwort auszureichen und ich durfte weiterfahren.

Das goldene Dreieck bezeichnet das Drei-Länder-Eck Thailand-Myanmar-Laos und ist als Opiumanbaugebiet weltweit bekannt. Daher gibt es auch die vielen Polizeikontrollen auf thailändischer Seite, da hier keine Mohnfelder mehr existieren und kein Opium mehr hergestellt wird. Das wird mittlerweile hauptsächlich von Myanmar und z. T. von Laos übernommen. Nach den Taliban-Opium-Bauern in Afghanistan ist diese Region immer noch weltweit zweit wichtigster Exporteur dieses Rohstoffs aus dem Heroin hergestellt werden kann. Da ich nur Bier an Bord hatte, passierte ich alle Kontrollen problemlos und fuhr aufgrund des starken Verkehrs auf den Thaiways lieber auf guten Hinterlandstraßen meinem Ziel Chiang Rai entgegen.

Im Touristenbüro erhielt ich eine Karte, auf der sogar ein Fahrradladen eingezeichnet war. Während in Laos niemand mehr freiwillig sich auf das Velo schwingt, sind die Thais schon eine „Evolutionsstufe“ weiter und betreiben zumindest alibi-mäßig Radsport als Fitnessprogramm, damit man das „Farang Food“ (westliches Essen) wie Pizza verträgt. Schließlich ähneln manche Thai-Kids oft schon relativ dicken Buddhas mit kugelrunden Bäuchen.

Den Kids tut das Radeln sicherlich besser Fernsehen zu gucken – manchmal die Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 in diesem Land. Im Radladen angekommen, traute ich meinen Augen nicht, dass ich hier dieselben hochwertigen Werkzeuge wie in Deutschland bekam. So habe ich meinen Drahtesel mittlerweile für den Lufttransport entsprechend präpariert und hoffe, dass das Rad auch ohne Schutztasche heil in Frankfurt ankommen wird. Nach 818 Radelkilometern und 300 km Flussschifffahrt geht heute meine Tour zu Ende. Ich danke Euch fürs Lesen und für die netten Feedbacks, die Ihr mir gegeben habt. Gleichzeitig wünsche ich Euch noch ein paar hoffentlich stressfreie Adventstage.